Heim zum Uralten

In den letzten Wochen war ich in Irland zu Besuch, sowohl in Nordirland als auch in der Republik. Es gäbe wie immer viel zu erzählen, doch ich möchte vor allem meinen seltsamen Besuch in Ardstraw (Grafschaft Tyrone) beschreiben. Schon lange wollte ich dieses mir unbekannte Dorf besichtigen, von dem ich nur aus Angaben in historischen Büchern wusste.

Dort soll das alte Gebiet der Mac Con Midhe liegen, des Bardenclans, aus dem ich stamme. Im Mittelalter hatten die Mac Con Midhe einen Besitz in der Nähe und hatten lokale Clanherrscher als Gönner, vor allem die Ó Néill.

Heute ist Ardstraw (Ir. Ard Sratha) nur ein ländliches Dorf, abseits der großen Straßen. Im Mittelalter aber war es Klosterstadt und Bischofssitz. Das Bistum existiert nicht mehr, es wurde schon im Mittelalter abgeschafft. Ard Sratha gibt es heutzutage nur als Titularbistum: Der Weihbischof von Aachen in Deutschland heißt gegenwärtig Bischof von Ard Sratha.

Ich kam am Vormittag an. Vor mir stand ein kleines Dorf in einem kleinen Tal, inmitten einer fruchtbaren, hügeligen Landschaft. Ich sah die alte, steinerne Brücke mit ihren sechs Bogen über dem Fluss Derg. Alles sah sehr ruhig aus. Es ist landwirtschaftliches Gebiet, sonst ist nicht viel los. Manchmal fuhr ein Farmer in seinem Traktor oder ein Auto über die Brücke und durch die leere Dorfstraße. Gegenüber der Brücke, am Dorfeingang, sieht man ein Wirtshaus, doch es ist längst geschlossen, die Fenster mit Brettern vernagelt. Unmöglich also, ungezwungen bei einem Bier unter den Einheimischen zu sitzen und den lokalen Klatsch zu belauschen. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Beim Weitergehen sah ich nur die presbyterianische Kirche und die Oranierloge auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Am 12. Juli hatte man das große Oranierfest begangen, und es flatterten britische Fahnen und weiße Ulster-Flaggen mit der roten Hand von jedem Laternenpfahl.

Nach diesem Spaziergang stieg ich hinauf auf einen Hügel oberhalb des Dorfes und besuchte den alten Friedhof, der seltsamerweise durch die moderne Landstraße zweigeteilt ist. Katholiken auf der einen Straßenseite, Protestanten auf der anderen, so wie man es manchmal in Nordirland vorfindet? Mitnichten. Hier gibt es offensichtlich keine Katholiken. Neben dem Friedhof sieht man eine „Ardstraw Gospel Hall“: vermutlich Schismatiker aus der Presbyterianischen Kirche unten im Dorf. In beiden Teilen des Friedhofs ist kein Grabmal älter als aus dem 17. Jahrhundert, die Zeit der ersten protestantischen Siedler. Eine neue historische Tafel informiert darüber, dass von der mittelalterlichen Klosterstadt absolut nichts übriggeblieben ist, außer vielleicht dieser Friedhof und die alte Brücke, auf der sich seinerzeit streitende Clans trafen, um mit einem feierlichen Eid auf die Reliquien der Bischofskirche Frieden zu schließen.

Ich sah mich in der Landschaft um und versuchte, mich in jene Zeit zu versetzen. Ich dachte an meine Ahnen, die Dichter, die hier gelebt haben. Deren berühmtester starb um das Jahr 1272 und liegt irgendwo hier begraben.

Plötzlich dachte ich an Kanada. Ich habe zwanzig Jahre in Kanada gelebt, und fühlte mich nie wirklich zu Hause. Nur die Indianer können sich dort zu Hause fühlen, meinte ich, denn sie haben ihre Wurzeln im Lande und nicht anderswo, so wie die Weißen, wie ich. Ich fühlte mich irgendwie wie ein kanadischer Indianer, der zu seinem Stammesgebiet zurückfindet und nur die Siedlung der Weißen vor sich sieht. Die Landschaft ist jetzt von Menschen bevölkert, die nichts davon wissen, was hier früher einmal war, Menschen, die fast von einem anderen Stern kommen, denen die frühere Geschichte völlig fremd und gleichgültig ist.

Trotzdem musste ich zurückkehren in diese Heimat. Heimat? Was ist das? Ich weiß, die Vertriebenen in Deutschland reden immer noch über die „Heimat von gestern“ im Osten, wo die Bauernhöfe längst von Anderssprachigen besetzt sind, die nichts über sie wissen. Wenn man in seinem Leben und seiner Identität an einem gewissen Punkt angelangt ist, sucht man irgendwie automatisch seinen Ausgangspunkt, sein Zentrum, auch wenn es ein verlorenes Zentrum ist. Wie Rilke schrieb:

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Ich blickte ein letztes Mal über das Gräberfeld und die hügelige Landschaft der Grafschaft Tyrone, wo ich jetzt ein Fremder war, und als ich mich zum Aufbrechen wandte, murmelte ich die letzten Zeilen:

Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

 

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