Ein unrühmlicher Tod

Das großväterliche Haus war ein ziemlich großes, viel größer als mein Elternhaus. Es stammte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, und wie viele bürgerliche Häuser in Dublin war es aus rotem Backstein gebaut. Alles an diesem Haus kam mir als kleiner Junge altmodisch vor: Um die Eingangstür herum war buntes Glas, wie in einer Kirche. Im großen Wohnzimmer stand ein Klavier. Niemand konnte es spielen, denn die Familie war nicht musikalisch, aber es war ein bürgerliches Wohnzimmer und ein Klavier gehörte einfach dazu.

Im Speisezimmer waren zwei Fenstertüren, die in den Garten führten. An Sommertagen standen sie offen. Draußen sah man einen Rasen und einen großen Apfelbaum. Es war schön, als Kind unter dem Apfelbaum zu sitzen. Doch der Baum trug keine essbaren Äpfel. Es waren nur kleine, verwachsene, grüne Früchte und wenn man hineinbiss, schmeckten sie immer bitter. Früher seien die Äpfel gut gewesen, sagte man mir. Auch ein Baum wird alt.

Die Großmutter war Anfang der 1950er-Jahre gestorben – ich habe sie nie kennengelernt und sah sie nur auf Fotos. Als Witwer wurde Großvater völlig abhängig von seinen erwachsenen Söhnen und vor allem von der einzigen Tochter, die ihm den Haushalt führte. Eines Abends waren die Sprösslinge im Ausgang, sie kamen spät nach Hause und fanden Großvater am Kamin bei ausgebranntem Feuer sitzend. „Warum hast Du keine Kohle nachgelegt?“ fragten sie ihn erstaunt. „Ich wusste nicht, wo sie ist“, lautete die verlegene, halb entrüstete Antwort.

Die Söhne zogen langsam von zuhause weg, einer nach England, einer nach Kanada und einer nach Neuseeland. Doch mein Vater blieb in Dublin und während ich dort aufwuchs, waren wir oft bei Großvater zu Besuch. Er wohnte immer noch im alten Elternhaus mit meiner ledig gebliebenen Tante, die zu ihm schaute. In seinen letzten Jahren war er oft krank. Der Greis saß vor dem Kamin und hatte oft Hustenanfälle, wie ich mich erinnere.

Großvater starb einen eher unrühmlichen Tod. Eines Morgens rief die Tante in großer Aufregung bei uns an. Der Alte war aus seinem Krankenbett aufgestanden, um zur Toilette zu gehen. Er bekam einen Herz- oder Schlaganfall und fiel neben der Toilette tot um. Ich dachte an Großvater, als ich vom Tod Elvis Presleys erfuhr: Auch er hatte einen Herzanfall erlitten und wurde tot neben der Toilette aufgefunden.

Mein Vater verbrachte die Todesnacht im großväterlichen Haus, da es in Dublin Brauch war, dass Familienmitglieder im Haus Totenwache halten. Man machte das, nehme ich an, um die Nacht im Gebet neben dem Toten zu verbringen. Aber mein Vater betete wohl kaum. Er hatte Gewerkschaftsgeschäfte zu erledigen, saß am Tisch im Speisezimmer und arbeitete die ganze Nacht über.

Als Großvater starb, war ich zehn Jahre alt. Das war mein erster Umgang mit dem Tod. Ich ging nicht zur Beerdigung, das wurde nicht erwartet. Großvater hat mir zwar gefehlt, aber ich hatte nicht den Eindruck, mit ihm den historischen Faden zur Vergangenheit verloren zu haben. Nein, mein Vater stammte auch aus jener Welt und die Geschichten, die er von sich selbst erzählte, schienen sich mit denen über Großvater nahtlos zu decken. Das war eine einzige lange Familiengeschichte, die zurück ins 19. Jahrhundert reichte und die großen Ereignisse der modernen irischen Geschichte mit einschloss.

 

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2 Antworten zu “Ein unrühmlicher Tod

  1. Mein Großvater, ein Chefarzt, verstarb 1920 nach einem Schlaganfall. Er band sich gerade seine Schnürstiefel zu, weil er seine Freundin besuchen wollte, als es passierte.

    Ist dieser Tod rühmlicher?

    Ich bin nun auch schon 73. Habe Schlaganfall und Herzifarkt hinter mir, und werde gelegentlich mit heftigen Hustenanfällen beglückt. Mir persönlich ist es wirklich völlig gleichgültig, wo ich das Zeitliche segnen werde und ob dieser Tod später rühmlich oder unrühmlich genannt wird.

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