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Harte Grenze

Es ist schön, über Staatsgrenzen schnell und ohne Formalitäten fahren zu können. Das kann man innerhalb vom Schengenraum, zum Beispiel zwischen der Schweiz und Deutschland. Hoffentlich bleibt es so, Terrorismus hin oder her. Schnell über die Grenze kann man auch in Irland, zwischen der Republik und dem Norden. Bis auf weiteres.

Was die Sezession der Briten von der EU für die irisch-irische Grenze bedeuten wird, bleibt dahingestellt. Es heißt in den irischen Zeitungen, es könnte in Zukunft wieder eine „harte Grenze“ geben, nicht nur mit Zoll sondern auch mit Passkontrolle. In den letzten zwanzig Jahren war es wie ein Mini-Schengenraum und alles lief wie geschmiert, man war über die Grenze ohne es einmal wahrzunehmen.  Gerade deswegen sind die Iren außerhalb vom Schengen-Club geblieben, denn die Engländer waren nicht dabei und für Irland war eine „weiche“ irisch-irische Grenze wichtiger. Für Irland lautet die Alternative immer: eine weiche Grenze mit den Briten oder eine weiche Grenze mit den anderen Ländern Europas zu haben, aber nicht beides.

Wenn man also über die irisch-irische Grenze fährt, spürt man momentan nichts, nur hier und dort sieht man festungsähnliche Bauten der britischen Armee, die seit den „Troubles“ immer noch dastehen, „zum Frieden mahnend“, wie es auf dem Siegestor in München so schön geschrieben steht. Diese Blockhäuser der Briten erinnern einen an die schlechten alten Zeiten, als bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Nordirland herrschten und man auch in der Republik sich nicht ganz sicher fühlte.

Nun, diese alten Befestigungen könnten wieder bemannt werden, wenn es zu einem „harten Brexit“ kommt. Wem würde das etwas bringen? Niemandem, weder auf der Nordseite noch auf der Südseite der Grenze. Trotzdem waren die Anführer der loyalistischen Regierungspartei in Nordirland  für Brexit und sind es immer noch. Das ist alles nur ideologisch zu verstehen, glaube ich: Wenn Großbritannien allein stehen muss, ist es stärker, homogener, monolithischer, angelsächsischer und protestantischer, und wenn die Republik Irland im anderen Lager bleibt, umso besser – dann kann man die Wiedervereinigung des Landes effizienter verhindern.

Mittlerweile ist die irische Regierung natürlich nervös. Sie macht alles, damit die Engländer Nordirland von der Republik nicht isolieren – einfach als Nebeneffekt von Brexit. Nicht, dass die Engländer die wirtschaftliche Wiedervereinigung Irlands nicht wollen. Sie haben einfach andere Probleme im Kopf, und es kann ihnen ziemlich egal sein, was in Irland passiert. Auch in den anderen europäischen Ländern stößt das Problem der Iren nicht unbedingt auf großes Interesse.

Man kann nur bedauern, dass es mit der europäischen Einigung so stockend geht – ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Staatsgrenzen stehen wie alte Burgruinen oder Befestigungsmauern da. Sie erinnern den Reisenden daran, dass es hier einmal „ne plus ultra“ hieß, und dass es immer noch so heißen könnte.

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Weihnachten im alten Imperium

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/12/19/weihnachten-im-alten-imperium/

ist jetzt im Videoformat verfügbar:

Bilder

Karte Sri Lanka: von NordNordWest, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Karte, Südindien und Sri Lanka: von Joshua Jonathan (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Karte Irland: Author Nilfanion, Wikimedia Commons.

Photo von Sri Lanka: von Colby Otero from Brooklyn, USA (Tangalla Morning  Uploaded by Ekabhishek) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Melancholie am Strand

Vancouver, wo ich mich zurzeit aufhalte, ist nicht Britisch-Kolumbien, und Britisch-Kolumbien ist nicht Vancouver. Sobald man von der Großstadt wegkommt, deren Energie und Dynamik weitgehend von ihrer asiatischen Bevölkerung herrührt, befindet man sich in einer anderen Welt. Ich kapierte das nicht ganz, als ich in diesen Breitengraden wohnte, aber die pazifische Nordwestküste ist eigentlich ein melancholischer Ort. Schön, aber melancholisch. Hier gibt es wenig Energie. Es herrscht eher das Nirwana-Prinzip. An einem Strand sitzend, spürt man die Nutzlosigkeit des menschlichen Handelns. Man fragt sich: Wozu? Und man schaut einfach auf die Weißkopfseeadler, die im Herbstnebel dahinschweben, fast ohne die großen, schwarzen Flügel zu bewegen. Man hört das einsame Klagen der Seemöwen in der Ferne und fügt sich dem Rhythmus der rauschenden Wellen, die aus einer endlosen Quelle ans Land kommen. Ich finde das alles im höchsten Grade melancholisch.

Fremde Orte findet man melancholisch, nicht die eigene Heimat. Um einen Ort melancholisch finden zu können, denke ich, muss man dort nicht leben. Als ich vor ein paar Tagen zu meiner erwachsenen kanadischen Tochter sagte, dass die Küste melancholisch sei, war sie überrascht und konnte nicht viel damit anfangen.

Dann erinnerte ich mich an die Engländer in Irland. Die finden Irland immer melancholisch, wenn sie auf Besuch kommen (so war es zumindest lange Zeit). Die Iren finden Irland nicht melancholisch. Im Gegenteil, das Leben macht ihnen grundsätzlich Spaß. Wahrscheinlich projizieren die Engländer nur, und zwar ihre eigenen Schuldgefühle: Sie haben immer dafür gesorgt, dass die irische Geschichte melancholisch war.

Oder vielleicht wird ihnen irgendetwas Unbewusstes auf einmal klar. Manchmal sprechen uns gewisse Landschaften an. Wir sehen sie zum ersten Mal und fühlen uns von ihnen angesprochen. Es geht sicher um etwas Verborgenes oder Unausgedrücktes tief in uns. Man könnte sagen, eine innere Landschaft des Gefühls. Die Engländer haben eine unterdrückte keltische Seite. Diese wird von ihnen auf die Iren, die Schotten und die Waliser projiziert, steckt jedoch in ihnen selbst: England war ursprünglich keltisches Territorium. Sicher spüren die Engländer eine gewisse Melancholie, eine Art Trauer um die verlorene keltische Seele. Diese drückt sich in ihrer Lyrik aus, von Milton bis Keats. Robert von Ranke Graves hat das alles in seinen Büchern ausgiebig erforscht und dokumentiert.

Die Engländer betrachten sich nicht wirklich als melancholisch, die Franzosen hingegen sehen die Engländer so. Für die Franzosen ist der ganze Bereich der Melancholie und der Depression eine englische Spezialität, mitsamt „la morgue anglaise”, jener hochmütigen Trauer, die vor allem englischen Aristokraten anhaftet. Im 19. Jahrhundert eigneten sich die Franzosen das Wort “spleen” aus dem Englischen an als Ausdruck für melancholische Stimmungen und Tendenzen an. Dass sie sich für diesen Begriff ein englisches Wort leihen mussten, ist für sie kein Wunder.

Gestern, als ich Vancouver Island an Bord einer Fähre verließ und nach Vancouver zurückfuhr, war ich froh, dass ich mich sozusagen wie Odysseus an den Mast hatte binden lassen, denn sonst wäre ich drüben geblieben und hätte mich dem melancholischen Sirenengesang der Pazifikküste völlig hingegeben.

 

 

Yeats, der Nationaldichter

Vor 150 Jahren wurde Yeats geboren. Er ist der große Nationaldichter des modernen Irlands. Seine Gedichte stehen immer noch in den Schulbüchern. Auch wenn irische Politiker oder Denker etwas Feierliches über Irland sagen wollen, zitieren sie meistens Yeats.

Warum gilt er als Nationaldichter? Er scheint für diese Rolle irgendwie ungeeignet. Er schrieb nur auf Englisch, konnte kein Irisch. Außerdem war er nicht Ire gälischer Herkunft, sondern Anglo-Ire. Seine Leute kamen im 17. Jahrhundert aus England und in seinem eigenen Leben verbrachte Yeats viel Zeit in England.

Was wir aber trotzdem in den Schulbüchern bei ihm fanden, war eine irische Identität. Ich kann die Seiten im Schullesebuch noch heute visualisieren, als ob es erst gestern gewesen wäre. Schon als Zehnjähriger war ich von Dichtung fasziniert, doch ich hatte fast ausschließlich englische Dichter gelesen. Hier war etwas, das uns gehörte.

Das erste Gedicht von Yeats, das ich las, war „The stolen child“, über ein Kind, das von Feen gestohlen wird und ins Feenreich geht:

Where dips the rocky highland
Of Sleuth Wood in the lake,
There lies a leafy island
Where flapping herons wake
The drowsy water rats;
There we’ve hid our faery vats,
Full of berries
And of reddest stolen cherries.
 
Das zweite Gedicht war „The wild swans at Coole“, über Schwäne, die er auf einem See sah, jedoch mit Anspielungen auf den Mythos „Clann Lir“, eine der „drei traurigen Erzählungen Irlands“, die von vier Königskindern handelt, die durch einen Zauber in Schwäne verwandelt werden und 900 Jahre im Exil leben müssen. Es verschlug mir den Atem, als ich plötzlich begriff, wie schön Sprache sein könnte:

The trees are in their autumn beauty,
The woodland paths are dry,
Under the October twilight the water
Mirrors a still sky;
Upon the brimming water among the stones
Are nine-and-fifty swans.
 
Wie war das alles möglich? Wie mancher Anglo-Ire, gab Yeats die englische Identität auf und suchte sich eine irische, eine mehr oder minder erfundene, aber dafür eine tief gefühlte. Die englische Sprache war schon seit Thomas Moore als literarischer und patriotischer Ersatz für das Irische bekannt. Doch Yeats machte sie zu einer Ausdrucksweise für die irische Identität. Es war eine wunderbare Art Alchemie. Er nahm die englische Sprache und gab sie uns zu eigen. Als ich Yeats’ Englisch las, fühlte ich mich wie Stefan George, als er sagte:

Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark …

Dafür bin ich ihm bis heute endlos dankbar. Doch wie konnte Yeats das tun?, Als Außenseiter konnte er sich von der Mehrheit distanzieren und auf die uralte, druidische, vorchristliche Tradition zurückgreifen. Vor dem heutigen Irland, dem modernisierten, post-gälischen, post-katholischen Irland, hat es andere Irlands gegeben: katholisch, gälisch, sicher, aber auch katholisch und nicht römisch, vorchristlich und druidisch, ja vorkeltisch sogar. Wir tendieren leider dazu, nur das gegenwärtige Irland als Objekt unserer Hassliebe zu sehen, doch es gibt viele Irlands, und einer wie Yeats zeigt sie alle auf. Er baut Brücken zur Vergangenheit der Insel. Er verbindet und heilt. Er zeigt eine Vision:

Many times man lives and dies
Between his two eternities,
That of race and that of soul,
And ancient Ireland knew it all.

Die schwarzen Iren (2)

Heutzutage wird das Thema „schwarze Iren“ wieder aktuell, doch in einem anderen Sinne. Als Präsident Barack Obama vor ein paar Jahren in Irland zu Besuch war, hieß es plötzlich, auch er habe irische Vorfahren. Es wurde unter den Iren darüber geschmunzelt – alle amerikanischen Präsidenten müssen einen irischen Ahnherrn aufweisen können, warum nicht auch dieser sympathische Exot? Logisch: Man wusste, dass sein Vater aus Afrika stammte, seine Mutter aber eine Weiße war.

Im Nachhinein stellte sich dann aber heraus, dass Frau Michelle Obama, die als eine typische oder normale amerikanische Schwarze gilt, auch irische Vorfahren hat.

In Irland verursachte das eine gewisse Bestürzung. Schwarze sind kein Teil des herkömmlichen Epos der Irisch-Amerikaner. In den 1960er-Jahren hatten viele Iren in Irland Mitleid mit dem Ringen der amerikanischen Schwarzen um ihre Bürgerrechte, denn sie hatten als Helotenvolk selbst jahrhundertelang gelitten. Im Zusammenhang mit den Iren wurde eben der Ausdruck „weiße Neger“ immer wieder verwendet: Die Iren seien die weißen Neger der angelsächsischen Welt und würden als solche immer und überall schlecht behandelt. In Québec begannen die Franko-Kanadier inzwischen von sich als „nègres blancs d’Amérique“[1] zu sprechen, um darauf hinzuweisen, wie schlecht sie von den Anglo-Kanadiern behandelt wurden.

In Amerika wurden die Iren im 19. Jahrhundert zwar aufgenommen – man brauchte ja Arbeitskräfte – aber oft ziemlich respektlos empfangen. Schlecht behandelt und ebenso verachtet wie die farbigen Einwanderer aus exotischeren Gebieten des britischen Empires wurden die irischen Einwanderer aber vor allem in England. Es war auch kein Geheimnis, dass die Irisch-Amerikaner sich ebenso rassistisch benehmen konnten wie andere weiße Amerikaner. Schon im amerikanischen Bürgerkrieg hatte es Iren auf beiden Seiten gegeben.

Trotzdem begannen irische Journalisten und Forscher jetzt langsam Geschichten hervorzukramen, in denen sich ausgewanderte Iren in Amerika in Schwarze verliebt, geheiratetet und Nachwuchs gezeugt hatten. Im 19. Jahrhundert habe es sogar einen amerikanischen katholischen Bischof gegeben, der genau so ein Mischling war. Man bekam jetzt den Eindruck, dies könnte die Spitze eines Eisberges sein. Wie viele solche Mischlinge kann es gegeben haben, und was wurde aus ihnen?

Das ist aber ein Abgrund und auch ein Tabuthema. In Amerika ist man entweder schwarz oder weiß, kein tertium quid ist erlaubt: Mischlinge existieren nicht als Kategorie. Wenn man ein bisschen schwarz ist, ist man schwarz, und basta. Denn so habe es der liebe Gott gewollt: Weiß und schwarz schuf er sie, und so sollten sie bleiben, bis in alle Ewigkeit, Amen. Doch Amerika im 19. Jahrhundert war groß und die Männer wurden einsam. Die damaligen Einwanderer aus Europa haben dieses große Tabu der amerikanischen Gesellschaft oft nicht respektiert, und die Iren waren offensichtlich voll dabei. Deswegen gibt es heute „schwarze Iren“ bzw. „irische Schwarze“. Doch darüber wollen Amerikaner, ob weiß oder schwarz, heute kaum noch sprechen.

 

[1] Der Ausdruck stammt von Pierre Vallières, der 1968 eine berühmte Streitschrift veröffentlichte: Nègres blancs d’Amérique.

 

Ein Mann des 20. Jahrhunderts

Mein Großvater, 1882 in Dublin geboren, war ein erstaunlich moderner Mensch. Er war offen für alles Neue. In den 1920er-Jahren kaufte er sich ein Ford T-Modell und war der erste Autobesitzer in der Familie und in seinem Bekanntenkreis. Auch seine Söhne und seine Tochter lernten Auto fahren, als sie heranwuchsen.

Gegen 1936 verreiste Großvater mit den zwei Söhnen Paddy und Frank (meinem Vater) nach England und nahm das Auto mit auf die Fähre – ein unerhörtes Ereignis. Sie fuhren weiter nach London und mussten über den Autoverkehr in der englischen Hauptstadt staunen. Mein Vater erzählte mir später, dass er am Steuer saß, als sie um den Piccadilly Circus, einen großen offenen Platz im Zentrum von London, fuhren und sich etwas Schreckliches ereignete: Er sagte etwas zu seinem Vater, der auf dem neben ihm auf dem Beifahrersitz gesessen saß, drehte den Kopf und stellte plötzlich fest, dass der Alte nicht mehr da war! Die Tür stand offen und Großvater war offensichtlich aus dem Auto gefallen. Erschrocken fuhr mein Vater wieder um den Piccadilly Circus und zu seiner großen Erleichterung fand er seinen Vater lebend am Straßenrand. Trotz starkem Verkehr war er bis zum Trottoir gerollt und glimpflich davongekommen.

Großvater war sogar in Deutschland! Über dieses Abenteuer weiß ich allerdings nicht viel zu erzählen. Das muss so gegen 1930 gewesen sein. Er beschloss, mit seiner Frau Ferien im Ausland zu machen. Sie wohnten ein paar Wochen in München-Gladbach (wie es damals hieß). Was Großvater in München-Gladbach zu suchen hatte, ist mir völlig schleierhaft. Mein Vater hat mir bloß die Tatsache erzählt, auch den Namen des Ortes konnte er nur mit großer Mühe aussprechen.

In den 1950er-Jahren kaufte Großvater, inzwischen Witwer geworden, einen Fernseher und wieder war er der erste in der Familie und im Bekanntenkreis, der sich so etwas leistete. Als kleiner Bube auf Besuch im großväterlichen Haus sah ich das Ding mit eigenen Augen, und es war erstaunlich. Damals gab es kein Fernsehprogramm in Irland, aber man konnte ein ziemlich schwaches Signal von der BBC in England empfangen. Da sah man ein verschwommenes Schwarzweißbild mit undeutlichen sprechenden Köpfen, welche mit englischen Stimmen redeten.

In diesem Zusammenhang erinnere mich auch daran, wie Großvater zum ersten Mal kapierte, dass er im 20. Jahrhundert lebte. Wir waren auf Besuch bei ihm und im Fernsehen lief gerade irgendeine Sendung aus England, in dem ein Sprecher etwas über das Leben im 20. Jahrhundert sagte. Verwirrt wandte sich Großvater an meinen Vater und fragte: „Stimmt das? Sind wir jetzt im 20. Jahrhundert?“ Was mein Vater bejahte. „Mein Gott“, sagte Großvater halb zu sich selbst, „ich glaubte, wir lebten noch im 19.“

Ich kann es mir jetzt kaum vorstellen, dass er erst als Greis begriff, dass er im 20. Jahrhundert lebte. Wahrscheinlich hatte er es längst gewusst, aber im hohen Alter einfach vergessen. Doch man spürte immer eine Unschuld, eine Naivität bei ihm, und gerade das hat ihm wahrscheinlich erlaubt, sein ganzes Leben lang unkompliziert modern zu sein.

Der Weg von London nach Dublin

Angelika Kauffmanns Besuch in Dublin 1771, von dem ich am Ende des letzten Jahres berichtet habe, war nicht etwas völlig Neues. Beispiele waren schon vorhanden, denn erfolgreiche deutsche und italienische Künstler in London wurden früher oder später eingeladen, nach Dublin zu kommen.

Damals war Dublin nach London die zweite Stadt des Britischen Reiches. Der Weg vom europäischen Festland nach Dublin führte immer über London. Dublin war eine durchaus englische Stadt; die Iren selbst waren ausgeschlossen. Als Händel in einem Brief von „the politeness of this generous nation“ schrieb, meinte er die angloirische Elite in Dublin.

Der deutsche Komponist, der in England unter der Dynastie von Hannover lebte, gab die Uraufführung seines „Messias“ in Dublin im Jahre 1742. Händel war nach Dublin gereist, weil es ihm in London schlecht ging. Während seiner englischen Schaffensperiode wurde er manchmal als Opernkomponist vergöttert, manchmal als „German nincompoop“ verpönt. Dann hatte das Publikum die italienische Oper endlich satt und sein Theater blieb fast leer. Er begann, religiöse Dramen, also Oratorien in englischer Sprache zu vertonen. Die Meinungen darüber waren in England geteilt. Vor allem die anglikanische Kirche sah es nicht gerne, dass religiöse Themen im weltlichen Theater und nicht mehr nur in der Kirche behandelt wurden. Als Händel sein Messias-Oratorium in Dublin aufführte, konnte er mit einem Chor aus den beiden anglikanischen Kathedralen rechnen; doch der alte Jonathan Swift, der immer noch Dekan der St-Patricks-Kathedrale war, blieb fern und boykottierte die Veranstaltung, die er verachtend „a club of fiddlers“ nannte. Der „Messias“ wurde aber zum Erfolg.

Geminiani, ein italienischer Kollege Händels, der auch in London erfolgreich arbeitete, hatte schon 1733 sein Glück in Dublin versucht. Es war ihm gut ergangen, und er unternahm weitere Besuche; 1762 starb er in Dublin.

Außerhalb von Dublin ging die irische Musik ihre eigenen Wege. Ihr berühmtester Vertreter war der blinde Harfenspieler und Dichter Torlach Ó Cearbhalláin oder Turlough Carolan. Seine Stücke und Lieder sind in Irland noch heute bekannt und beliebt. Er wurde von Gönnern unter den angloirischen Adeligen unterstützt. Obwohl er nicht in Dublin arbeitete, war er mit der damaligen Barockmusik Europas vertraut. Er war auch in Dublin bekannt, obwohl er auf Irisch dichtete: Sein volkstümliches Lied „Pléaráca an Ruarcaigh“ wurde von Dean Swift in englische Verse übersetzt. Carolan starb 1738. In der St-Patricks-Kathedrale in Dublin ist ein Denkmal zu seinen Ehren zu sehen.

Über Carolan und Geminiani wird eine interessante Geschichte erzählt: Einmal trafen sie sich im Landhaus eines Adeligen und Carolan forderte den Italiener zu einem musikalischen Wettstreit auf. Geminiani spielte also ein Konzert Vivaldis auf der Violine vor. Carolan wiederholte dieses auf der Harfe, obwohl er das Stück vorher nicht gekannt hatte. Dann improvisierte er eine eigene Komposition im Barockstil, die bis auf den heutigen Tag als „Carolan’s Concerto“ berühmt ist [s. Link].

Eine andere Version dieser Legende erzählt, dass sich der Ire und der Italiener nie persönlich getroffen haben, Geminiani jedoch ein Konzert zum Herrenhaus in Elphin schickte, wo Carolan damals weilte. Carolan hörte mit Vergnügen zu, als das Stück gespielt wurde, schlug dann aber Verbesserungen vor. Diese Verbesserungen wurden notiert und an Geminiani nach Dublin zurückgeschickt. Geminiani war sofort überzeugt und meinte, der Ire besitze „il genio vero della musica“.