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Terra irredenta

Wenn man anderswo zu Hause ist, hat man eine differenzierte Beziehung zur Heimat. Es ist nicht die unkomplizierte unmittelbare Beziehung des Landsmannes zur heimischen Scholle oder die des Städters zur Vaterstadt. Wenn einer nicht in der Heimat lebt, ist die Hochburg seiner Identität ein verlorenes Zentrum. Man hat es vielleicht nicht einmal besessen. Die Eltern oder beispielsweise die Großeltern sind ausgewandert und im Heimatdorf erinnert sich niemand mehr an sie. Vielleicht wurde der Grundbesitz der Familie längst von anderen käuflich erworben oder sogar militärisch erobert. Je nachdem kann die Reise in die Heimat eine einfache oder eine heikle Erfahrung sein.

Der Irisch-Amerikaner reist zurück nach Irland, um seine Ahnen zu suchen (man kann nicht wirklich von „zurück“ sprechen, denn er wurde ja in den USA geboren und war noch nie zuvor in Irland). Die Chancen sind gut, dass er Ahnen vorfindet und nicht nur Tote auf dem Friedhof, sondern auch lebende Verwandte in der Dorfkneipe. Er nennt seinen Familiennamen, alle nicken mit dem Kopf, und jemand bestellt ihm sofort ein Bier.

Für gewisse Andere ist es nicht so einfach. Sie gehen in die alte Heimat zurück und ihr Dorf hat jetzt plötzlich einen anderen Namen in einer fremden Sprache. Ich denke da an Kinder der Vertriebenen, die zum ersten Mal hinter den ehemaligen Eisernen Vorhang reisen. Oder an amerikanische Juden, die nach Osteuropa fliegen: Sie kennen den Namen des Stetls, wo Bubbe und Zaide und die Landsleit einmal zu Hause waren, und finden Dörfer und Städte vor, in denen es keine Juden mehr gibt, nur noch Museen. Das sind alles Orte, aus denen unsereiner stammen, wo es unsereinen aber nicht mehr gibt.

Und das ist, für mich, was terra irredenta bedeutet. Es gibt einen Teil von uns, der jetzt in anderen Händen ist. Seit einer Generation, seit mehreren Generationen, ja vielleicht sogar seit Jahrhunderten. Wie Konstantinopel für die Griechen. Die Hagia Sophia wurde zu einer Moschee, später zu einem Museum. Was hat ein Grieche in Istanbul zu suchen? (Vor kurzem lernte ich zufälligerweise einen kennen, der mit der letzten Flüchtlingswelle in den 1950er Jahren ausgewandert ist, einen Mann in meinem Alter, der Ploutarchos heißt.)

Ja, terra irredenta. Nicht nur die terra ist irredenta, sondern auch wir oder ein Teil von uns, ein unerlöstes Ich – unerlöst, gerade weil es auf der anderen Seite der Grenze geblieben ist. So war meine Erfahrung in Ardstraw (Tyrone) im letzten Sommer, als ich die Ortschaft zum ersten Mal aufsuchte. Meine Ahnen, die Mac Con Midhe, die Bardensippe, hatten ihren Grundbesitz dort bis ins Spätmittelalter. Dann kamen im 17. Jahrhundert die Siedler aus Schottland und seitdem gehört das Land ihnen. Jetzt ist es Nordirland. Eine fremde Heimat. Nicht einmal Tote fand ich im Friedhof auf dem Hügel oberhalb des Dorfes. Ich sah mich in der schweigenden, grünen Landschaft um. „Hier gehörst du hin“, sagte ich leise zu mir selbst, „und hier hast du nichts zu suchen. Willkommen im Reich der Widersprüche.“

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Aus der Neuen Welt

Ich bin in Vancouver zu Besuch. Hier gibt es Berge und Ozean zugleich. Ich könnte in der Schweiz sein, und ich könnte auch in Irland sein. Es ist herrliches Herbstwetter. Von der Wohnung aus sehe ich das Meer vor der Stadt und weiter im Hintergrund die Olympischen Berge des Bundesstaates Washington auf der amerikanischen Seite der Bucht.

Am 9. September abends habe ich dem 50. Jubiläum meiner Universität beigewohnt. Alte Kommilitonen und ihre Ehepartner waren dabei, und ich konnte mit ihnen bei einem Glas Wein plaudern. Eine deutsche Dame, Frau eines emeritierten Spanisch-Professors, erzählte mir von ihrem Aufwachsen in Ostpreußen, von der Flucht der Familie nach Hamburg 1945, und von ihrer späteren Auswanderung nach Kanada.

Vancouver ist eine Millionenstadt, in der es Menschen aus allen Erdteilen gibt. Das bedeutet aber nicht, dass Vancouver eine kosmopolitische Stadt ist wie eine Großstadt in Europa, die bei aller Zuwanderung sowieso ihren eigenen Charakter hat. Vancouver ist und bleibt ein unbeschriebenes Blatt, ein offener Raum wo die verschiedensten Menschengruppen aus aller Herren Länder Aufenthalt finden. Diese Menschen leben in ihren eigenen, gesonderten Welten, die grundsätzlich Sprachwelten sind. Hier ist die Großstadt nur eine Kulisse für diese unabhängigen Sprachwelten, und zwischen den Sprachwelten gibt es wenig Dialog, sie sind fast hermetisch, es sei denn, ein Spanischsprachiger kann zufällig Deutsch oder umgekehrt. Für den öffentlichen Raum, den öffentlichen Austausch, dient das Englische, das ebenso funktional und charakterlos ist wie die Hochhäuser und Einkaufszentren.

Nur die Chinesen, die in Vancouver immer zahlreicher und einflussreicher werden, haben vielleicht die Möglichkeit, ihre Sprachwelt auszudehnen. Chinesische Ladenschilder und Plakate sieht man jetzt überall, nicht nur in Chinatown. Niemand außer den Chinesen kann sie lesen, denn kein Weißer, kein anderer lernt Chinesisch. Noch – Aber so wird es nicht lange bleiben. Ein schlummernder Riese erwacht.

Giacomo/James und Italo/Aron

James Joyce war ein guter Einwanderer, die Art von Einwanderer, die man sich heutzutage in Europa wünscht. Er ließ sich in Triest nieder und integrierte sich beispielhaft. Er wurde zu Giacomo Joyce. Zu Hause wurde Italienisch gesprochen, Triestiner Dialekt sogar. Als die Familie später nach Frankreich und in die Schweiz zog, sprachen die Kinder zu Hause immer noch Triestiner Italienisch.

Warum wählte Joyce Triest und warum blieb er dort so lange? Er wollte unbedingt weg von Dublin, wo er erstickte. Auch bei Triest gab es das Meer, was für einen Dubliner sehr wichtig ist, experto credite. Doch es ist so eine Sache mit dem Auswandern: Wenn man aus seiner Heimat flüchtet, sucht man meistens gerade diese Heimat in anderer Gestalt, an anderen Ufern auf.

Genau wie Dublin, eine irische Stadt, jedoch historisch ein Fremdkörper in Irland, war Triest ein Ort der Ambivalenz. Als sich Joyce dort niederließ, gehörte Triest zur Donaumonarchie. In Pola saß die k. u. k. Kriegsmarine; Rilke kam zu Besuch bei den Thurn und Taxis in Duino und hörte Engelsstimmen rufen, natürlich auf Deutsch; und der unglückliche Habsburger Prinz Maximilian hatte sein Schloss Miramare nebenan, bevor er nach Mexiko ging, um dort Kaiser zu werden, und vor einem Erschießungskommando endete. Doch die Umgangssprache in Triest war italienisch, ein eigener Dialekt sogar, und Joyce nahm diesen an. Er nannte sich bald Giacomo.

Dann aber brach der Erste Weltkrieg aus und die Region wurde verwüstet. Doch am Ende bekamen die Italiener, die sich unter den Siegermächten befanden, ihre terra irredenta, auch Triest.

In Triest fand Joyce nicht nur eine janusköpfige Stadt vor, sondern auch janusköpfige Freunde. Darunter vor allem Aron Ettore Schmidt, den Triestiner deutsch-jüdischer Herkunft, der sich Italo Svevo, also der italienische Schwabe (ein gewagter Scherz!), nannte. In Joyces Denken wurde dieser zu Leopold Bloom, dem Dubliner Juden in Ulysses. Das waren also zwei Gesellen, zwei Schriftsteller, die souverän mit Identitäten spielten, doch wohlgemerkt mit ihren eigenen. Gerade hier, in einer Stadt mit fragwürdiger, wechselnder Identität, konnten sie dieses Spiel zum Besten geben.

Italo/Aron war mit Triest eng verbunden. Es wird erzählt, dass er so stark Triestiner Dialekt sprach, dass er von den beabsichtigten Schwiegereltern als Freier abgelehnt wurde. Auch James/Giacomo war, wie schon gesagt, ein Freund des Dialekts. Wenn man eine neue Identität findet, ist diese oft nicht kosmopolitisch, sondern lokal. Denn das Kosmopolitische kann nicht Heimat sein, nur das, was lokal ist. Und was lokal ist, muss schon die Heimat anderer sein.

Giacomo/James und Italo/Aron waren Brüder. Das sah James ein, der in der Ferne war. Er gehörte nicht zur Stadt, und doch leistete er die geistige Arbeit, um dorthin zu gehören. Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wäre er geblieben. Der Freund gehörte zur Stadt, doch als Jude mit einem deutschen Namen blieb er ein Fremdkörper. Aber auch James fühlte, dass er in seiner Vaterstadt Dublin ein Fremdkörper war, und musste weg. Er suchte sich eine kosmopolitische Identität aus, wie der Jude, der natürliche Vermittler zwischen Kulturen, da er immer abseits von beiden steht. Diese Identität wurde jedoch lokal und gemütlich wie ein Triestiner Café.

Ich kenne inzwischen alle Triestiner Cafés, in denen sich Giacomo und Aron trafen. Menschen wie sie suchen irgendwo Halt, am liebsten in Zwischenspalten, an Übergangspunkten, im Niemandsland. Sie lassen sich gerne an Grenzen nieder, denn sie sind die Grenzgänger der Kultur, in einem Sinne, von dem die anderen nur träumen können.

 

Die schwarzen Iren (2)

Heutzutage wird das Thema „schwarze Iren“ wieder aktuell, doch in einem anderen Sinne. Als Präsident Barack Obama vor ein paar Jahren in Irland zu Besuch war, hieß es plötzlich, auch er habe irische Vorfahren. Es wurde unter den Iren darüber geschmunzelt – alle amerikanischen Präsidenten müssen einen irischen Ahnherrn aufweisen können, warum nicht auch dieser sympathische Exot? Logisch: Man wusste, dass sein Vater aus Afrika stammte, seine Mutter aber eine Weiße war.

Im Nachhinein stellte sich dann aber heraus, dass Frau Michelle Obama, die als eine typische oder normale amerikanische Schwarze gilt, auch irische Vorfahren hat.

In Irland verursachte das eine gewisse Bestürzung. Schwarze sind kein Teil des herkömmlichen Epos der Irisch-Amerikaner. In den 1960er-Jahren hatten viele Iren in Irland Mitleid mit dem Ringen der amerikanischen Schwarzen um ihre Bürgerrechte, denn sie hatten als Helotenvolk selbst jahrhundertelang gelitten. Im Zusammenhang mit den Iren wurde eben der Ausdruck „weiße Neger“ immer wieder verwendet: Die Iren seien die weißen Neger der angelsächsischen Welt und würden als solche immer und überall schlecht behandelt. In Québec begannen die Franko-Kanadier inzwischen von sich als „nègres blancs d’Amérique“[1] zu sprechen, um darauf hinzuweisen, wie schlecht sie von den Anglo-Kanadiern behandelt wurden.

In Amerika wurden die Iren im 19. Jahrhundert zwar aufgenommen – man brauchte ja Arbeitskräfte – aber oft ziemlich respektlos empfangen. Schlecht behandelt und ebenso verachtet wie die farbigen Einwanderer aus exotischeren Gebieten des britischen Empires wurden die irischen Einwanderer aber vor allem in England. Es war auch kein Geheimnis, dass die Irisch-Amerikaner sich ebenso rassistisch benehmen konnten wie andere weiße Amerikaner. Schon im amerikanischen Bürgerkrieg hatte es Iren auf beiden Seiten gegeben.

Trotzdem begannen irische Journalisten und Forscher jetzt langsam Geschichten hervorzukramen, in denen sich ausgewanderte Iren in Amerika in Schwarze verliebt, geheiratetet und Nachwuchs gezeugt hatten. Im 19. Jahrhundert habe es sogar einen amerikanischen katholischen Bischof gegeben, der genau so ein Mischling war. Man bekam jetzt den Eindruck, dies könnte die Spitze eines Eisberges sein. Wie viele solche Mischlinge kann es gegeben haben, und was wurde aus ihnen?

Das ist aber ein Abgrund und auch ein Tabuthema. In Amerika ist man entweder schwarz oder weiß, kein tertium quid ist erlaubt: Mischlinge existieren nicht als Kategorie. Wenn man ein bisschen schwarz ist, ist man schwarz, und basta. Denn so habe es der liebe Gott gewollt: Weiß und schwarz schuf er sie, und so sollten sie bleiben, bis in alle Ewigkeit, Amen. Doch Amerika im 19. Jahrhundert war groß und die Männer wurden einsam. Die damaligen Einwanderer aus Europa haben dieses große Tabu der amerikanischen Gesellschaft oft nicht respektiert, und die Iren waren offensichtlich voll dabei. Deswegen gibt es heute „schwarze Iren“ bzw. „irische Schwarze“. Doch darüber wollen Amerikaner, ob weiß oder schwarz, heute kaum noch sprechen.

 

[1] Der Ausdruck stammt von Pierre Vallières, der 1968 eine berühmte Streitschrift veröffentlichte: Nègres blancs d’Amérique.

 

Die schwarzen Iren (1)

Als ich in Nordamerika lebte, bekam ich zum ersten Mal von den „schwarzen Iren“ zu hören. Eine amerikanische Frau erzählte mir, zum Beispiel, ihr Mann sei „black Irish“. Die Betonung lag auf der ersten Silbe, es ging also um Iren, die irgendwie schwarz waren, im Gegensatz zu anderen Iren, die nicht schwarz waren. Was konnte das bedeuten? Es konnte sich kaum um Iren afrikanischer Herkunft handeln, denn ich sah den guten Mann kurz danach und er war so weiß wie ich, nur hatte er schwarze Haare, wie ich übrigens auch. Ich dachte an die europäischen Bedeutungen von schwarz: eher politische. In Deutschland bedeutete „schwarz“ immer CDU, in der Schweiz CVP. Die Schwarzen waren die Katholiken, strenge, kompromisslose Katholiken. In Nordirland hingegen bedeutete dies protestantisch und antikatholisch. Von einer alten Dame hörte ich einmal sagen: „Och, she’s a black Protestant – very bitter against Roman Catholics.“ Könnte es also sein, fragte ich mich, dass die „black Irish“ protestantische Auswanderer waren, die in Amerika als Orangisten auftraten und sich von den anderen Iren unterschieden? Aber nein, es war etwas viel Einfacheres, wie sich endlich herausstellte: Es ging um einen bestimmten physischen Menschentyp, den eher kleinen, dunklen, stämmigen, sehr schwarzhaarigen Typ, im Vergleich zum häufiger auftretenden irischen Typ, der größer, bleicher und oft rothaarig ist. Die Amerikaner hatten einen Unterschied bemerkt, den wir selber nicht kannten. Aber es ist so. Es gibt diesen bestimmten Typ in Irland. Jene Menschen sehen eher aus wie Spanier. Auch haben sie ein geographisches Herkunftsgebiet: Man findet sie im Westen, vor allem in Connemara.

Gemäss einer irischen Legende haben viele Seemänner der gescheiterten spanischen Armada 1588 an der Westküste Irlands Unterschlupf gefunden und sind dort geblieben, wo sie sich mit der irischen Bevölkerung vermischten. Daher gebe es im Westen so viele spanisch aussehende Menschen. Kann es aber sein, dass diese Spanier so zahlreich waren und sie sich so fleißig vermehrten, dass sie die allgemeine Bevölkerung beeinflussten? Es ist sicher nur eine Legende. Aber es gibt eine andere Erklärung: Vor der Ankunft der gälischen Kelten wohnten nicht keltische Stämme in Irland. Könnte es vielleicht sein, dass diese in den Westen verdrängt wurden und dort blieben?

Diese Sache interessierte Pokorny, der eine berühmte Theorie über ein Substrat in der irischen Sprache formulierte[1]. Der Beweis dieses nicht indogermanischen Elements im Irischen sah er als einen physischen: zwei Rassen. Er behauptete, dass die altirische Literatur „einen deutlichen Gegensatz zwischen hochgewachsenen blonden Menschen einerseits und kleinen brünetten Menschen andererseits macht, die mit wenigen Ausnahmen als sozial und moralisch minderwertig geschildert werden.“ Die frühere, vorkeltische Bevölkerung, wahrscheinlich Hamiten aus Nordafrika (über Spanien eingewandert?), wurde also nach der keltischen Eroberung zu Heloten, und die großen, rothaarigen Kelten wurden zum Herrenvolk.

Na, ja. Vielleicht.

[1] Pokorny, Julius, „Das nicht indogermanische Substrat im Irischen”, Zeitschrift für celtische Philologie 16, 1927.

Ein unrühmlicher Tod

Das großväterliche Haus war ein ziemlich großes, viel größer als mein Elternhaus. Es stammte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, und wie viele bürgerliche Häuser in Dublin war es aus rotem Backstein gebaut. Alles an diesem Haus kam mir als kleiner Junge altmodisch vor: Um die Eingangstür herum war buntes Glas, wie in einer Kirche. Im großen Wohnzimmer stand ein Klavier. Niemand konnte es spielen, denn die Familie war nicht musikalisch, aber es war ein bürgerliches Wohnzimmer und ein Klavier gehörte einfach dazu.

Im Speisezimmer waren zwei Fenstertüren, die in den Garten führten. An Sommertagen standen sie offen. Draußen sah man einen Rasen und einen großen Apfelbaum. Es war schön, als Kind unter dem Apfelbaum zu sitzen. Doch der Baum trug keine essbaren Äpfel. Es waren nur kleine, verwachsene, grüne Früchte und wenn man hineinbiss, schmeckten sie immer bitter. Früher seien die Äpfel gut gewesen, sagte man mir. Auch ein Baum wird alt.

Die Großmutter war Anfang der 1950er-Jahre gestorben – ich habe sie nie kennengelernt und sah sie nur auf Fotos. Als Witwer wurde Großvater völlig abhängig von seinen erwachsenen Söhnen und vor allem von der einzigen Tochter, die ihm den Haushalt führte. Eines Abends waren die Sprösslinge im Ausgang, sie kamen spät nach Hause und fanden Großvater am Kamin bei ausgebranntem Feuer sitzend. „Warum hast Du keine Kohle nachgelegt?“ fragten sie ihn erstaunt. „Ich wusste nicht, wo sie ist“, lautete die verlegene, halb entrüstete Antwort.

Die Söhne zogen langsam von zuhause weg, einer nach England, einer nach Kanada und einer nach Neuseeland. Doch mein Vater blieb in Dublin und während ich dort aufwuchs, waren wir oft bei Großvater zu Besuch. Er wohnte immer noch im alten Elternhaus mit meiner ledig gebliebenen Tante, die zu ihm schaute. In seinen letzten Jahren war er oft krank. Der Greis saß vor dem Kamin und hatte oft Hustenanfälle, wie ich mich erinnere.

Großvater starb einen eher unrühmlichen Tod. Eines Morgens rief die Tante in großer Aufregung bei uns an. Der Alte war aus seinem Krankenbett aufgestanden, um zur Toilette zu gehen. Er bekam einen Herz- oder Schlaganfall und fiel neben der Toilette tot um. Ich dachte an Großvater, als ich vom Tod Elvis Presleys erfuhr: Auch er hatte einen Herzanfall erlitten und wurde tot neben der Toilette aufgefunden.

Mein Vater verbrachte die Todesnacht im großväterlichen Haus, da es in Dublin Brauch war, dass Familienmitglieder im Haus Totenwache halten. Man machte das, nehme ich an, um die Nacht im Gebet neben dem Toten zu verbringen. Aber mein Vater betete wohl kaum. Er hatte Gewerkschaftsgeschäfte zu erledigen, saß am Tisch im Speisezimmer und arbeitete die ganze Nacht über.

Als Großvater starb, war ich zehn Jahre alt. Das war mein erster Umgang mit dem Tod. Ich ging nicht zur Beerdigung, das wurde nicht erwartet. Großvater hat mir zwar gefehlt, aber ich hatte nicht den Eindruck, mit ihm den historischen Faden zur Vergangenheit verloren zu haben. Nein, mein Vater stammte auch aus jener Welt und die Geschichten, die er von sich selbst erzählte, schienen sich mit denen über Großvater nahtlos zu decken. Das war eine einzige lange Familiengeschichte, die zurück ins 19. Jahrhundert reichte und die großen Ereignisse der modernen irischen Geschichte mit einschloss.

 

Der ewige Ire

Aus der Legende kennen wir Ahasuerus, den ewigen Juden. Er ist der Inbegriff der Juden, die seit der Antike im Exil, in der sogenannten Diaspora in ganz Europa lebten. Durch einen göttlichen Fluch war Ahasuerus verurteilt, ewig zu wandern, behaupteten die Christen. Doch meistens war es die Verfolgung, die die Juden von Stadt zu Stadt und von Land zu Land trieb. Die irischen Juden, wie viele in England, sind am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Sog der großen russischen Pogrome gekommen.

Die Juden hatten einmal ihre Heilige Stadt und den Tempel zu Jerusalem. Die Römer zerstörten diese und die Juden hatten kein Zentrum mehr, dafür aber das Heilige Buch, das sie wie eine Bundeslade in der Wüste mit sich trugen. Eine Diaspora hat kein Zentrum.

In der Neuzeit sind die Iren wie die Juden viel gewandert und haben zahlreiche Nachkommen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Heutzutage nennt man das eben die irische Diaspora, eine euphemistische Formulierung, die positiver klingt als etwa „die Iren im Exil“.

Die irische Auswanderung wurde bisher immer als Fluch empfunden, da das Land zu arm war, um seiner zahlreichen Bevölkerung ein Dasein zu gewährleisten. Katastrophale Ereignisse verursachten immer wieder Auswanderungswellen. Das waren nicht gerade Pogrome, sondern politische und religiöse Tyrannei, Vertreibungen und die große Hungersnot von 1847. Wir Iren haben immer noch das Gefühl, die Auswanderung sei von einem tragischen Schicksal unseres Volkes getrieben.

Früher aber sind die Iren nicht immer ungerne ausgewandert. Die Mönche im Mittelalter machten ihre peregrinatio pro Christo auf dem europäischen Festland. Zu einem gewissen Zeitpunkt machten ihnen die Angriffe der Wikinger das Leben in Irland schwer, doch die Städte und Klöster Europas hatten auch ihren Reiz für die Inselbewohner. Im 17. Jahrhundert waren es die Géanna Fiáine, die „Wilden Gänse“, jene irischen Aristokraten und Berufssoldaten, die von der englischen Herrschaft vertrieben wurden und in den Dienst der Könige von Frankreich und Spanien, der österreichischen Kaiser und der Päpste traten – und oft Karriere machten. Auch gab es die Gelehrten und Kleriker, die sich vor allem in Löwen und Salamanca, in Paris und Rom niederließen.

Heutzutage wandern die jungen Iren eher als Abenteurer aus, wie die jungen Amerikaner, die als Rucksacktouristen um die Welt reisen. Auch für diejenigen, die wegen mangelnder Arbeitsgelegenheiten zu Hause in ferne Länder ziehen müssen, ist es nicht mehr so tragisch, denn das Flugzeug hat die Distanzen verringert und man kann in den Ferien zurückkommen.

Gibt es den „ewigen Iren“ also, der der Wanderlust ergeben ist, der sogar gerne hinaus in die weite Welt reist, weil ihm die Auswanderung nicht als Schicksal erscheint, sondern als Chance? Vielleicht, da er als Europäer nicht nur peripher ist, sondern auch zentrifugal. So ist es bei den Nationen, die am Rande Europas leben. Etwas zieht sie vom Zentrum weg. Die Griechen haben den Nahen Osten. Wir haben den Atlantik. Wir hören das Toben der Wellen, wir riechen die Meeresluft, wir sehen den endlosen Horizont, und wie gebannt ziehen wir fort, wie einst der Held und Dichter Ossian, der auf Niamhs Zauberpferd, das übers Wasser reiten konnte, in den Westen zog und dreihundert Jahre fernblieb.