Unter Fälschern und Betrügern

In Rom, wo sie sich im Jahre 1782 mit ihrem zweiten Ehemann Antonio Zucchi niederließ, wohnte Angelika Kauffmann in der Via Sistina 72, unweit der Trinità dei Monti und der Spanischen Treppe. Ihr Haus habe ich vergeblich gesucht. Es scheint nicht mehr zu stehen.

Angelika Kauffmann las Ossian, wie alle anderen damals. Sie wohnte ab dem Jahre 1766, als James MacPherson auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stand, in London und zeichnete und malte Szenen aus dem vermeintlichen gälischen Epos Fingal. Sie war auch in Irland, wo die Menschen über MacPhersons Erfolg murrten und behaupteten, er habe ihre irische Tradition irgendwie gestohlen und als schottisch ausgegeben. Inzwischen hatte Samuel Johnson, der zu Schottland eine intensive Hassliebe empfand, MacPherson als Fälscher verurteilt. Ohne Kenntnis der gälischen Sprache konnte er dies jedoch nicht beweisen. Das aber schien die vielen Leser auf dem europäischen Festland, die Ossian in Übersetzungen aus dem Englischen verzehrten, nicht zu interessieren. Wenn Ossian eine Fälschung war, war es eine lobenswerte, eine geniale Fälschung.

Als Goethe Angelika Kauffmann 1787 während seines Aufenthaltes in Rom kennenlernte, hatte er Ossian mit Werther längst hinter sich gelassen. Damals trat Goethe als der deutsche Kauffmann Herr Möller auf; das Inkognito sollte ihn vor Werther-Schwärmern schützen. Ich frage mich, wie lange die Scharade wirklich andauerte. Sie kann Angelika Kauffmann nicht gefallen haben, denn in London war sie von einem vermeintlich schwedischen Grafen, der sich Horn nannte, reingelegt worden, bis der Betrug aufflog, als der wahrhaftige Graf Horn, ein viel älterer Herr, plötzlich auftauchte. Angelika hatte leider den falschen geheiratet und es bedurfte all des Geschicks ihres Vaters und des Familienfreundes Sir Joshua Reynolds, um sie aus dieser heiklen Situation zu retten.

Ob sie Möller/Goethe geliebt hat, fragt man immer. Er passte besser zu ihr als alle anderen. Ob er sie geliebt hat? Kaum eine Spur davon in der Italienischen Reise, ein Buch, das freilich mehr verschweigt, als es preisgibt. Angelika Kauffmann war acht Jahre älter als er und verheiratet, genau wie Frau von Stein, die er in Weimar zurückgelassen hatte.

Angelika wollte natürlich Goethes Porträt malen. Aber sie malte ihn empfindsam, wertherisch, ossianisch und das gefiel ihm nicht. Er wollte anders aussehen, klassisch, energisch, wie im Bild von Tischbein. Als sie ihm das vollendete Porträt später nach Weimar schickte, konnte er nichts damit anfangen.

Mit der Zeit übernahm sie von David und anderen Revolutionären eine neue, neoklassische Manier. Aber ihr Herz blieb bei Ossian, wo Frauen eine wichtige Rolle zu spielen hatten. Die Empfindsamkeit war eine gute Zeit für Frauen. Die Gefühle standen hoch im Kurs und Frauen sollten emotional sensibler sein als Männer. Emotionale Freundschaften zwischen Männern und Frauen waren erlaubt. Diese bereiteten oft Schwierigkeiten und man schrieb Romane darüber (siehe La Nouvelle Héloise, siehe Werther). Männer und Frauen weinten zusammen (siehe nochmals Werther). Weinen zeigte, dass man moralisch auf der richtigen Spur war. Die Revolutionäre weinten in der Convention, als sie Gesetze verabschiedeten, und gerade das zeigte, dass sie richtig handelten. Angelika Kauffmann war für ihre Zeit geboren und die Zeit für sie. Doch es war ihr Schicksal, als Lamm unter den Wölfen zu leben, als Empfindsame unter Fälschern und Betrügern.

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