Zum Gedenken an die Verlierer

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

Zeilen von Hugo von Hofmannsthal. Das Gedicht heißt „Manche freilich müssen drunten sterben“. Ja, freilich. Freilich müssen sie sterben. Es ist nicht allzu schwierig, das alles achselzuckend hinzunehmen, wenn man selbst nicht einer von denen ist, die „unten sterben“. Hofmannsthal findet es trotzdem schwierig und schreibt in der vierten Strophe:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

Das ist zu meinem persönlichen Motto geworden. Ich kann nicht vergessen, was Völker in der Welt alles erleiden und früher erlitten haben, gerade weil wir Iren so ein Volk sind. Wir haben so gelitten im Laufe der Jahrhunderte. Massaker, Tyrannei, Genozid, Hungersnot: Gebt zu, wir gehören zur Aristokratie des kollektiven Leidens.

Andererseits ist es fast ein Naturgesetz: Wenn ich diskriminiert werde, werde ich bei Gelegenheit selber diskriminieren. Wenn ich unter Tyrannen leide, sobald der Tyrann stürzt, werde ich selbst zum Tyrann. Wir mögen Gräueltaten erlebt haben, aber sobald wir den Krieg gewonnen haben, werden auch wir Gräueltaten verüben. Wenn wir in Straflagern gesessen haben, werden wir, sobald wir selbst an der Macht sind, andere in Straflager verbannen, vielleicht gar in dieselben Lager. Ich kenne keine Antwort auf diese sich wiederholende Unmenschlichkeit, aber ich weiß: Es ist so. Das Leiden macht uns zu Märtyrern, doch leider nicht zu Heiligen.

Wir Iren haben, wie gesagt, gelitten. Wir waren die größten Verlierer aller Zeiten. Wir wurden zum Helotenvolk, und das hat uns geprägt. Vielleicht hat es uns nur Grausamkeit und Intoleranz gelehrt: Dafür gibt es Beweise genug in der irischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Aber vielleicht ist das eine viel längere Geschichte, als wir meinen. Vielleicht geht es um ein sich ewig drehendes Rad. Vielleicht haben die Kelten, als sie nach Irland kamen, andere, die schon da waren, geknechtet und als Heloten ausgebeutet, wie der Keltologe Pokorny meinte, der eine nietzscheanische Vision von wenigen über stumme Massen herrschenden, arischen Kriegern aufbaute. Vielleicht war ein dunkles, vergessenes, müdes Volk da, das Jahrtausende lang die Felder zu bebauen hatte und unter der Tyrannei irischer Herrscher in irgendeiner wildfremden Sprache stöhnte: „Am besten wäre es für uns, nicht geboren zu werden!“

Heute sind so viele Verlierervölker in Vergessenheit geraten – sogar bis auf ihre Namen. Sie sind wie ferne Sterne, die irgendwo im ewigen Schweigen des Weltalls niedergefallen und spurlos verschwunden sind, so spurlos, als hätte es sie nie gegeben. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran. So viel Leiden – um einfach nur vergessen zu werden. Es ist, als ob man nicht gelitten hätte, als ob man nicht geboren worden wäre, als ob man nicht einmal existiert hätte.

Ich wenigstens kann diese Völker nicht vergessen. Ich sehe sie in meinen Träumen. Und wenn ich mitten in der Nacht aufwache, sehe ich mit der erbarmungslosen Klarheit, die man nur in jenen Stunden besitzt, genau was es bedeutet, so ein Schicksal zu haben.

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

 

NEU: Videoaufnahme von diesem Beitrag, s. https://www.youtube.com/watch?v=ZY3yQ2TtoUk

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