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Irische Segenswünsche

Ein Beitrag von früher

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/05/30/segen-und-fluch/

ist jetzt im Videoformat zu sehen:

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Verlorener Thomas

Wie ich schon einmal erwähnte, heiße ich unter anderem Thomas. Das ist mein Firmname. Mit zehn Jahren oder so, als ich gefirmt wurde, musste ich einen neuen Namen auswählen. Ich entschied mich für Thomas, nach Thomas von Aquin. Ich hatte es inzwischen vergessen, aber eigentlich ist dieser nicht der einzige Thomas, der bei meiner Namenwahl eine Rolle spielte. Damals las ich auch Thomas von Kempen de imitatione Christi. Ich war lange Zeit von diesem Buch fasziniert und kann ehrlich sagen, dass es meine ganze Spiritualität geprägt hat. Auch dieser Thomas, der demütige, strenge, aber durchaus moderne Klosterbruder von Kempen, gehört zu meinen Schutzheiligen.

De imitatione Christi ist ein spiritueller Klassiker der katholischen Welt. Alle Katholiken kennen dieses Werk und viele andere auch. Als Junge von zehn, nicht lange vor meiner Firmung, las ich das Buch in der englischen Übersetzung aus dem 17. Jahrhundert, die von den damals in Douai ansässigen englischen Jesuiten gemacht worden war. Diese Jesuiten gaben auch die sogenannte Douai-Bibel heraus, die Übersetzung, die dreihunderte Jahre lang von englischsprachigen Katholiken benutzt wurde, da die King-James-Übersetzung der anglikanischen Kirche, die eigentlich einen Höhepunkt der frühmodernen englischen Prosa bildete, theologisch verdächtig war.

Ich las die Nachfolge Christi mit Begeisterung, und zwar im stillen Kämmerlein, wie es sich gehört. Ich kannte mehrere Kapitel fast auswendig. Jetzt als Erwachsener habe ich eine andere Perspektive, eine kritische, über Bruder Thomas, während ich sein einfaches, schlichtes Latein lese. Aber er ist ebenso gütig, menschlich, aufrichtig wie immer.

Thomas hin oder her; ich wurde nie Mönch. Das religiöse Leben lockte mich nicht. Aber: Nomen est omen. Unter den Namen, die wir oder andere für uns ausgewählt haben, liegen oft „verlorene Ichs“ verborgen, Teile von uns, die in unserm eigentlichen Leben keine Chance bekommen haben, unerfüllte Möglichkeiten, wie etwa die lebendigen Schachfiguren, die der Held von Hermann Hesses Steppenwolf sieht.

A propos Hesse, ich hatte es irgendwie verpasst, Narziss und Goldmund zu lesen, und holte dies vor Kurzem nach. Die zwei Freunde in diesem Roman stehen für zwei Lebensmöglichkeiten. Als Leser identifizierte ich mit Goldmund, Hesse offenbar auch, denn der Roman ist hauptsächlich die Erzählung seines Lebens. Andererseits sind Narziss und Goldmund zwei Hälfte einer einzigen Persönlichkeit. Hesse ist auch Narziss, und man findet diesen Aspekt von ihm wieder im Glasperlenspielmeister Josef Knecht. Darin sehe ich auch ein verlorenes Ich von mir. Während ich als Goldmund hinaus in die weite Weg zog, bin ich auch Narziss und blieb im Kloster. Darum heiße ich eigentlich Thomas.

Reise in den Süden

Während meines Aufenthaltes in Vancouver traf ich einige Lateinamerikaner und hatte vor allem eine interessante Diskussion mit Rita De Grandis, Professorin der spanischen Literatur, ursprünglich aus Argentinien. Wir waren beide Studenten in Vancouver in den 1970er Jahren. Ich sagte ihr, dass ich damals zum ersten Mal meine „Wahlverwandtschaft“ mit den Lateinamerikanern entdeckte, obwohl ich nie Spanisch gelernt habe. Sie hat eine ähnliche „Wahlverwandtschaft“ mit Iren in Kanada und hat mehrere irische Freunde.

Es ist mir ein paar Mal aufgefallen, vor allem jetzt zurück in Europa lebend, dass wir Iren einen verlorenen Teil unserer Identität suchen und diesen im südländischen Gefilden wiederfinden. Irland, meine ich, ist ein Land, das durch Zufall in Nordeuropa, und zwar an der Peripherie Nordeuropas, positioniert ist, jedoch eigentlich nach Südeuropa gehört. In diesem Zusammenhang spielt der Katholizismus natürlich eine wichtige Rolle; er verbindet uns mit Spanien, Portugal und Italien. Es ist aber nicht einfach für uns, (wieder) südländisch zu werden.

Der irischsprachige Autor Alan Titley hat nur halb scherzend geschrieben, wir seien ein katholisches Volk mit einer protestantischen Kultur. Seit der Reformationszeit haben die Engländer versucht, uns zu ihrem protestantischen Glauben zu bekehren, jedoch stets ohne Erfolg. Oder vielleicht doch? Sie haben uns die englische Sprache beigebracht und dadurch ihre Kultur, eine protestantisch geprägte. Sie haben uns die protestantische Denkweise aufgebrummt, nicht aber den Protestantismus selbst. Wir sind zu protestantischen Katholiken geworden (die amerikanischen Katholiken wissen das, und nennen uns oft „Jansenisten“, was interessant aber verfehlt ist). Was wir haben, ist eine protestantische Disziplin, ein protestantisches Über-Ich. Kein Wunder, dass wir uns heimlich nach den Lateinamerikanern und ihrer menschlichen Wärme, ihrer Toleranz, ihrer Alle-Sorgen-nur-auf-Morgen-Einstellung sehnen.

Aber das ist nicht nur unser Problem. Es hat mit der großen Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa zu tun. In Deutschland gedenkt man momentan der Zeit, als man sich mit den „deutsch-deutschen Beziehungen“ auseinandersetzen musste. Wie aber steht es mit den „europäisch-europäischen Beziehungen“, den Beziehungen zwischen den zwei Europas, dem Norden und dem Süden?

Der deutsche Schriftsteller Eberhard Schmidt schrieb neulich über das Mittelmeer und über die Sehnsucht, die es in den Nordeuropäern weckt. Laut ihm wird der Mittelmeerraum „von Goethe bis Nietzsche zur Projektionsfläche eines Verlangens nach Befreiung von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen und protestantisch dominierter Disziplin im Norden Europas.” Italien bedeutete nicht nur Sonne und Meer, sondern auch künstlerisches Leben, Entspannung, und nicht zuletzt sexuelle Freiheit. („Auch ich in Arkadien!”)

Ich meine, wir Iren können Goethes „Italienische Reise“und auch die „Grand Tours“ der Angelsachsen gut verstehen, denn Menschen wie ich fühlen sich ständig dazu bewogen, die gleiche Reise in den Süden zu unternehmen. Unsere italienische, spanische, griechische oder lateinamerikanische Reise entpuppt sich als ein Versuch, das bestrafende protestantische Über-Ich in uns zu überwinden und uns etwas südländische Wärme anzueignen.

Heim zum Uralten

In den letzten Wochen war ich in Irland zu Besuch, sowohl in Nordirland als auch in der Republik. Es gäbe wie immer viel zu erzählen, doch ich möchte vor allem meinen seltsamen Besuch in Ardstraw (Grafschaft Tyrone) beschreiben. Schon lange wollte ich dieses mir unbekannte Dorf besichtigen, von dem ich nur aus Angaben in historischen Büchern wusste.

Dort soll das alte Gebiet der Mac Con Midhe liegen, des Bardenclans, aus dem ich stamme. Im Mittelalter hatten die Mac Con Midhe einen Besitz in der Nähe und hatten lokale Clanherrscher als Gönner, vor allem die Ó Néill.

Heute ist Ardstraw (Ir. Ard Sratha) nur ein ländliches Dorf, abseits der großen Straßen. Im Mittelalter aber war es Klosterstadt und Bischofssitz. Das Bistum existiert nicht mehr, es wurde schon im Mittelalter abgeschafft. Ard Sratha gibt es heutzutage nur als Titularbistum: Der Weihbischof von Aachen in Deutschland heißt gegenwärtig Bischof von Ard Sratha.

Ich kam am Vormittag an. Vor mir stand ein kleines Dorf in einem kleinen Tal, inmitten einer fruchtbaren, hügeligen Landschaft. Ich sah die alte, steinerne Brücke mit ihren sechs Bogen über dem Fluss Derg. Alles sah sehr ruhig aus. Es ist landwirtschaftliches Gebiet, sonst ist nicht viel los. Manchmal fuhr ein Farmer in seinem Traktor oder ein Auto über die Brücke und durch die leere Dorfstraße. Gegenüber der Brücke, am Dorfeingang, sieht man ein Wirtshaus, doch es ist längst geschlossen, die Fenster mit Brettern vernagelt. Unmöglich also, ungezwungen bei einem Bier unter den Einheimischen zu sitzen und den lokalen Klatsch zu belauschen. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Beim Weitergehen sah ich nur die presbyterianische Kirche und die Oranierloge auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Am 12. Juli hatte man das große Oranierfest begangen, und es flatterten britische Fahnen und weiße Ulster-Flaggen mit der roten Hand von jedem Laternenpfahl.

Nach diesem Spaziergang stieg ich hinauf auf einen Hügel oberhalb des Dorfes und besuchte den alten Friedhof, der seltsamerweise durch die moderne Landstraße zweigeteilt ist. Katholiken auf der einen Straßenseite, Protestanten auf der anderen, so wie man es manchmal in Nordirland vorfindet? Mitnichten. Hier gibt es offensichtlich keine Katholiken. Neben dem Friedhof sieht man eine „Ardstraw Gospel Hall“: vermutlich Schismatiker aus der Presbyterianischen Kirche unten im Dorf. In beiden Teilen des Friedhofs ist kein Grabmal älter als aus dem 17. Jahrhundert, die Zeit der ersten protestantischen Siedler. Eine neue historische Tafel informiert darüber, dass von der mittelalterlichen Klosterstadt absolut nichts übriggeblieben ist, außer vielleicht dieser Friedhof und die alte Brücke, auf der sich seinerzeit streitende Clans trafen, um mit einem feierlichen Eid auf die Reliquien der Bischofskirche Frieden zu schließen.

Ich sah mich in der Landschaft um und versuchte, mich in jene Zeit zu versetzen. Ich dachte an meine Ahnen, die Dichter, die hier gelebt haben. Deren berühmtester starb um das Jahr 1272 und liegt irgendwo hier begraben.

Plötzlich dachte ich an Kanada. Ich habe zwanzig Jahre in Kanada gelebt, und fühlte mich nie wirklich zu Hause. Nur die Indianer können sich dort zu Hause fühlen, meinte ich, denn sie haben ihre Wurzeln im Lande und nicht anderswo, so wie die Weißen, wie ich. Ich fühlte mich irgendwie wie ein kanadischer Indianer, der zu seinem Stammesgebiet zurückfindet und nur die Siedlung der Weißen vor sich sieht. Die Landschaft ist jetzt von Menschen bevölkert, die nichts davon wissen, was hier früher einmal war, Menschen, die fast von einem anderen Stern kommen, denen die frühere Geschichte völlig fremd und gleichgültig ist.

Trotzdem musste ich zurückkehren in diese Heimat. Heimat? Was ist das? Ich weiß, die Vertriebenen in Deutschland reden immer noch über die „Heimat von gestern“ im Osten, wo die Bauernhöfe längst von Anderssprachigen besetzt sind, die nichts über sie wissen. Wenn man in seinem Leben und seiner Identität an einem gewissen Punkt angelangt ist, sucht man irgendwie automatisch seinen Ausgangspunkt, sein Zentrum, auch wenn es ein verlorenes Zentrum ist. Wie Rilke schrieb:

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Ich blickte ein letztes Mal über das Gräberfeld und die hügelige Landschaft der Grafschaft Tyrone, wo ich jetzt ein Fremder war, und als ich mich zum Aufbrechen wandte, murmelte ich die letzten Zeilen:

Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

 

Rathfarnham Castle (2)

Angelika Kauffmann verbrachte einige Zeit hier in Rathfarnham. Sie war in diesem und anderen angloirischen Schlössern zu Gast und blieb insgesamt sechs Monate im Großraum Dublin, bevor sie nach London zurückfuhr.

Die mythischen Figuren, die sie an die Decke in einem Saal in Rathfarnham gemalt haben soll, sind wahrscheinlich nicht von ihrer Hand, denn sie sind nicht auf ihrem üblichen künstlerischen Niveau. Sie machte wahrscheinlich nur den Entwurf auf Papier und dieser wurde dann nach ihrer Abreise von anderen umgesetzt, etwa von italienischen Wandermalern, die in Nordeuropa damals ständig unterwegs waren. Als ich in diesem Saal stand, stellte ich mir Angelika Kauffmann vor, wie sie auf einem Sofa liegend die Decke studierte und in einer Mappe die anmutigen Figuren mit Bleistift skizzierte.

Man schrieb das Jahr 1771 und sie hatte vermutlich Zeit, dieses neue Land zu beobachten. Sie muss verstanden haben, dass die Adeligen, mit denen sie verkehrte, Protestanten englischer Herkunft waren, das enteignete Volk aber religiös und sprachlich völlig anders war. Was meinte sie wohl dazu als Katholikin aus dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation? Sie wusste schon, dass der Katholizismus auch in England verboten war und verfolgt wurde. Am Sonntag in London konnte sie gemeinsam mit ihrem Vater die Messe nur in der österreichischen oder spanischen Legation besuchen.

Orte wie Rathfarnham Castle sind mir wie auch anderen Iren vertraut, doch sie bleiben fremd. Das waren die Herrenhäuser der englischen Adeligen. Diese Orte symbolisierten die Tyrannei der Fremden. Ich konnte bei meinem Besuch im Schloss ein heimliches Grauen nicht unterdrücken. Denn meine Ahnen hätten hier keinen Platz gehabt. Wenn sie ehrgeizig gewesen wären, wären sie ausgewandert – nach Paris oder Rom um zu studieren oder ansonsten in den Dienst des österreichischen Kaisers eingetreten.

Es gibt ein Gedicht von Aogán ó Rathaille, „Vailintín Brún“, in dem der Dichter erklärt, dass seine Ahnen, eine Bardensippe, immer von den einheimischen Adeligen geehrt wurden. Auch als diese enteignet wurden, waren die englischen Browns, die das Schloss übernahmen, ihnen freundlich gesinnt. Aber jetzt, am Anfang des 18. Jahrhunderts, ist ein neuer Erbe den Besitz angetreten: Valentine Brown, der in England aufgewachsen ist, und von Irland und der einheimischen Überlieferung nur wenig weiß. Trotzdem kommt Aogán angewidert zum Schlosstor, um seine Dienste anzubieten. Das Gedicht ist ein Meisterwerk der Ironie und des Sarkasmus.

Als ich im leeren Prunksaal in Rathfarnham stand und an Angelika Kauffmann dachte, glaubte ich Musik zu hören: Streicher spielten ein Concerto Grosso von Geminiani, der übrigens auch in Irland unterwegs war, und AK, die eine begabte Musikerin war, spielte dazu Cembalo. Das ist seit langem meine bevorzugte Musik, obwohl ich, wenn ich daran denke, zugeben muss, dass diese Art von Musik für genau diese Orte geschrieben wurde; für die Gewinner, nicht für die Verlierer. Als Gewinner sitzt man drinnen im warmen Schloss. Die Verlierer warten draußen vor dem Tor.

 

Missionare (3)

Wenn jemand von Missionen und Missionaren redet, denkt man automatisch an exotische Länder. Es hat aber auch eine andere Art von Mission gegeben: die inländische. Diese entwickelte sich im Zuge der Reformation und Gegenreformation. Die Reformatoren zogen umher und versuchten, ihre Mitchristen zum neuen Glauben zu bekehren. Später missionierte auch die römische Kirche, um die Abtrünnigen zu rekatholisieren. Die Jesuiten waren von Anfang an dabei, aber auch die Kapuziner und die Dominikaner. Sie missionierten sogar auf katholisch gebliebenem Territorium, wo es zweifelhaft war, ob die Menschen wirklich christlich waren, da sie ihre eigene vorchristliche Kultur behielten, wie etwa in der Bretagne.

Die inländische Mission war oft intoleranter als die ausländische, aber nicht immer. Im Namen Gottes wurden Sprachen unterdrückt (etwa das Ladinische im Südtirol, das Kornische in Cornwall und das Gälische in Schottland) oder aber mit Bibelübersetzungen und Gesangbüchern gefördert (wie das Rätoromanische in Graubünden und das Walisische in Wales). Es wurden auch lokale Kulturen unterdrückt oder zensiert oder aber in etwas Moderneres verwandelt, das ihr Überleben sicherte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es inländische Missionswellen, zum Teil sehr erfolgreiche, wie etwa in Wales. Im Zuge der großen Hungersnot von 1847 gab es in Irland eine Bewegung, die man ironisch „die zweite Reformation“ nannte. Verhungernde wurden nämlich von englischen Missionaren gefüttert, wenn sie bereit waren, protestantisch zu werden. Von diesen Elenden heißt es im irischen Volksmund heute noch: „Sie nahmen die Suppe“.

Inländische Missionen waren in der Moderne ein ständiger Aspekt der Kirchengeschichte. Das Zielpublikum waren hier nicht die Heiden, sondern die Anhänger der anderen Konfession, oder die primitiven Kelten in der Bretagne und im schottischen Hochland. Doch auch die ausländische Mission erwies sich manchmal als ein sektiererisches Unternehmen, wie in Südindien, wo etliche Kollegen von Hermann Gundert sich darauf spezialisierten, nicht gottesferne Hindus, sondern in erster Linie Anhänger der altehrwürdigen Kirche des Heiligen Thomas für den Protestantismus zu gewinnen.

Heutzutage gibt es kaum mehr inländische Missionen, denn die ökumenische Bewegung in den Kirchen hat sie überflüssig gemacht. Dafür aber gibt es die amerikanischen evangelikalen Bewegungen, von der katholischen Kirche als „Sekten“ verschmäht, die heute einen ungeheuren Erfolg haben, nicht nur in den USA, sondern auch in den katholischen Hochburgen der alten und neuen Welt. Sogar in Irland, wo der Katholizismus vielerorts kollabiert hat, machen sie Konvertiten. Die Religion lässt sich nicht so leicht aus der modernen Gesellschaft verbannen.

 

Missionare (2)

Im 20. Jahrhundert war es unmöglich, dass einer in Irland aufwächst, ohne etliche Missionare persönlich zu kennen. In meinem Fall waren es Jesuiten. Die Patres hatten überall Schulen, doch wir hörten meistens von Afrika. Unser Lateinlehrer, zum Beispiel, ein Pater in den Vierzigern, ging nach Sambia, wo er in einem lokalen Äquivalent unseres Gymnasiums lehrte. Er schrieb uns Briefe nach Hause. Wir lernten von ihm sogar ein paar Wörter in der lokalen Tonga-Sprache: kokala kabotu war anscheinend ein Gruss.

Es gab viele irische Orden, die in der dritten Welt Missionen hatten, vor allem in Afrika. Damals kannten alle jungen Leute Priester und Nonnen, die in Afrika oder anderswo missionierten. Man sah sie ab und zu in der Ferien: sonnengebräunt, komisch unangepasst, aber im Grunde genommen so irisch geblieben wie wir. Sie hatten immer Geschichten über wildfremde Menschen und exotische Verhältnisse zu erzählen.

Bei den Missionen in der dritten Welt ging es nicht wirklich um Solidarität mit Gleichgestellten. Nein, es hieß immer: Wir gehen und geben ihnen von dem, was wir haben, von unserm Wissen, von unserm Glauben. Wir opfern uns auf, sie profitieren.

Auch die Frankokanadier schickten viele Missionare, wie ich später in Kanada erfuhr. Der Grund war vielleicht derselbe: Mangel an politischer Macht. Während andere Nationen Imperien gründeten, mussten wir Iren und Frankokanadier uns mit der Mission zufriedengeben. Tatsächlich haben die Frankokanadier die Afrique noire francophone evangelisiert, die Iren hingegen die britischen Kolonien. Im großen irischen Priesterseminar Maynooth wurde die spirituelle Eroberung Schwarzafrikas systematisch geplant. Das war ein sanfter Imperialismus, eine zweite Welle der Kolonisation nach den Kriegsschiffen und Kanonen.

Jetzt ist es nicht mehr so in Irland. Die Missionare, von denen man hört, sind alte Menschen, die so lange in der Ferne gelebt haben, dass sie lieber dort bleiben, als nach Irland zurückzukehren. Und es gibt kaum neue Priester und Nonnen, geschweige denn Missionare. Aber etwas hat die einstige Missionstätigkeit ersetzt: die Entwicklungshilfe. Es gibt heutzutage zahlreiche junge Iren, die als Lehrer, Krankenschwestern usw. nach Afrika gehen. Eine regelrechte irische Fremdenlegion. Sie arbeiten für irische oder angelsächsische Hilfswerke oder bei der UNO. Sie sind die Missionare von heute.