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Träumerei

Ich träume oft davon, dass ich zurück in der Schule bin. Ich gehe nicht nur in die alten Gebäude, ich gehe in eine Klasse, wo ich verblüffenderweise als Schüler aufgenommen werde, obwohl ich eigentlich nur als wohlwollender Gast beobachten möchte. Und es kommt noch peinlicher: Morgen habe ich eine Prüfung abzulegen, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet bin.

Vielleicht habt auch Ihr solche Träume. Wie sie tiefenpsychologisch zu deuten sind, bleibe dahingestellt. Ich komme vermutlich in die Schule zurück, weil ich unerledigte Aufgaben habe, wie jene Priester im katholischen Volksmund, die aus dem Jenseits zurückkommen und in ihren alten Kirchen herumgeistern, weil sie es im Leben versäumt haben, alle ihre versprochenen Messen zu lesen. Man könnte argumentieren (das ist nur eine schrullige Theorie von mir), diese Geister seien Träume der Verstorbenen. Sie erscheinen in unserer Welt, so wie wir in unseren Traumwelten erscheinen. Die Menschen in unseren Träumen sind ebenso erstaunt, wenn wir in ihrer Welt auftauchen, wie wir es sind, wenn Geister aus dem Jenseits bei uns auftauchen.

Unter den Jesuiten im Noviziat in Milltown bei Dublin wurde eine Geschichte erzählt, die alle Gymnasiasten des Belvedere College früher oder später von den Patres zu hören bekamen. Eines Nachts ging ein junger Novize im Klosterhof spazieren und sah in der Nähe der Kirche eine dunkle Figur vor sich langsam auf und ab gehen. Als er sich dem Unbekannten näherte, wandte sich dieser um und sah ihn stumm und traurig an. Dann verschwand er im Dunkel des Hofes. Dies passierte auch in späteren Nächten. Der Novize berichtete dem Vorstand das seltsame Vorkommen, und es stellte sich bald heraus, dass auch Andere hatten den rastlosen Spaziergänger gesehen hatten. Er wurde als ein verstorbener Jesuitenpater identifiziert, und man vermutete, er habe nicht alle seine Messen gelesen. Die lebenden Patres wurden rekrutiert, um in einer Art Schichtarbeit in der Klosterkirche zusätzliche Messen zu lesen. Kurz danach verschwand die Figur und wurde nie mehr gesehen.

Ungefähr so geistere ich im Belvedere herum. Was fehlt mir? Ich will vielleicht Jesuit werden. Doch ich weiß, ich würde keinen guten Ordensmann abgeben. Ich würde immer nur aus der Reihe tanzen, was eher unerwünscht ist. Damals im Belvedere wurde ich nie gefragt, ob ich vielleicht doch eine Berufung habe. Ich kam grundsätzlich nicht in Frage.

In diesem Zusammenhang denke ich immer an Tegularius in Das Glasperlenspiel. Dieser hatte es irgendwie in den kastalischen Orden geschafft und war „ein Kleinod im Vicus Lusorum“, wie Magister Knecht sagte, doch man konnte ihm kein Amt anvertrauen und die Behörde musste ihn immer im Auge behalten, damit er wegen seiner unregelmäßigen Lebensweise nicht psychisch und physisch unter die Räder kam. Tegularius war trotzdem ein überzeugter Ordensbruder. Er hatte sich offensichtlich nichts mehr gewünscht, als Mitglied eines aristokratischen Klubs zu sein, unter Seinesgleichen zu leben und nur mit ihnen zu verkehren.

Für mich gibt es keinen Orden, dem ich beitreten könnte, und es wird auch nie einen geben. Vielleicht wird es im 23. Jahrhundert in den Bündner Bergen ein Kastalien geben. Bis dann ist es freilich zu spät für mich. Aber ich kann davon träumen, als ein Tegularius reinkarniert zu werden, es in den Orden zu schaffen und nun endlich als „Kleinod“ geschätzt zu werden. Denn (um meiner schrulligen Theorie ein Korollar hinzuzufügen) solches Tagträumen bedeutet, in der Zukunft herumzugeistern.

 

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Das Claviorganum

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2014/11/26/das-claviorganum/

ist jetzt als Video zu sehen:

 

Verlorener Thomas

Wie ich schon einmal erwähnte, heiße ich unter anderem Thomas. Das ist mein Firmname. Mit zehn Jahren oder so, als ich gefirmt wurde, musste ich einen neuen Namen auswählen. Ich entschied mich für Thomas, nach Thomas von Aquin. Ich hatte es inzwischen vergessen, aber eigentlich ist dieser nicht der einzige Thomas, der bei meiner Namenwahl eine Rolle spielte. Damals las ich auch Thomas von Kempen de imitatione Christi. Ich war lange Zeit von diesem Buch fasziniert und kann ehrlich sagen, dass es meine ganze Spiritualität geprägt hat. Auch dieser Thomas, der demütige, strenge, aber durchaus moderne Klosterbruder von Kempen, gehört zu meinen Schutzheiligen.

De imitatione Christi ist ein spiritueller Klassiker der katholischen Welt. Alle Katholiken kennen dieses Werk und viele andere auch. Als Junge von zehn, nicht lange vor meiner Firmung, las ich das Buch in der englischen Übersetzung aus dem 17. Jahrhundert, die von den damals in Douai ansässigen englischen Jesuiten gemacht worden war. Diese Jesuiten gaben auch die sogenannte Douai-Bibel heraus, die Übersetzung, die dreihunderte Jahre lang von englischsprachigen Katholiken benutzt wurde, da die King-James-Übersetzung der anglikanischen Kirche, die eigentlich einen Höhepunkt der frühmodernen englischen Prosa bildete, theologisch verdächtig war.

Ich las die Nachfolge Christi mit Begeisterung, und zwar im stillen Kämmerlein, wie es sich gehört. Ich kannte mehrere Kapitel fast auswendig. Jetzt als Erwachsener habe ich eine andere Perspektive, eine kritische, über Bruder Thomas, während ich sein einfaches, schlichtes Latein lese. Aber er ist ebenso gütig, menschlich, aufrichtig wie immer.

Thomas hin oder her; ich wurde nie Mönch. Das religiöse Leben lockte mich nicht. Aber: Nomen est omen. Unter den Namen, die wir oder andere für uns ausgewählt haben, liegen oft „verlorene Ichs“ verborgen, Teile von uns, die in unserm eigentlichen Leben keine Chance bekommen haben, unerfüllte Möglichkeiten, wie etwa die lebendigen Schachfiguren, die der Held von Hermann Hesses Steppenwolf sieht.

A propos Hesse, ich hatte es irgendwie verpasst, Narziss und Goldmund zu lesen, und holte dies vor Kurzem nach. Die zwei Freunde in diesem Roman stehen für zwei Lebensmöglichkeiten. Als Leser identifizierte ich mit Goldmund, Hesse offenbar auch, denn der Roman ist hauptsächlich die Erzählung seines Lebens. Andererseits sind Narziss und Goldmund zwei Hälfte einer einzigen Persönlichkeit. Hesse ist auch Narziss, und man findet diesen Aspekt von ihm wieder im Glasperlenspielmeister Josef Knecht. Darin sehe ich auch ein verlorenes Ich von mir. Während ich als Goldmund hinaus in die weite Weg zog, bin ich auch Narziss und blieb im Kloster. Darum heiße ich eigentlich Thomas.

Rathfarnham Castle (1)

Rathfarnham Castle, von dem ich früher im Zusammenhang mit Angelika Kauffmann geschrieben habe, ist ein altes Schloss unweit von meinem Elternhaus in Dublin. Rathfarnham ist ein Vorort auf der Südseite der irischen Hauptstadt. Rathfarnham oder Rathfarnam – es gibt beides: diese Schreibvarianten sind an sich interessant. Wie die meisten Ortsnamen in Irland geht es um eine holprige phonetische Anglisierung eines ursprünglich irischen Namens: Rath Fearnáin ist die Burg oder der Sitz des Fearnán, vermutlich eines Herrschers aus dem Mittelalter. Rathfarnan wäre als Umschreibung eigentlich genauer. Rathfarnam ist vielleicht wegen einer Dissimilation von n-n zu n-m zustande gekommen, aber mit Rathfarnham sind wir schon bei der Nachahmung von englischen Ortsnamen auf -ham (Heim). Rathfarnham scheint inzwischen die üblichste Variante geworden zu sein.

Rathfarnham Castle ist ein typisches altes englisches Herrenhaus, wie es in Irland so viele gibt, doch mit einer besonders bewegten Geschichte. Es wurde im späten 16. Jahrhundert von Adam Loftus, einem englischen Siedler, als Burg gebaut, denn der traditionelle englische Ansiedlungsrayon hatte seine Grenze bei Rathfarnham, und der Ort wurde von den irischen Clans in Wicklow oft angegriffen. Diese Festung im mittelalterlichen Stil erfüllte seinen Zweck, denn die Iren hatten keine Artillerie.

Im englischen Bürgerkrieg mitten im 17. Jahrhundert wurde das Schloss abwechslungsweise von Royalisten und Parlamentariern besetzt, und es wird sogar behauptet, Oliver Cromwell habe hier übernachtet, als er zu seiner großen Genozidkampagne in Irland unterwegs war. Später wurden die Türme und das mit Zinnen bewehrte Dach der alten Festung in ein elegantes, wenn auch sehr solides Landhaus mit großen Fenstern und einer großen Eingangstür umgebaut. Im 18. Jahrhundert wurde Rathfarnham Castle von der Besitzerfamilie Loftus weiter ausgebaut und einer der Herren, ich weiß nicht ganz warum, baute sich einen stattlichen Triumphbogen am anderen Ende des Anwesens nahe dem Fluss Dodder, den man immer noch bewundern kann.

Im 19. Jahrhundert starb die Besitzerfamilie aus und Schloss und Land wurde von der Gesellschaft Jesu käuflich erworben. Die Patres machten das Haus zu ihrem Noviziat. Im späten 20. Jahrhundert, als es kaum noch Novizen gab, war es eine Zeit lang ein Exerzitienhaus und sogar eine Oase für gestresste Manager. Während meiner Kindheit und Jugend kannte ich das Schloss nur als Besitz der Jesuiten. Man bekam das Schloss kaum zu sehen, denn es lag versteckt hinter einer großen Mauer. Schließlich starben auch die Patres (beinahe) aus und die Gesellschaft Jesu musste Schloss und Anwesen loswerden. Vom Land verkaufte sie fast alles für Wohnhäuser. Nach einer öffentlichen Kampagne beschloss der irische Staat Rathfarnham Castle und den umliegenden Park für das Volk zu erwerben.

Das Schloss ist heute ein öffentliches Museum (momentan wegen Reparaturarbeiten geschlossen, heißt es). Nebenan wurde ein angenehmer Tearoom errichtet. Als ich vor zehn Jahren zurück in der Gegend war, besuchte ich den Ort und machte den geführten Rundgang mit: Ich hörte von der Familiengeschichte und von den verschiedenen Geistern, die in Haus und Park spuken, einschließlich eines Hundes (anscheinend können auch Hunde als Gespenster aus dem Jenseits zurückkommen). Die meisten Innenräume des Schlosses standen leer, doch es hiess, der Staat habe vor, diese in den nächsten Jahren passend zu möblieren. In einem Saal des Schlosses sah man immer noch eine von Angelika Kauffmann bemalte Decke. Ich erzählte dem Museumspersonal, dass ich in Angelika Kauffmanns Vaterstadt Chur wohne. Es kam die Frage auf, ob die Malerin eigentlich als Schweizerin oder Österreicherin zu betrachten sei. Sie war so viel in Europa unterwegs, meine ich, es kann ihr ziemlich egal gewesen sein.

Das Claviorganum

Bei den Jesuiten in Dublin habe ich vieles gelernt, doch Musik stand damals nicht auf dem Lehrplan. Inzwischen haben sich die Dinge verändert. Bevor unser Jahrgang mit der Schule fertig war, fingen die Patres tatsächlich an, in den Primarklassen Blockflöte zu unterrichten. In unserem Klassenzimmer oben im Gymnasium hörten wir bei offenem Fenster die kleinen Jungen drüben in der Primarschule endlos ihre schrillen Tonleitern üben. Wir lächelten über diesen Unsinn, der uns erspart geblieben war. Einige von uns interessierten sich trotzdem für Musik. Wie hätte es denn auch anders sein können, vor allem bei mir, ich stamme ja schliesslich von der musikalischen Familie der Craigs ab.

Als Jüngling fühlte ich mich besonders zur alten Musik hingezogen und lieh mir einmal ein Buch über alte Musikinstrumente aus der Bibliothek aus. In diesem Buch war von den wunderlichsten Tasteninstrumenten die Rede: vom Archicembalo, das nicht nur alle möglichen Zwischentöne, sondern auch alle Laute der menschlichen Sprachen wiedergeben konnte, von Castels clavecin oculaire, das eine Musik der Farben spielen sollte, von Kempelens sprechender Maschine, und schließlich vom Claviorganum, einem Tasteninstrument, das es dem Spieler ermöglichte, nicht nur Cembalo, sondern zugleich auch Orgel zu spielen. Ich konnte mir solche fantastisch komplizierte Instrumente kaum vorstellen.

Eines Nachts aber hatte ich einen Traum. Ich war allein in der Schule, es war dunkel, alles war still. Ich sollte mich beim Praefectus Studiorum, dem Direktor, melden. Ich kam zu seiner Tür und klopfte an. Niemand antwortete, überrascht stellte ich aber fest, dass man drinnen musizierte. Ohne weiter zu zögern, öffnete ich die Tür und trat ein. Es war sein Studierzimmer, wie üblich, aber der ganze Raum war von einem großen Musikinstrument besetzt. Es war ein Cembalo (ich sah die Saiten unter der aufgedeckten Klappe), zugleich aber auch eine Orgel, denn ich sah goldene Pfeifen aus einem anderen Teil emporragen. Tatsächlich ertönte daraus die wundersamste Musik: teilweise Cembalomusik, aber auch Orgelklänge. Es war ein Claviorganum.

Vor der zweimanualigen Tastatur saß der grauhaarige Praefectus Studiorum und spielte. Er sah mich mehrmals an, spielte aber weiter. Sein Gesicht war ausdruckslos, eine Maske, aber es strahlte Macht aus, strenge Macht. Er schien mich kaum zu beachten. Ich hatte Angst vor ihm, vor seiner Macht. Er spielte weiter auf den zwei Manualen vor sich, griff in die Tasten und betätigte die Pedale, und alle mögliche Musik schien aus diesem Instrument zu quellen. Es war eine Art Fuge, deren Stimmen abwechslungsweise vom Cembalo und von der Orgel getragen wurden. Ich fühlte mich verloren und konnte nur dastehen und lauschen.

Jahre später, als ich einen Abschnitt im Glasperlenspiel las, dachte ich wieder an jenen Traum: „Dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten, und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit, ihre Manuale und Pedale tasten den ganzen geistigen Kosmos ab, ihre Register sind beinahe unzählig, theoretisch ließe mit diesem Instrument der ganze geistige Weltinhalt sich im Spiele reproduzieren.“

Das war es also, dachte ich. Der Praefectus Studiorum konnte alles spielen, alles in der Welt. Er hatte den ganzen geistigen Kosmos im Griff. Doch das gab es erst nach Feierabend. Ich sah die Jesuiten als einen geheimen Bund von Glasperlenspielern oder Morgenlandfahrern, die Geheimnisse hegten, welche nicht in der Schule gelehrt werden durften. Diese Geheimnisse erschienen nur in den Träumen der Schüler. Das war wohl der heimliche Lehrplan.

Schattenhäuser

In Belvedere, dem Jesuitengymnasium in Dublin, gab es anständige Schulgebäude, die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammten, und das Hauptgebäude, in dem die Patres wohnten, war das Stadthaus eines englischen Adeligen gewesen. Nebenan waren aber auch Ruinen, verwahrloste alte Häuser, die zum Schulkomplex gehörten. Die Jesuiten hatten damals offensichtlich kein Geld, um sie renovieren zu lassen. Das Betreten dieser alten Häuser war für uns Schüler verboten, vermutlich aus Sicherheitsgründen. Doch wir konnten unserer Neugier nie ganz Herr werden, schauten oft hinein und taten sogar ein paar Schritte darin, wenn keiner der Patres zugegen war. Das waren alte Häuser, mit leer stehenden Zimmern und Korridoren und Wänden mit abblätterndem Putz. Eine geheimnisvolle, verbotene Welt. Offensichtlich hat das auf mein Unterbewusstsein großen Eindruck gemacht, denn seitdem träume ich als Erwachsener immer wieder von solchen leeren Räumen, die ich hinter dem Alltag zufällig entdecke.

Wenn man in verschiedenen Ländern wohnt, erlebt man im alltäglichen Leben immer wieder neue Technologien: zum Beispiel Fenster, die anders funktionieren als in der Heimat. In den Jahren in Mitteleuropa habe ich etwas Neues erlebt, das ich in Irland und Kanada nie gesehen habe: Aufzüge mit Türöffnungen auf beiden Seiten. Man steigt auf einem Stockwerk durch die eine Tür ein, und steigt auf einem anderen Stockwerk durch die andere Tür aus.

Vor einiger Zeit hatte ich einen Traum. Ich wohnte in einem stattlichen, alten Wohnhaus in Wien. Das Haus war groß und hatte einen modernen Aufzug. Eines Tages stieg ich in diesen Aufzug und fuhr einige Stockwerke hinauf. Als der Aufzug auf irgendeinem Stockwerk anhielt, bemerkte ich zum ersten Mal, dass auch hinten eine Türöffnung war. Ich befand mich allein im Aufzug. Voller Neugier griff ich zu den Knöpfen und öffnete die hintere Tür. Und siehe da! Es war ein altes Haus, aber leer, völlig leer und verwahrlost, mit Wänden, von denen der Putz abblätterte. Verwundert sah ich auf einmal, dass dieses alte Haus eine genaue Kopie, ein genaues Spiegelbild des bekannten Wohnhauses war, ebenso groß, aber leer und unbenutzt. Warum hatte ich das vorher nicht gewusst? Warum hatte man mir nichts gesagt? Wussten die anderen im Haus schon von diesem Schattenhaus oder war ich der Einzige, der davon wusste, weil ich es jetzt zufällig entdeckt hatte? Während ich ratlos dastand, schloss sich die Schiebetür langsam automatisch wieder…

Zweifellos bedeutet dieses Schattenhaus das Unbewusste, wie es immer der Fall ist, wenn man in Träumen Keller, dunkle unterirdische Gänge und dergleichen sieht. Es geht also um Teile von mir, die ich nicht verwende, unerfüllte Möglichkeiten. Denn wir alle leben in einem Teil unseres geistigen Hauses, unserer geistigen Stadt, und es gibt Räume, die wir nie betreten, so dass wir endlich vergessen, dass diese überhaupt existieren. Wenn ich die Schattenhäuser in Belvedere so deute, bleibt der Schluss aber zweideutig. Was die Jesuiten zu bieten hatten, war längst nicht alles, was geistig existiert. Oder aber, die Jesuiten boten Zutritt zu allem Geistigen, aber stillschweigend. Heutzutage spricht man ja vom „heimlichen Lehrplan“.

Übrigens war das Wiener Schattenhaus nicht gerade unterirdisch, sondern eine Parallelwelt zur Alltagswelt, eine verborgene Dimension derselben. In einem Sinne könnte es sich um die anderen Welten handeln, in denen ich gewohnt habe. Ich habe in Irland und in Kanada gelebt und manchmal frage ich mich hier in der Schweiz: was läuft jetzt wohl dort drüben ab? Denn dort geht das Leben ohne mich weiter. Vielleicht ist mein Traum ja eine Kenntnisnahme dessen, dass die Welt, meine Welt, nicht nur aus einem Ort besteht. Wenn man an verschiedenen Orten gelebt hat, wird der Begriff „hic et nunc“ unvermeidlich problematisch.

Kulturelle Aspekte des Bildungswesens (2)

Es hat mich viele Jahre gekostet einzusehen, wie unähnlich sich die Bildungswesen sind, in Europa genauso wie in allen übrigen westlichen Ländern. Heutzutage möchten wir alles internationalisieren, standardisieren und normieren. Und wir glauben, in den verschiedenen Ländern von der gleichen Sache zu reden. Hinter ähnlichen Wörtern stehen aber sehr unterschiedliche Traditionen. Zum Beispiel: „Gymnasium“.

Was meine eigene Schulbildung betrifft, bin ich einer der letzten in Irland, die eine klassische Gymnasialbildung im alten Stil genossen haben. Ich war bei den Jesuiten, und für die Patres hatte die Ratio Studiorum von 1599 immer noch ihre Gültigkeit. Klar, viel hat sich inzwischen geändert, auch in Irland, aber die Tradition bleibt.

Wir waren wirklich stolz, dass wir zu einer Eliteschule gehörten. Wir meinten, wir seien die bestgebildeten, die es gab. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Wir hatten zwar einige sehr tüchtige Lehrer. Aber ich idealisierte. Als ich den deutschen Ausdruck „humanistisches Gymnasium“ hörte, sagte ich mir ohne weiteres: Aha, das sind wir. Ich wusste ja nicht, wie lange jenes Gymnasium dauerte und wie intensiv es war.

Unser Gymnasium dauerte sechs Jahre. Wir hatten nur von halb zehn bis viertel nach drei Schule, andererseits aber nur eine halbstündige Mittagspause. Die Fächerwahl war nicht sehr breit. Wir machten viel Latein und Griechisch. Und Religion: bis zum heutigen Tag kann ich alles Mögliche über ökumenische Konzile, Häresien und Kirchenväter erzählen. Dazu gab es die zwei Amtssprachen, Englisch und Irisch, und die Fremdsprachen, Französisch und Deutsch. Geschichte und Geographie waren dabei, aber sie verschwanden im 5. Jahr aus dem Lehrplan.

Die Jesuiten teilten die Jahrgänge auf in Intelligentere und Dümmere (um die Dinge beim Namen zu nennen). Das bedeutete schon etwas für die Fächer, die man erlernte. Wir, „die sogenannte Intelligenz“, wie uns der Griechischlehrer sarkastisch nannte, durften keine Naturwissenschaften machen. Die waren für die Dümmeren bestimmt. Wir hatten wichtigere Dinge zu tun: vor allem Griechisch.

Was machten danach die angehenden Mediziner? Ja, Latein und Griechisch, das konnte bei der Anatomie und Physiologie nicht schaden, aber keine Biologie? Doch das war so üblich an solchen Schulen. Dafür hatte die medizinische Fakultät der nationalen Universität ein Vorbereitungsjahr, in dem die Studenten zum ersten Mal Biologie, Chemie und Physik in konzentrierter Form vorgesetzt bekamen.

Doch selbst in den klassischen Sprachen war unsere Leistung nicht so grandios. Als ich später bemerkte, was die Gebildeten von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert von den klassischen Sprachen und Literaturen wussten – die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu zitieren, unbekannte Texte auf Anhieb lesen zu können – hegte ich langsam den Verdacht, dass unsere Bildung doch nicht so intensiv war, Ratio Studiorum hin oder her. Wir waren eher Amateure.

Damals hatten wir viel Zeit zum Lesen, und wir lasen auch, zu Hause: Philosophie, Literatur und solche Dinge. Wenn wir von den Jesuiten Philosophie verlangten, hiess es „Wartet, das ist für die Universität“. Und eigentlich zu recht, denn unsere Schuljahre waren schnell vorbei. Als wir die Schulabschlussprüfung machten, waren die meisten 18. Ich war erst 17, weil ich irgendwo in der Primarschule ein Jahr übersprungen hatte.