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Neujahrsgedanken

Ein früherer Beitrag

https://irischeheimat.wordpress.com/2013/01/01/o-neues-jahr-du-…ch-viel-erfahren/

ist jetzt im Videoformat zu sehen:

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Rotkehlchen und Zaunkönig zu Weihnachten

Ein Beitrag vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2012/12/26/rotkehlchen-und-zaunkonig/

ist jetzt in Videoformat:

»O neues Jahr, du musst noch viel erfahren«

In Irland ist Neujahr nicht besonders wichtig – nicht wie bei den Deutschen, den Italienern und den Schotten. Bei uns ist der Stephanstag der wichtige Tag nach Weihnachten, wie ich schon das letzte Mal geschrieben habe. Am Neujahrstag machen die Schotten, was die Iren am Stephanstag tun: Sie erstatten Besuch. An dem Tag scheint ganz Schottland unterwegs zu sein.

Trotzdem bleibt das neue Jahr auch in Irland nicht unbemerkt. Am Silvesterabend in Dublin sind die Pubs besonders gut besucht, und um Mitternacht gehen sich viele Menschen die Glocken von Christchurch anhören, die das neue Jahr einläuten. In Dublin war es früher Brauch, zum neuen Jahr »to handsel« oder »hansel«, d.h. eine Handvoll zu schenken. Kinder und Bedienstete bekamen eine Handvoll Münzen. Das »Handselling« hatte auch einen weiteren Anwendungsbereich, es betraf irgend etwas Neues überhaupt: Wenn man einen neuen Mantel bekam, weihten Familienmitglieder diesen ein, indem sie Münzen in die Taschen steckten. Das gibt es aber längst nicht mehr; mein Vater erwähnte es nur als alten Brauch in seiner Kindheit.

Es gibt auch andere Neujahrsbräuche. In Teilen Irlands, wie auch in Schottland, ist es so, dass der erste Mensch, der am Neujahrstag über die Schwelle der Haustüre kommt, eine wichtige Figur ist, die Glück und Segen bringt. Es muss ein fremder dunkelhaariger Mann sein. Warum ist das so? Darüber kann man diskutieren.

Jedenfalls wünsche ich mir, ich wäre dieser Besucher. Ich würde passen, denn ich wohne längst nicht mehr dort – in meinem Elternhaus. Ich bin schon so lange weg. Ich war dunkelhaarig, doch meine Haare sind inzwischen ergraut!

Ich denke an Oisín oder Ossian, den Dichter und Krieger. Er war dreihundert Jahre weg, denn er lebte in Tír na nÓg, im Land der ewigen Jugend, und als er nach Irland zurückkam, waren alle seine Kameraden tot. Heutzutage kommt eine lebenslange Emigration kaum mehr vor. Wenn einer weit weg von Irland wohnt, ist die Heimat meist nicht mehr als einen Linienflug entfernt. Aber wenn man die ganze Zeit nicht da ist, vergessen einen die Daheimgebliebenen langsam. Und man hat selbst auch ein schlechtes Gewissen, weil man nichts mehr zur Gemeinschaft beiträgt.

So scheint es mir, wenn ich das Neujahrstagsgedicht von Annette v. Droste-Hülshoff lese. Es geht um einen Dialog zwischen dem Geist des neuen Jahres und dem Menschen, zu dem er am Neujahrstag zu Besuch kommt:

»O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen!
Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen,
Wie magst du wohnen in so wüstem Graus!«
»O neues Jahr, ich bin ja nie daheime!
Ein Wandersmann durchzieh‘ ich ferne Räume,
Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus.«

Ich denke an mein Elternhaus in Dublin, wo ich nicht mehr wohne, an die Sachen der Familie, die ich nicht mehr betreue. Und ich denke auch an Irland in der andauernden Krise, in der es so vielen nicht gut geht, da sie um Haus und Hof bangen müssen.

»O Menschenherz, was hast du denn zu treiben,
Dass du nicht kannst in deiner Heimat bleiben
Und halten sie bereit für deinen Herrn?«
»O neues Jahr, du musst noch viel erfahren;
Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren?
Und meine liebsten Sorgen wohnen fern.«

Ich will nicht übertreiben. Ich habe es ja verhältnismässig gut. Viele Iren im Ausland wären lieber daheim in Irland; sie haben aber wegen der Wirtschaftskrise keine Chance. Ich wünsche mir, dass es Irland im neuen Jahr besser geht und nicht mehr so viele Menschen ihr Glück in der Ferne suchen müssen.