Verehrte Leser

Wenn man schreibt, schreibt man nicht für sich, oder etwa ins Freie hinein. Man schreibt an oder für jemanden. Schreiben ist eine Art der Kommunikation und es braucht sowohl einen „Empfänger“ als einen „Sender“. Mit dem Empfänger aber ist problematisch, denn der Autor weiß im Voraus nicht, wer sein Buch lesen wird. Der Leser ist eine Fiktion, die der Autor erfinden muss, so wie die Figuren in einem Roman. Schreibend kreiert er diese Leserrolle, und der eventuelle Leser, wenn er das Buch in die Hand nimmt, muss bereit sein, diese fiktive Rolle zu spielen[1].

Der Autor ist sich dieser Tatsache mehr oder minder bewusst, während er schreibt. Er wendet sich an dieses Schattenwesen, den unbekannten Leser, und schreibt „verehrter Leser, verehrte Leserin“ (der Arme weiß nicht einmal, ob er es mit einem Mann oder einer Frau zu tun hat). Und warum gerade „verehrt?“ weil er diesen Unbekannten bzw. diese Unbekannte für seine Sache gewinnen will. Er schreibt weiter „wie Sie wissen, …“ oder „wie wir alle wissen, …“ und erklärt etwas, dass viele Leser wahrscheinlich nicht wissen. „Ich brauche nicht zu erwähnen, dass…“ und dann sagt er etwas, das vielen Lesern von selbst nie eingefallen wäre.

Es geht eigentlich darum, dass Autor und Leser über gemeinsames Wissen verfügen, obwohl einige Leser mehr und andere weniger wissen. Wenn sich ein Autor an Menschen seines eigenen Kulturkreises wendet, ist vieles schon im Voraus klar. „Cela va sans dire“. Wenn ein Deutscher seine Worte an Deutsche richtet, wenn sich ein irischer Autor an seine Landsleute wendet, ist das Unternehmen des Schreibens relativ unproblematisch. Wenn sich aber ein irischer Autor an deutsche Leser wendet, wird es heikler.

An wen schreibe ich in meinem geplanten Buch? An Deutsche oder andere Deutschsprachige, die sich für Irland interessieren. Ich bin selber kein Deutscher. Ich wohne zwar im deutschen Raum, habe einiges über Menschen und Kultur gelernt, aber dieses Wissen bleibt provisorisch und unvollständig. Sich in einen anderen Kulturkreis provisorisch zu integrieren, ist eine Sache, zwischen Kulturkreisen erfolgreich zu vermitteln, ist aber etwas anderes. Werde ich missverstanden? Vermittle ich mit dieser Geschichte einen falschen Eindruck? Liege ich mit jener Behauptung total falsch?

Vielleicht ist es aber gar nicht schlimm, wenn die Leser etwas, das ich erzähle, anders verstehen als ich. Oder wenn sie beim Entdecken eines fremden Landes etwas über sich selbst erfahren. In einem gewissen Sinne ist diese Problematik das eigentliche Thema meines Buches.

 

 

 

 

[1] Viele dieser Gedanken entstammen den Schriften des Walter Ong, S.J.
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