Dubliner Dialekt in der englischen Literatur

Joyce, Behan und O’Casey waren Dubliner. Alle drei versuchten, in ihren Beiträgen zur englischen Literatur die Sprache ihrer Dubliner Umgebung getreu wiederzugeben. Bei Behan und O’Casey ging es hauptsächlich um Theaterstücke. Ihre Dialoge wurden in der normalen englischen Rechtschreibung mit ein paar zusätzlichen Apostrophen geschrieben und sie behaupteten nie, dass das, was sie schrieben, Dubliner Dialekt sei. Von Dialekt hat man in Irland nie sprechen dürfen. Warum war das so? Warum ist es immer noch so?

In Irland ist das Englische als Volkssprache eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Damals war Irland Neuland für das Englische. Die Sprecher waren zum großen Teil ehemalige Irischsprachige. Klang das irische Englisch exotisch und einem Engländer fast unverständlich, so war das bloß die schlechte Aussprache von Menschen, für die das Englische eine Fremdsprache war. Redensarten aus dem Irischen kamen in dieser Sprache häufig vor. Einige angloirische Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts wie Synge erfanden eine imaginäre Art von Englisch, „Kiltartanese“ genannt, welche die schrullige Ausdrucksweise des Landvolkes wiedergeben sollte. Kiltartanese wird in Irland seit langem bespöttelt, obwohl mancher Amerikaner oder Engländer immer noch meint, die Iren sprächen so.

In dieser Sprachlandschaft war Dublin eine Ausnahme. Dublin war immer ein Fremdkörper in Irland und es wurde dort viel Englisch gesprochen. Es gab einen altmodischen Dialekt. Ebenfalls eine Ausnahme bildeten die Nordiren: Sie sprachen meistens Ulster Scots, eine Art des schottischen Englisch, welches bis ins 17. Jahrhundert als eine eigene Sprache gegolten hatte.

In England und in der englischsprachigen Welt ist im Allgemeinen von Dialekt kaum die Rede (außer in der Soziolinguistik, wo es ein Fachwort ist). Wie in Frankreich leben die Dialekte ein Schattendasein. Es ist nicht wie in Deutschland, geschweige denn in der Deutschschweiz. Jedoch warum nicht? Salonfähig ist nur die Standardsprache. Die Sprache der anständigen Bürger ist die Hochsprache und andere Sprechweisen gelten als eine ungebildete Korrumpierung derselben. Dialekte haben kein Recht auf eine unabhängige Existenz. Der Dubliner zum Beispiel meint, er spreche halt Englisch mit einem abwegigen Akzent.

Für Joyce war sein Dubliner Dialekt wichtig, als er in verschiedenen Städten auf dem europäischen Festland im Exil lebte. Ich glaube, ich kann das gut verstehen, denn meine persönliche Erfahrung ist ähnlich. Wenn man mit einem Dialekt aufgewachsen ist, den man nie mehr zu hören bekommt und ihn nur mit sich selbst sprechen kann, wird dieser Dialekt zu einer Geisterstimme im eigenen Kopf. Joyce schrieb Finnegans Wake im anderssprachigen Exil als Hypertrophie des Dubliner Dialekts. Er nannte diese bizarre, selbstgebastelte Mundart seine „Nachtsprache“. Im Schlaf, im Unbewussten, kreierte er offensichtlich Verbindungen mit anderen Sprachen, wie dies im Traum geschehen kann, während der unbeachtete, tagsüber ungesprochene Dialekt in seinem Hirn ungehindert weiter dröhnte.

So ist es übrigens in Hans Castorps Schneetraum in Der Zauberberg: Er hört die Hexen in Hamburger Mundart sprechen, obwohl er seit sieben Jahren von der Hansestadt abwesend ist.

 

Ferne Verwandte

Die Rooneys, die Rings und die Leakes: Das waren Dubliner Familien, mit denen mein Großvater im frühen 20. Jahrhundert verwandt war.

Seine Frau Madeleine war eine geborene Rooney. Ihr Vater war ein ziemlich wohlhabender Mann. Er hatte bei der britischen Verwaltung in Dublin gearbeitet und war bereits pensioniert. Jeden Monat, am Tag, an dem er seinen Pensionscheck durch die Post erhielt, bestellte er einen Hansom, also eine Droschke. Zuerst fuhr er selbstverständlich zur Bank, dann ging er in ein Pub und traf seine Freunde. Später fuhr er zu einem anderen Stammlokal und startete zu einer regelrechten Sauftour. Tagsüber fuhr die Droschke von Pub zu Pub in der Stadt und spät in der Nacht setzte der Droschkenfahrer den schwer Betrunkenen vor seiner Haustür ab. Die Rooneys waren ein Clan, der tief ins Glas schaute. Mein Vater erzählte mir, sie seien verhältnismäßig wohlhabend gewesen und hätten mehr als einmal von verstorbenen, reichen Tanten in Amerika geerbt. Trotzdem endeten sie immer wieder in der Verarmung. „Sie haben drei Vermögen durchgesoffen“, meinte mein Vater kopfschüttelnd.

Die Rings waren eine andere verwandte Familie, militante Nationalisten. Großvater Jems Schwester war verheiratet mit Dermot Ring, der ein Guerilla-Kämpfer im irischen Freiheitskrieg war und englische Spione erschossen hatte. Nach dem „blutigen Sonntag“ im Jahre 1920 befahl Michael Collins seinen Leuten, sie sollen eine Zeitlang untertauchen, denn die Black & Tans, die englischen Spezialeinheiten, waren ihnen auf den Fersen. Dermot Ring fragte Großvater Jem, ob er zu ihm kommen dürfe, und Jem versteckte ihn ein paar Nächte. Danach fand Dermot einen sichereren, ruhigeren Unterschlupf bei Urgroßmutter in der St James’s Avenue nahe Croke Park.

Dermot hatte einen Bruder namens Liam Ring (irisch Liam Ó Rinn), der als irischsprachiger Schriftsteller bekannt wurde. Er schrieb „Amhrán na bhFiann“, die irische Fassung der Nationalhymne, die ursprünglich auf Englisch verfasst worden war und „The Soldier’s Song“ hieß.

In der 1990er-Jahren las ich ein paar Bücher von Liam Ó Rinn und wollte deshalb mehr über ihn erfahren. Ich nahm mit Dermot Ring junior Kontakt auf, der noch lebte. Ich besuchte ihn in seinem Haus in der Dubliner Innenstadt. Er war pensionierter Heeresoffizier. Er erzählte mir, er sei in diesem Hause geboren worden und schlafe immer noch im selben Zimmer, in dem er geboren worden sei, und werde dort wahrscheinlich auch sterben. Auf meine Frage erzählte er mir von seinem Onkel Liam, dem Dichter, und von seinem Vater Dermot, dem Revolverhelden. Er meinte, sein Vater habe ihm nie die ganze Wahrheit gesagt über all jene, die er damals erschossen hatte.

Als Dermot senior im Jahre 1920 bei Urgroßmutter Unterschlupf fand, teilte er den Dachboden des Hauses mit einem anderen jungen Mann, der auch auf der Flucht war. Dieser Mann hieß John Leake. Er war ein geborener Engländer, war im 1. Weltkrieg Soldat gewesen und als Deserteur in Dublin. Er musste untertauchen, denn die Briten hätten ihn standrechtlich erschossen, wenn sie ihn aufgefangen hätten.

Die Leakes waren fromme Anglikaner und mit der berühmten mittelalterlichen englischen Kathedrale Lichfield verbunden. Das war eine ganze Familie von Organisten und Bienenzüchtern. Diese beiden Berufe standen im Dienste der Kirche, denn mit dem Bienenwachs wurden die Kerzen für den Hochaltar gemacht. (Ein exzentrisches Familienmitglied sollte in einem Wohngebäude in der Londoner Innenstadt von seinem Fenster aus mitten im tosenden Verkehr Bienen züchten.)

Der junge Deserteur blieb so lange bei Urgroßmutter in Dublin, bis er sich schließlich zum Katholizismus bekehrte und eine andere Tochter des Hauses heiratete. Diese Geschichte hörte ich viele Jahre später von seinem Sohn Jack, dem Vetter meines Vaters.

 

 

 

Mendelssohn als Ossian-Fan

Bischof Hervey von Derry, der aus der Grand Tour nach Italien eine lebenslange Beschäftigung machte, bestieg als junger Mann den Vesuv und wurde sofort von der Geologie in Bann gezogen. Daher erforschte er später an der Küste Nordirlands den „Giant’s Causeway“, den Damm des Riesen mit seinen seltsamen stumpfen Basaltsäulen, die an eine Straße mit enormen Pflastersteinen erinnern.

Eine ähnliche geologische Formation, aber mit langen Basaltsäulen, die eher an die Pfeifen einer Orgel erinnern, zeigt die sogenannte Fingalshöhle auf der Insel Staffa in den schottischen Hebriden. Diese Sehenswürdigkeit wurde berühmt, als Engländer im 18. Jahrhundert begannen, die keltischen Länder, vor allem Schottland, zu bereisen, statt zur üblichen Grand Tour nach Italien aufzubrechen. Diese Tendenz stand unter dem Einfluss von MacPhersons Ossian. Der Fingal, dessen Höhle man besuchte, war Ossians Vater, der irische Fionn Mac Cumhaill.

Es ist unmöglich, die Fingalshöhle zu erwähnen, ohne auch an Mendelssohn zu denken, der diese Sehenswürdigkeit in seiner Musik verewigt hat. Auch er unternahm eine Grand Tour, doch der in Berlin ansässige, assimilierte Jude trug zur ehrwürdigen adeligen Tradition eine Innovation bei: Statt zwischen dem keltischen Norden und Italien zu wählen, besuchte er beide. Er fuhr 1829 erst nach England und Schottland. Der Ossian-Fan Mendelssohn musste natürlich ins Hochland und auf die westlichen Inseln. In den Hebriden gab es damals schon eine Art Tourismus. Er durfte die Fingalshöhle von einem Dampfschiff aus betrachten.

Im folgenden Jahr fuhr er nach Italien und verbrachte den Winter in Rom, wo er in einem Haus an der Piazza di Spagna wohnte. Pflichtgemäß studierte er die Denkmäler des Altertums, war hingegen von der zeitgenössischen italienischen Musik wenig begeistert. Er arbeitete u.a. an der „Fingalshöhle“ und der „schottischen Symphonie“ – sein „protestantisches Herz“, das er in Briefen nach Deutschland ohne jegliche Ironie erwähnte, lag offensichtlich anderswo als im katholischen Rom. Dann reiste er weiter nach Neapel und bewunderte den Vesuv, doch für einen Besuch Siziliens reichte das Geld vom Vater nicht mehr aus. Goethe galt hier natürlich als der illustre Vorgänger; er lebte noch in Weimar und wurde von der Reise durch Briefe informiert. Mendelssohn reiste auf seinem Weg zurück nach Deutschland über die Schweiz, die ihm viel besser gefiel als Italien.

Aus dieser Grand Tour entstanden sowohl eine schottische als auch eine italienische Symphonie. Die italienische ist so einfach zu deuten – man glaubt, Italien vor sich zu haben, das lebensfrohe, bunte, sonnige Italien von Generationen deutscher Touristen. Die schottische Symphonie hingegen ist nicht besonders schottisch oder keltisch. Schwierig zu sagen, was sie eigentlich ausdrückt. Der Hörer kriegt keine sehr deutlichen, geistigen Bilder zu sehen, mit denen er die Musik verbinden könnte. Es herrschen eine melancholische Stimmung und ein Eindruck von romantischem Helldunkel, die vielleicht die düstere, herbe Landschaft hervorrufen sollen: eine ossianische Landschaft eben.

Autofahren in den 1920er-Jahren

Ich erzähle etwas mehr über meine Familie mütterlicherseits, über die Craigs. Sie waren wohlhabende Textilkaufleute in Derry, und obwohl Großvater Denis Craig 1915 plötzlich verstarb, lebten die Craigs dennoch gut. Sie waren eine weltoffene bürgerliche Familie. In den Zwanziger-Jahren waren sie unter den ersten in Derry, die einen Rundfunkapparat besaßen. Wie meine Mutter erzählte, war das damals ein Wunder in der Kleinstadt. Die Menschen versammelten sich immer wieder in einer Gruppe vor dem offenen Hausfenster in Clarendon Street, um die seltsamen Stimmen im Rundfunk zu hören.

In den Zwanziger-Jahren kauften sich die Craigs sogar ein Automobil. Sie fuhren sonntags hinaus in die Grafschaft Donegal. Inzwischen war Irland zwischen Nordirland und Freistaat geteilt, doch sie wollten keine Grenze erkennen. Die Craigs fühlten sich auf beiden Seiten der Grenze zuhause. Donegal beginnt sowieso nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, dann ist man schon über der Grenze und der nächste Halt ist der Badeort Buncrana. Craigs besaßen ein Ferienhaus in Buncrana.

Donegal ist bekanntlich eine Grafschaft, doch das ist eine späte administrative Erfindung der englischen Herrschaft, die nach der Ortschaft Donegal im Süden benannt wurde. Der Ortsname Donegal, auf Irisch Dún na nGall, bedeutet so etwas wie „Festung der Fremden“. Im Mittelalter war der Küstenort eine Festung der Wikinger. Später wurde er von den Engländern eingenommen und als Zentrum genutzt. Für die Irischsprachigen im Nordwesten geht es jedoch um zwei historisch zusammenhängende Gebiete (wie etwa Schleswig-Holstein): Inishowen (Inis Eoghain), die Halbinsel zwischen den beiden Meeresbuchten Lough Foyle und Loch Swilly, und Tyrconnell (Tír Chonaill) die Region weiter südwestlich an der Atlantikküste. Die Craigs selbst stammten ursprünglich aus Tír Chonaill, aber ihr Lieblingsausfluggebiet war Inishowen, das man von Derry aus schnell erreichte.

Auch ich als Kind lernte diese prächtige Landschaft kennen, eine wilde Landschaft wie das schottische Hochland mit Bergen, abgelegenen Dörfern und breiten Stränden am tosenden Atlantik, wo einen stets ein seltsames Gefühl von Unendlichkeit befiel. Wir waren immer in Derry in den Ferien, hielten es aber wie die Craigs und unternahmen Ausflüge über die Grenze nach Inishowen und sogar weiter nach Westen. Man befand sich dann wirklich am Rande der alten Welt. Man hatte nur den Meereshorizont vor sich und man wusste, der nächste Halt ist Amerika.

Aber zurück zur Familiengeschichte. Die Craigs kauften also eine pferdlose Kutsche, und Onkel Jo, der älteste Sohn, durfte sie fahren. Er fuhr aufs Land und in die abgelegenen Dörfer und meine Mutter sagte, die Bauernkinder, die noch nie so etwas wie ein Automobil gesehen hätten, seien mit ängstlichem Geschrei vor diesem schnaubenden Ungeheuer geflohen und hätten sich hinter den Hecken versteckt.

Das ging weiter so, bis Onkel Jo das Auto eines Tages in die Sperre eines Bahnübergangs der Derry-Buncrana-Schmalspureisenbahn fuhr und großen Sachschaden verursachte. Danach durfte er nicht mehr fahren. Wer später Auto fuhr, weiß ich nicht. Vielleicht Großonkel James, der weitgereiste Irischgelehrte – ich würde es seinem Pioniergeist zutrauen.

Die mahnende Statue

Auf der Brücke des Canal Grande in Triest sah ich die Statue von James Joyce. Es war eine Bronzestatue in Lebensgröße. Er ging über die Brücke, langsam, ruhig, eine Hand in der Hosentasche, wie ein Einheimischer, der den Weg kennt, nicht wie ein Tourist.

Kraft einer febrilen Geistesgegenwart vermochte ich den Meister folgendermaßen anzusprechen: „Don Giacomo, ich war eben auf der Piazza di Ponterosso nebenan und habe dort ein paar gute Restaurants gesehen. Haben Sie schon gegessen? Ich lade Sie zum Abendessen mit mir ein.“

Er lächelte ironisch. „Irdisches Essen kann ich nicht mehr verzehren. Und eine Statue, die zu Tische in einem Restaurant sitzt, würde die Kundschaft eher verscheuchen. Doch eine wichtige Aufgabe bringt mich hierher. Ich habe Ihnen etwas Wesentliches zu sagen. Hören Sie zu.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Diese Brücke ist ein Ort des Überganges. Ein Ort der Wahl, der Entscheidung. Schauen Sie nach rechts. Sie sehen Sant’Antonio Taumaturgo und diese charmanten Restaurants, wo Menschen ständig ein und aus gehen. Das ist die Stadt. Schauen Sie nach links. Über die vor Anker liegenden Segelboote hinweg sehen Sie das Meer, und vielleicht ein paar Schiffe, die hinaus in die Nacht fahren, Gott weiß wohin. Da haben Sie es. Meer oder Land. Ferne oder Heimat. Reisen oder Geborgenheit. Nun wählen Sie.“

„Muss ich wählen?“ fragte ich zögernd. „Ich habe nie wirklich gewählt.“

„Man kann nicht wirklich leben, bis man diese Wahl getroffen hat.“

„Haben Sie wirklich gewählt, Don Giacomo, wenn ich fragen darf?“

„Ja, ich habe gewählt. Deswegen bin ich ja hier. Ich habe meiner Frau einmal gesagt: ‚la mia anima è a Trieste.‘ Ich sage es Ihnen: Lassen Sie sich hier nieder, sonst bleiben Sie ein ewiger Wanderer auf dieser Erde. Wie der ewige Jude eben, den ich persönlich kenne.“

Ich nickte etwas traurig mit dem Kopf. Er lächelte wieder. „So. Bleiben Sie mit mir. Geben Sie mir die Hand darauf.“ Ich fasste nach seiner Hand. Sie war eiskalt.

„Sie gehören zu den Geistern“, sagte ich mit von Angst erstickter Stimme.

„Sie auch, oder? Sie sind nicht mehr jung. Gehören Sie nicht schon zu uns – Winckelmann, Svevo und mir, die wir alle nachts in Triest unterwegs sind – und nicht zu den Lebenden? Geben Sie Acht. Hören Sie zu. Ich habe keine Zeit mehr.“

Eine Menge gesprächiger junger japanischer Touristen erschien plötzlich aus einer Seitengasse und eilte auf die Brücke zu. Sie umgaben mich, bewunderten die Statue mit freudigem Lachen und lauten Kommentaren, ließen sich abwechslungsweise mit der Statue fotografieren und trieben mich weg in die Via Roma. Ich zog traurig weiter durch die Sommernacht.

Auf der langen Reise nach Wien

Als ich mit dreizehn von meinem Onkel Louis am Klavier in die Geheimnisse der großen Musik eingeweiht wurde, war Wien bald ein Begriff für mich. Wien war die Hauptstadt der großen Musik. Während der Onkel von Haydn, Mozart und Beethoven erzählte, vor allem Beethoven, den er als Riesen der Musik bewunderte, wurde Wien ständig erwähnt. Und als ich Bücher über die Musik las, nahm ich die Wiener Straßen und Paläste schrittweise in meine imaginäre Welt der Musik auf. Später erkannte ich, dass Wien auch eine Stadt der Ideen war, eine Stadt der Literatur. Es schien das Schicksal der deutschen Sprache zu sein, immer mit einer anderen Sprache, nämlich der Musik, verbunden zu sein und mit dieser in einem ewigen Kontrapunkt voranzuschreiten.

Wien war auch ein Begriff für den geistigen Normalverbraucher, das wusste ich schon. Operettenhaft. Ein Ort, wo man Champagner trank, oder eben Tokaier. Wo man Wiener Walzer tanzte. Für meinen Vater war Wien „Der dritte Mann“, sein Lieblingsfilm in jungen Jahren. Er wusste auch von Richard Tauber, dem berühmten Tenor, der 1938 nach England geflüchtet und dort geblieben war, und den man immer fein lächelnd, mit Monokel, Frack und Zylinder auf Schwarzweißfotos sah.

Wien war also eine optimistische Stadt, die irgendwie für schäumende Lebensfreude stand. Denn ohne den Stephansdom ist Wien verhältnismäßig jung, architektonisch keine mittelalterliche Stadt, was ihr schon eine gewisse Leichtigkeit verleiht, wie Camus bemerkte: „c’est une jeune fille parmi les villes. Les pierres n’y ont pas plus de trois siècles et leur jeunesse ignore la mélancolie.“

Andererseits hat Wien eine mittelalterliche Geschichte und die irischen Mönche waren fast von Anfang an dabei, unter dem Decknamen „Schotten“, und Schotten-dies und Schotten-das in der Innenstadt erinnern bis auf den heutigen Tag an deren Gegenwart. Der arme Onkel Louis, der für die Musik so Feuer und Flamme war, war selbst nie in Wien gewesen. Die Stadt war für ihn einfach außer Reichweite. Er lebte wie ein Grieche, der von Konstantinopel träumte, oder ein Jude, der von Jerusalem träumte, ohne je hingehen zu können.

Ich, der ich gottlob einer späteren, mobileren Generation angehörte, durfte schließlich nach Wien pilgern. In einer klirrend kalten Februarnacht stieg ich in der Ostschweiz dem Nachtzug „Wiener Walzer“ aus Zürich zu. Wie romantisch das war, als der Zug in den leeren Bahnhof einfuhr! Während der langen Reise durch die verschneite Landschaft Österreichs stieg leider die Heizung aus, auch in den Schlafabteilen erster Klasse. Trotzdem schlief ich die ganze Nacht mit einem Lächeln auf den Lippen. Am nächsten Morgen waren wir in Wien.

Ich erinnere mich vor allem an die Kälte, an den eisigen Wind, der von der ungarischen Puszta her wehte. Als ich mich in der Innenstadt provisorisch orientierte, dachte ich mir: Hier ist man mitten im deutschen Raum, denn Wien ist ein Zentrum. Dennoch fühlt man sich an der Peripherie, beinahe in Osteuropa. Wien ist ein Zentrum, das eigentlich immer wieder ein belagerter Außenposten war. Genau wie Konstantinopel. Konstantinopel aber fiel den Türken zu, Wien nicht. Das ist die Tücke der Geschichte.

Harte Grenze

Es ist schön, über Staatsgrenzen schnell und ohne Formalitäten fahren zu können. Das kann man innerhalb vom Schengenraum, zum Beispiel zwischen der Schweiz und Deutschland. Hoffentlich bleibt es so, Terrorismus hin oder her. Schnell über die Grenze kann man auch in Irland, zwischen der Republik und dem Norden. Bis auf weiteres.

Was die Sezession der Briten von der EU für die irisch-irische Grenze bedeuten wird, bleibt dahingestellt. Es heißt in den irischen Zeitungen, es könnte in Zukunft wieder eine „harte Grenze“ geben, nicht nur mit Zoll sondern auch mit Passkontrolle. In den letzten zwanzig Jahren war es wie ein Mini-Schengenraum und alles lief wie geschmiert, man war über die Grenze ohne es einmal wahrzunehmen.  Gerade deswegen sind die Iren außerhalb vom Schengen-Club geblieben, denn die Engländer waren nicht dabei und für Irland war eine „weiche“ irisch-irische Grenze wichtiger. Für Irland lautet die Alternative immer: eine weiche Grenze mit den Briten oder eine weiche Grenze mit den anderen Ländern Europas zu haben, aber nicht beides.

Wenn man also über die irisch-irische Grenze fährt, spürt man momentan nichts, nur hier und dort sieht man festungsähnliche Bauten der britischen Armee, die seit den „Troubles“ immer noch dastehen, „zum Frieden mahnend“, wie es auf dem Siegestor in München so schön geschrieben steht. Diese Blockhäuser der Briten erinnern einen an die schlechten alten Zeiten, als bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Nordirland herrschten und man auch in der Republik sich nicht ganz sicher fühlte.

Nun, diese alten Befestigungen könnten wieder bemannt werden, wenn es zu einem „harten Brexit“ kommt. Wem würde das etwas bringen? Niemandem, weder auf der Nordseite noch auf der Südseite der Grenze. Trotzdem waren die Anführer der loyalistischen Regierungspartei in Nordirland  für Brexit und sind es immer noch. Das ist alles nur ideologisch zu verstehen, glaube ich: Wenn Großbritannien allein stehen muss, ist es stärker, homogener, monolithischer, angelsächsischer und protestantischer, und wenn die Republik Irland im anderen Lager bleibt, umso besser – dann kann man die Wiedervereinigung des Landes effizienter verhindern.

Mittlerweile ist die irische Regierung natürlich nervös. Sie macht alles, damit die Engländer Nordirland von der Republik nicht isolieren – einfach als Nebeneffekt von Brexit. Nicht, dass die Engländer die wirtschaftliche Wiedervereinigung Irlands nicht wollen. Sie haben einfach andere Probleme im Kopf, und es kann ihnen ziemlich egal sein, was in Irland passiert. Auch in den anderen europäischen Ländern stößt das Problem der Iren nicht unbedingt auf großes Interesse.

Man kann nur bedauern, dass es mit der europäischen Einigung so stockend geht – ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Staatsgrenzen stehen wie alte Burgruinen oder Befestigungsmauern da. Sie erinnern den Reisenden daran, dass es hier einmal „ne plus ultra“ hieß, und dass es immer noch so heißen könnte.