Schlagwort-Archive: Europa

Gewissenskampf

Laut Berichten ist die Unabhängigkeit Kataloniens unter den führenden irischen Politikern zum Zankapfel geworden. In den 1960er-Jahren ging es auch so mit Biafra, wo irische Missionare sehr präsent waren. Freiheit für Minderheiten gegen nationalstaatliche Integrität: ein klassischer Gewissenskampf für das geteilte Irland.

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Harte Grenze

Es ist schön, über Staatsgrenzen schnell und ohne Formalitäten fahren zu können. Das kann man innerhalb vom Schengenraum, zum Beispiel zwischen der Schweiz und Deutschland. Hoffentlich bleibt es so, Terrorismus hin oder her. Schnell über die Grenze kann man auch in Irland, zwischen der Republik und dem Norden. Bis auf weiteres.

Was die Sezession der Briten von der EU für die irisch-irische Grenze bedeuten wird, bleibt dahingestellt. Es heißt in den irischen Zeitungen, es könnte in Zukunft wieder eine „harte Grenze“ geben, nicht nur mit Zoll sondern auch mit Passkontrolle. In den letzten zwanzig Jahren war es wie ein Mini-Schengenraum und alles lief wie geschmiert, man war über die Grenze ohne es einmal wahrzunehmen.  Gerade deswegen sind die Iren außerhalb vom Schengen-Club geblieben, denn die Engländer waren nicht dabei und für Irland war eine „weiche“ irisch-irische Grenze wichtiger. Für Irland lautet die Alternative immer: eine weiche Grenze mit den Briten oder eine weiche Grenze mit den anderen Ländern Europas zu haben, aber nicht beides.

Wenn man also über die irisch-irische Grenze fährt, spürt man momentan nichts, nur hier und dort sieht man festungsähnliche Bauten der britischen Armee, die seit den „Troubles“ immer noch dastehen, „zum Frieden mahnend“, wie es auf dem Siegestor in München so schön geschrieben steht. Diese Blockhäuser der Briten erinnern einen an die schlechten alten Zeiten, als bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Nordirland herrschten und man auch in der Republik sich nicht ganz sicher fühlte.

Nun, diese alten Befestigungen könnten wieder bemannt werden, wenn es zu einem „harten Brexit“ kommt. Wem würde das etwas bringen? Niemandem, weder auf der Nordseite noch auf der Südseite der Grenze. Trotzdem waren die Anführer der loyalistischen Regierungspartei in Nordirland  für Brexit und sind es immer noch. Das ist alles nur ideologisch zu verstehen, glaube ich: Wenn Großbritannien allein stehen muss, ist es stärker, homogener, monolithischer, angelsächsischer und protestantischer, und wenn die Republik Irland im anderen Lager bleibt, umso besser – dann kann man die Wiedervereinigung des Landes effizienter verhindern.

Mittlerweile ist die irische Regierung natürlich nervös. Sie macht alles, damit die Engländer Nordirland von der Republik nicht isolieren – einfach als Nebeneffekt von Brexit. Nicht, dass die Engländer die wirtschaftliche Wiedervereinigung Irlands nicht wollen. Sie haben einfach andere Probleme im Kopf, und es kann ihnen ziemlich egal sein, was in Irland passiert. Auch in den anderen europäischen Ländern stößt das Problem der Iren nicht unbedingt auf großes Interesse.

Man kann nur bedauern, dass es mit der europäischen Einigung so stockend geht – ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Staatsgrenzen stehen wie alte Burgruinen oder Befestigungsmauern da. Sie erinnern den Reisenden daran, dass es hier einmal „ne plus ultra“ hieß, und dass es immer noch so heißen könnte.

Die graue Norn der Sprache

Zwei Beiträge von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2014/04/06/norn-oder-norm/

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/02/10/die-graue-norn/

sind jetzt im Video/Audioformat zu sehen:

Das Wort, Gedicht von Stefan George (1919)
Nornenbrunnen im Park St. Stephen’s Green in Dublin mit der von Joseph Wackerle geschaffenen Skulpturengruppe. Foto (2012) von J.-H. Janßen.
Stefan George (1910), Foto von Jakob Hilsdorf.

Äußere Immigration

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2014/01/10/geistig-abwesend/

ist jetzt als Video verfügbar:

 

Europäische Essays

Während des Sommers war ich in Dublin für eine Buchvernissage. Der Anlass wurde von meinem Verleger Pádraig Ó Snodaigh organisiert. Das Buch um das es ging, heißt Aistí Eorpacha („Europäische Essays“). Dies ist eine Sammlung von Essays über das Leben in Europa. Es geht um Erweiterungen und Entwicklungen von Themen in meinem irischsprachigen Journalismus der letzten 17 oder 18 Jahren, seitdem ich hier in Mitteleuropa wohne. Es geht also nicht um die EU oder irgendetwas Politisches, sondern um Kulturelles. Die Texte sind vor allem mit bestimmten Orten verbunden. Es gibt Essays über Chur, Freiburg im Breisgau, St Gallen, Paris, Wien, Raron (Rilkes Grabstätte im Wallis), Tessin, Rom, Neapel und Griechenland. Im Übrigen gibt es Texte über allgemeinere Themen, wie Sprachwelten, die Jesuiten, oder Handschrift als Ausdrucksform.

Ziel des Buches ist es, irischsprachige Leser mit Europa und europäischem Denken vertraut zu machen, nicht nur mit der angelsächsischen Welt, und die irische Sprache mit anderen zu konfrontieren, nicht nur mit dem Englischen. Für das Irische erübrigt sich ein Dialog mit dem Englischen. Ein Dialog mit dem Deutschen wäre hingegen von Interesse.

Buchvernissagen sind eine eigenartige Angelegenheit. In erster Linie finde ich die Idee seltsam, dass man ein Buch lackieren kann. Aber lassen wir das; es geht ja schließlich darum, sein Zeug den lokalen Meinungsmachern zu vermarkten.

Der emeritierte Professor Eoghan Mac Aogáin machte die Einleitung. Dann ergriff ich das Wort und sagte noch einiges. Ich begann, indem ich das Gedicht „Das Wort“ von Stefan George vortrug. Meine anschließenden Bemerkungen waren eine Erläuterung oder eine Interpretation dieses Gedichtes. Es befasst sich bekanntermaßen mit dem Einbringen von Fremdwörtern und fremdem Gedankengut in eine altehrwürdige Sprache: genau das, was ich mit diesem Buch zu machen versuche.

[Siehe Link ->]

 

 

Reise in den Süden

Während meines Aufenthaltes in Vancouver traf ich einige Lateinamerikaner und hatte vor allem eine interessante Diskussion mit Rita De Grandis, Professorin der spanischen Literatur, ursprünglich aus Argentinien. Wir waren beide Studenten in Vancouver in den 1970er Jahren. Ich sagte ihr, dass ich damals zum ersten Mal meine „Wahlverwandtschaft“ mit den Lateinamerikanern entdeckte, obwohl ich nie Spanisch gelernt habe. Sie hat eine ähnliche „Wahlverwandtschaft“ mit Iren in Kanada und hat mehrere irische Freunde.

Es ist mir ein paar Mal aufgefallen, vor allem jetzt zurück in Europa lebend, dass wir Iren einen verlorenen Teil unserer Identität suchen und diesen im südländischen Gefilden wiederfinden. Irland, meine ich, ist ein Land, das durch Zufall in Nordeuropa, und zwar an der Peripherie Nordeuropas, positioniert ist, jedoch eigentlich nach Südeuropa gehört. In diesem Zusammenhang spielt der Katholizismus natürlich eine wichtige Rolle; er verbindet uns mit Spanien, Portugal und Italien. Es ist aber nicht einfach für uns, (wieder) südländisch zu werden.

Der irischsprachige Autor Alan Titley hat nur halb scherzend geschrieben, wir seien ein katholisches Volk mit einer protestantischen Kultur. Seit der Reformationszeit haben die Engländer versucht, uns zu ihrem protestantischen Glauben zu bekehren, jedoch stets ohne Erfolg. Oder vielleicht doch? Sie haben uns die englische Sprache beigebracht und dadurch ihre Kultur, eine protestantisch geprägte. Sie haben uns die protestantische Denkweise aufgebrummt, nicht aber den Protestantismus selbst. Wir sind zu protestantischen Katholiken geworden (die amerikanischen Katholiken wissen das, und nennen uns oft „Jansenisten“, was interessant aber verfehlt ist). Was wir haben, ist eine protestantische Disziplin, ein protestantisches Über-Ich. Kein Wunder, dass wir uns heimlich nach den Lateinamerikanern und ihrer menschlichen Wärme, ihrer Toleranz, ihrer Alle-Sorgen-nur-auf-Morgen-Einstellung sehnen.

Aber das ist nicht nur unser Problem. Es hat mit der großen Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa zu tun. In Deutschland gedenkt man momentan der Zeit, als man sich mit den „deutsch-deutschen Beziehungen“ auseinandersetzen musste. Wie aber steht es mit den „europäisch-europäischen Beziehungen“, den Beziehungen zwischen den zwei Europas, dem Norden und dem Süden?

Der deutsche Schriftsteller Eberhard Schmidt schrieb neulich über das Mittelmeer und über die Sehnsucht, die es in den Nordeuropäern weckt. Laut ihm wird der Mittelmeerraum „von Goethe bis Nietzsche zur Projektionsfläche eines Verlangens nach Befreiung von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen und protestantisch dominierter Disziplin im Norden Europas.” Italien bedeutete nicht nur Sonne und Meer, sondern auch künstlerisches Leben, Entspannung, und nicht zuletzt sexuelle Freiheit. („Auch ich in Arkadien!”)

Ich meine, wir Iren können Goethes „Italienische Reise“und auch die „Grand Tours“ der Angelsachsen gut verstehen, denn Menschen wie ich fühlen sich ständig dazu bewogen, die gleiche Reise in den Süden zu unternehmen. Unsere italienische, spanische, griechische oder lateinamerikanische Reise entpuppt sich als ein Versuch, das bestrafende protestantische Über-Ich in uns zu überwinden und uns etwas südländische Wärme anzueignen.

Grenzen und Mauern

Festung Schweiz? Heutzutage, im Schengenraum, sieht man die Grenzen kaum mehr. Es gibt schon noch alte Grenzposten; sie stehen aber meistens leer da. Im Dunkeln, beim raschen Vorbeifahren, sieht man sie nicht. Man fährt außerhalb von Basel und fragt sich immer wieder „sind wir schon in Deutschland?“ – noch nicht, noch nicht – und dann plötzlich ist man in Lörrach, das nahtlos mit der Agglomeration Basel verflochten ist, obwohl es sich auf der deutschen Seite der Grenze befindet. Das ist vielleicht das moderne Schicksal: Man wohnt in einem Vorort einer Stadt, die in einem anderen Land liegt, und wenn man „in die Stadt“ fährt, fährt man über die Grenze, ohne diese wahrzunehmen.

Ähnliche Verhältnisse herrschen jetzt an der irisch-irischen Grenze. Die große Kunst der jetzigen Zweistaatenlösung ist es, dass man die Grenze möglichst nicht mehr sieht. Es wird in Dublin und in London stillschweigend gehofft, „dass zusammenwächst, was zusammengehört“. Auf der einen Seite gibt es zweisprachige Straßenschilder, auf der anderen nicht; auf der einen Seite gibt es Euro, auf der anderen Seite britische Pfund, sonst sieht man keinen Graben zwischen den beiden Irlands.

In unserm geschrumpften Europa gibt es überall Mauern, die jetzt nur noch Monumente sind: Festungen, die nichts mehr verteidigen, weil der Krieg verloren oder gewonnen ist – es macht ja schließlich keinen großen Unterschied. Für die Orangisten in Nordirland sind die gut erhaltenen Stadtmauern in Derry nicht nur ein historisches Denkmal, sondern auch ein Symbol ihres kompromisslosen Widerstandes. In England hingegen ist der meist überwachsene Hadrianswall längst zu einem Teil der Landschaft zwischen dem heutigen England und Schottland geworden. Er erinnert bloß daran, dass die Römer den Kampf gegen die keltischen Horden aus dem Norden zu einem gewissen Zeitpunkt aufgaben und sich hinter einer verteidigten Grenze verschanzten, so wie die Kaiser von Peking dereinst auf ihren Grenzen die chinesische Mauer gegen die Barbarenhorden errichteten. Das sind alles alte Mauern, die mit der Zeit ausgedient haben. Es gibt keine Barbaren mehr oder die Barbaren sind längst über die Grenze gelangt und wohnen im Kaiserpalast. Wir in den modernen Wohlstandsländern versuchen immer noch, Mauern aller Art gegen die Flüchtlinge, die zu uns kommen wollen, aufzubauen, allerdings ohne großen Erfolg.

Ich liebe die alten Befestigungsmauern, wie jene in Derry. Sie verleihen einem ein Gefühl von Geborgenheit. Ich sehe sie gerne, denn sie zeigen, wo es Grenzen gegeben hat: Wo es galt, unsereinen zu beschützen, da wir Stadtrecht hatten, oder aber unsereinen fernzuhalten, da wir als Barbaren galten. Grenzen gibt es immer noch, Grenzen in uns und zwischen uns, Grenzen der Sprachen oder der Kulturen oder was auch immer. Aber wir nehmen sie meistens nicht mehr wahr, und doch tut es oft weh, ohne dass man weiß warum, wenn man ahnungslos über eine Grenze gefahren ist: „Schmerz versteinerte die Schwelle“, wie der Dichter sagte.