Melancholie am Strand

Vancouver, wo ich mich zurzeit aufhalte, ist nicht Britisch-Kolumbien, und Britisch-Kolumbien ist nicht Vancouver. Sobald man von der Großstadt wegkommt, deren Energie und Dynamik weitgehend von ihrer asiatischen Bevölkerung herrührt, befindet man sich in einer anderen Welt. Ich kapierte das nicht ganz, als ich in diesen Breitengraden wohnte, aber die pazifische Nordwestküste ist eigentlich ein melancholischer Ort. Schön, aber melancholisch. Hier gibt es wenig Energie. Es herrscht eher das Nirwana-Prinzip. An einem Strand sitzend, spürt man die Nutzlosigkeit des menschlichen Handelns. Man fragt sich: Wozu? Und man schaut einfach auf die Weißkopfseeadler, die im Herbstnebel dahinschweben, fast ohne die großen, schwarzen Flügel zu bewegen. Man hört das einsame Klagen der Seemöwen in der Ferne und fügt sich dem Rhythmus der rauschenden Wellen, die aus einer endlosen Quelle ans Land kommen. Ich finde das alles im höchsten Grade melancholisch.

Fremde Orte findet man melancholisch, nicht die eigene Heimat. Um einen Ort melancholisch finden zu können, denke ich, muss man dort nicht leben. Als ich vor ein paar Tagen zu meiner erwachsenen kanadischen Tochter sagte, dass die Küste melancholisch sei, war sie überrascht und konnte nicht viel damit anfangen.

Dann erinnerte ich mich an die Engländer in Irland. Die finden Irland immer melancholisch, wenn sie auf Besuch kommen (so war es zumindest lange Zeit). Die Iren finden Irland nicht melancholisch. Im Gegenteil, das Leben macht ihnen grundsätzlich Spaß. Wahrscheinlich projizieren die Engländer nur, und zwar ihre eigenen Schuldgefühle: Sie haben immer dafür gesorgt, dass die irische Geschichte melancholisch war.

Oder vielleicht wird ihnen irgendetwas Unbewusstes auf einmal klar. Manchmal sprechen uns gewisse Landschaften an. Wir sehen sie zum ersten Mal und fühlen uns von ihnen angesprochen. Es geht sicher um etwas Verborgenes oder Unausgedrücktes tief in uns. Man könnte sagen, eine innere Landschaft des Gefühls. Die Engländer haben eine unterdrückte keltische Seite. Diese wird von ihnen auf die Iren, die Schotten und die Waliser projiziert, steckt jedoch in ihnen selbst: England war ursprünglich keltisches Territorium. Sicher spüren die Engländer eine gewisse Melancholie, eine Art Trauer um die verlorene keltische Seele. Diese drückt sich in ihrer Lyrik aus, von Milton bis Keats. Robert von Ranke Graves hat das alles in seinen Büchern ausgiebig erforscht und dokumentiert.

Die Engländer betrachten sich nicht wirklich als melancholisch, die Franzosen hingegen sehen die Engländer so. Für die Franzosen ist der ganze Bereich der Melancholie und der Depression eine englische Spezialität, mitsamt „la morgue anglaise”, jener hochmütigen Trauer, die vor allem englischen Aristokraten anhaftet. Im 19. Jahrhundert eigneten sich die Franzosen das Wort “spleen” aus dem Englischen an als Ausdruck für melancholische Stimmungen und Tendenzen an. Dass sie sich für diesen Begriff ein englisches Wort leihen mussten, ist für sie kein Wunder.

Gestern, als ich Vancouver Island an Bord einer Fähre verließ und nach Vancouver zurückfuhr, war ich froh, dass ich mich sozusagen wie Odysseus an den Mast hatte binden lassen, denn sonst wäre ich drüben geblieben und hätte mich dem melancholischen Sirenengesang der Pazifikküste völlig hingegeben.

 

 

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