Das sprachliche Unbewusste

Vor der Geschichte gibt es immer eine Vorgeschichte. Im menschlichen Leben zumindest gibt es keinen absoluten Anfang, keinen Urknall, keine Weltschöpfung ex nihilo. So ist es auch mit der Geschichte Irlands. Es hat vorkeltische Ureinwohner gegeben; wir Kelten kamen erst später. Im mittelalterlichen Buch Lebor gabhála wird die frühe Geschichte Irlands in einer Reihe von Eroberungen beschrieben. Das kann nicht alles Legende und frei erfunden sein. Tatsächlich sehen wir die Monumente dieser vergessenen Völker in der Landschaft. Sie bauten Newgrange, Brú na Bóinne und die ganze Nekropolis in der Gegend des Boyne. Als sie von Fremden besiegt wurden, heißt es in der Legende, zogen sie sich in ihre Raths (Megalithen, Hügelgräber) zurück. Sie seien Zauberer gewesen und bilden seither das Feenvolk.

Das Volk, um das es hauptsächlich geht, heißt in der Tradition Tuatha Dé Danann (Stamm der Göttin Dana? Die Etymologie ist umstritten). Es gibt Legenden über sie in der altirischen Literatur, deren berühmteste „Clann Lir“ heißt: Der Fürst Lir hatte vier Kinder. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Lir deren Schwester. Sie aber wurde eifersüchtig, weil sie selber kinderlos blieb. Sie verwandelte Lirs Kinder in Schwäne und vefluchte sie: Sie sollten 900 Jahre lang als Schwäne leben, je 300 an drei verschiedenen Seen, bis sie ihre menschliche Form wiedererlangen und sterben durften.

Julius Pokorny befasste sich bekanntlich mit den vorkeltischen Bewohnern Irlands. Er meinte, es gebe ein vorkeltisches Substrat im Irischen. In seiner Schrift[1] erzählt er von einem vorkeltischen Volk, wohl Hamiten aus Nordafrika, die von den Kelten besiegt und zu Heloten des gälischen Adels wurden. Doch jedes Mal, wenn Irland von einer Krise heimgesucht und die gälische Oberschicht geschwächt wird, lebt die alte Sprache der Heloten erneut auf (wie rastlose Schwäne, die alle dreihundert Jahre an andere Ufern ziehen müssen) und beeinflusst die indogermanische Sprache der Herrscher.

Heute (wie Pokorny natürlich wusste) ist das Irische selbst zum Substrat geworden: Es wurde durch das Englische ersetzt, aber der phonetische Habitus und die Satzmelodie des Irischen leben im Englischen weiter, weshalb so viele vermeintliche Dialekte des Englischen in Irland für die Besucher schwer verständlich sind.

Pokornys Idee bleibt fesselnd, denn es geht hier um das sprachliche Unbewusste. Das Irische hätte als Unbewusstes diese vorkeltische Sprache gehabt, das irische Englisch hingegen das Irische. Vor einer jeden Sprache, unter der Sprache, steht eine andere Sprache, und vor der Sprache selbst steht etwas, was nicht Sprache ist. Sprache macht den Unterschied. Wenn eine neue Sprache kommt, geht die ganze Welt der alten Sprache verloren. Wenn die Sprache zum ersten Mal das Leben des jungen Kindes verwandelt, geht die alte vorsprachliche Welt verloren.

Die Idee einer verlorenen Zivilisation, die völlig verschwunden ist, und die so völlig fremd bleibt wie das Leben auf einem anderen Stern, fasziniert mich. Etwas, das vor dem Bekannten war, wie die Minoer auf Kreta, wie die Bürger von Atlantis, die im Meer verschwanden. Etwas wofür es keine Sprache (mehr) gibt. Etwas Präödipales, eben. Elterliche Figuren, die sich in eine andere Welt zurückgezogen und die Tür für immer hinter sich zugemacht haben.

[1] Pokorny, Julius, „Das nichtindogermanische Substrat im Irischen”, Zeitschrift für celtische Philologie 16, 1927.

 

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Eine Antwort zu “Das sprachliche Unbewusste

  1. Es hat mir sehr gefallen. Ich beschäftige mich gern mit Geschichte. Und immer wieder kristallisiert sich heraus, das wir über die Vergangenheit eigentlich überhaupt nichts wissen. Nur ein paar neunmalkluge Spinner haben immer eine Erklärung für alles und jedes parat. 🙂 Aber in letzter Zeit kommt immer mehr ans Tageslicht, was schon unendliche Zeiten zurückliegt. Vielleicht hilft ja doch die Technik in vielen Fällen, sich bis in die Ur- Ur -Ur- Zeiten zu begeben.

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