Imaginäre Landschaften (1)

Man kennt eine Landschaft von innen, wenn man in ihr aufwächst, insofern, als einem der vertraute Außenraum zu einer Art Innenraum wird, und der psychische Innenraum die Konturen des Außenraumes annimmt. Man kennt eine Landschaft von außen, wenn man sie durchreist, und vielleicht gefällt sie einem: „Herrlich!“ sagt man dann, und knipst ein Foto. In beiden Fällen kann es sich um die gleiche Landschaft handeln. Der Einheimische kennt das Land, es ist ein Teil von ihm. Der Reisende kennt das Land nicht, er findet es einfach schön, und wenn es ihm wichtig ist, kommt er später zurück und projiziert etwas darauf, etwas Eigenes. So entstehen imaginäre Landschaften.

Für die Bündner ist Graubünden die Heimat: die hundertfünfzig Täler, die drei Sprachen, die Bräuche, die Trachten, die Sagen und die Lieder. Für die Fremden, die hierher kommen, ist es vor allem etwas anderes: die Berge, die Gipfel. Diese sportliche Auffassung des Bündnerlandes gibt es erst seit den Anfängen des Tourismus im 19. Jahrhundert. Früher bewohnten die Rätoromanen nur die Talschaften. Die deutschsprachigen Walser besiedelten die höheren Täler wie Davos im Laufe des Mittelalters. Doch früher waren diese wüst und leer. Inzwischen entwickelte sich die Transhumanz, wobei die Hirten ihre Herden aus dem Tal auf die Alp führten und die Sommermonate dort im Maiensäss verbrachten. Doch man stieg kaum hinauf bis zu den Gipfeln, da wohnten nur Kobolde und Dämonen.

Zuerst waren es Schweizer, die die Schweizer Gipfel stürmten, wie Horace-Bénédict de Saussure (Urgrossvater des Genfer Linguisten), der erste auf dem Mont Blanc, oder Placi a Spescha, ein exzentrischer Benediktinermönch, der als erster in den hohen Bündner Bergen unterwegs war: Er behauptete, er habe vom Rheinwaldhorn aus das Mittelmeer gesehen, was eher als imaginär einzustufen ist. Bald aber kamen die Engländer, jene tapferen Sportler, die alle Gipfel systematisch erobern wollten, und das taten sie dann auch. Den Einheimischen war dies nie in den Sinn gekommen; für sie waren auch Skifahren und Wintersport exotische Zeitvertreibe, die von den fremden Touristen eingeführt oder erfunden wurden.

Und da waren noch die deutschen Schriftsteller, die sich von der Bündner Landschaft angesprochen fühlten aber ihre eigenen Gedankeninhalte auf diese Landschaft projizierten. Nietzsche kam und genoss die helle, frische Luft der Alpen um Sils-Maria. Dort sah er ein, was für asketische Strenge die hohen Berge von den Menschen verlangten, die sie hautnah erleben wollten, und er träumte von Zarathustra. Rilke kam und dachte sich „ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“, indem er weiter nach oben forschte als „die letzte Ortschaft der Worte“ oder „ein letztes Gehöft von Gefühl“. Am Ende dieses Gedichts heißt es:

„und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier, auf den Bergen des Herzens…“

Nur der Adler ist also in der hohen Berglandschaft zu Hause, der Mensch nicht, denn dieser kommt schnell an seine Grenzen. Das Thema der erlebten Grenzen kommt auch bei Thomas Mann vor: In Der Zauberberg erlebt Hans Castorp seinen Schneetraum bei Davos, friert dabei fast zu Tode aber gewinnt eine Einsicht in das Ganze des Lebens, jenseits von Gut und Böse. Und Hermann Hesse hat seine ideelle pädagogische Provinz, Kastalien, in der Berglandschaft zwischen Graubünden und Tessin errichtet.

Hier geht es immer um die gleiche Landschaft: Die einen prägt sie fürs Leben, die anderen scheint sie nur einzuladen, ihre Träume auf sie zu projizieren.

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