Aus der Neuen Welt

Ich bin in Vancouver zu Besuch. Hier gibt es Berge und Ozean zugleich. Ich könnte in der Schweiz sein, und ich könnte auch in Irland sein. Es ist herrliches Herbstwetter. Von der Wohnung aus sehe ich das Meer vor der Stadt und weiter im Hintergrund die Olympischen Berge des Bundesstaates Washington auf der amerikanischen Seite der Bucht.

Am 9. September abends habe ich dem 50. Jubiläum meiner Universität beigewohnt. Alte Kommilitonen und ihre Ehepartner waren dabei, und ich konnte mit ihnen bei einem Glas Wein plaudern. Eine deutsche Dame, Frau eines emeritierten Spanisch-Professors, erzählte mir von ihrem Aufwachsen in Ostpreußen, von der Flucht der Familie nach Hamburg 1945, und von ihrer späteren Auswanderung nach Kanada.

Vancouver ist eine Millionenstadt, in der es Menschen aus allen Erdteilen gibt. Das bedeutet aber nicht, dass Vancouver eine kosmopolitische Stadt ist wie eine Großstadt in Europa, die bei aller Zuwanderung sowieso ihren eigenen Charakter hat. Vancouver ist und bleibt ein unbeschriebenes Blatt, ein offener Raum wo die verschiedensten Menschengruppen aus aller Herren Länder Aufenthalt finden. Diese Menschen leben in ihren eigenen, gesonderten Welten, die grundsätzlich Sprachwelten sind. Hier ist die Großstadt nur eine Kulisse für diese unabhängigen Sprachwelten, und zwischen den Sprachwelten gibt es wenig Dialog, sie sind fast hermetisch, es sei denn, ein Spanischsprachiger kann zufällig Deutsch oder umgekehrt. Für den öffentlichen Raum, den öffentlichen Austausch, dient das Englische, das ebenso funktional und charakterlos ist wie die Hochhäuser und Einkaufszentren.

Nur die Chinesen, die in Vancouver immer zahlreicher und einflussreicher werden, haben vielleicht die Möglichkeit, ihre Sprachwelt auszudehnen. Chinesische Ladenschilder und Plakate sieht man jetzt überall, nicht nur in Chinatown. Niemand außer den Chinesen kann sie lesen, denn kein Weißer, kein anderer lernt Chinesisch. Noch – Aber so wird es nicht lange bleiben. Ein schlummernder Riese erwacht.

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