Lyrik zwischen Tradition und Moderne

Die Dichtung in irischer Sprache hat eine lange Tradition. Erste Beispiele sind kurze Gedichte von Mönchen, die als Randbemerkungen auf den kirchlichen Büchern des frühen Mittelalters erscheinen. Die Bücher sind auf Latein geschrieben, die Gedichte auf Altirisch. Im Hochmittelalter ist die erste bardische Dichtung belegt, zum Beispiel von meinem Ahnherrn Giolla Bríde Mac Con Midhe. Doch diese Dichtung der Barden gab es sicher schon lange davor, sie wurde nur nicht aufgeschrieben oder die Handschriften sind einfach nicht mehr erhalten.

Diese bardische Dichtung war konventionell, meistens lobte sie Fürsten oder Gönnerfamilien; Schmähgedichte gab es auch. Doch ab und zu kamen persönliche Elemente zum Ausdruck, zum Beispiel in jenem Gedicht, in dem Giolla Bríde klagt, dass er keine Kinder hat. Aus dieser Zeit ist auch die ossianische, also epische Dichtung erhalten, doch auch sie stammt wahrscheinlich aus einer früheren mündlichen Überlieferung.

Die bardische und ossianische Metrik war komplex. Jede Zeile hatte eine bestimmte Anzahl Silben, und am Ende der Zeile gab es nicht Reim, sondern Assonanz. Auch innerhalb der Zeile gab es Assonanzen, eine Art Binnenreim.

Später wurde die Dichtung menschlicher, mit einem lyrischen Ich europäischer Prägung. Nicht nur der berufliche Stand der Barden dichtete; normannische bzw. angloirische Adelige wie Gearóid Iarla mischten sich ein, und der Ton wurde persönlicher, höfischer. Hier zeigt sich natürlich der Einfluss der Lyrik in anderen europäischen Sprachen. Im 17. Jahrhundert gibt es eine erkennbare Barocklyrik mit religiösen und politischen Themen, zum Beispiel bei Seathrún Céitinn oder Keating. Die Metrik ist die alte Metrik der Barden, ein bisschen vereinfacht, doch die lyrische Atmosphäre hat sich völlig verändert.

Trotzdem gibt es typische Themen und Gemeinplätze, die in der irischen Dichtung über Jahrhunderte hinweg immer wieder vorkommen. Das Thema des Verlustes, des Verlassenseins, zum Beispiel, das man in der alten ossianischen Dichtung findet, ist im frühen 18. Jahrhundert beim letzten großen Dichter Aogán Ó Rathaille immer noch zu finden. Danach gibt es nur Volksdichter und Volkslieder, einige sehr schöne.

Die moderne Lyrik ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und des Wiederbelebens. Es schrieben einige sehr bekannte Dichter wie Máirtín Ó Direáin und Seán Ó Ríordáin, teilweise in einer volksliedähnlichen Metrik, teilweise in vers libre. Die zeitgenössische irischsprachige Lyrik ist, wie überall sonst, vor allem in vers libre. Es gibt sehr viel in den Zeitschriften und so weiter, doch diese Lyrik ist fatal einfach zu schreiben. Sie lässt sich in x-beliebige Sprachen übersetzen, und Lyrik aus anderen Sprachen wird häufig ins Irische übersetzt. Das ist kein gutes Zeichen, meine ich, denn die Lyrik soll diejenige literarische Gattung sein, die man am wenigsten in einer anderen Sprache wiedergeben kann. Nichts gegen die zeitgenössischen Lyriker. Doch die Tradition hört sich bei ihnen kaum mehr. Ich meine, Prosa kann immer zeitgenössisch sein, und das ist gut so. Doch aus der Lyrik sollte etwas Uraltes sprechen.

 

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