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12. Juli: das große Fest der Oranier in Nordirland. Hoffen wir, dass es diesmal friedlich über die Bühne geht.

Verklärte Stadt

Die Nachrichten über die andauernde politische Krise in Nordirland zeigen, wie schwer es den dortigen Bevölkerungsgruppen fällt, sich miteinander wirklich zu versöhnen. Auch anderswo in der Welt gibt es freilich solche Situationen, wo die Menschen nicht vorwärtskommen.

Oft habe ich das nordirische Derry, wo ich einen wichtigen Teil meiner Kindheit verbrachte, und das graubündnerische Chur, wo ich jetzt wohne, in historischer Hinsicht miteinander verglichen. Hoch in den mit Befestigungsmauern eingefriedeten Kathedralen dieser religiös entzweiten Städte denke ich unweigerlich an Jerusalem und all die lobenden und klagenden biblischen Stellen darüber. Gibt es eine mehr entzweite und konfliktbeladenere Stadt als Jerusalem? Und trotzdem spricht Johannes in der Offenbarung von einem neuen Jerusalem. Dies bedeutet einen radikalen Neuanfang, eine neue Stadt, die die alte irdische Stadt ersetzen soll. Und trotzdem geht es immer noch um das alte Jerusalem, nicht um eine ganz neue Stadt mit einem neuen Namen, etwa eine Neugründung in der Ferne. Die vertraute Topographie Jerusalems ist erkennbar, sie ist nur verklärt und verewigt worden. Johannes beschreibt die Mauern und die Tore und wie alles schön geometrisch angelegt ist. Es ist eine Utopie. Es ist auch der Himmel, das Paradies, das Reich Gottes.

Doch gewisse Menschen sind ausgeschlossen: jene, die Gräuel verüben und lügen, die Sünder also, deren Namen im Lebensbuch Gottes nicht geschrieben stehen. Eine Mauerstadt schließt einige ein und andere aus. Im Jenseits hat sich anscheinend doch nicht viel geändert.

Johannes prophezeit aber weiter. Er erzählt von einem Strom lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall, der vom Tempelberg hinunterfließt und das umgebende Land bewässert. Und es gibt einen Garten, einen heiligen Hain, wo allerlei Bäume wachsen, mit Früchten für jeden Monat und deren Blätter werden der Heilung der Völker dienen.

Dann fügt er hinzu: Und es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Vielleicht geht es um das angekündigte Ausschließen der Sünder. Doch vielleicht werden die Menschen in einer Generalamnestie einfach vom Fluch befreit. Die Tore der Stadt werden nicht verschlossen, sagt er. Das klingt nicht gerade wie Exklusivismus, nicht wie eine verbotene Stadt.

Dies ist auch keine ideelle, imaginäre Stadt, sondern die vertraute, entzweite Stadt, die es in unserer Kindheit gab, und die es immer gegeben hat. Wir wissen von keiner anderen. Irgendwie aus der Stadt Jerusalem, der zerteilten, aus der Topographie der Feindschaft und des Hasses, könnten Versöhnung und Heilung kommen. Wir sind noch nicht dorthin gelangt. Wir leben auf dieser Erde. Doch die Vision tröstet.

Dubliner Dialekt in der englischen Literatur

Joyce, Behan und O’Casey waren Dubliner. Alle drei versuchten, in ihren Beiträgen zur englischen Literatur die Sprache ihrer Dubliner Umgebung getreu wiederzugeben. Bei Behan und O’Casey ging es hauptsächlich um Theaterstücke. Ihre Dialoge wurden in der normalen englischen Rechtschreibung mit ein paar zusätzlichen Apostrophen geschrieben und sie behaupteten nie, dass das, was sie schrieben, Dubliner Dialekt sei. Von Dialekt hat man in Irland nie sprechen dürfen. Warum war das so? Warum ist es immer noch so?

In Irland ist das Englische als Volkssprache eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Damals war Irland Neuland für das Englische. Die Sprecher waren zum großen Teil ehemalige Irischsprachige. Klang das irische Englisch exotisch und einem Engländer fast unverständlich, so war das bloß die schlechte Aussprache von Menschen, für die das Englische eine Fremdsprache war. Redensarten aus dem Irischen kamen in dieser Sprache häufig vor. Einige angloirische Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts wie Synge erfanden eine imaginäre Art von Englisch, „Kiltartanese“ genannt, welche die schrullige Ausdrucksweise des Landvolkes wiedergeben sollte. Kiltartanese wird in Irland seit langem bespöttelt, obwohl mancher Amerikaner oder Engländer immer noch meint, die Iren sprächen so.

In dieser Sprachlandschaft war Dublin eine Ausnahme. Dublin war immer ein Fremdkörper in Irland und es wurde dort viel Englisch gesprochen. Es gab einen altmodischen Dialekt. Ebenfalls eine Ausnahme bildeten die Nordiren: Sie sprachen meistens Ulster Scots, eine Art des schottischen Englisch, welches bis ins 17. Jahrhundert als eine eigene Sprache gegolten hatte.

In England und in der englischsprachigen Welt ist im Allgemeinen von Dialekt kaum die Rede (außer in der Soziolinguistik, wo es ein Fachwort ist). Wie in Frankreich leben die Dialekte ein Schattendasein. Es ist nicht wie in Deutschland, geschweige denn in der Deutschschweiz. Jedoch warum nicht? Salonfähig ist nur die Standardsprache. Die Sprache der anständigen Bürger ist die Hochsprache und andere Sprechweisen gelten als eine ungebildete Korrumpierung derselben. Dialekte haben kein Recht auf eine unabhängige Existenz. Der Dubliner zum Beispiel meint, er spreche halt Englisch mit einem abwegigen Akzent.

Für Joyce war sein Dubliner Dialekt wichtig, als er in verschiedenen Städten auf dem europäischen Festland im Exil lebte. Ich glaube, ich kann das gut verstehen, denn meine persönliche Erfahrung ist ähnlich. Wenn man mit einem Dialekt aufgewachsen ist, den man nie mehr zu hören bekommt und ihn nur mit sich selbst sprechen kann, wird dieser Dialekt zu einer Geisterstimme im eigenen Kopf. Joyce schrieb Finnegans Wake im anderssprachigen Exil als Hypertrophie des Dubliner Dialekts. Er nannte diese bizarre, selbstgebastelte Mundart seine „Nachtsprache“. Im Schlaf, im Unbewussten, kreierte er offensichtlich Verbindungen mit anderen Sprachen, wie dies im Traum geschehen kann, während der unbeachtete, tagsüber ungesprochene Dialekt in seinem Hirn ungehindert weiter dröhnte.

So ist es übrigens in Hans Castorps Schneetraum in Der Zauberberg: Er hört die Hexen in Hamburger Mundart sprechen, obwohl er seit sieben Jahren von der Hansestadt abwesend ist.

 

Autofahren in den 1920er-Jahren

Ich erzähle etwas mehr über meine Familie mütterlicherseits, über die Craigs. Sie waren wohlhabende Textilkaufleute in Derry, und obwohl Großvater Denis Craig 1915 plötzlich verstarb, lebten die Craigs dennoch gut. Sie waren eine weltoffene bürgerliche Familie. In den Zwanziger-Jahren waren sie unter den ersten in Derry, die einen Rundfunkapparat besaßen. Wie meine Mutter erzählte, war das damals ein Wunder in der Kleinstadt. Die Menschen versammelten sich immer wieder in einer Gruppe vor dem offenen Hausfenster in Clarendon Street, um die seltsamen Stimmen im Rundfunk zu hören.

In den Zwanziger-Jahren kauften sich die Craigs sogar ein Automobil. Sie fuhren sonntags hinaus in die Grafschaft Donegal. Inzwischen war Irland zwischen Nordirland und Freistaat geteilt, doch sie wollten keine Grenze erkennen. Die Craigs fühlten sich auf beiden Seiten der Grenze zuhause. Donegal beginnt sowieso nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, dann ist man schon über der Grenze und der nächste Halt ist der Badeort Buncrana. Craigs besaßen ein Ferienhaus in Buncrana.

Donegal ist bekanntlich eine Grafschaft, doch das ist eine späte administrative Erfindung der englischen Herrschaft, die nach der Ortschaft Donegal im Süden benannt wurde. Der Ortsname Donegal, auf Irisch Dún na nGall, bedeutet so etwas wie „Festung der Fremden“. Im Mittelalter war der Küstenort eine Festung der Wikinger. Später wurde er von den Engländern eingenommen und als Zentrum genutzt. Für die Irischsprachigen im Nordwesten geht es jedoch um zwei historisch zusammenhängende Gebiete (wie etwa Schleswig-Holstein): Inishowen (Inis Eoghain), die Halbinsel zwischen den beiden Meeresbuchten Lough Foyle und Loch Swilly, und Tyrconnell (Tír Chonaill) die Region weiter südwestlich an der Atlantikküste. Die Craigs selbst stammten ursprünglich aus Tír Chonaill, aber ihr Lieblingsausfluggebiet war Inishowen, das man von Derry aus schnell erreichte.

Auch ich als Kind lernte diese prächtige Landschaft kennen, eine wilde Landschaft wie das schottische Hochland mit Bergen, abgelegenen Dörfern und breiten Stränden am tosenden Atlantik, wo einen stets ein seltsames Gefühl von Unendlichkeit befiel. Wir waren immer in Derry in den Ferien, hielten es aber wie die Craigs und unternahmen Ausflüge über die Grenze nach Inishowen und sogar weiter nach Westen. Man befand sich dann wirklich am Rande der alten Welt. Man hatte nur den Meereshorizont vor sich und man wusste, der nächste Halt ist Amerika.

Aber zurück zur Familiengeschichte. Die Craigs kauften also eine pferdlose Kutsche, und Onkel Jo, der älteste Sohn, durfte sie fahren. Er fuhr aufs Land und in die abgelegenen Dörfer und meine Mutter sagte, die Bauernkinder, die noch nie so etwas wie ein Automobil gesehen hätten, seien mit ängstlichem Geschrei vor diesem schnaubenden Ungeheuer geflohen und hätten sich hinter den Hecken versteckt.

Das ging weiter so, bis Onkel Jo das Auto eines Tages in die Sperre eines Bahnübergangs der Derry-Buncrana-Schmalspureisenbahn fuhr und großen Sachschaden verursachte. Danach durfte er nicht mehr fahren. Wer später Auto fuhr, weiß ich nicht. Vielleicht Großonkel James, der weitgereiste Irischgelehrte – ich würde es seinem Pioniergeist zutrauen.

Harte Grenze

Es ist schön, über Staatsgrenzen schnell und ohne Formalitäten fahren zu können. Das kann man innerhalb vom Schengenraum, zum Beispiel zwischen der Schweiz und Deutschland. Hoffentlich bleibt es so, Terrorismus hin oder her. Schnell über die Grenze kann man auch in Irland, zwischen der Republik und dem Norden. Bis auf weiteres.

Was die Sezession der Briten von der EU für die irisch-irische Grenze bedeuten wird, bleibt dahingestellt. Es heißt in den irischen Zeitungen, es könnte in Zukunft wieder eine „harte Grenze“ geben, nicht nur mit Zoll sondern auch mit Passkontrolle. In den letzten zwanzig Jahren war es wie ein Mini-Schengenraum und alles lief wie geschmiert, man war über die Grenze ohne es einmal wahrzunehmen.  Gerade deswegen sind die Iren außerhalb vom Schengen-Club geblieben, denn die Engländer waren nicht dabei und für Irland war eine „weiche“ irisch-irische Grenze wichtiger. Für Irland lautet die Alternative immer: eine weiche Grenze mit den Briten oder eine weiche Grenze mit den anderen Ländern Europas zu haben, aber nicht beides.

Wenn man also über die irisch-irische Grenze fährt, spürt man momentan nichts, nur hier und dort sieht man festungsähnliche Bauten der britischen Armee, die seit den „Troubles“ immer noch dastehen, „zum Frieden mahnend“, wie es auf dem Siegestor in München so schön geschrieben steht. Diese Blockhäuser der Briten erinnern einen an die schlechten alten Zeiten, als bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Nordirland herrschten und man auch in der Republik sich nicht ganz sicher fühlte.

Nun, diese alten Befestigungen könnten wieder bemannt werden, wenn es zu einem „harten Brexit“ kommt. Wem würde das etwas bringen? Niemandem, weder auf der Nordseite noch auf der Südseite der Grenze. Trotzdem waren die Anführer der loyalistischen Regierungspartei in Nordirland  für Brexit und sind es immer noch. Das ist alles nur ideologisch zu verstehen, glaube ich: Wenn Großbritannien allein stehen muss, ist es stärker, homogener, monolithischer, angelsächsischer und protestantischer, und wenn die Republik Irland im anderen Lager bleibt, umso besser – dann kann man die Wiedervereinigung des Landes effizienter verhindern.

Mittlerweile ist die irische Regierung natürlich nervös. Sie macht alles, damit die Engländer Nordirland von der Republik nicht isolieren – einfach als Nebeneffekt von Brexit. Nicht, dass die Engländer die wirtschaftliche Wiedervereinigung Irlands nicht wollen. Sie haben einfach andere Probleme im Kopf, und es kann ihnen ziemlich egal sein, was in Irland passiert. Auch in den anderen europäischen Ländern stößt das Problem der Iren nicht unbedingt auf großes Interesse.

Man kann nur bedauern, dass es mit der europäischen Einigung so stockend geht – ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Staatsgrenzen stehen wie alte Burgruinen oder Befestigungsmauern da. Sie erinnern den Reisenden daran, dass es hier einmal „ne plus ultra“ hieß, und dass es immer noch so heißen könnte.

Muttersprache und Vatersprache

Ein Beitrag vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/05/15/muttersprache-und-vatersprache/

ist jetzt als Video verfügbar:

 

Terra irredenta

Ein Beitrag vom letzten Jahr

https://irischeheimat.wordpress.com/2015/11/28/terra-irredenta/

ist jetzt als Video verfügbar: