Schlagwort-Archive: Auswanderung

Die mahnende Statue

Auf der Brücke des Canal Grande in Triest sah ich die Statue von James Joyce. Es war eine Bronzestatue in Lebensgröße. Er ging über die Brücke, langsam, ruhig, eine Hand in der Hosentasche, wie ein Einheimischer, der den Weg kennt, nicht wie ein Tourist.

Kraft einer febrilen Geistesgegenwart vermochte ich den Meister folgendermaßen anzusprechen: „Don Giacomo, ich war eben auf der Piazza di Ponterosso nebenan und habe dort ein paar gute Restaurants gesehen. Haben Sie schon gegessen? Ich lade Sie zum Abendessen mit mir ein.“

Er lächelte ironisch. „Irdisches Essen kann ich nicht mehr verzehren. Und eine Statue, die zu Tische in einem Restaurant sitzt, würde die Kundschaft eher verscheuchen. Doch eine wichtige Aufgabe bringt mich hierher. Ich habe Ihnen etwas Wesentliches zu sagen. Hören Sie zu.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Diese Brücke ist ein Ort des Überganges. Ein Ort der Wahl, der Entscheidung. Schauen Sie nach rechts. Sie sehen Sant’Antonio Taumaturgo und diese charmanten Restaurants, wo Menschen ständig ein und aus gehen. Das ist die Stadt. Schauen Sie nach links. Über die vor Anker liegenden Segelboote hinweg sehen Sie das Meer, und vielleicht ein paar Schiffe, die hinaus in die Nacht fahren, Gott weiß wohin. Da haben Sie es. Meer oder Land. Ferne oder Heimat. Reisen oder Geborgenheit. Nun wählen Sie.“

„Muss ich wählen?“ fragte ich zögernd. „Ich habe nie wirklich gewählt.“

„Man kann nicht wirklich leben, bis man diese Wahl getroffen hat.“

„Haben Sie wirklich gewählt, Don Giacomo, wenn ich fragen darf?“

„Ja, ich habe gewählt. Deswegen bin ich ja hier. Ich habe meiner Frau einmal gesagt: ‚la mia anima è a Trieste.‘ Ich sage es Ihnen: Lassen Sie sich hier nieder, sonst bleiben Sie ein ewiger Wanderer auf dieser Erde. Wie der ewige Jude eben, den ich persönlich kenne.“

Ich nickte etwas traurig mit dem Kopf. Er lächelte wieder. „So. Bleiben Sie mit mir. Geben Sie mir die Hand darauf.“ Ich fasste nach seiner Hand. Sie war eiskalt.

„Sie gehören zu den Geistern“, sagte ich mit von Angst erstickter Stimme.

„Sie auch, oder? Sie sind nicht mehr jung. Gehören Sie nicht schon zu uns – Winckelmann, Svevo und mir, die wir alle nachts in Triest unterwegs sind – und nicht zu den Lebenden? Geben Sie Acht. Hören Sie zu. Ich habe keine Zeit mehr.“

Eine Menge gesprächiger junger japanischer Touristen erschien plötzlich aus einer Seitengasse und eilte auf die Brücke zu. Sie umgaben mich, bewunderten die Statue mit freudigem Lachen und lauten Kommentaren, ließen sich abwechslungsweise mit der Statue fotografieren und trieben mich weg in die Via Roma. Ich zog traurig weiter durch die Sommernacht.

Neujahrsgedanken

Ein früherer Beitrag

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/01/01/o-neues-jahr-du-…ch-viel-erfahren/

ist jetzt im Videoformat zu sehen:

Craic – was ist das?

Ein Beitrag aus dem Jahr 2013

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/11/01/craic/

ist jetzt im Videoformat verfügbar:

Meine drei Inselreiche

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/09/12/drei-inselreiche

ist jetzt im Audioformat zu hören:

Bilder stammen aus Wikimedia Commons:
Glendalough (Foto: Wikipedia/Stefan Flöper)
Alberni Inlet (Foto: Scott Darbey)
Akaroa Harbour entrance, Canterbury, NS (Foto: Phillip Capper, Wellington)
Karten von Irland, Vancouver Island, Neuseeland: Author Nilfanion, Wikimedia Commons.

 

Terra irredenta

Ein Beitrag vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/11/28/terra-irredenta/

ist jetzt als Video verfügbar:

Äußere Immigration

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2014/01/10/geistig-abwesend/

ist jetzt als Video verfügbar:

 

Terra irredenta

Wenn man anderswo zu Hause ist, hat man eine differenzierte Beziehung zur Heimat. Es ist nicht die unkomplizierte unmittelbare Beziehung des Landsmannes zur heimischen Scholle oder die des Städters zur Vaterstadt. Wenn einer nicht in der Heimat lebt, ist die Hochburg seiner Identität ein verlorenes Zentrum. Man hat es vielleicht nicht einmal besessen. Die Eltern oder beispielsweise die Großeltern sind ausgewandert und im Heimatdorf erinnert sich niemand mehr an sie. Vielleicht wurde der Grundbesitz der Familie längst von anderen käuflich erworben oder sogar militärisch erobert. Je nachdem kann die Reise in die Heimat eine einfache oder eine heikle Erfahrung sein.

Der Irisch-Amerikaner reist zurück nach Irland, um seine Ahnen zu suchen (man kann nicht wirklich von „zurück“ sprechen, denn er wurde ja in den USA geboren und war noch nie zuvor in Irland). Die Chancen sind gut, dass er Ahnen vorfindet und nicht nur Tote auf dem Friedhof, sondern auch lebende Verwandte in der Dorfkneipe. Er nennt seinen Familiennamen, alle nicken mit dem Kopf, und jemand bestellt ihm sofort ein Bier.

Für gewisse Andere ist es nicht so einfach. Sie gehen in die alte Heimat zurück und ihr Dorf hat jetzt plötzlich einen anderen Namen in einer fremden Sprache. Ich denke da an Kinder der Vertriebenen, die zum ersten Mal hinter den ehemaligen Eisernen Vorhang reisen. Oder an amerikanische Juden, die nach Osteuropa fliegen: Sie kennen den Namen des Stetls, wo Bubbe und Zaide und die Landsleit einmal zu Hause waren, und finden Dörfer und Städte vor, in denen es keine Juden mehr gibt, nur noch Museen. Das sind alles Orte, aus denen unsereiner stammen, wo es unsereinen aber nicht mehr gibt.

Und das ist, für mich, was terra irredenta bedeutet. Es gibt einen Teil von uns, der jetzt in anderen Händen ist. Seit einer Generation, seit mehreren Generationen, ja vielleicht sogar seit Jahrhunderten. Wie Konstantinopel für die Griechen. Die Hagia Sophia wurde zu einer Moschee, später zu einem Museum. Was hat ein Grieche in Istanbul zu suchen? (Vor kurzem lernte ich zufälligerweise einen kennen, der mit der letzten Flüchtlingswelle in den 1950er Jahren ausgewandert ist, einen Mann in meinem Alter, der Ploutarchos heißt.)

Ja, terra irredenta. Nicht nur die terra ist irredenta, sondern auch wir oder ein Teil von uns, ein unerlöstes Ich – unerlöst, gerade weil es auf der anderen Seite der Grenze geblieben ist. So war meine Erfahrung in Ardstraw (Tyrone) im letzten Sommer, als ich die Ortschaft zum ersten Mal aufsuchte. Meine Ahnen, die Mac Con Midhe, die Bardensippe, hatten ihren Grundbesitz dort bis ins Spätmittelalter. Dann kamen im 17. Jahrhundert die Siedler aus Schottland und seitdem gehört das Land ihnen. Jetzt ist es Nordirland. Eine fremde Heimat. Nicht einmal Tote fand ich im Friedhof auf dem Hügel oberhalb des Dorfes. Ich sah mich in der schweigenden, grünen Landschaft um. „Hier gehörst du hin“, sagte ich leise zu mir selbst, „und hier hast du nichts zu suchen. Willkommen im Reich der Widersprüche.“