Die Iren proben den Aufstand (2)

Während der Osterwoche steht der irische Patriotismus hoch im Kurs. Doch was wir feiern, ist eigentlich eine Niederlage. Nach einem spektakulären Erfolg am Ostermontag 1916 (die englische Herrschaft hatte einen bewaffneten Aufstand nicht erwartet und die meisten englischen Truppen waren weg, weil sie in Flandern gegen die Deutschen kämpften) wurde in Eile Verstärkung aus England gebracht und die Aufständischen wurden bis Ende der Osterwoche zur Kapitulation gezwungen. Die Engländer brachten sogar Kriegsschiffe die Liffey hinauf und bombardierten die Hauptpost mit starkem Geschütz (das schöne neoklassische Gebäude, das man heute kennt, ist eine gelungene Rekonstruktion). Mit den Anführern der Aufständischen wurde kurzer Prozess gemacht. Sie wurden von Kriegsgerichten verurteilt und erschossen.

Der gute Patriot und Nationalist wird nicht selten mit der heiklen Frage konfrontiert, wie man Niederlagen feiert, als wären sie Siege gewesen. Unsere Miteuropäer, die Griechen, machen das mit besonderem Geschick.

Der griechische Freiheitstag ist der 25. März. Wie bei uns in der Osterwoche feiern die Griechen nicht die endgültige Befreiung des Landes nach einem katastrophalen Krieg, sondern den tapferen Aufstand („Freiheit oder Tod!“), der alles auslöste. Wie bei uns zu Ostern ist dieses Staatsfest gleichzeitig ein religiöses, Mariä Verkündigung. Es geht wohl symbolisch um die Verkündigung des Heils der griechischen Nation. Der 25. März ist auch mein Geburtstag. Deswegen fühle ich mich mit Griechenland persönlich verbunden.

Die „bösen Buben“ der EU haben sich inzwischen daran gewöhnt, ihren Nationalfeiertag mit viel Trotz zu feiern. In den letzten Jahren hat sich ein Teil des Volkes die Freiheit genommen, gegen die Sparmassnahmen der eigenen Regierung zu protestieren. Dieses Jahr gab es keine Proteste. Aus gutem Grund, denn die Protestler bilden jetzt die Regierung. Diesmal ging es eher darum, denen in Brüssel zu zeigen, dass man geeint ist und sich nicht so leicht schikanieren lässt. Leider hat es in die Parade geregnet. Ein Zeichen des Himmels? Andererseits gab es diesmal kein Sicherheitsaufgebot, und Tsipras & Co durften sich problemlos unters Volk mischen, ohne die Buhrufe und Flüche fürchten zu müssen, die ihre Vorgänger in den letzten Jahren erwartet hatten.

Patriotisch sind die Griechen, sie feiern nicht einmal im Jahr, sondern zweimal: Am 28. Oktober gedenken sie Metaxas‘ trotziger Antwort im Jahre 1940 auf ein Ultimatum von Mussolinis Botschafter: „ochi“ (nein), obwohl Metaxas ein faschistischer Diktatortyp war und nicht viel besser als Mussolini und obwohl seine Worte eigentlich „alors, ce sera la guerre“ lauteten, was eher prosaisch als romantisch, eher resigniert als trotzig klingt. Die Griechen hielten Mussolini damals vom Lande fern, doch Hitler besiegte sie anschließend mit einem Blitzkrieg. Heute feiern sie den ruhmreichen Sieg über Mussolini, nicht die katastrophale Niederlage gegen Hitler, die kurz darauf folgte.

Historisch gesehen haben die Griechen einen Erzfeind, die Türken, so wie wir Iren die Engländer. Die bösen Türken werden immer noch als eine ständige Bedrohung betrachtet. Wenn „Sultan“ Erdogan etwas Blödes über Zypern sagt oder wenn die türkische Kriegsmarine zu nahe an einer griechischen Insel segelt, meinen die Griechen, der alte Feind ziehe wieder in den Krieg. Zeit für den Schulterschluss! Jetzt aber fühlen sie sich von Europa belagert, vor allem von Deutschland. Im Vergleich mit Erdogan ist Frau Merkel als Dschingis-Khan-Figur kaum ernst zu nehmen. Deswegen wird umso mehr der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg und der ausstehenden Reparationen gedacht. Kleine Nationen brauchen Feinde – je böser die sind, desto besser.

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