Vater der Unbekannte

Unsere Eltern sind uns als Menschen weitgehend unbekannt. Sobald wir erwachsen sind, geht es nicht mehr um wer oder was sie sind, sondern um wer oder was sie waren, nämlich in unserer Kindheit. Denn als Eltern spielen sie in unserem Erwachsenenleben meistens keine Rolle mehr. Aber einfach als Menschen – haben sie kein Recht auf unser Interesse? Allein schon deshalb, weil wir mit der Zeit einsehen, dass die Menschen, die sie waren, uns mit ihren Werten, Gefühlen, Zielen und Widersprüchen beeinflusst haben wie sonst niemand?

Ich schaue auf das Foto meines Vaters an der Wand. Es ist ein Farbfoto aus den 1980er-Jahren. Ich war also längst erwachsen. Was für einer war mein Vater damals? Und früher in seinem Leben?

Wenn ich von Bekannten nach meinem Vater gefragt werde, kann ich schon einiges erzählen. Vater war Gewerkschaftsführer. Sehr politisch gesinnt. Seit den Sechzigerjahren war er in führenden Stellungen. In den Achtzigerjahren verkehrte er viel mit Politikern der sozialistischen Partei. Er hätte selbst Politiker werden können. Warum hat er diesen Schritt nicht gewagt? Keine Ahnung.

Vor einiger Zeit hatte ich ein überraschendes Gespräch mit meiner Schwester, die sieben Jahre älter ist als ich. Sie weiß also mehr als ich über Vater in den früheren Jahren. Sie sagte, er habe als junger Mann Künstler werden wollen. Sein Vater hat es ihm aber verweigert. Großvater war nur bereit, ihm einen Kurs für Büroangestellte zu bezahlen. Das hat er dann auch gemacht. Mein Vater wurde Beamter in einer großen Versicherungsanstalt. Dort lernte er die Gewerkschaftsbewegung kennen. Er wurde auch vom spanischen Bürgerkrieg stark beeinflusst, das wissen wir.

Meine Schwester erzählte mir, er habe als junger Familienvater Fernkurse in Zeichnen und Malen belegt. Sie habe als junges Mädchen sogar mitgemacht, wenn er abends daran arbeitete. (Als Ergebnis wollte sie selbst Künstlerin werden. Trotzdem schreibt sie heute Romane. Aber das ist ein anderes Kapitel.) Ich wusste nichts von Vaters Künstlertum. Niemals. Meine Schwester behauptet, sie habe von ihm gemalte Landschaften gesehen. Ich aber habe diese nie zu sehen bekommen. Wann und wie sind sie verschwunden?

Auch von seiner Gewerkschaftsarbeit erzählte er nur beiläufig. Erst als Greis hat er sich erlaubt, ein bisschen daran zu erinnern. Aus diesen wenigen Erzählungen war klar zu erkennen, dass er eine echte Führerpersönlichkeit gewesen sein muss. Er hatte große Gruppen unter sich und wusste sie für seine Zwecke einzusetzen. Als Kind habe ich das nie gespürt, nur dass er zu Hause laut und selbstbewusst argumentierte, dass er gerne über politische und soziale Fragen diskutierte und dass er sehr rechthaberisch war. Alles war bei ihm Klassenkampf und Wortstreit.

Ich sah als Kind, dass er viel las, über Politik und Geschichte, aber auch Trivialromane. Er war und blieb ein Kleinbürger. Für das Großbürgertum hatte er keine Sympathien. Er gab mir zu verstehen, dass jene Welt, die ich als junger Gymnasiast betrat (Altphilologie bei den Jesuiten, klassische Musik und Deutsch beim Onkel Louis Craig), nicht seine Welt war. Wir hatten bald keine gemeinsamen Themen mehr, worüber wir uns hätten unterhalten können.

Trotzdem hätte ich von ihm, dem Gewerkschaftler, viel lernen können. Er wusste viel über Organisationen, Macht und Einfluss. Doch er hat nichts gesagt und ich wusste nicht, die richtigen Fragen zu stellen. Daher bin ich viel weltfremder geworden als er.

Wir wissen oft fast nichts von unsern Vätern. Wissen unsere Kinder viel von uns? Wir wollen sie nicht allzu sehr beeinflussen. Vielleicht wollen wir unsere Schwächen nicht preisgeben. Kafka schrieb einen „Brief an den Vater“. Warum gibt es kaum einen „Brief an den Sohn“ oder „an die Tochter“? Vielleicht ist es doch besser, meinen wir stillschweigend, dass unsere Geheimnisse mit uns sterben.

 

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