Verklärte Stadt

Die Nachrichten über die andauernde politische Krise in Nordirland zeigen, wie schwer es den dortigen Bevölkerungsgruppen fällt, sich miteinander wirklich zu versöhnen. Auch anderswo in der Welt gibt es freilich solche Situationen, wo die Menschen nicht vorwärtskommen.

Oft habe ich das nordirische Derry, wo ich einen wichtigen Teil meiner Kindheit verbrachte, und das graubündnerische Chur, wo ich jetzt wohne, in historischer Hinsicht miteinander verglichen. Hoch in den mit Befestigungsmauern eingefriedeten Kathedralen dieser religiös entzweiten Städte denke ich unweigerlich an Jerusalem und all die lobenden und klagenden biblischen Stellen darüber. Gibt es eine mehr entzweite und konfliktbeladenere Stadt als Jerusalem? Und trotzdem spricht Johannes in der Offenbarung von einem neuen Jerusalem. Dies bedeutet einen radikalen Neuanfang, eine neue Stadt, die die alte irdische Stadt ersetzen soll. Und trotzdem geht es immer noch um das alte Jerusalem, nicht um eine ganz neue Stadt mit einem neuen Namen, etwa eine Neugründung in der Ferne. Die vertraute Topographie Jerusalems ist erkennbar, sie ist nur verklärt und verewigt worden. Johannes beschreibt die Mauern und die Tore und wie alles schön geometrisch angelegt ist. Es ist eine Utopie. Es ist auch der Himmel, das Paradies, das Reich Gottes.

Doch gewisse Menschen sind ausgeschlossen: jene, die Gräuel verüben und lügen, die Sünder also, deren Namen im Lebensbuch Gottes nicht geschrieben stehen. Eine Mauerstadt schließt einige ein und andere aus. Im Jenseits hat sich anscheinend doch nicht viel geändert.

Johannes prophezeit aber weiter. Er erzählt von einem Strom lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall, der vom Tempelberg hinunterfließt und das umgebende Land bewässert. Und es gibt einen Garten, einen heiligen Hain, wo allerlei Bäume wachsen, mit Früchten für jeden Monat und deren Blätter werden der Heilung der Völker dienen.

Dann fügt er hinzu: Und es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Vielleicht geht es um das angekündigte Ausschließen der Sünder. Doch vielleicht werden die Menschen in einer Generalamnestie einfach vom Fluch befreit. Die Tore der Stadt werden nicht verschlossen, sagt er. Das klingt nicht gerade wie Exklusivismus, nicht wie eine verbotene Stadt.

Dies ist auch keine ideelle, imaginäre Stadt, sondern die vertraute, entzweite Stadt, die es in unserer Kindheit gab, und die es immer gegeben hat. Wir wissen von keiner anderen. Irgendwie aus der Stadt Jerusalem, der zerteilten, aus der Topographie der Feindschaft und des Hasses, könnten Versöhnung und Heilung kommen. Wir sind noch nicht dorthin gelangt. Wir leben auf dieser Erde. Doch die Vision tröstet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s