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Internes Sprachexil

Ich wohne nicht in Irland, sondern in der Schweiz, und zwar in Graubünden. Es ist keine große Last für mich, im Sprachexil zu leben, denn auch zu Hause würde ich eine Art Sprachexil spüren. Es geht nämlich um unsere zwei Sprachen. Der irische Literaturwissenschaftler Breandán Ó Doibhlin hat einiges zu diesem Thema geschrieben. Er verwendet den Begriff „coimhthíos”, der der deutschen „Entfremdung” entsprechen soll.

Mit diem Begriff „coimhthíos” ist ein Phänomen in der irischsprachigen Literatur gemeint, bei welchem sich der Schriftsteller im Exil befindet, auch wenn er in Irland lebt. Denn er hat mit einer englischsprachigen Welt zu tun, egal ob er in der Gaeltacht (den irischsprachigen Gebieten) wohnhaft ist oder anderswo. Und wenn er das Leben in seiner Umgebung beschreibt, wie ein Romancier dies vermutlich tun sollte, beschreibt er eine grundsätzlich englischsprachige Welt auf Irisch. Wie Ó Doibhlin betont, ist das ein (weiterer) Grund dafür, dass manche irischsprachigen Schriftsteller in ihren Romanen über Einsamkeit und einsame Denker schreiben, indem sie den inneren Monolog und gleichartige Techniken verwenden.

Meines Erachtens muss man aber lernen, damit kreativ umzugehen. Meine ziemlich originelle, persönliche Lösung besteht darin, nicht in Irland zu leben, aber auch nicht in der englischsprachigen Welt.

Das ist inzwischen das Schicksal vieler Autoren weltweit, die wegen der Emigration in einer anderen Sprachwelt zu leben haben. Es muss nicht unbedingt ein trauriges Schicksal sein. Wenn man die heimische Scholle verläßt und hinaus in die weite Welt reist, muss man sich immer dessen bewusst sein, dass es Grenzen gibt, dass auf der anderen Seite einer jeden Grenze die Verhältnisse anders sind, und dass es dort eine andere Welt zu erleben (nicht unbedingt zu erobern) gibt. Unter diesen Grenzen sind die Sprachgrenzen besonders auffällig. Wie soll man als Schriftsteller damit umgehen? Man kann der eigenen Sprache „treu“ bleiben und für das Publikum zu Hause oder in der Diaspora schreiben. Oder man kann sich in der jeweiligen Gastsprache versuchen. Man kann sogar beides. Es gibt manchen türkischen, arabischen oder sonstigen Schriftsteller in Deutschland, der am Anfang sein Heimweh in der Muttersprache für die Daheimgebliebenen beschrieb, heute aber ein Gastspiel in der deutschen Literatur gibt. Diese Entwicklung ist bereichernd für beide Seiten, würde ich meinen: erstens für den Schriftsteller, der seine Ausdrucksmöglichkeiten erweitert, und zweitens für die Leser, die innerhalb der eigenen Sprache eine neue Perspektive gewinnen, so ungefähr wie wenn man im eigenen Wohnviertel beim Griechen oder beim Italiener essen geht, statt immer auf „gutbürgliche Küche“ zu setzen.

Was mich selbst betrifft, kann ich mich nicht an eine Zeit in meinem Leben erinnern, wo es nicht wenigstens zwei Sprachen gab und dadurch die Qual der Wahl.  Deswegen ist es sicher kein Zufall, dass ich im dreisprachigen Bündnerland gelandet bin und dort seit fast zwanzig Jahren lebe.

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Der Exot aus Connemara

In früheren Beiträgen habe ich Pokornys Substrattheorie über Irland und das Phänomen der sogenannten «schwarzen Iren» erwähnt. Die herkömmliche Geschichte Irlands aus dem Mittelalter heißt Lebor Gabála oder Buch der Invasionen und nach all jenen kriegerischen Einwanderungen würde es mich eher überraschen, wenn die heutige Bevölkerung Irlands homogen keltisch wäre.

Als Kind in den fünfziger und sechziger Jahren in Dublin sah ich wenige Ausländer. Umso scharfsichtiger war ich vielleicht für interne Unterschiede, für Exoten unter den Einheimischen.

Hier erinnere ich mich besonders an Pádraic Breathnach, der heutzutage ein bekannter Schriftsteller irischer Sprache ist. Er stammt aus einem Dorf in der Gaeltacht Conamara (englisch Connemara). Er ist hauptsächlich ein Erzähler und hat zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht. Er war auch Dozent für irische Literatur an einer Hochschule in Limerick. Damals in den 1960er-Jahren hatte er seine pädagogische Laufbahn als Gymnasiallehrer angefangen, und der Zufall brachte ihn zu uns ins Belvedere College, Dublin. Er unterrichte uns ein Jahr lang Irisch.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als er vor uns im Klassenzimmer auftauchte. Für uns sechzehnjährige Gymnasiasten wirkte er wie ein Fremdkörper. Wir wunderten uns über seine authentische Aussprache des Conamara-Dialekts, die uns so seltsam vorkam und am Anfang kaum verständlich war. Die Sprache entstand hinten in seiner Kehle und quoll wie Kies aus seinem Mund, ohne dass er die Lippen bewegte. In den Pausen versuchten wir seine Stimme nachzuahmen. In Dublin hatten wir nie so etwas gehört.

Wir wunderten uns aber auch über sein Aussehen. Er war ein dünner, großgewachsener Mensch mit schwarzen Haaren. Sein langes, gebräuntes Gesicht war aber nicht das eines Iren, sondern eher das eines Spaniers, wie man sie in Südspanien antrifft. Sein Gesicht war lang und flach, er hatte eine lange Nase und verhältnismäßig kleine, schwarze Augen. Auch seine Manieren waren anders. Er wirkte stur, gefühllos und seine Gesichtszüge waren maskenhaft, nicht beweglich, wie man dies von einem Iren erwartet.

Aber: Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich haben wir von ihm einiges gelernt, denn er war ein waschechter Irischsprachiger und hatte ferner ein Gespür für die Literatur. Er hat mich persönlich für das Schreiben in irischer Sprache gewonnen.

Ich wusste schon von Ferienbesuchen bei der Familie meiner Mutter in Derry, dass Nordirland kulturell ein anderes Kapitel war. Bei Pádraic Breathnach, dem Exoten aus dem Westen, erkannte ich, dass die Iren weder physisch noch kulturell ein homogenes Volk waren. Wir waren bei weitem kein geschlossener Stamm von kriegerischen, rothaarigen Bestien. Weit weg von der Hauptstadt, draußen auf dem Lande, gab es Abgründe, Substrate, Spuren der Vorgeschichte, von denen wir Stadtburschen das Allerwenigste wussten. In den späteren Jahren meines Sprachstudiums hatte ich also ein offenes Ohr für Pokornys Theorien.

Weihnachten nach Hause

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/11/22/gaeltacht/

ist jetzt aktualisiert im Videoformat zu sehen:


Bilder:

Foto von Alistair MacLeod 2012
Autor: Graham Iddon (CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons)
Cape Breton Island
Karte: Geo Swan (CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons)
Kap-Breton-Insel (und Umgebung)
Karte: Klaus M. (Mikmaq) (CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5), via Wikimedia Commons)
Erstellt: 3. Januar 2007
Kap-Breton-Insel, Neuschottland
Karte: Aconcagua (CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), via Wikimedia Commons)
Erstellt: 7. August 2005

 

Die graue Norn der Sprache

Zwei Beiträge von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2014/04/06/norn-oder-norm/

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/02/10/die-graue-norn/

sind jetzt im Video/Audioformat zu sehen:

Das Wort, Gedicht von Stefan George (1919)
Nornenbrunnen im Park St. Stephen’s Green in Dublin mit der von Joseph Wackerle geschaffenen Skulpturengruppe. Foto (2012) von J.-H. Janßen.
Stefan George (1910), Foto von Jakob Hilsdorf.

Craic – was ist das?

Ein Beitrag aus dem Jahr 2013

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/11/01/craic/

ist jetzt im Videoformat verfügbar:

Muttersprache und Vatersprache

Ein Beitrag vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/05/15/muttersprache-und-vatersprache/

ist jetzt als Video verfügbar:

 

Am Rande des Deutschen

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/05/14/am-rande-des-deutschen

ist jetzt als Video verfügbar: