Auf der langen Reise nach Wien

Als ich mit dreizehn von meinem Onkel Louis am Klavier in die Geheimnisse der großen Musik eingeweiht wurde, war Wien bald ein Begriff für mich. Wien war die Hauptstadt der großen Musik. Während der Onkel von Haydn, Mozart und Beethoven erzählte, vor allem Beethoven, den er als Riesen der Musik bewunderte, wurde Wien ständig erwähnt. Und als ich Bücher über die Musik las, nahm ich die Wiener Straßen und Paläste schrittweise in meine imaginäre Welt der Musik auf. Später erkannte ich, dass Wien auch eine Stadt der Ideen war, eine Stadt der Literatur. Es schien das Schicksal der deutschen Sprache zu sein, immer mit einer anderen Sprache, nämlich der Musik, verbunden zu sein und mit dieser in einem ewigen Kontrapunkt voranzuschreiten.

Wien war auch ein Begriff für den geistigen Normalverbraucher, das wusste ich schon. Operettenhaft. Ein Ort, wo man Champagner trank, oder eben Tokaier. Wo man Wiener Walzer tanzte. Für meinen Vater war Wien „Der dritte Mann“, sein Lieblingsfilm in jungen Jahren. Er wusste auch von Richard Tauber, dem berühmten Tenor, der 1938 nach England geflüchtet und dort geblieben war, und den man immer fein lächelnd, mit Monokel, Frack und Zylinder auf Schwarzweißfotos sah.

Wien war also eine optimistische Stadt, die irgendwie für schäumende Lebensfreude stand. Denn ohne den Stephansdom ist Wien verhältnismäßig jung, architektonisch keine mittelalterliche Stadt, was ihr schon eine gewisse Leichtigkeit verleiht, wie Camus bemerkte: „c’est une jeune fille parmi les villes. Les pierres n’y ont pas plus de trois siècles et leur jeunesse ignore la mélancolie.“

Andererseits hat Wien eine mittelalterliche Geschichte und die irischen Mönche waren fast von Anfang an dabei, unter dem Decknamen „Schotten“, und Schotten-dies und Schotten-das in der Innenstadt erinnern bis auf den heutigen Tag an deren Gegenwart. Der arme Onkel Louis, der für die Musik so Feuer und Flamme war, war selbst nie in Wien gewesen. Die Stadt war für ihn einfach außer Reichweite. Er lebte wie ein Grieche, der von Konstantinopel träumte, oder ein Jude, der von Jerusalem träumte, ohne je hingehen zu können.

Ich, der ich gottlob einer späteren, mobileren Generation angehörte, durfte schließlich nach Wien pilgern. In einer klirrend kalten Februarnacht stieg ich in der Ostschweiz dem Nachtzug „Wiener Walzer“ aus Zürich zu. Wie romantisch das war, als der Zug in den leeren Bahnhof einfuhr! Während der langen Reise durch die verschneite Landschaft Österreichs stieg leider die Heizung aus, auch in den Schlafabteilen erster Klasse. Trotzdem schlief ich die ganze Nacht mit einem Lächeln auf den Lippen. Am nächsten Morgen waren wir in Wien.

Ich erinnere mich vor allem an die Kälte, an den eisigen Wind, der von der ungarischen Puszta her wehte. Als ich mich in der Innenstadt provisorisch orientierte, dachte ich mir: Hier ist man mitten im deutschen Raum, denn Wien ist ein Zentrum. Dennoch fühlt man sich an der Peripherie, beinahe in Osteuropa. Wien ist ein Zentrum, das eigentlich immer wieder ein belagerter Außenposten war. Genau wie Konstantinopel. Konstantinopel aber fiel den Türken zu, Wien nicht. Das ist die Tücke der Geschichte.

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