Yeats, der Nationaldichter

Vor 150 Jahren wurde Yeats geboren. Er ist der große Nationaldichter des modernen Irlands. Seine Gedichte stehen immer noch in den Schulbüchern. Auch wenn irische Politiker oder Denker etwas Feierliches über Irland sagen wollen, zitieren sie meistens Yeats.

Warum gilt er als Nationaldichter? Er scheint für diese Rolle irgendwie ungeeignet. Er schrieb nur auf Englisch, konnte kein Irisch. Außerdem war er nicht Ire gälischer Herkunft, sondern Anglo-Ire. Seine Leute kamen im 17. Jahrhundert aus England und in seinem eigenen Leben verbrachte Yeats viel Zeit in England.

Was wir aber trotzdem in den Schulbüchern bei ihm fanden, war eine irische Identität. Ich kann die Seiten im Schullesebuch noch heute visualisieren, als ob es erst gestern gewesen wäre. Schon als Zehnjähriger war ich von Dichtung fasziniert, doch ich hatte fast ausschließlich englische Dichter gelesen. Hier war etwas, das uns gehörte.

Das erste Gedicht von Yeats, das ich las, war „The stolen child“, über ein Kind, das von Feen gestohlen wird und ins Feenreich geht:

Where dips the rocky highland
Of Sleuth Wood in the lake,
There lies a leafy island
Where flapping herons wake
The drowsy water rats;
There we’ve hid our faery vats,
Full of berries
And of reddest stolen cherries.
 
Das zweite Gedicht war „The wild swans at Coole“, über Schwäne, die er auf einem See sah, jedoch mit Anspielungen auf den Mythos „Clann Lir“, eine der „drei traurigen Erzählungen Irlands“, die von vier Königskindern handelt, die durch einen Zauber in Schwäne verwandelt werden und 900 Jahre im Exil leben müssen. Es verschlug mir den Atem, als ich plötzlich begriff, wie schön Sprache sein könnte:

The trees are in their autumn beauty,
The woodland paths are dry,
Under the October twilight the water
Mirrors a still sky;
Upon the brimming water among the stones
Are nine-and-fifty swans.
 
Wie war das alles möglich? Wie mancher Anglo-Ire, gab Yeats die englische Identität auf und suchte sich eine irische, eine mehr oder minder erfundene, aber dafür eine tief gefühlte. Die englische Sprache war schon seit Thomas Moore als literarischer und patriotischer Ersatz für das Irische bekannt. Doch Yeats machte sie zu einer Ausdrucksweise für die irische Identität. Es war eine wunderbare Art Alchemie. Er nahm die englische Sprache und gab sie uns zu eigen. Als ich Yeats’ Englisch las, fühlte ich mich wie Stefan George, als er sagte:

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark …

Dafür bin ich ihm bis heute endlos dankbar. Doch wie konnte Yeats das tun?, Als Außenseiter konnte er sich von der Mehrheit distanzieren und auf die uralte, druidische, vorchristliche Tradition zurückgreifen. Vor dem heutigen Irland, dem modernisierten, post-gälischen, post-katholischen Irland, hat es andere Irlands gegeben: katholisch, gälisch, sicher, aber auch katholisch und nicht römisch, vorchristlich und druidisch, ja vorkeltisch sogar. Wir tendieren leider dazu, nur das gegenwärtige Irland als Objekt unserer Hassliebe zu sehen, doch es gibt viele Irlands, und einer wie Yeats zeigt sie alle auf. Er baut Brücken zur Vergangenheit der Insel. Er verbindet und heilt. Er zeigt eine Vision:

Many times man lives and dies
Between his two eternities,
That of race and that of soul,
And ancient Ireland knew it all.

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