Gefährliche Substrate

Abschließende Bemerkungen zu Julius Pokorny: Wie ich schon in früheren Texten erwähnt habe, entwickelte der Berliner Keltologe eine Theorie über Substrate in Irland. Sein Artikel wurde 1929 in der Zeitschrift für Celtische Philologie in drei Teilen veröffentlicht. Die Theorie war neu und überraschend. Seit einiger Zeit hatte man vermutet, dass unter der homogenen Oberfläche der indogermanischen Sprachen andere Sprachen lauerten, nämlich jene der früheren europäischen Bevölkerungen. Pokorny versuchte dies am Beispiel der irischen Sprache zu veranschaulichen. Die arischen Herrscher Irlands hätten Heloten gehabt, und würden von diesen geistig und sprachlich kontaminiert, aber nicht auf einmal, sondern über Jahrtausende: Jedes Mal, wenn die irische Kultur eine Krise erlitt, habe sich das nichtarische Element neu behauptet. Das war so etwas wie Freuds Auffassung des Unbewussten oder des Es. Die Indogermanistik hatte sich mit dem sprachlichen Bewusstsein, mit dem sprachlichen Über-Ich befasst, aber jetzt gab es in der Sprache ein Unbewusstsein, ein Es zu entdecken und zu erforschen.

Die Gestaltung der wenigen arischen Herrscher, die über nichtarische Massen regierten, sollte mit dem Denken der aufkommenden NS-Zeit übereinstimmen. Bald aber entdeckte Pokorny, dass er selbst ein gefährliches Substrat hatte. Es stellte sich nämlich heraus, dass er väterlicher- wie auch mütterlicherseits jüdische Großeltern hatte, und zwar böhmische (wie die Kafkas, übrigens). Deswegen fehlte ihm jetzt der Ariernachweis, und er verlor die Stelle als Professor für Keltologie an der Universität Berlin. Appelle an die akademische Mitwelt und Bitten um Unterstützung an die irische Botschaft blieben erfolglos. Charles Bewley, ein ausgesprochener Antisemit, war damals Botschafter und half nicht. Später aber, als Bewley ersetzt worden war, bekam Pokorny als Freund der irischen Sprache und Kultur ein bis 1944 gültiges Einreisevisum für Irland. Das war eine Art Versicherung.

Was aber tat Pokorny? Er tauchte unter, dort in Berlin. Er lebte weiter in seiner Wohnung. Es ist für alle, die über ihn geschrieben haben, erstaunlich, dass Pokorny die Kriegsjahre überlebt hat. Er war in einer äußerst gefährlichen Situation. Hatte jemand in den höheren Rängen der NSDAP ihn in Schutz genommen? Andere Keltologen etwa, die seine Probleme nicht hatten und vom Regime beschäftigt wurden? Das ist wahrscheinlich.

Ich stelle ihn mir vor, dort in seiner Wohnung in Berlin, wie Kafkas verwandelter Gregor Samsa, von einem Tag auf den anderen zum Ungeziefer geworden und als solches still ums Überleben kämpfend. Kafka war schon 1924 gestorben, doch ohne Übertreibung kann man sagen, er hat die kommende Katastrophe im Dunkeln vorausgesehen.

Auf jeden Fall hatte Pokorny das irische Einreisevisum sorgfältig aufbewahrt, und als die Gestapo 1943 bei ihm in Berlin in seiner Abwesenheit erschienen war, entschloss er sich zu handeln. Er reiste über Umwege nach Lörrach und ging über die Schweizer Grenze, das irische Visum vorweisend und behauptend, er wolle nach Irland. Die Schweizer selbst waren erstaunt, dass er es bis an die Grenze geschafft hatte, ohne dass die Deutschen ihn aufgefangen hatten. Sie vermuteten, er habe einen Schutzengel gehabt, den er nicht nennen wollte. Für seinesgleichen war es auch alles andere als selbstverständlich, über die Schweizer Grenze zu gelangen, aber mit dem Visum schaffte er es.

Jetzt war er in Sicherheit. Er blieb bis zum Kriegsende in der Schweiz. Er bekam sogar eine neue Stelle als Professor für Keltologie an der Universität Zürich. Diese Stelle hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1959 inne. Nach all den überstandenen Gefahren, wurde er 1970 von einer Zürcher Straßenbahn überfahren und starb.

 

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