Fünfte Kolonnen

Im Zweiten Weltkrieg versuchte Hitler, die Minderheiten Europas, vor allem auf dem Hoheitsgebiet des jeweiligen Feindes, als „fünfte Kolonnen“ zu instrumentalisieren. Man erinnere sich an den Ursprung dieser Redewendung: Sie stammt von einem Ereignis im spanischen Bürgerkrieg. Der faschistische General Mola, der einen Angriff auf Madrid vorbereitete, behauptete, er habe vier Kolonnen von Soldaten und noch eine fünfte Kolonne in der Stadt, womit er die faschistischen Sympathisanten in der Stadtbevölkerung meinte.

Es ist bekannt, dass Hitler kleine bedrohte Nationen wie Finnland, Litauen und Kroatien unter seinen Schutz nahm und dass diese ihn als einen Retter betrachteten. In den besetzten Ländern hingegen setzte er die Strategie „divide et impera“ um, zum Beispiel in Belgien und der Tschechoslowakei. Schon im ersten Weltkrieg, nachdem sie Belgien erobert hatten, förderten die deutschen Generäle die separatistische Bewegung in Flandern. Unter der Nazi-Herrschaft ging es nicht anders zu und her, mit Förderung der flämischen Nationalisten, Gründung einer flämischen Miliz zur Bekämpfung der Partisanen und so weiter. Nachdem er die Tschechoslowakei erobert hatte, förderte Hitler die separatische Bewegung unter den Slowaken. Sie bekamen zum ersten Mal einen eigenen Staat, unter der Leitung des katholischen Pfarrers Jozef Tiso.

Vielleicht ist der interessanteste Teil der Geschichte jener mit den keltischen Sprachen, die die Nazis gegen ihre französischen und englischen Feinde instrumentalisierten. Es waren deutsche Professoren, die die Keltologie gegründet hatten, und letztere war ein Teil der Indogermanistik, die in der NS-Zeit mit den fragwürdigsten Theorien über das arische Volk verknüpft wurde.

Wie Joachim Lerchenmüller in seinem Buch Keltischer Sprengstoff* geschrieben hat, war diese Wissenschaft zu Lebzeiten der großen Keltologen Kuno Meyer und Rudolf Thurneysen in die Machtpolitik Deutschlands gegen England und Frankreich eingebunden. Während das Wetteifern zwischen den europäischen Mächten zunahm, verband sich die Keltologie mit dem keltischen Nationalismus und dem anti-englischen, anti-französischen Gedanken. In seinem Referat „Irland und England“ während des ersten Weltkrieges und des beginnenden irischen Freiheitskrieges behauptete Thurneysen: „Das nächste Außenfort der feindlichen Festung ist unterminiert und Sprengstoff genug vorhanden; aber von selber wird er sich nicht entladen. Wir müssen mit eigenen Händen die Zündschnur bis zu ihm hinbringen, um ihn zur Explosion zu bringen.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war es schon klar, dass Deutschland vom keltischen Nationalismus profitieren könnte. Ludwig Mühlhausen war Professor der Keltologie in Berlin; als gutes NSDAP-Mitglied hatte er Julius Pokorny ersetzt, der wegen fehlenden Ariernachweises als Professor nicht länger in Frage kam. Mühlhausen hatte die Idee, mit walisischen und schottischen Nationalisten Kontakt aufzunehmen, wenn Hitler Großbritannien erobern könnte. Er glaubte ferner, dass ein Teil der Politiker und des Volkes in Irland dem Nazismus wohlwollend gegenüberstehen würden, weil antikommunistische und antisemitische Gedanken im katholischen, konservativen Land schon verbreitet waren.

Ein anderer Keltologe, Hans Hartmann, wurde 1941 vom Auswärtigen Amt in Berlin als Redaktionschef des irischen Dienstes im Reichsrundfunk eingestellt. Er hatte den Auftrag, NS-Propaganda in irischer und englischer Sprache nach Irland auszustrahlen.

Leo Weisgerber, auch in der allgemeinen Sprachwissenschaft ein bekannter Name, hatte bei Thurneysen in Bonn Keltologie studiert und hielt schon 1941 ein propagandistisches Referat über „die keltischen Nationen um England“. Während der Besatzung Frankreichs arbeitete Weisgerber als Zensuroffizier in Rennes (Bretagne). Er organisierte Rundfunksendungen in bretonischer Sprache und förderte die bretonische Kultur. Es wurde sogar eine bretonische Miliz gegründet.

Hitler hatte auch vor, die Schweiz zu erobern, sobald er in Europa die Hände frei hätte. Ich frage mich immer, wie er das gehandhabt hätte. Die Deutschschweizer wären vermutlich als Reichsdeutsche ohne Weiteres einverleibt worden, die Romandie hätte vielleicht die Vichy-Regierung geschenkt bekommen. Und Graubünden? Es hat immer wieder Gerüchte gegeben, Hitler habe sich auf die Invasion vorbereitet, indem er Fallschirmjäger in Rätoromanisch unterrichten ließ. Betrachtete er die Rätoromanen als potentielle fünfte Kolonne? Hätte er ihnen eine eigene Republik gegeben, wie anderen Minderheiten? Wohl kaum. Wahrscheinlich hätte er Graubünden samt Tessin seinem Verbündeten Mussolini abtreten müssen, denn diese Kantone wurden von faschistischer Seite längst als „Italia irredenta” betrachtet. Die deutschsprachigen Bündner hätte Hitler wie die Südtiroler „heim ins Reich” genommen, und die armen Romanen hätten „la lingua imperiale” der Faschisten als ihre Sprache akzeptieren müssen.

 

 

*Lerchenmüller, Joachim: Keltischer Sprengstoff: eine wissenschaftsgeschichtliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945: Tübingen: Niemeyer: 1993.

 

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