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Waffenstillstand

An der elften Stunde des elften Tages des elften Monats war der Grosse Krieg zu Ende. Später schrieb Maréchal Foch in einem Brief, wie tapfer die irischen Soldaten für ihn gekämpft hätten: Er habe sie immer wieder zu Tausenden geopfert, um die letzte deutsche Offensive aufzuhalten. Es ist zum Heulen. Auch nach hundert Jahren.

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Tag der Erinnerung

Heute war in Frankreich, England, Kanada und anderswo der Tag der Erinnerung an den ersten Weltkrieg. Der Tag wurde diesmal mit umso größerer Feierlichkeit begangen, weil der Krieg genau vor hundert Jahren begann. Andererseits ist es schwierig, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu gewinnen, denn der 1. Weltkrieg ist so lange her und er brachte nicht viel außer Zerstörung. Man erinnert sich nur an die enormen Zahlen von anonymen Soldaten, die in den Schlachten starben. Unmöglich, nicht an das Wort „Kanonenfutter“ zu denken. Was bleibt vom Ganzen? Nur ein paar schöne Gedichte, wie die von Georg Trakl, der es nicht aushalten konnte und den Freitod wählte.

Es ist heikel, diesen Krieg zu feiern, denn zum Beispiel in Kanada weiß man genau, dass die Hunderttausenden von kanadischen und neufundländischen Soldaten von den englischen Generälen als Kanonenfutter eingesetzt wurden, und trotzdem darf man es nicht laut sagen. Die Kanadier und Neufundländer hatten in diesem europäischen Krieg gar nichts zu suchen. Trotzdem gingen sie freiwillig und starben zu Tausenden. Heutzutage sagt man als Kanadier etwas Vages über „das dargebrachte Opfer“, mehr kann man nicht behaupten.

Überall in der englischsprachigen Welt gibt es Denkmäler und Kenotaphe. Ich erinnere mich an das Kriegsdenkmal im Diamond, im Zentrum von Derry, der Stadt meiner Mutter. Ich wusste immer, dass es dort war; während meines letzten Besuches aber bin ich hingegangen und habe es mir genau angeschaut. Ich sah einen weiblichen Engel oder eine Kriegsgöttin, die einen sterbenden britischen Soldaten aufrichtet und ihm einen Lorbeerkranz auf den Kopf setzt. Über solche Vorstellungen kann man heutzutage nur den Kopf schütteln.

Auch in Irland, in der Republik Irland, profitieren gewisse Journalisten und Meinungsmacher von der 100. Gedenkfeier, um eine Kampagne zu lancieren, um die vielen Iren, die für England kämpften und zu Tausenden starben, zu rehabilitieren. In der Zeitung Irish Times erscheinen ständig derartige Artikel. Was dahinter steckt, ist die revisionistische Auffassung der modern irischen Geschichte, die versucht, den Osteraufstand und den Freiheitskrieg zu relativieren. Ein Teil dieser Auffassung ist Anglophilie, ein anderer Teil die Rebellion einer jüngeren Generation gegen die offizielle, nationalistische Geschichtsschreibung, die wir alle in den alten Schulbüchern vorgesetzt bekamen.

Gemäß dieser nationalistischen Auffassung wurden die Patrioten, die im Osteraufstand und im Freiheitskrieg starben, vom Staat geehrt, nicht die des 1. Weltkriegs. Jetzt unternehmen Staatspräsident und Regierung einiges, um der oben erwähnten Rehabilitierungskampagne entgegenzukommen.

Doch es bleibt schwierig, eine solche Kampagne ernst zu nehmen. Die Tatsache bleibt, dass diese jungen Iren umsonst starben. Ihr Tod hatte keinen Sinn. Er diente keiner guten Sache. Er brachte ihnen nichts und er brachte Irland nichts. Doch man muss verstehen, dass die junge Generation von Iren damals gespalten war. Einige glaubten, England würde Irland mit Freiheit belohnen, wenn die Iren beim Krieg gegen Deutschland mitmachten. Andere glaubten, Iren sollten nur für Irland kämpfen. Mein Großvater war damals 32 Jahre alt und war schon Nationalist. Er hatte die gleiche Meinung wie die militante Irish Citizen Army, die den Slogan hatte: „Wir dienen weder dem König noch dem Kaiser, sondern Irland.“

Auch als Schüler wussten wir von den irischen Soldaten im 1. Weltkrieg. Die ganze Sache konnte nicht verschwiegen werden, und man versuchte, sie so gut wie möglich in das nationalistische Epos einzugliedern. Wir durften sie einigermaßen bewundern, diese stoischen Männer, die ihre Pflicht taten, ohne daran zu glauben. Wir kannten die Zeilen von Yeats:

Those whom I fight I do not hate,
Those whom I guard I do not love.

Und wir kannten alle auswendig ein Gedicht des jungen Dichters Francis Ledwidge, einer typischen Figur unter diesen zerrissenen Nationalisten. Er war schon Grabensoldat , als er 1916 vom Osteraufstand hörte. Damals schrieb er sein „Lament for Thomas MacDonagh“, einen der Führer im Osteraufstand:

He shall not hear the bittern cry
in the wild sky, where he is lain,
nor voices of the sweeter birds
above the wailing of the rain.

Doch er blieb auf seinem Posten – er hatte keine Wahl – und fiel ein Jahr später in Flandern.