Reise in den Süden

Während meines Aufenthaltes in Vancouver traf ich einige Lateinamerikaner und hatte vor allem eine interessante Diskussion mit Rita De Grandis, Professorin der spanischen Literatur, ursprünglich aus Argentinien. Wir waren beide Studenten in Vancouver in den 1970er Jahren. Ich sagte ihr, dass ich damals zum ersten Mal meine „Wahlverwandtschaft“ mit den Lateinamerikanern entdeckte, obwohl ich nie Spanisch gelernt habe. Sie hat eine ähnliche „Wahlverwandtschaft“ mit Iren in Kanada und hat mehrere irische Freunde.

Es ist mir ein paar Mal aufgefallen, vor allem jetzt zurück in Europa lebend, dass wir Iren einen verlorenen Teil unserer Identität suchen und diesen im südländischen Gefilden wiederfinden. Irland, meine ich, ist ein Land, das durch Zufall in Nordeuropa, und zwar an der Peripherie Nordeuropas, positioniert ist, jedoch eigentlich nach Südeuropa gehört. In diesem Zusammenhang spielt der Katholizismus natürlich eine wichtige Rolle; er verbindet uns mit Spanien, Portugal und Italien. Es ist aber nicht einfach für uns, (wieder) südländisch zu werden.

Der irischsprachige Autor Alan Titley hat nur halb scherzend geschrieben, wir seien ein katholisches Volk mit einer protestantischen Kultur. Seit der Reformationszeit haben die Engländer versucht, uns zu ihrem protestantischen Glauben zu bekehren, jedoch stets ohne Erfolg. Oder vielleicht doch? Sie haben uns die englische Sprache beigebracht und dadurch ihre Kultur, eine protestantisch geprägte. Sie haben uns die protestantische Denkweise aufgebrummt, nicht aber den Protestantismus selbst. Wir sind zu protestantischen Katholiken geworden (die amerikanischen Katholiken wissen das, und nennen uns oft „Jansenisten“, was interessant aber verfehlt ist). Was wir haben, ist eine protestantische Disziplin, ein protestantisches Über-Ich. Kein Wunder, dass wir uns heimlich nach den Lateinamerikanern und ihrer menschlichen Wärme, ihrer Toleranz, ihrer Alle-Sorgen-nur-auf-Morgen-Einstellung sehnen.

Aber das ist nicht nur unser Problem. Es hat mit der großen Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa zu tun. In Deutschland gedenkt man momentan der Zeit, als man sich mit den „deutsch-deutschen Beziehungen“ auseinandersetzen musste. Wie aber steht es mit den „europäisch-europäischen Beziehungen“, den Beziehungen zwischen den zwei Europas, dem Norden und dem Süden?

Der deutsche Schriftsteller Eberhard Schmidt schrieb neulich über das Mittelmeer und über die Sehnsucht, die es in den Nordeuropäern weckt. Laut ihm wird der Mittelmeerraum „von Goethe bis Nietzsche zur Projektionsfläche eines Verlangens nach Befreiung von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen und protestantisch dominierter Disziplin im Norden Europas.” Italien bedeutete nicht nur Sonne und Meer, sondern auch künstlerisches Leben, Entspannung, und nicht zuletzt sexuelle Freiheit. („Auch ich in Arkadien!”)

Ich meine, wir Iren können Goethes „Italienische Reise“und auch die „Grand Tours“ der Angelsachsen gut verstehen, denn Menschen wie ich fühlen sich ständig dazu bewogen, die gleiche Reise in den Süden zu unternehmen. Unsere italienische, spanische, griechische oder lateinamerikanische Reise entpuppt sich als ein Versuch, das bestrafende protestantische Über-Ich in uns zu überwinden und uns etwas südländische Wärme anzueignen.

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