Kennst du das Land

Angelika Kauffmann begann ihre Karriere in Italien und beendete sie in Italien. England und Irland waren nur Zwischenstationen. Sie musste sich entscheiden und hat ihre Wahl getroffen. „Angelika Kauffmann am Scheideweg“ ist ihr berühmtestes Selbstporträt. Dort ging es um Malerei und Musik; es hätte ebenso gut um den Norden und den Süden gehen können.

Alle wohlhabenden Europäer, ob protestantisch oder katholisch, gingen früher oder später nach Italien, vor allem nach Rom. Für die jungen englischen, schottischen und angloirischen Adeligen (der Schotte James Boswell ist vielleicht das berühmteste Beispiel) war das höhere Bildung: „the Grand Tour“. Italien bedeutete für sie die klassische Welt, da Griechenland hinter dem Eisernen Vorhang der Türkenherrschaft lag.

Angelika Kauffmann hatte Italien 1766 verlassen und war mit heimkehrenden „Grand-Touristen“ nach England und Irland gereist. Das war für europäische Künstler und Musiker nichts Außergewöhnliches: Händel arbeitete in Italien, bevor er nach England übersiedelte, Johann Christian Bach und Haydn später auch.

Nach der Veröffentlichung Ossians begannen sich die Engländer nicht nur für Italien als Reiseziel zu interessieren, sondern auch für die keltischen Länder. Samuel Johnson[1] mit Boswell[2] und der Waliser Thomas Pennant[3] (ein berühmter Naturforscher) gingen nach Schottland, um die keltische Landschaft zu erleben und zu beschreiben. Der Dichter Gray erwähnte die Berglandschaft von Wales in „The Bard“. Mit der walisischen Freundin Mrs Thrale machte Johnson eine Reise nach Wales und wollte auch Irland bereisen.

Für Engländer lautete die Wahl: Zentrum oder Peripherie? Italien oder die Kelten? Man suchte entweder die uralten Ursprünge Europas auf, Ossian im Kopf, oder die offiziellen griechischen und römischen Ursprünge mit den Klassikern in der Hand.

In London verfiel auch Angelika Kauffmann dem Zauber Ossians. Sie erlebte die ossianische Landschaft vor allem in Irland. Der junge Goethe schwärmte für Ossian und interessierte sich für die gälische Sprache, doch er reiste nicht nach England, Schottland oder Irland, sondern nach Italien. Er machte seine „Grand Tour“ spät, mit 38.

„Auch ich in Arkadien!“ Für Goethe, wie für manchen Besucher, bedeutete die italienische Reise nicht nur Studium der Klassik, sondern sexuelle Befreiung. „Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt“, wie es in den Römischen Elegien heißt. So war es auch für Winckelmann gewesen, den Angelika Kauffmann während ihres ersten Aufenthalts in Italien porträtierte , obwohl seine Vorliebe nicht den Frauen galt, sondern hübschen, jungen, römischen Burschen. Für Angelika Kauffmann kann es sich nicht um sexuelle Befreiung gehandelt haben, denn sie, die als junge Frau in Italien und England erbarmungslos geflirtet hatte, hatte inzwischen etwas gelernt. „Amor bleibet ein Schalk, und wer ihm vertraut, ist betrogen!“ Sie musste aber geduldig zusehen, wie sich der geliebte Goethe in der römischen Halbwelt auf Abenteuer einließ.

Für Goethe als Protestanten war Rom fremd. Für Angelika Kauffmann als Katholikin war es das Zentrum ihrer Welt. Aber jeder reiselustige Deutsche, Schweizer oder Österreicher stand zwischen dem sonnigen Süden und dem düsteren Norden, zwischen Zentrum und Peripherie; er hatte zu wählen. Als sie sich in Rom kennenlernten, hatten Goethe und Angelika Kauffmann schon gewählt. Sie könnten beide sagen:

O wie fühl ich in Rom mich so froh, gedenk ich der Zeiten,
Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing!

Deshalb gibt es eine Italienische Reise und nicht eine irische oder schottische.

[1] A Journey to the Western Islands of Scotland (1775)

[2] Journal of a Tour to the Hebrides with Samuel Johnson (1785)

[3] A Tour in Scotland and Voyage to the Hebrides (1772).

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