Grenzen und Mauern

Festung Schweiz? Heutzutage, im Schengenraum, sieht man die Grenzen kaum mehr. Es gibt schon noch alte Grenzposten; sie stehen aber meistens leer da. Im Dunkeln, beim raschen Vorbeifahren, sieht man sie nicht. Man fährt außerhalb von Basel und fragt sich immer wieder „sind wir schon in Deutschland?“ – noch nicht, noch nicht – und dann plötzlich ist man in Lörrach, das nahtlos mit der Agglomeration Basel verflochten ist, obwohl es sich auf der deutschen Seite der Grenze befindet. Das ist vielleicht das moderne Schicksal: Man wohnt in einem Vorort einer Stadt, die in einem anderen Land liegt, und wenn man „in die Stadt“ fährt, fährt man über die Grenze, ohne diese wahrzunehmen.

Ähnliche Verhältnisse herrschen jetzt an der irisch-irischen Grenze. Die große Kunst der jetzigen Zweistaatenlösung ist es, dass man die Grenze möglichst nicht mehr sieht. Es wird in Dublin und in London stillschweigend gehofft, „dass zusammenwächst, was zusammengehört“. Auf der einen Seite gibt es zweisprachige Straßenschilder, auf der anderen nicht; auf der einen Seite gibt es Euro, auf der anderen Seite britische Pfund, sonst sieht man keinen Graben zwischen den beiden Irlands.

In unserm geschrumpften Europa gibt es überall Mauern, die jetzt nur noch Monumente sind: Festungen, die nichts mehr verteidigen, weil der Krieg verloren oder gewonnen ist – es macht ja schließlich keinen großen Unterschied. Für die Orangisten in Nordirland sind die gut erhaltenen Stadtmauern in Derry nicht nur ein historisches Denkmal, sondern auch ein Symbol ihres kompromisslosen Widerstandes. In England hingegen ist der meist überwachsene Hadrianswall längst zu einem Teil der Landschaft zwischen dem heutigen England und Schottland geworden. Er erinnert bloß daran, dass die Römer den Kampf gegen die keltischen Horden aus dem Norden zu einem gewissen Zeitpunkt aufgaben und sich hinter einer verteidigten Grenze verschanzten, so wie die Kaiser von Peking dereinst auf ihren Grenzen die chinesische Mauer gegen die Barbarenhorden errichteten. Das sind alles alte Mauern, die mit der Zeit ausgedient haben. Es gibt keine Barbaren mehr oder die Barbaren sind längst über die Grenze gelangt und wohnen im Kaiserpalast. Wir in den modernen Wohlstandsländern versuchen immer noch, Mauern aller Art gegen die Flüchtlinge, die zu uns kommen wollen, aufzubauen, allerdings ohne großen Erfolg.

Ich liebe die alten Befestigungsmauern, wie jene in Derry. Sie verleihen einem ein Gefühl von Geborgenheit. Ich sehe sie gerne, denn sie zeigen, wo es Grenzen gegeben hat: Wo es galt, unsereinen zu beschützen, da wir Stadtrecht hatten, oder aber unsereinen fernzuhalten, da wir als Barbaren galten. Grenzen gibt es immer noch, Grenzen in uns und zwischen uns, Grenzen der Sprachen oder der Kulturen oder was auch immer. Aber wir nehmen sie meistens nicht mehr wahr, und doch tut es oft weh, ohne dass man weiß warum, wenn man ahnungslos über eine Grenze gefahren ist: „Schmerz versteinerte die Schwelle“, wie der Dichter sagte.

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