Substrate und ihr Weiterbestehen

Alle Völker haben Vorfahren, Ahnen, für die sie sich oft mit nationalistischem Stolz interessieren. Viele Völker haben auch Vorgänger, die sie ersetzt haben und mit denen sie nichts mehr gemeinsam haben. Die aber haben im Lande und vielleicht sogar in den modernen Einheimischen selbst rätselhafte Spuren hinterlassen.

Julius Pokorny glaubte, auf Grund der sprachwissenschaftlichen Forschung ein nicht indogermanisches Substrat in Irland gefunden zu haben. Doch auch vor der Zeit der Indogermanistik tendierten europäische Denker stets dazu, die Kelten unter ihnen als vorrömisches Substrat eines Europas jenseits der klassischen Zivilisation zu betrachten. Es scheint, dass die Kelten immer ein bisschen zu exotisch-peripher waren, um als Teil des modernen Europas zu gelten: Bei ihnen musste es sich also entweder um rätselhafte Urvölker, wie die Basken, handeln oder um Indogermanen, die durch nicht arische Substrate kontaminiert wurden.

Wie die Substrat-Hamiten in Irland gibt es im Bündnerland, wo ich wohne, die Räter. Als die Römer dieses Gebiet der Alpen eroberten, machte ihnen ein Barbarenvolk zu schaffen, welches die Räter hieß. Daher benannten sie die neue kaiserliche Provinz Raetia oder Rhaetia. Wer waren diese Räter? Waren das Indogermanen oder nicht? Waren sie Etrusker, Kelten, Illyrer oder gar Semiten? Es gibt viele Theorien und nur wenige Beweise.

Die Räter sind fast spurlos verschwunden. Von einem sich immer wieder behauptenden Substrat (wie in Irland, laut Pokorny) kann kaum die Rede sein. Aber die modernen Bündner interessieren sich trotzdem für sie. Wer heutzutage im Bündnerland unterwegs ist, fährt wahrscheinlich mit der Rhätischen (so geschrieben!) Bahn. Die Rätoromanen (und germanisierten Romanen) im Bündnerland sind ja die Nachkommen der Räter, die unter der römischen Herrschaft das Latein zu ihrer Sprache machten, genauer gesagt das Vulgärlatein, das im Laufe der Zeit zum Rätoromanischen wurde.

Spätere Romanen haben diese rätische Vorgeschichte benutzt, um grandiose Mythen über die Bündner und vor allem deren Sprache zu konstruieren. Denn Rätoromanisch war nie „speziell“ genug: Es war nur eine neolatinische oder romanische Sprache unter vielen. Man musste also für die Rätoromanen unbedingt eine exotischere Herkunft finden, wenn nicht im römischen Teil, dann im rätischen.

Pokorny sah die Vorkelten als ein Substrat, das sich immer wieder behauptete, ja sogar über Jahrtausende hinweg. Die Iren auf dem Lande glauben halbwegs immer noch an die Feen, die in ihren Raths wohnen und nur nachts unterwegs sind. Aber das sind ursprünglich die Tuatha Dé Danann, die Nichtkelten, die sich vor den Kelten nur versteckt haben.

In Nordamerika gibt oder gab es Legenden über „wilde Indianer“. Das waren Indianer, die längst nach der Eroberung und Rodung ihrer Stammesgebiete in den verbleibenden Wäldern lebten und ab und zu auf sich aufmerksam machten, als im Winter ein paar Säcke Mehl aus einem Bauernhof verschwanden. Ich denke an meine alte Universität auf einem Berg in Kanada. Im Winter kamen Bären zum Haus des Rektors (er war der einzige, der da ein Haus hatte) um Futter im Abfall zu suchen. Bären auf einer Uni! Sie waren nicht weg, sie hatten sich nur in den Wäldern versteckt. Als Student dachte ich mir immer, vielleicht gibt es auch Indianer in diesen Wäldern. Vielleicht stehlen sie ein paar Säcke Mehl aus der Mensa, oder belauschen stillschweigend die Vorlesungen der Professoren.

Substrate sind interessant. Sie geben uns zu denken, dass wir als Gesellschaft vielleicht nicht so homogen sind, als wir meinen; dass wir eine Beziehung haben zu etwas, das nicht mehr existiert, zu denen, die wir ersetzt haben. Um uns und in uns führt das Substrat sein Schattendasein weiter.

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