Verehrte Leser (2)

Letztes Mal beschäftigte ich mich mit dem Problem des Autors, sich seinen Leser vorzustellen. Der Autor sieht sich gezwungen, den Leser als eine fiktive Rolle zu erfinden, und kann nur hoffen, dass der tatsächliche Leser bereit sein wird, diese Rolle zu spielen.

Für den öffentlichen Redner ist das alles kein so großes Problem. Er hat seine Zuhörer vor sich. Er sieht, was für Menschen das sind und wie sie reagieren. Er erhält „Rückmeldung“ in „Echtzeit“, wie die Informatiker zu sagen pflegen. Er spürt sofort, ob seine Botschaft ankommt, ob der Funke überspringt. Er kann sein Spiel mittendrin anpassen. Er hat immer die Gelegenheit, Beifall hervorzurufen und Buhrufe zu besänftigen. Der Buchautor aber nicht. Er kann nur schreiben und auf das Beste hoffen.

Beim Schreiben stelle ich mir immer wieder eine ziemlich alberne Frage: Ist der Leser Singular oder Plural? Ich weiß, wenn man zum Vokativ greift, schreibt man normalerweise „verehrter Leser, verehrte Leserin“, und wenn man „wie Sie wissen“ oder Ähnliches schreibt, ist es im Deutschen nicht klar, ob Singular oder Plural gemeint ist, aber man vermutet eher Singular.

Einerseits ist es logisch, dass der Leser ein Einzelwesen ist: Wer liest, liest für sich allein, selbst wenn er in der Straßenbahn unterwegs ist. Ich aber finde es schwierig, an einen einzelnen Leser bzw. eine einzelne Leserin zu denken, der oder die meine Worte für sich allein verzehrt. Im jetzigen Zusammenhang spreche ich eine bestimmte Gruppe an: deutsche und deutschsprachige Leser, die sich für Irland interessieren. Die kollektiven Merkmale der Gruppe sind für mich beim Schreiben wichtiger als die Merkmale des einzelnen Lesers.

Wenn ich auf Irisch schreibe, in dem es keine höfliche Anredeform mehr gibt, habe ich nie Lust, „tú“ (Singular) zu schreiben, sondern „sibh“ (Plural) und „a dhaoine“ („liebe Leute“), denn im Irischen sind wir immer noch nah bei der mündlichen, volkstümlichen Tradition, und der Autor sieht sich gerne als Erzähler inmitten einer Menschenmenge. Das möchte ich gerne auch im Deutschen, in meinem geplanten Buch.

Nun, auf Irisch kann ich mich beim Schreiben unzweideutig an die Mehrzahl wenden, wie aber geht das im Deutschen? Ich hätte Lust, „ihr“ zu schreiben. Früher war das auch eine höfliche Anredeform und ist es in gewissen Teilen der Schweiz heute immer noch, wo man zu einem Fremden, dem man auf der Straße begegnet, „Grüssech“ sagt, d.h. „ich grüße Euch“ (Singular).

Erlauben Sie mir also, Sie (alle) in diesem Buch mit „ihr“ und „euch“ anzusprechen. Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einer irischen Kneipe und hätten sich zu einer deutschsprachigen Gruppe gesellt, zu der ein irischer Erzähler in Deutsch spricht: „Und ihr wisst schon … na, ja, vielleicht nicht, aber ihr werdet bald erfahren, was ich euch alles zu erzählen habe …“

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