Der Exot aus Connemara

In früheren Beiträgen habe ich Pokornys Substrattheorie über Irland und das Phänomen der sogenannten «schwarzen Iren» erwähnt. Die herkömmliche Geschichte Irlands aus dem Mittelalter heißt Lebor Gabála oder Buch der Invasionen und nach all jenen kriegerischen Einwanderungen würde es mich eher überraschen, wenn die heutige Bevölkerung Irlands homogen keltisch wäre.

Als Kind in den fünfziger und sechziger Jahren in Dublin sah ich wenige Ausländer. Umso scharfsichtiger war ich vielleicht für interne Unterschiede, für Exoten unter den Einheimischen.

Hier erinnere ich mich besonders an Pádraic Breathnach, der heutzutage ein bekannter Schriftsteller irischer Sprache ist. Er stammt aus einem Dorf in der Gaeltacht Conamara (englisch Connemara). Er ist hauptsächlich ein Erzähler und hat zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht. Er war auch Dozent für irische Literatur an einer Hochschule in Limerick. Damals in den 1960er-Jahren hatte er seine pädagogische Laufbahn als Gymnasiallehrer angefangen, und der Zufall brachte ihn zu uns ins Belvedere College, Dublin. Er unterrichte uns ein Jahr lang Irisch.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als er vor uns im Klassenzimmer auftauchte. Für uns sechzehnjährige Gymnasiasten wirkte er wie ein Fremdkörper. Wir wunderten uns über seine authentische Aussprache des Conamara-Dialekts, die uns so seltsam vorkam und am Anfang kaum verständlich war. Die Sprache entstand hinten in seiner Kehle und quoll wie Kies aus seinem Mund, ohne dass er die Lippen bewegte. In den Pausen versuchten wir seine Stimme nachzuahmen. In Dublin hatten wir nie so etwas gehört.

Wir wunderten uns aber auch über sein Aussehen. Er war ein dünner, großgewachsener Mensch mit schwarzen Haaren. Sein langes, gebräuntes Gesicht war aber nicht das eines Iren, sondern eher das eines Spaniers, wie man sie in Südspanien antrifft. Sein Gesicht war lang und flach, er hatte eine lange Nase und verhältnismäßig kleine, schwarze Augen. Auch seine Manieren waren anders. Er wirkte stur, gefühllos und seine Gesichtszüge waren maskenhaft, nicht beweglich, wie man dies von einem Iren erwartet.

Aber: Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich haben wir von ihm einiges gelernt, denn er war ein waschechter Irischsprachiger und hatte ferner ein Gespür für die Literatur. Er hat mich persönlich für das Schreiben in irischer Sprache gewonnen.

Ich wusste schon von Ferienbesuchen bei der Familie meiner Mutter in Derry, dass Nordirland kulturell ein anderes Kapitel war. Bei Pádraic Breathnach, dem Exoten aus dem Westen, erkannte ich, dass die Iren weder physisch noch kulturell ein homogenes Volk waren. Wir waren bei weitem kein geschlossener Stamm von kriegerischen, rothaarigen Bestien. Weit weg von der Hauptstadt, draußen auf dem Lande, gab es Abgründe, Substrate, Spuren der Vorgeschichte, von denen wir Stadtburschen das Allerwenigste wussten. In den späteren Jahren meines Sprachstudiums hatte ich also ein offenes Ohr für Pokornys Theorien.

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