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Der Exot aus Connemara

In früheren Beiträgen habe ich Pokornys Substrattheorie über Irland und das Phänomen der sogenannten «schwarzen Iren» erwähnt. Die herkömmliche Geschichte Irlands aus dem Mittelalter heißt Lebor Gabála oder Buch der Invasionen und nach all jenen kriegerischen Einwanderungen würde es mich eher überraschen, wenn die heutige Bevölkerung Irlands homogen keltisch wäre.

Als Kind in den fünfziger und sechziger Jahren in Dublin sah ich wenige Ausländer. Umso scharfsichtiger war ich vielleicht für interne Unterschiede, für Exoten unter den Einheimischen.

Hier erinnere ich mich besonders an Pádraic Breathnach, der heutzutage ein bekannter Schriftsteller irischer Sprache ist. Er stammt aus einem Dorf in der Gaeltacht Conamara (englisch Connemara). Er ist hauptsächlich ein Erzähler und hat zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht. Er war auch Dozent für irische Literatur an einer Hochschule in Limerick. Damals in den 1960er-Jahren hatte er seine pädagogische Laufbahn als Gymnasiallehrer angefangen, und der Zufall brachte ihn zu uns ins Belvedere College, Dublin. Er unterrichte uns ein Jahr lang Irisch.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als er vor uns im Klassenzimmer auftauchte. Für uns sechzehnjährige Gymnasiasten wirkte er wie ein Fremdkörper. Wir wunderten uns über seine authentische Aussprache des Conamara-Dialekts, die uns so seltsam vorkam und am Anfang kaum verständlich war. Die Sprache entstand hinten in seiner Kehle und quoll wie Kies aus seinem Mund, ohne dass er die Lippen bewegte. In den Pausen versuchten wir seine Stimme nachzuahmen. In Dublin hatten wir nie so etwas gehört.

Wir wunderten uns aber auch über sein Aussehen. Er war ein dünner, großgewachsener Mensch mit schwarzen Haaren. Sein langes, gebräuntes Gesicht war aber nicht das eines Iren, sondern eher das eines Spaniers, wie man sie in Südspanien antrifft. Sein Gesicht war lang und flach, er hatte eine lange Nase und verhältnismäßig kleine, schwarze Augen. Auch seine Manieren waren anders. Er wirkte stur, gefühllos und seine Gesichtszüge waren maskenhaft, nicht beweglich, wie man dies von einem Iren erwartet.

Aber: Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich haben wir von ihm einiges gelernt, denn er war ein waschechter Irischsprachiger und hatte ferner ein Gespür für die Literatur. Er hat mich persönlich für das Schreiben in irischer Sprache gewonnen.

Ich wusste schon von Ferienbesuchen bei der Familie meiner Mutter in Derry, dass Nordirland kulturell ein anderes Kapitel war. Bei Pádraic Breathnach, dem Exoten aus dem Westen, erkannte ich, dass die Iren weder physisch noch kulturell ein homogenes Volk waren. Wir waren bei weitem kein geschlossener Stamm von kriegerischen, rothaarigen Bestien. Weit weg von der Hauptstadt, draußen auf dem Lande, gab es Abgründe, Substrate, Spuren der Vorgeschichte, von denen wir Stadtburschen das Allerwenigste wussten. In den späteren Jahren meines Sprachstudiums hatte ich also ein offenes Ohr für Pokornys Theorien.

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Zum Gedenken an die Verlierer

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

Zeilen von Hugo von Hofmannsthal. Das Gedicht heißt „Manche freilich müssen drunten sterben“. Ja, freilich. Freilich müssen sie sterben. Es ist nicht allzu schwierig, das alles achselzuckend hinzunehmen, wenn man selbst nicht einer von denen ist, die „unten sterben“. Hofmannsthal findet es trotzdem schwierig und schreibt in der vierten Strophe:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

Das ist zu meinem persönlichen Motto geworden. Ich kann nicht vergessen, was Völker in der Welt alles erleiden und früher erlitten haben, gerade weil wir Iren so ein Volk sind. Wir haben so gelitten im Laufe der Jahrhunderte. Massaker, Tyrannei, Genozid, Hungersnot: Gebt zu, wir gehören zur Aristokratie des kollektiven Leidens.

Andererseits ist es fast ein Naturgesetz: Wenn ich diskriminiert werde, werde ich bei Gelegenheit selber diskriminieren. Wenn ich unter Tyrannen leide, sobald der Tyrann stürzt, werde ich selbst zum Tyrann. Wir mögen Gräueltaten erlebt haben, aber sobald wir den Krieg gewonnen haben, werden auch wir Gräueltaten verüben. Wenn wir in Straflagern gesessen haben, werden wir, sobald wir selbst an der Macht sind, andere in Straflager verbannen, vielleicht gar in dieselben Lager. Ich kenne keine Antwort auf diese sich wiederholende Unmenschlichkeit, aber ich weiß: Es ist so. Das Leiden macht uns zu Märtyrern, doch leider nicht zu Heiligen.

Wir Iren haben, wie gesagt, gelitten. Wir waren die größten Verlierer aller Zeiten. Wir wurden zum Helotenvolk, und das hat uns geprägt. Vielleicht hat es uns nur Grausamkeit und Intoleranz gelehrt: Dafür gibt es Beweise genug in der irischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Aber vielleicht ist das eine viel längere Geschichte, als wir meinen. Vielleicht geht es um ein sich ewig drehendes Rad. Vielleicht haben die Kelten, als sie nach Irland kamen, andere, die schon da waren, geknechtet und als Heloten ausgebeutet, wie der Keltologe Pokorny meinte, der eine nietzscheanische Vision von wenigen über stumme Massen herrschenden, arischen Kriegern aufbaute. Vielleicht war ein dunkles, vergessenes, müdes Volk da, das Jahrtausende lang die Felder zu bebauen hatte und unter der Tyrannei irischer Herrscher in irgendeiner wildfremden Sprache stöhnte: „Am besten wäre es für uns, nicht geboren zu werden!“

Heute sind so viele Verlierervölker in Vergessenheit geraten – sogar bis auf ihre Namen. Sie sind wie ferne Sterne, die irgendwo im ewigen Schweigen des Weltalls niedergefallen und spurlos verschwunden sind, so spurlos, als hätte es sie nie gegeben. Und das ist vielleicht das Schlimmste daran. So viel Leiden – um einfach nur vergessen zu werden. Es ist, als ob man nicht gelitten hätte, als ob man nicht geboren worden wäre, als ob man nicht einmal existiert hätte.

Ich wenigstens kann diese Völker nicht vergessen. Ich sehe sie in meinen Träumen. Und wenn ich mitten in der Nacht aufwache, sehe ich mit der erbarmungslosen Klarheit, die man nur in jenen Stunden besitzt, genau was es bedeutet, so ein Schicksal zu haben.

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

 

NEU: Videoaufnahme von diesem Beitrag, s. https://www.youtube.com/watch?v=ZY3yQ2TtoUk

Gefährliche Substrate

Abschließende Bemerkungen zu Julius Pokorny: Wie ich schon in früheren Texten erwähnt habe, entwickelte der Berliner Keltologe eine Theorie über Substrate in Irland. Sein Artikel wurde 1929 in der Zeitschrift für Celtische Philologie in drei Teilen veröffentlicht. Die Theorie war neu und überraschend. Seit einiger Zeit hatte man vermutet, dass unter der homogenen Oberfläche der indogermanischen Sprachen andere Sprachen lauerten, nämlich jene der früheren europäischen Bevölkerungen. Pokorny versuchte dies am Beispiel der irischen Sprache zu veranschaulichen. Die arischen Herrscher Irlands hätten Heloten gehabt, und würden von diesen geistig und sprachlich kontaminiert, aber nicht auf einmal, sondern über Jahrtausende: Jedes Mal, wenn die irische Kultur eine Krise erlitt, habe sich das nichtarische Element neu behauptet. Das war so etwas wie Freuds Auffassung des Unbewussten oder des Es. Die Indogermanistik hatte sich mit dem sprachlichen Bewusstsein, mit dem sprachlichen Über-Ich befasst, aber jetzt gab es in der Sprache ein Unbewusstsein, ein Es zu entdecken und zu erforschen.

Die Gestaltung der wenigen arischen Herrscher, die über nichtarische Massen regierten, sollte mit dem Denken der aufkommenden NS-Zeit übereinstimmen. Bald aber entdeckte Pokorny, dass er selbst ein gefährliches Substrat hatte. Es stellte sich nämlich heraus, dass er väterlicher- wie auch mütterlicherseits jüdische Großeltern hatte, und zwar böhmische (wie die Kafkas, übrigens). Deswegen fehlte ihm jetzt der Ariernachweis, und er verlor die Stelle als Professor für Keltologie an der Universität Berlin. Appelle an die akademische Mitwelt und Bitten um Unterstützung an die irische Botschaft blieben erfolglos. Charles Bewley, ein ausgesprochener Antisemit, war damals Botschafter und half nicht. Später aber, als Bewley ersetzt worden war, bekam Pokorny als Freund der irischen Sprache und Kultur ein bis 1944 gültiges Einreisevisum für Irland. Das war eine Art Versicherung.

Was aber tat Pokorny? Er tauchte unter, dort in Berlin. Er lebte weiter in seiner Wohnung. Es ist für alle, die über ihn geschrieben haben, erstaunlich, dass Pokorny die Kriegsjahre überlebt hat. Er war in einer äußerst gefährlichen Situation. Hatte jemand in den höheren Rängen der NSDAP ihn in Schutz genommen? Andere Keltologen etwa, die seine Probleme nicht hatten und vom Regime beschäftigt wurden? Das ist wahrscheinlich.

Ich stelle ihn mir vor, dort in seiner Wohnung in Berlin, wie Kafkas verwandelter Gregor Samsa, von einem Tag auf den anderen zum Ungeziefer geworden und als solches still ums Überleben kämpfend. Kafka war schon 1924 gestorben, doch ohne Übertreibung kann man sagen, er hat die kommende Katastrophe im Dunkeln vorausgesehen.

Auf jeden Fall hatte Pokorny das irische Einreisevisum sorgfältig aufbewahrt, und als die Gestapo 1943 bei ihm in Berlin in seiner Abwesenheit erschienen war, entschloss er sich zu handeln. Er reiste über Umwege nach Lörrach und ging über die Schweizer Grenze, das irische Visum vorweisend und behauptend, er wolle nach Irland. Die Schweizer selbst waren erstaunt, dass er es bis an die Grenze geschafft hatte, ohne dass die Deutschen ihn aufgefangen hatten. Sie vermuteten, er habe einen Schutzengel gehabt, den er nicht nennen wollte. Für seinesgleichen war es auch alles andere als selbstverständlich, über die Schweizer Grenze zu gelangen, aber mit dem Visum schaffte er es.

Jetzt war er in Sicherheit. Er blieb bis zum Kriegsende in der Schweiz. Er bekam sogar eine neue Stelle als Professor für Keltologie an der Universität Zürich. Diese Stelle hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1959 inne. Nach all den überstandenen Gefahren, wurde er 1970 von einer Zürcher Straßenbahn überfahren und starb.

 

Fünfte Kolonnen

Im Zweiten Weltkrieg versuchte Hitler, die Minderheiten Europas, vor allem auf dem Hoheitsgebiet des jeweiligen Feindes, als „fünfte Kolonnen“ zu instrumentalisieren. Man erinnere sich an den Ursprung dieser Redewendung: Sie stammt von einem Ereignis im spanischen Bürgerkrieg. Der faschistische General Mola, der einen Angriff auf Madrid vorbereitete, behauptete, er habe vier Kolonnen von Soldaten und noch eine fünfte Kolonne in der Stadt, womit er die faschistischen Sympathisanten in der Stadtbevölkerung meinte.

Es ist bekannt, dass Hitler kleine bedrohte Nationen wie Finnland, Litauen und Kroatien unter seinen Schutz nahm und dass diese ihn als einen Retter betrachteten. In den besetzten Ländern hingegen setzte er die Strategie „divide et impera“ um, zum Beispiel in Belgien und der Tschechoslowakei. Schon im ersten Weltkrieg, nachdem sie Belgien erobert hatten, förderten die deutschen Generäle die separatistische Bewegung in Flandern. Unter der Nazi-Herrschaft ging es nicht anders zu und her, mit Förderung der flämischen Nationalisten, Gründung einer flämischen Miliz zur Bekämpfung der Partisanen und so weiter. Nachdem er die Tschechoslowakei erobert hatte, förderte Hitler die separatische Bewegung unter den Slowaken. Sie bekamen zum ersten Mal einen eigenen Staat, unter der Leitung des katholischen Pfarrers Jozef Tiso.

Vielleicht ist der interessanteste Teil der Geschichte jener mit den keltischen Sprachen, die die Nazis gegen ihre französischen und englischen Feinde instrumentalisierten. Es waren deutsche Professoren, die die Keltologie gegründet hatten, und letztere war ein Teil der Indogermanistik, die in der NS-Zeit mit den fragwürdigsten Theorien über das arische Volk verknüpft wurde.

Wie Joachim Lerchenmüller in seinem Buch Keltischer Sprengstoff* geschrieben hat, war diese Wissenschaft zu Lebzeiten der großen Keltologen Kuno Meyer und Rudolf Thurneysen in die Machtpolitik Deutschlands gegen England und Frankreich eingebunden. Während das Wetteifern zwischen den europäischen Mächten zunahm, verband sich die Keltologie mit dem keltischen Nationalismus und dem anti-englischen, anti-französischen Gedanken. In seinem Referat „Irland und England“ während des ersten Weltkrieges und des beginnenden irischen Freiheitskrieges behauptete Thurneysen: „Das nächste Außenfort der feindlichen Festung ist unterminiert und Sprengstoff genug vorhanden; aber von selber wird er sich nicht entladen. Wir müssen mit eigenen Händen die Zündschnur bis zu ihm hinbringen, um ihn zur Explosion zu bringen.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war es schon klar, dass Deutschland vom keltischen Nationalismus profitieren könnte. Ludwig Mühlhausen war Professor der Keltologie in Berlin; als gutes NSDAP-Mitglied hatte er Julius Pokorny ersetzt, der wegen fehlenden Ariernachweises als Professor nicht länger in Frage kam. Mühlhausen hatte die Idee, mit walisischen und schottischen Nationalisten Kontakt aufzunehmen, wenn Hitler Großbritannien erobern könnte. Er glaubte ferner, dass ein Teil der Politiker und des Volkes in Irland dem Nazismus wohlwollend gegenüberstehen würden, weil antikommunistische und antisemitische Gedanken im katholischen, konservativen Land schon verbreitet waren.

Ein anderer Keltologe, Hans Hartmann, wurde 1941 vom Auswärtigen Amt in Berlin als Redaktionschef des irischen Dienstes im Reichsrundfunk eingestellt. Er hatte den Auftrag, NS-Propaganda in irischer und englischer Sprache nach Irland auszustrahlen.

Leo Weisgerber, auch in der allgemeinen Sprachwissenschaft ein bekannter Name, hatte bei Thurneysen in Bonn Keltologie studiert und hielt schon 1941 ein propagandistisches Referat über „die keltischen Nationen um England“. Während der Besatzung Frankreichs arbeitete Weisgerber als Zensuroffizier in Rennes (Bretagne). Er organisierte Rundfunksendungen in bretonischer Sprache und förderte die bretonische Kultur. Es wurde sogar eine bretonische Miliz gegründet.

Hitler hatte auch vor, die Schweiz zu erobern, sobald er in Europa die Hände frei hätte. Ich frage mich immer, wie er das gehandhabt hätte. Die Deutschschweizer wären vermutlich als Reichsdeutsche ohne Weiteres einverleibt worden, die Romandie hätte vielleicht die Vichy-Regierung geschenkt bekommen. Und Graubünden? Es hat immer wieder Gerüchte gegeben, Hitler habe sich auf die Invasion vorbereitet, indem er Fallschirmjäger in Rätoromanisch unterrichten ließ. Betrachtete er die Rätoromanen als potentielle fünfte Kolonne? Hätte er ihnen eine eigene Republik gegeben, wie anderen Minderheiten? Wohl kaum. Wahrscheinlich hätte er Graubünden samt Tessin seinem Verbündeten Mussolini abtreten müssen, denn diese Kantone wurden von faschistischer Seite längst als „Italia irredenta” betrachtet. Die deutschsprachigen Bündner hätte Hitler wie die Südtiroler „heim ins Reich” genommen, und die armen Romanen hätten „la lingua imperiale” der Faschisten als ihre Sprache akzeptieren müssen.

 

 

*Lerchenmüller, Joachim: Keltischer Sprengstoff: eine wissenschaftsgeschichtliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945: Tübingen: Niemeyer: 1993.

 

Geschichte als Genealogie

Genau wie (laut Julius Pokorny) eine unbekannte hamitische Sprache aus Nordafrika Jahrtausende lang als Substrat des Irischen fungierte, und in jeder großen Krise wieder aus der Asche, aus dem Schweigen emporstieg, um diese neu umzugestalten, spielt das Irische heutzutage die Rolle des Substrats der englischen Sprache in Irland. Unser heutiges irisches Englisch ist ein Palimpsest, ein codex rescriptus, wie es das Irische selbst einst war. Unter dem Text des Englischen ahnt man die weggeriebenen Worte eines früheren Buches, oder genauer gesagt: Der Text ist neu, das Buch bleibt dasselbe. Im Laufe der letzten zweihundert Jahre haben sich die Iren auf das Englische resozialisiert. Es ist jetzt unser Englisch geworden, „üsi Sproch“, wie hierzulande ein Bündner sagen würde. Wir haben das Englische zu uns genommen, es uns angeeignet. Oder hat es sich uns angeeignet? Wohl eher das Letztere. Doch das Irische wirkt auch weiter, und ich kann mir vorstellen, wenn eine wirkliche Krise in der irischen Seele stattfindet (ich meine nicht die finanziellen Schwierigkeiten der letzten Jahre), wird es sich auf überraschende Weise behaupten. Es ist wie meine Mutter, deren Mundart immer zum Ausdruck kam, wenn sie emotional erschüttert war. Pokorny sieht die vorgeschichtliche Kluft der Sprachen eben als eine zwischen Mutter- und Vatersprache: Diese Kluft lässt sich einigermaßen überwinden, denn Männer und Frauen von beiden Völkern heiraten und haben Nachkommen, und Pokorny spricht über „Einflüsse des weiblichen Elements der Besiegten auf die Sieger“.

Mit der Substrattheorie Pokornys kommen wir an den wirklichen Rand der irischen Geschichte, meine ich immer, an einen Abgrund. In der Geschichte eines Landes gibt es sowohl Kontinuität als auch Abgründe. Wenn die alte Sprache des Landes verlorengeht, scheint dies eine unüberwindbare Kluft in der Geschichte zu bedeuten. Pokornys Theorie besagt aber, dass die Kluft nicht unüberwindbar ist, denn die alte Sprache lebt weiter, steigt immer wieder empor und behauptet sich in jeder Krise.

Eigentlich gibt es zwei Arten von Geschichte. Einerseits gibt es die Geschichte als Geschichte der Veränderung, die eine Reihe von Revolutionen und gestürzten Dynastien erzählt. Andererseits gibt es Geschichte als Genealogie, welche die Beschaffenheit der kulturellen Erscheinungen durch ihren Ursprung zu erklären versucht, eine Geschichte, die erklärt, nicht wie die Dinge sich ständig ändern, sondern wie sie trotz stetiger Änderung das bleiben, was sie sind. Es ist wie die Genealogie im buchstäblichen Sinne, die die Beschaffenheit eines Menschen erklärt, indem sie seine Vorfahren auf beiden Seiten aufzählt. Die Genealogie zeigt uns, wer und was wir sind, nicht etwa unsere Rolle in einer uns fremden Geschichte, die mit oder ohne uns ihren unpersönlichen Gang geht. Aus dieser Perspektive erweist sich die Geschichte als eine lange Kontinuität.

Pokornys Substrattheorie zeigt uns eine Kluft, einen Abgrund, vielleicht aber auch unsere heimliche Genealogie. Auch eine Genealogie hat Klüfte und Abgründe, etwa zwischen Vätern und Müttern. Was könnte so verschieden sein wie Mann und Frau ? Doch sie werden ein Geschlecht.

Lebor gabhála, Buch der Eroberungen. Ist das nicht unser Schicksal als Insel? Eine Reihe von Revolutionen und Umwälzungen also, doch (als Genealogie betrachtet) eine ständige, dunkle, schweigsame, verzweifelte Überbrückung von Klüften, deren Ergebnis unser Volk ist.

 

Das sprachliche Unbewusste

Vor der Geschichte gibt es immer eine Vorgeschichte. Im menschlichen Leben zumindest gibt es keinen absoluten Anfang, keinen Urknall, keine Weltschöpfung ex nihilo. So ist es auch mit der Geschichte Irlands. Es hat vorkeltische Ureinwohner gegeben; wir Kelten kamen erst später. Im mittelalterlichen Buch Lebor gabhála wird die frühe Geschichte Irlands in einer Reihe von Eroberungen beschrieben. Das kann nicht alles Legende und frei erfunden sein. Tatsächlich sehen wir die Monumente dieser vergessenen Völker in der Landschaft. Sie bauten Newgrange, Brú na Bóinne und die ganze Nekropolis in der Gegend des Boyne. Als sie von Fremden besiegt wurden, heißt es in der Legende, zogen sie sich in ihre Raths (Megalithen, Hügelgräber) zurück. Sie seien Zauberer gewesen und bilden seither das Feenvolk.

Das Volk, um das es hauptsächlich geht, heißt in der Tradition Tuatha Dé Danann (Stamm der Göttin Dana? Die Etymologie ist umstritten). Es gibt Legenden über sie in der altirischen Literatur, deren berühmteste „Clann Lir“ heißt: Der Fürst Lir hatte vier Kinder. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Lir deren Schwester. Sie aber wurde eifersüchtig, weil sie selber kinderlos blieb. Sie verwandelte Lirs Kinder in Schwäne und vefluchte sie: Sie sollten 900 Jahre lang als Schwäne leben, je 300 an drei verschiedenen Seen, bis sie ihre menschliche Form wiedererlangen und sterben durften.

Julius Pokorny befasste sich bekanntlich mit den vorkeltischen Bewohnern Irlands. Er meinte, es gebe ein vorkeltisches Substrat im Irischen. In seiner Schrift[1] erzählt er von einem vorkeltischen Volk, wohl Hamiten aus Nordafrika, die von den Kelten besiegt und zu Heloten des gälischen Adels wurden. Doch jedes Mal, wenn Irland von einer Krise heimgesucht und die gälische Oberschicht geschwächt wird, lebt die alte Sprache der Heloten erneut auf (wie rastlose Schwäne, die alle dreihundert Jahre an andere Ufern ziehen müssen) und beeinflusst die indogermanische Sprache der Herrscher.

Heute (wie Pokorny natürlich wusste) ist das Irische selbst zum Substrat geworden: Es wurde durch das Englische ersetzt, aber der phonetische Habitus und die Satzmelodie des Irischen leben im Englischen weiter, weshalb so viele vermeintliche Dialekte des Englischen in Irland für die Besucher schwer verständlich sind.

Pokornys Idee bleibt fesselnd, denn es geht hier um das sprachliche Unbewusste. Das Irische hätte als Unbewusstes diese vorkeltische Sprache gehabt, das irische Englisch hingegen das Irische. Vor einer jeden Sprache, unter der Sprache, steht eine andere Sprache, und vor der Sprache selbst steht etwas, was nicht Sprache ist. Sprache macht den Unterschied. Wenn eine neue Sprache kommt, geht die ganze Welt der alten Sprache verloren. Wenn die Sprache zum ersten Mal das Leben des jungen Kindes verwandelt, geht die alte vorsprachliche Welt verloren.

Die Idee einer verlorenen Zivilisation, die völlig verschwunden ist, und die so völlig fremd bleibt wie das Leben auf einem anderen Stern, fasziniert mich. Etwas, das vor dem Bekannten war, wie die Minoer auf Kreta, wie die Bürger von Atlantis, die im Meer verschwanden. Etwas wofür es keine Sprache (mehr) gibt. Etwas Präödipales, eben. Elterliche Figuren, die sich in eine andere Welt zurückgezogen und die Tür für immer hinter sich zugemacht haben.

[1] Pokorny, Julius, „Das nichtindogermanische Substrat im Irischen”, Zeitschrift für celtische Philologie 16, 1927.

 

Leo Weisgerber, Keltologe

Leo Weisgerber war im 20. Jahrhundert einer der wichstigsten Sprachwissenschaftler Deutschlands. Er war der Hauptexponent der sogenannten «inhaltsbezogenen Grammatik». Seine Bücher werden von Wissenschaftlern heute noch zitiert, und nicht nur von deutschen. Der geborene Elsässer erlebte die französische Intoleranz am eigenen Leib: Nach dem ersten Weltkrieg durfte er nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Er studierte Keltologie in Bonn bei Rudolf Thurneysen. In den 1930er Jahren war er Professor für Sprachwissenschaft in Marburg, dann in Bonn. Schon 1941 hielt Weisgerber ein propagandistisches Referat über «die keltischen Nationen um England».

In den darauffolgenden Kriegsjahren, während der Besatzung Frankreichs, arbeitete Weisgerber als Zensuroffizier in Rennes (Bretagne). Er organisierte Rundfunksendungen in bretonischer Sprache und förderte die bretonische Kultur. In diesem Zusammenhang lernte er die damaligen bretonischen Nationalisten kennen, Männer wie Roparz Hemon, Alan Heusaff und Yann Goulet, auch den sehr militanten Célestin Lainé, der im Dienste der Besatzungsmacht eine bretonische Miliz gründete.

Es ist eigentlich schade, dass der bretonische Nationalismus von den Deutschen anerkannt wurde, denn nach der Befreiung Frankreichs rächte sich die Résistance an allen Nationalisten. Heusaff, Hemon und Goulet wurden von französischen Kriegsgerichten verurteilt und mussten nach Irland fliehen, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachten. In der Nachkriegszeit, unter dem erbarmungslosen Druck des französischen Staates, begann der endgültige Rückgang des Bretonischen auch in seinen historischen Stammgebieten.

Bis 1940 war Unternehmen Seelöwe, die geplante Invasion Großbritanniens, in Vorbereitung. Ludwig Mühlhausen, der damalige Professor für Keltische Sprachen in Berlin, hatte vor, Kontakte mit Nationalisten in Wales und Schottland aufzunehmen, falls es zu einer Besatzung kommen sollte, genau wie es Weisgerber in der Bretagne tat.

Ein anderer Keltologe, Hans Hartmann, wurde 1941 in Berlin als Redaktionschef des irischen Dienstes im Reichsrundfunk angestellt. Dieser Dienst sollte Propaganda-Sendungen für Irland produzieren, sowohl in irischer als auch in englischer Sprache.

Hitler hatte einen Plan, Unternehmen Grün, um auch Irland zu besetzen. Wenn es dazu gekommen wäre, wären vermutlich Mühlhausen und Hartmann als Zensuroffiziere bei der SS in Dublin tätig geworden, um die irische Sprache und Kultur zu fördern. Vielleicht hätte der irischkundige Weisgerber sich früher oder später zu ihnen gesellt.

Bekanntermaßen ist nichts daraus geworden, und nach dem Krieg nahm Weisgerber seine akademische Arbeit in Bonn wieder auf. Dort starb er im Jahre 1985.