Autofahren in den 1920er-Jahren

Ich erzähle etwas mehr über meine Familie mütterlicherseits, über die Craigs. Sie waren wohlhabende Textilkaufleute in Derry, und obwohl Großvater Denis Craig 1915 plötzlich verstarb, lebten die Craigs dennoch gut. Sie waren eine weltoffene bürgerliche Familie. In den Zwanziger-Jahren waren sie unter den ersten in Derry, die einen Rundfunkapparat besaßen. Wie meine Mutter erzählte, war das damals ein Wunder in der Kleinstadt. Die Menschen versammelten sich immer wieder in einer Gruppe vor dem offenen Hausfenster in Clarendon Street, um die seltsamen Stimmen im Rundfunk zu hören.

In den Zwanziger-Jahren kauften sich die Craigs sogar ein Automobil. Sie fuhren sonntags hinaus in die Grafschaft Donegal. Inzwischen war Irland zwischen Nordirland und Freistaat geteilt, doch sie wollten keine Grenze erkennen. Die Craigs fühlten sich auf beiden Seiten der Grenze zuhause. Donegal beginnt sowieso nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, dann ist man schon über der Grenze und der nächste Halt ist der Badeort Buncrana. Craigs besaßen ein Ferienhaus in Buncrana.

Donegal ist bekanntlich eine Grafschaft, doch das ist eine späte administrative Erfindung der englischen Herrschaft, die nach der Ortschaft Donegal im Süden benannt wurde. Der Ortsname Donegal, auf Irisch Dún na nGall, bedeutet so etwas wie „Festung der Fremden“. Im Mittelalter war der Küstenort eine Festung der Wikinger. Später wurde er von den Engländern eingenommen und als Zentrum genutzt. Für die Irischsprachigen im Nordwesten geht es jedoch um zwei historisch zusammenhängende Gebiete (wie etwa Schleswig-Holstein): Inishowen (Inis Eoghain), die Halbinsel zwischen den beiden Meeresbuchten Lough Foyle und Loch Swilly, und Tyrconnell (Tír Chonaill) die Region weiter südwestlich an der Atlantikküste. Die Craigs selbst stammten ursprünglich aus Tír Chonaill, aber ihr Lieblingsausfluggebiet war Inishowen, das man von Derry aus schnell erreichte.

Auch ich als Kind lernte diese prächtige Landschaft kennen, eine wilde Landschaft wie das schottische Hochland mit Bergen, abgelegenen Dörfern und breiten Stränden am tosenden Atlantik, wo einen stets ein seltsames Gefühl von Unendlichkeit befiel. Wir waren immer in Derry in den Ferien, hielten es aber wie die Craigs und unternahmen Ausflüge über die Grenze nach Inishowen und sogar weiter nach Westen. Man befand sich dann wirklich am Rande der alten Welt. Man hatte nur den Meereshorizont vor sich und man wusste, der nächste Halt ist Amerika.

Aber zurück zur Familiengeschichte. Die Craigs kauften also eine pferdlose Kutsche, und Onkel Jo, der älteste Sohn, durfte sie fahren. Er fuhr aufs Land und in die abgelegenen Dörfer und meine Mutter sagte, die Bauernkinder, die noch nie so etwas wie ein Automobil gesehen hätten, seien mit ängstlichem Geschrei vor diesem schnaubenden Ungeheuer geflohen und hätten sich hinter den Hecken versteckt.

Das ging weiter so, bis Onkel Jo das Auto eines Tages in die Sperre eines Bahnübergangs der Derry-Buncrana-Schmalspureisenbahn fuhr und großen Sachschaden verursachte. Danach durfte er nicht mehr fahren. Wer später Auto fuhr, weiß ich nicht. Vielleicht Großonkel James, der weitgereiste Irischgelehrte – ich würde es seinem Pioniergeist zutrauen.

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