Geistiges Wiederverwerten

Als ich vor ein paar Jahren in Neapel und Süditalien war, sah ich überall Spolien. Das sind, wie sie der Brockhaus definiert, „Bauteile oder andere Artefakte aus einer älteren Kultur, die in einem neuen Zusammenhang wiederverwendet werden“. So stammen zum Beispiel die schönen Säulen in der mittelalterlichen Kathedrale von Salerno aus einem römischen Palast.

Spolien, dachte ich dann, gibt es nicht nur in der Baukunst, sondern auch im intellektuellen Bereich. Es gibt Begriffe, die immer wieder im philosophischen oder wissenschaftlichen Diskurs vorkommen und die wir scheinbar nicht loswerden können. „Atom“ ist ein Beispiel. Demokrit verwendete den Begriff für nicht weiter teilbare Elemente der physischen Substanz, und die moderne Physik spricht immer noch von Atomen, obwohl die Definition theoretisch viel präziser geworden ist. Hirnlokalisation ist ein anderes Beispiel. Galen und gewisse Kirchenväter projizierten die von Aristoteles aufgezählten geistigen Fakultäten in die Hirnventrikel. Die Neuropsychologie beschäftigt sich heute immer noch damit, vermeintliche geistige Funktionen in Hirnregionen zu projizieren. Die Idee der Obsoleszenz von Theorien ist jetzt gang und gäbe in der Epistemologie. Jede Theorie taugt nur so lange, bis eine bessere erfunden wird. Doch die Begriffe überdauern Jahrtausende. Das sind die Spolien des Geistes.

Nicht nur Begriffe, sondern auch ganze Traditionen werden wiederverwertet. Vor allem religiöse Disziplinen werden in weltlichen Kontexten wiederverwertet. In Europa wurden die klösterlichen Disziplinen des Mittelalters zu den höfischen Verhaltensnormen der Moderne.

Solches gilt auch für die pädagogischen Systeme der Religionen. Im 19. und 20. Jahrhundert leisteten die emanzipierten Juden einen Beitrag zum europäischen Wissen und Denken, der ohne ihre religiöse Tradition undenkbar gewesen wäre. Hinter Freud und Einstein steht die akute Gelehrsamkeit der Rabbiner. Über den Wert elitärer Bildung kann man sagen: Egal, was man lernt, Hauptsache, es ist anspruchsvoll. Die guten Schüler werden schon wissen, wie sie die erlernten Fähigkeiten auf neue Probleme anwenden.

Ferner werden ganze Religionen in anderen wiederverwertet. Die Religion – ich spreche von den großen Weltreligionen – ist sowieso meistens ein missionierendes Superstrat, das sich von Substraten alter Religionen ernährt und entwickelt. Im alten Irland war es nicht anders. Die druidische Religion, von der wir allzu wenig wissen, ging in das keltische Christentum über und prägte es. Die Druiden gaben ihre gelehrte Tradition, ihr pädagogisches System, ihren Esprit de corps den christlichen Mönchen und auch dem höfischen Dichterstand weiter. Denn die Druiden bestimmten nicht nur die Religion der keltischen Gesellschaft, sie prägten auch deren mündliche Gelehrsamkeit. Ein Teil des Druiden wurde zum christlichen Mönch, der andere zum Barden.

Als ich Ardstraw, Stammesgebiet der Bardensippe Mac Con Midhe, neulich besuchte, war ich diesen Traditionen auf der Spur. Kann man sie wiederverwerten? Wenn ja, auf welche Art und Weise? Ich weiß nicht, was meine Ahnen von mir halten würden, wenn sie noch lebten – wahrscheinlich nicht viel – aber ich bin ihnen auf meine Art treu. Ich bin kein Barde, kein Druide, ich mache nicht, was sie machten, doch ihre Tradition verleiht meinem Schreiben eine gewisse kollektive Dimension: Ich kann mich wie ein Glied in einer Kette fühlen. Denn ihr Blut schlägt noch in meinen Adern. Aber das klingt viel zu altmodisch und romantisch. Heute müsste man eher sagen: Es gehört zu meiner kulturellen DNA. Das klingt moderner und wissenschaftlicher.

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