Die schwarzen Iren (1)

Als ich in Nordamerika lebte, bekam ich zum ersten Mal von den „schwarzen Iren“ zu hören. Eine amerikanische Frau erzählte mir, zum Beispiel, ihr Mann sei „black Irish“. Die Betonung lag auf der ersten Silbe, es ging also um Iren, die irgendwie schwarz waren, im Gegensatz zu anderen Iren, die nicht schwarz waren. Was konnte das bedeuten? Es konnte sich kaum um Iren afrikanischer Herkunft handeln, denn ich sah den guten Mann kurz danach und er war so weiß wie ich, nur hatte er schwarze Haare, wie ich übrigens auch. Ich dachte an die europäischen Bedeutungen von schwarz: eher politische. In Deutschland bedeutete „schwarz“ immer CDU, in der Schweiz CVP. Die Schwarzen waren die Katholiken, strenge, kompromisslose Katholiken. In Nordirland hingegen bedeutete dies protestantisch und antikatholisch. Von einer alten Dame hörte ich einmal sagen: „Och, she’s a black Protestant – very bitter against Roman Catholics.“ Könnte es also sein, fragte ich mich, dass die „black Irish“ protestantische Auswanderer waren, die in Amerika als Orangisten auftraten und sich von den anderen Iren unterschieden? Aber nein, es war etwas viel Einfacheres, wie sich endlich herausstellte: Es ging um einen bestimmten physischen Menschentyp, den eher kleinen, dunklen, stämmigen, sehr schwarzhaarigen Typ, im Vergleich zum häufiger auftretenden irischen Typ, der größer, bleicher und oft rothaarig ist. Die Amerikaner hatten einen Unterschied bemerkt, den wir selber nicht kannten. Aber es ist so. Es gibt diesen bestimmten Typ in Irland. Jene Menschen sehen eher aus wie Spanier. Auch haben sie ein geographisches Herkunftsgebiet: Man findet sie im Westen, vor allem in Connemara.

Gemäss einer irischen Legende haben viele Seemänner der gescheiterten spanischen Armada 1588 an der Westküste Irlands Unterschlupf gefunden und sind dort geblieben, wo sie sich mit der irischen Bevölkerung vermischten. Daher gebe es im Westen so viele spanisch aussehende Menschen. Kann es aber sein, dass diese Spanier so zahlreich waren und sie sich so fleißig vermehrten, dass sie die allgemeine Bevölkerung beeinflussten? Es ist sicher nur eine Legende. Aber es gibt eine andere Erklärung: Vor der Ankunft der gälischen Kelten wohnten nicht keltische Stämme in Irland. Könnte es vielleicht sein, dass diese in den Westen verdrängt wurden und dort blieben?

Diese Sache interessierte Pokorny, der eine berühmte Theorie über ein Substrat in der irischen Sprache formulierte[1]. Der Beweis dieses nicht indogermanischen Elements im Irischen sah er als einen physischen: zwei Rassen. Er behauptete, dass die altirische Literatur „einen deutlichen Gegensatz zwischen hochgewachsenen blonden Menschen einerseits und kleinen brünetten Menschen andererseits macht, die mit wenigen Ausnahmen als sozial und moralisch minderwertig geschildert werden.“ Die frühere, vorkeltische Bevölkerung, wahrscheinlich Hamiten aus Nordafrika (über Spanien eingewandert?), wurde also nach der keltischen Eroberung zu Heloten, und die großen, rothaarigen Kelten wurden zum Herrenvolk.

Na, ja. Vielleicht.

[1] Pokorny, Julius, „Das nicht indogermanische Substrat im Irischen”, Zeitschrift für celtische Philologie 16, 1927.

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Eine Antwort zu “Die schwarzen Iren (1)

  1. Auf jeden Fall inteessant !

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