Musik aus einem Kasten

Die Craigs, die Familie meiner Mutter in Derry, waren eine sehr musikalische Sippe. Onkel Jo war Profi-Cellist, Onkel Jack spielte Geige, aber nicht sehr gut (hieß es in der Familie), Onkel Oscar und Onkel Louis spielten Klavier. Ich weiß nicht, ob Onkel Louis ein besonders begabter Klavierspieler war, doch er war für mich als Junge sehr wichtig, denn er spielte mir gerne vor und erklärte die Musik, die er spielte. Er weihte mich in diese große, überwiegend deutsche Welt ein.

Onkel Louis und die Craigs liebten die Musik, aber in dieser Kleinstadt fehlte alles: keine Oper, kaum ein Symphoniekonzert, Kirchenmusik nur in bescheidenem Rahmen, wenig Kammermusik, ab und zu ein Klavierabend. Das war nicht viel im Vergleich zu dem, was ich jetzt in Chur, einer anderen Kleinstadt, die ich gerne mit Derry vergleiche, zur Verfügung habe. Hier gibt es ein reges Konzertleben: Symphoniekonzerte im Stadttheater, Oratorien in den Kirchen, ab und zu eine Oper im Stadttheater und Kammermusik, Orgelkonzerte, Klavierabende. Es gibt ein Profi-Orchester, zwei oder drei Amateur-Orchester, mehrere Chöre, eine Musikschule … So ist es im deutschen Sprachraum: Die Musik hat Tradition, viele Menschen haben ein Instrument spielen gelernt, sie gehen ins Konzert und finden es selbstverständlich, dass es ein Musikleben gibt.

Was aber stand Onkel Louis zur Verfügung? Sein eigenes Klavier im Wohnzimmer, diesem kleinen Heiligtum der bürgerlichen Kultur. In den guten alten Zeiten hatten die Craigs genug Musiker aufbieten können, um Kammermusik zu spielen, aber das gab es längst nicht mehr. Onkel Louis sprach von einem Konzert in den 1950er-Jahren, bei dem das Symphonieorchester des irischen Rundfunks in Derry zu Besuch war und Beethovens Fünfte spielte, als ob das ein einmaliges Ereignis gewesen wäre. Wie er mir erzählte, inspirierte ihn jenes Konzert, ein Grammophon und Schallplatten zu kaufen – aus Verzweiflung, nehme ich an, denn er brauchte unbedingt große Musik und wollte nicht immer solo spielen.

Als ich ihn kannte, besaß er eine Schallplattensammlung: Es waren hunderte, vielleicht gar mehr als tausend, hauptsächlich DGG-Platten mit den gelben Etiketten, aber auch englische. Ferner hörte er gerne Rundfunk und machte mich auf das Dritte Programm der BBC in England aufmerksam, wo viel Musik zu hören war. Man empfing auch die verschiedenen deutschen Sender. In der Schule lernte ich Deutsch und konnte leicht verstehen: „Und jetzt, meine Damen und Herren, hören Sie… Es musiziert… unter der Leitung von…“ Dadurch fühlte man sich mit den großen Orchestern und großen Namen irgendwie verbunden. Doch man bekam sie kaum zu sehen. Ob Rundfunk oder Grammophon – die symphonische Musik erklang aus einem Kasten.

Das war sicher kein normales Musikleben im deutschen Sinne, aber man machte sich so langsam mit einem enormen Repertoire vertraut. Man konnte das Gesamtwerk eines Komponisten kennenlernen. Das gab es in früheren Generationen nicht, weder in Groß- noch in Kleinstädten: Man bekam die neun Beethovenschen Symphonien und andere Klassiker aus dem damaligen Kanon regelmäßig serviert, war aber ansonsten auf Klavierreduktionen angewiesen. Mitten im 20. Jahrhundert war die „alte Musik“, wie man sagte, immer noch ein Spezialgebiet, aber schon als Junge in den 1960er-Jahren lernte ich mit Begeisterung die Barockmusik kennen – weit mehr als die sechs Brandenburger und die Vier Jahreszeiten – und Schallplatten und Rundfunk machten dies möglich.

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