Zwei Irlands

Ethnologen wie Lévi-Strauss erzählen von den zwei Hälften (moitiés), in die sich eine Stammesgesellschaft aufteilt. Diese Hälften sind typischerweise exogam: Wenn einer heiraten will, darf er seine Braut nur bei der anderen Hälfte suchen. Andererseits lassen sich mit dem Hälftensystem auch interne Rivalitäten kanalisieren und ritualisieren. Die zwei Hälften mögen einander grundsätzlich nicht, bleiben aber meistens gut gelaunt und machen Witze über einander.

Ich habe mehrmals über die verbale Streiterei der Iren geschrieben. Einerseits ist zu bedauern, dass wir miteinander so schnell Streit bekommen, andererseits ist es aber auch eine Art der Unterhaltung. Ursprünglich orale Gesellschaften wie die Iren sind agonistisch gesinnt: Sie teilen sich gerne in zwei sich gegenseitig verschmähende Hälften auf. Es ist wie beim Sport: es braucht zwei Mannschaften. Was macht eine Gruppe von Menschen, die gerne Fußball spielen, als erstes? Sie teilen sich in zwei Mannschaften auf. Denn mit nur einer Mannschaft gibt es keinen Fußball, es müssen zwei sein. Wettkampf gehört zur Sache.

In Irland war es immer so. „Leath Choinn“ agus „Leath Mhogha“ hießen der Norden und der Süden des Landes. Conn und Mogha waren zwei mythische Könige, die sich das Territorium Irlands in zwei Hälften („Leath“) aufteilten: Conn nahm die nördliche Hälfte und Mogha die südliche. Damit war der Streit allerdings noch nicht zu Ende, aber das ist eine andere Geschichte.

Im 17. Jahrhundert gab es einen berühmten literarischen Streit zwischen den damaligen Barden über die relativen Verdienste ihrer adeligen Gönner im Norden und im Süden. Das war freilich eine konventionelle literarische Übung, aber es zeigt, dass der alte Antagonismus immer noch galt. Die irische Welt hatte sich aber inzwischen verändert und die Atmosphäre war ein bisschen melancholisch: Die alternden Mannschaften trafen sich zum letzten Spiel.

Heutzutage ist der Nord-Süd-Gegensatz in Irland ein politischer, zwischen zwei Staaten, der Republik und Nordirland. Dabei weiß man, dass „Nordirland“ als Staat nicht das Gleiche ist wie „Nordirland“ als geographische Bezeichnung. Geographisch und historisch gibt es die Provinz Ulster, die aus neun Grafschaften besteht: Sechs dieser Grafschaften bilden Nordirland, die anderen drei (Donegal, Monaghan, Cavan) sind Teile der Republik.

Nordirland, der Staat, ist anders als der Süden, und das nicht nur politisch oder religiös. Die Region hat eine eigene Kultur, die vielleicht mehr mit Schottland zu tun hat als mit den anderen historischen Provinzen Irlands. Die (englische) Sprache ist auch anders dort: Sie ist dem schottischen Englisch ähnlich.

Das alles erlebte ich als Kind in Derry, der Stadt meiner Mutter. Die Verwandten sprachen anders, sie hatten eine andere Art. Die südlichen Iren betrachten diese nordirische Art als schroff und barsch. Die Nordiren selbst würden sagen, sie nehmen kein Blatt vor den Mund.

Dieses Kindheitserlebnis hat mich fürs ganze Leben geprägt. Ein Mensch scheint eine Einheit zu bilden, aber die oberflächliche Kohärenz verbirgt oft mehrere Schichten oder zwei sich verschmähende Seiten. Es ist so mit uns Iren. Es ist so mit mir. Auf der Oberfläche bin ich ein typischer Bürger der Republik, mit den typischen Eigenschaften und Einstellungen, doch in mir steckt auch Nordirland mit den schroffen, entrüsteten und doch geliebten Stimmen meiner Mutter und ihrer Verwandten.

Denn auch in unserem Innersten teilen wir uns in zwei Mannschaften auf, und sie spielen ihr endloses Spiel auf dem Fußballplatz, den kein anderer Zuschauer zu sehen bekommt.

 

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