Schlagwort-Archive: Irischer Freiheitskrieg

Ferne Verwandte

Die Rooneys, die Rings und die Leakes: Das waren Dubliner Familien, mit denen mein Großvater im frühen 20. Jahrhundert verwandt war.

Seine Frau Madeleine war eine geborene Rooney. Ihr Vater war ein ziemlich wohlhabender Mann. Er hatte bei der britischen Verwaltung in Dublin gearbeitet und war bereits pensioniert. Jeden Monat, am Tag, an dem er seinen Pensionscheck durch die Post erhielt, bestellte er einen Hansom, also eine Droschke. Zuerst fuhr er selbstverständlich zur Bank, dann ging er in ein Pub und traf seine Freunde. Später fuhr er zu einem anderen Stammlokal und startete zu einer regelrechten Sauftour. Tagsüber fuhr die Droschke von Pub zu Pub in der Stadt und spät in der Nacht setzte der Droschkenfahrer den schwer Betrunkenen vor seiner Haustür ab. Die Rooneys waren ein Clan, der tief ins Glas schaute. Mein Vater erzählte mir, sie seien verhältnismäßig wohlhabend gewesen und hätten mehr als einmal von verstorbenen, reichen Tanten in Amerika geerbt. Trotzdem endeten sie immer wieder in der Verarmung. „Sie haben drei Vermögen durchgesoffen“, meinte mein Vater kopfschüttelnd.

Die Rings waren eine andere verwandte Familie, militante Nationalisten. Großvater Jems Schwester war verheiratet mit Dermot Ring, der ein Guerilla-Kämpfer im irischen Freiheitskrieg war und englische Spione erschossen hatte. Nach dem „blutigen Sonntag“ im Jahre 1920 befahl Michael Collins seinen Leuten, sie sollen eine Zeitlang untertauchen, denn die Black & Tans, die englischen Spezialeinheiten, waren ihnen auf den Fersen. Dermot Ring fragte Großvater Jem, ob er zu ihm kommen dürfe, und Jem versteckte ihn ein paar Nächte. Danach fand Dermot einen sichereren, ruhigeren Unterschlupf bei Urgroßmutter in der St James’s Avenue nahe Croke Park.

Dermot hatte einen Bruder namens Liam Ring (irisch Liam Ó Rinn), der als irischsprachiger Schriftsteller bekannt wurde. Er schrieb „Amhrán na bhFiann“, die irische Fassung der Nationalhymne, die ursprünglich auf Englisch verfasst worden war und „The Soldier’s Song“ hieß.

In der 1990er-Jahren las ich ein paar Bücher von Liam Ó Rinn und wollte deshalb mehr über ihn erfahren. Ich nahm mit Dermot Ring junior Kontakt auf, der noch lebte. Ich besuchte ihn in seinem Haus in der Dubliner Innenstadt. Er war pensionierter Heeresoffizier. Er erzählte mir, er sei in diesem Hause geboren worden und schlafe immer noch im selben Zimmer, in dem er geboren worden sei, und werde dort wahrscheinlich auch sterben. Auf meine Frage erzählte er mir von seinem Onkel Liam, dem Dichter, und von seinem Vater Dermot, dem Revolverhelden. Er meinte, sein Vater habe ihm nie die ganze Wahrheit gesagt über all jene, die er damals erschossen hatte.

Als Dermot senior im Jahre 1920 bei Urgroßmutter Unterschlupf fand, teilte er den Dachboden des Hauses mit einem anderen jungen Mann, der auch auf der Flucht war. Dieser Mann hieß John Leake. Er war ein geborener Engländer, war im 1. Weltkrieg Soldat gewesen und als Deserteur in Dublin. Er musste untertauchen, denn die Briten hätten ihn standrechtlich erschossen, wenn sie ihn aufgefangen hätten.

Die Leakes waren fromme Anglikaner und mit der berühmten mittelalterlichen englischen Kathedrale Lichfield verbunden. Das war eine ganze Familie von Organisten und Bienenzüchtern. Diese beiden Berufe standen im Dienste der Kirche, denn mit dem Bienenwachs wurden die Kerzen für den Hochaltar gemacht. (Ein exzentrisches Familienmitglied sollte in einem Wohngebäude in der Londoner Innenstadt von seinem Fenster aus mitten im tosenden Verkehr Bienen züchten.)

Der junge Deserteur blieb so lange bei Urgroßmutter in Dublin, bis er sich schließlich zum Katholizismus bekehrte und eine andere Tochter des Hauses heiratete. Diese Geschichte hörte ich viele Jahre später von seinem Sohn Jack, dem Vetter meines Vaters.

 

 

 

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Die Ziege

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/03/05/von-der-ziege-di…-fur-i

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Ostergeschichten

Zwei Beiträge vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/04/03/die-iren-proben-den-aufstand/

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/04/14/die-iren-proben-den-aufstand-2/

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Briscoe, Herzog & Co

Im 20. Jahrhundert spielten irische Juden manchmal eine wichtige politische Rolle, sowohl in Irland als auch im künftigen Israel. Für Familien wie die Briscoes und die Herzogs waren irischer Nationalismus und Zionismus ein Kontinuum: Der Freiheitskrieg in Irland und der Guerillakrieg gegen das britische Mandat in Palästina bildeten einen einzigen Kampf. Diese Familien waren erst am Ende des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa vor Pogromen und Diskriminierung geflohen und in Irland angekommen, wo die erste Generation zu Kaufleuten wurde.

Die Briscoes waren eine sehr politische Familie. Bob Briscoe war irischer Nationalist und im Freiheitskrieg aktiv. 1921 fuhr er nach Berlin, um Waffen für die Rebellen zu kaufen. Dort musste er mit dem inoffiziellen irischen Botschafter Charles Bewley arbeiten. Bewley konnte sehr gut Deutsch, aber aus irgendeinem Grund war er Antisemit, was die Arbeitsbeziehung mit Briscoe sehr schwierig machte. (Viel später, während der NS-Zeit, wurde Bewley irischer Botschafter in Berlin, aber das ist eine andere Geschichte.)

Während der Dreißigerjahre wurde Bob Briscoe, jetzt Abgeordneter im Dubliner Parlament, nicht nur irischer Nationalist, sondern auch überzeugter Zionist. Im Zweiten Weltkrieg rettete er verfolgte europäische Juden und am Ende des Krieges unterstützte er subversive Tätigkeiten gegen die britische Mandatsmacht in Palästina – alles inoffiziell.

Bob Briscoe und sein Sohn Ben waren beide Politiker der Fianna-Fáil-Partei, und beide wurden Oberbürgermeister von Dublin. Amerikaner, die bei sich die komischsten ethnischen und religiösen Mischungen kennen, fanden es immer pikant, dass ein Jude Bürgermeister von Dublin war, und machten darüber jahrelang Witze.

Isaac Herzog war ein jüdischer Geistlicher und Gelehrter, der im irischen Freiheitskrieg die republikanische Seite gegen die Engländer unterstützte. Einmal versteckte er Eamonn de Valera, mit dem er eng befreundet war, in seinem Haus, als dieser von den englischen Truppen gesucht wurde. Herzog wurde der erste Großrabbiner des neuen irischen Freistaates. 1937 aber wanderte er ins Heilige Land aus und wurde der erste aschkenasische Großrabbiner Israels.

Sein Sohn Chaim Herzog, ein gebürtiger Ire, kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee, dann kämpfte er gegen die britische Armee im Guerillakrieg in Palästina. Er wurde israelischer Politiker und Diplomat und schließlich Staatspräsident von Israel.

Chaims Sohn, Jitzchak Herzog, ist ebenfalls Politiker und derzeit Anführer der israelischen Opposition.

Die Beziehungen zwischen Irland und Israel im 20. Jahrhundert sind mannigfaltig, die Beziehungen zwischen dem irischen Nationalismus und dem Zionismus sind auch nicht ohne Wichtigkeit; und die Geschichte ist wahrscheinlich noch nicht zu Ende. Dies alles wäre ohne irische Juden wie die Briscoes und die Herzogs kaum vorstellbar.

 

Die Iren proben den Aufstand (2)

Während der Osterwoche steht der irische Patriotismus hoch im Kurs. Doch was wir feiern, ist eigentlich eine Niederlage. Nach einem spektakulären Erfolg am Ostermontag 1916 (die englische Herrschaft hatte einen bewaffneten Aufstand nicht erwartet und die meisten englischen Truppen waren weg, weil sie in Flandern gegen die Deutschen kämpften) wurde in Eile Verstärkung aus England gebracht und die Aufständischen wurden bis Ende der Osterwoche zur Kapitulation gezwungen. Die Engländer brachten sogar Kriegsschiffe die Liffey hinauf und bombardierten die Hauptpost mit starkem Geschütz (das schöne neoklassische Gebäude, das man heute kennt, ist eine gelungene Rekonstruktion). Mit den Anführern der Aufständischen wurde kurzer Prozess gemacht. Sie wurden von Kriegsgerichten verurteilt und erschossen.

Der gute Patriot und Nationalist wird nicht selten mit der heiklen Frage konfrontiert, wie man Niederlagen feiert, als wären sie Siege gewesen. Unsere Miteuropäer, die Griechen, machen das mit besonderem Geschick.

Der griechische Freiheitstag ist der 25. März. Wie bei uns in der Osterwoche feiern die Griechen nicht die endgültige Befreiung des Landes nach einem katastrophalen Krieg, sondern den tapferen Aufstand („Freiheit oder Tod!“), der alles auslöste. Wie bei uns zu Ostern ist dieses Staatsfest gleichzeitig ein religiöses, Mariä Verkündigung. Es geht wohl symbolisch um die Verkündigung des Heils der griechischen Nation. Der 25. März ist auch mein Geburtstag. Deswegen fühle ich mich mit Griechenland persönlich verbunden.

Die „bösen Buben“ der EU haben sich inzwischen daran gewöhnt, ihren Nationalfeiertag mit viel Trotz zu feiern. In den letzten Jahren hat sich ein Teil des Volkes die Freiheit genommen, gegen die Sparmassnahmen der eigenen Regierung zu protestieren. Dieses Jahr gab es keine Proteste. Aus gutem Grund, denn die Protestler bilden jetzt die Regierung. Diesmal ging es eher darum, denen in Brüssel zu zeigen, dass man geeint ist und sich nicht so leicht schikanieren lässt. Leider hat es in die Parade geregnet. Ein Zeichen des Himmels? Andererseits gab es diesmal kein Sicherheitsaufgebot, und Tsipras & Co durften sich problemlos unters Volk mischen, ohne die Buhrufe und Flüche fürchten zu müssen, die ihre Vorgänger in den letzten Jahren erwartet hatten.

Patriotisch sind die Griechen, sie feiern nicht einmal im Jahr, sondern zweimal: Am 28. Oktober gedenken sie Metaxas‘ trotziger Antwort im Jahre 1940 auf ein Ultimatum von Mussolinis Botschafter: „ochi“ (nein), obwohl Metaxas ein faschistischer Diktatortyp war und nicht viel besser als Mussolini und obwohl seine Worte eigentlich „alors, ce sera la guerre“ lauteten, was eher prosaisch als romantisch, eher resigniert als trotzig klingt. Die Griechen hielten Mussolini damals vom Lande fern, doch Hitler besiegte sie anschließend mit einem Blitzkrieg. Heute feiern sie den ruhmreichen Sieg über Mussolini, nicht die katastrophale Niederlage gegen Hitler, die kurz darauf folgte.

Historisch gesehen haben die Griechen einen Erzfeind, die Türken, so wie wir Iren die Engländer. Die bösen Türken werden immer noch als eine ständige Bedrohung betrachtet. Wenn „Sultan“ Erdogan etwas Blödes über Zypern sagt oder wenn die türkische Kriegsmarine zu nahe an einer griechischen Insel segelt, meinen die Griechen, der alte Feind ziehe wieder in den Krieg. Zeit für den Schulterschluss! Jetzt aber fühlen sie sich von Europa belagert, vor allem von Deutschland. Im Vergleich mit Erdogan ist Frau Merkel als Dschingis-Khan-Figur kaum ernst zu nehmen. Deswegen wird umso mehr der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg und der ausstehenden Reparationen gedacht. Kleine Nationen brauchen Feinde – je böser die sind, desto besser.

Die Iren proben den Aufstand

Ostern ist eine wichtige Zeit in Irland: Es ist nicht nur das größte religiöse Fest des Jahres, sondern auch die Zeit des Aufstandes von 1916, der den irischen Freiheitskrieg auslöste. Jedes Jahr gibt es in Dublin an der Hauptpost vorbei und in Anwesenheit des Präsidenten ein Staatsfest mit einer Militärparade. Früher wurde dieses Fest am Ostermontag begangen, jetzt am Ostersonntag.

In den meisten Ländern ist der Nationalfeiertag der Jahrestag einer Revolution oder eines heldenhaften Aufstandes gegen eine fremde Herrschaft. Aus dieser Sicht ist unser Nationalfeiertag nicht St Patricks Day, sondern Ostermontag oder eben Ostersonntag. St Patricks Day ist der Tag eines Heiligen, ein Volksfest ohne politische Bedeutung, sentimental und harmlos, obwohl es in Nordirland einst eine sektiererische Bedeutung hatte und anscheinend immer noch hat.

Nächstes Jahr wird das 100. Jubiläum des Osteraufstandes gefeiert und schon jetzt läuft in Irland die Debatte, wie man dies gebührend feiern sollte; es gibt sehr unterschiedliche Meinungen. Ich erinnere mich an das 50. Jubiläum im Jahre 1966, als ich ein Junge war. Schon am Ende des Silvesterabends im neuen irischen Fernsehen las der Abbey-Theater-Schauspieler Niall Tóibín die Proklamation der Republik mit großem Pathos vor. Bis Ostern wurde eine dramatische Fernsehserie über den Aufstand gesendet. Damals waren der Patriotismus und der Nationalismus allgemeingültig und wurden ungeniert ausgedrückt.

Ich habe vom damaligen Jubiläum sogar persönlich profitiert. Im Rausch des Patriotismus stiftete die Regierung eine Reihe von Stipendien für Gymnasiasten. Nach der Schulabschlussprüfung 1970 bekam ich ein solches Stipendium zugesprochen, das mir das ganze Universitätsstudium bezahlte.

Jetzt ist es mit dem Patriotismus und dem Nationalismus in Irland viel problematischer geworden. Der Freiheitskrieg ist längst gewonnen und interessiert die jüngere Generation kaum noch. Der große irische Konsens mit den Eckpfeilern Nationalismus und Katholizismus, worauf die Republik baute, begann nach 1966 zu bröckeln und existiert heute nicht mehr. Da der nordirische (Beinahe-)Bürgerkrieg inzwischen stattgefunden hat, scheint es nicht mehr so romantisch, auf den politischen Feind zu schießen.

Der Osteraufstand 1916 war eben ein romantisches, theatralisches Ereignis. Er beanspruchte für sich die altirischen Mythen, wie etwa den Helden Cúchulainn, der seine Stellung gegen den Feind hielt, bis eine Rabe sich auf seiner Schulter niederließ; erst dann wussten die Feinde, dass er tot war, das Schwert immer noch fest in seiner Hand. Die Dubliner Hauptpost war ebenso eine Bühne für den irischen Nationalismus wie das Abbey Theater von Yeats & Co. Was auf der Theaterbühne mit Pappschwertern gespielt wurde, wurde an der Hauptpost mit scharfer Munition umgesetzt.

Auch war der christliche Subtext massiv präsent. Die Helden machten ihren Aufstand zu Ostern und dann starben sie. Wie Christus brachten sie sich als Sühnopfer für das Volk dar. Da kann man leicht an die Auferstehung denken. (Als der langlebige Präsident De Valera, der im Jahre 1916 tatsächlich dabei gewesen war, 1975 starb, witzelte man, dass sich ein großes Staatsbegräbnis für ihn nicht lohne, da er nach drei Tagen sowieso wieder auferstehen würde.)

Das irische Osterfest ist also ziemlich einzigartig unter den Nationalfeiertagen: ein politisch-militärischer Anlass, der parasitär an ein großes religiöses Fest anknüpft und sich den Mantel des Sakralen überwirft. Ostern bedeutet Opfer und Tod, zugleich aber auch – da es ein Frühlingsfest ist – neues Leben.

Tag der Erinnerung

Heute war in Frankreich, England, Kanada und anderswo der Tag der Erinnerung an den ersten Weltkrieg. Der Tag wurde diesmal mit umso größerer Feierlichkeit begangen, weil der Krieg genau vor hundert Jahren begann. Andererseits ist es schwierig, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu gewinnen, denn der 1. Weltkrieg ist so lange her und er brachte nicht viel außer Zerstörung. Man erinnert sich nur an die enormen Zahlen von anonymen Soldaten, die in den Schlachten starben. Unmöglich, nicht an das Wort „Kanonenfutter“ zu denken. Was bleibt vom Ganzen? Nur ein paar schöne Gedichte, wie die von Georg Trakl, der es nicht aushalten konnte und den Freitod wählte.

Es ist heikel, diesen Krieg zu feiern, denn zum Beispiel in Kanada weiß man genau, dass die Hunderttausenden von kanadischen und neufundländischen Soldaten von den englischen Generälen als Kanonenfutter eingesetzt wurden, und trotzdem darf man es nicht laut sagen. Die Kanadier und Neufundländer hatten in diesem europäischen Krieg gar nichts zu suchen. Trotzdem gingen sie freiwillig und starben zu Tausenden. Heutzutage sagt man als Kanadier etwas Vages über „das dargebrachte Opfer“, mehr kann man nicht behaupten.

Überall in der englischsprachigen Welt gibt es Denkmäler und Kenotaphe. Ich erinnere mich an das Kriegsdenkmal im Diamond, im Zentrum von Derry, der Stadt meiner Mutter. Ich wusste immer, dass es dort war; während meines letzten Besuches aber bin ich hingegangen und habe es mir genau angeschaut. Ich sah einen weiblichen Engel oder eine Kriegsgöttin, die einen sterbenden britischen Soldaten aufrichtet und ihm einen Lorbeerkranz auf den Kopf setzt. Über solche Vorstellungen kann man heutzutage nur den Kopf schütteln.

Auch in Irland, in der Republik Irland, profitieren gewisse Journalisten und Meinungsmacher von der 100. Gedenkfeier, um eine Kampagne zu lancieren, um die vielen Iren, die für England kämpften und zu Tausenden starben, zu rehabilitieren. In der Zeitung Irish Times erscheinen ständig derartige Artikel. Was dahinter steckt, ist die revisionistische Auffassung der modern irischen Geschichte, die versucht, den Osteraufstand und den Freiheitskrieg zu relativieren. Ein Teil dieser Auffassung ist Anglophilie, ein anderer Teil die Rebellion einer jüngeren Generation gegen die offizielle, nationalistische Geschichtsschreibung, die wir alle in den alten Schulbüchern vorgesetzt bekamen.

Gemäß dieser nationalistischen Auffassung wurden die Patrioten, die im Osteraufstand und im Freiheitskrieg starben, vom Staat geehrt, nicht die des 1. Weltkriegs. Jetzt unternehmen Staatspräsident und Regierung einiges, um der oben erwähnten Rehabilitierungskampagne entgegenzukommen.

Doch es bleibt schwierig, eine solche Kampagne ernst zu nehmen. Die Tatsache bleibt, dass diese jungen Iren umsonst starben. Ihr Tod hatte keinen Sinn. Er diente keiner guten Sache. Er brachte ihnen nichts und er brachte Irland nichts. Doch man muss verstehen, dass die junge Generation von Iren damals gespalten war. Einige glaubten, England würde Irland mit Freiheit belohnen, wenn die Iren beim Krieg gegen Deutschland mitmachten. Andere glaubten, Iren sollten nur für Irland kämpfen. Mein Großvater war damals 32 Jahre alt und war schon Nationalist. Er hatte die gleiche Meinung wie die militante Irish Citizen Army, die den Slogan hatte: „Wir dienen weder dem König noch dem Kaiser, sondern Irland.“

Auch als Schüler wussten wir von den irischen Soldaten im 1. Weltkrieg. Die ganze Sache konnte nicht verschwiegen werden, und man versuchte, sie so gut wie möglich in das nationalistische Epos einzugliedern. Wir durften sie einigermaßen bewundern, diese stoischen Männer, die ihre Pflicht taten, ohne daran zu glauben. Wir kannten die Zeilen von Yeats:

Those whom I fight I do not hate,
Those whom I guard I do not love.

Und wir kannten alle auswendig ein Gedicht des jungen Dichters Francis Ledwidge, einer typischen Figur unter diesen zerrissenen Nationalisten. Er war schon Grabensoldat , als er 1916 vom Osteraufstand hörte. Damals schrieb er sein „Lament for Thomas MacDonagh“, einen der Führer im Osteraufstand:

He shall not hear the bittern cry
in the wild sky, where he is lain,
nor voices of the sweeter birds
above the wailing of the rain.

Doch er blieb auf seinem Posten – er hatte keine Wahl – und fiel ein Jahr später in Flandern.