Paradoxes Wiederfinden

Als ich in den 1970er Jahren in Vancouver studierte, traf ich bei einem internationalen Studentenabend auf der Universität eine junge Frau. Sie studiere nicht, erklärte sie, sie sei mit einer Freundin gekommen. Sie erzählte mir von sich selbst. Sie sei die Tochter von Ausgewanderten aus Deutschland. Sie sei Jüdin. Wir begannen uns regelmäßig zu sehen. Sie zeigte mir das jüdische Viertel in Vancouver, Oak Street, mit den zwei Synagogen (der orthodoxen Schara Zedek und der „konservativen“ Beth Israel) und den Koscherdelikatessenläden (wo gefillte Fisch, Latkes und dgl. angeboten wurden), mit hebräischen Buchhandlungen und anderen jüdischen Läden. Sie selber sei nicht aus Vancouver, aber dort in der Oak Street fühle sie sich zuhause. Oak Street: Mir war das alles irgendwie schon bekannt, denn ich war selber in Terenure, einem jüdischen Viertel in Dublin, aufgewachsen. Auch ich fühlte mich einigermaßen wie zuhause.

Kurz und gut, wir heirateten. Später stellte sich heraus, dass sie doch keine Jüdin war. Sie stammte aus einer deutschen Familie, die 1945 vor den Russen aus dem Osten geflohen war, und sie war in Kanada geboren worden. Im Jahre bevor wir uns kennenlernten, hatte sie beschlossen, jüdische Konvertitin zu werden. Ich nehme an, sie wurde Jüdin aus Schuldgefühlen, aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, denn die Deutschen in Kanada litten damals unter massiven Vorurteilen. Man meinte, sie seien alle Bösewichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, denn in jedem Hollywood-Film sprach der Bösewicht mit einem deutschen Akzent und war blond und blauäugig – auch wenn er ein Russe sein sollte, was in den Jahren des Kalten Krieges freilich oft der Fall war.

Unter diesen Umständen war es verständlich, dass sich die deutschen Immigrierten in der Öffentlichkeit als „Europäer“ identifizierten. Einmal in einem Stadtbus hörte ich einen jungen Mann im Gespräch zum Fahrer sagen: „My Dad’s from Europe, eh.“ Ich schmunzelte als ich das hörte. Es war also unwesentlich, aus welchem Land der Alte stammte, er war von irgendwo in Europa gekommen. Aber später sah ich ein, dass der Vater ein Deutscher sein musste, und er hatte den Kindern wohl beigebracht, zu sagen, dass er ein Europäer sei, nicht ein Deutscher, um die unumgänglichen Vorurteile nicht heraufzubeschwören.

Die junge Frau, die ich ahnungslos heiratete, hatte ganz für sich allein entschieden, sich von der problematischen deutschen Identität mit einem einzigen kühnen Schlag zu befreien, indem sie sozusagen von einem Pol zum anderen wechselte. Doch dies erforderte ständiges Lügen und die Erfindung einer ganzen Fantasiewelt. Ich war mit ihr nur zwei Jahre verheiratet, dann ging die Ehe auseinander. Ich kann erst jetzt zu erraten versuchen, was sie dazu getrieben hat, derart zu lügen und sich mit einer erfundenen jüdischen Identität auszustatten. Es war wohl das unerträgliche Schamgefühl, etwas zu sein, das die kanadische Gesellschaft nicht akzeptierte. Später traf ich andere Menschen ihrer Generation, die in deutschen Familien in Kanada aufgewachsen waren, und das Verhalten oder das Leben ihrer Eltern vor 1945 war immer ein Tabu-Thema. Bei ihnen hieß es, dass ihre Eltern zwar „das alles“ miterlebt, aber von nichts gewusst hätten. Punkt. Selbstverständlich gingen die deutsche Sprache und die deutsche Kultur in dieser zweiten Generation völlig verloren; es war alles zu heikel und mit verschwiegenen Erinnerungen beladen. Es muss schlimm gewesen sein, als deutsches Kind in den 1950er Jahren in Kanada aufzuwachsen! Auf dem Schulhausplatz traute man sich nicht, mit den eigenen Geschwistern deutsch zu sprechen, da andere Kinder beim Zuhören das Geheimnis hätten erraten können.

Und die Moral von der Geschichte? Für mich als Iren, zumindest? Wer als Nichtjude in einem jüdischen Viertel aufwächst, wird die Juden auch in der Fremde wiederfinden, und sie werden in seinem Leben eine Rolle spielen – wenn auch auf eine sehr paradoxe Weise.

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