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Mendelssohn als Ossian-Fan

Bischof Hervey von Derry, der aus der Grand Tour nach Italien eine lebenslange Beschäftigung machte, bestieg als junger Mann den Vesuv und wurde sofort von der Geologie in Bann gezogen. Daher erforschte er später an der Küste Nordirlands den „Giant’s Causeway“, den Damm des Riesen mit seinen seltsamen stumpfen Basaltsäulen, die an eine Straße mit enormen Pflastersteinen erinnern.

Eine ähnliche geologische Formation, aber mit langen Basaltsäulen, die eher an die Pfeifen einer Orgel erinnern, zeigt die sogenannte Fingalshöhle auf der Insel Staffa in den schottischen Hebriden. Diese Sehenswürdigkeit wurde berühmt, als Engländer im 18. Jahrhundert begannen, die keltischen Länder, vor allem Schottland, zu bereisen, statt zur üblichen Grand Tour nach Italien aufzubrechen. Diese Tendenz stand unter dem Einfluss von MacPhersons Ossian. Der Fingal, dessen Höhle man besuchte, war Ossians Vater, der irische Fionn Mac Cumhaill.

Es ist unmöglich, die Fingalshöhle zu erwähnen, ohne auch an Mendelssohn zu denken, der diese Sehenswürdigkeit in seiner Musik verewigt hat. Auch er unternahm eine Grand Tour, doch der in Berlin ansässige, assimilierte Jude trug zur ehrwürdigen adeligen Tradition eine Innovation bei: Statt zwischen dem keltischen Norden und Italien zu wählen, besuchte er beide. Er fuhr 1829 erst nach England und Schottland. Der Ossian-Fan Mendelssohn musste natürlich ins Hochland und auf die westlichen Inseln. In den Hebriden gab es damals schon eine Art Tourismus. Er durfte die Fingalshöhle von einem Dampfschiff aus betrachten.

Im folgenden Jahr fuhr er nach Italien und verbrachte den Winter in Rom, wo er in einem Haus an der Piazza di Spagna wohnte. Pflichtgemäß studierte er die Denkmäler des Altertums, war hingegen von der zeitgenössischen italienischen Musik wenig begeistert. Er arbeitete u.a. an der „Fingalshöhle“ und der „schottischen Symphonie“ – sein „protestantisches Herz“, das er in Briefen nach Deutschland ohne jegliche Ironie erwähnte, lag offensichtlich anderswo als im katholischen Rom. Dann reiste er weiter nach Neapel und bewunderte den Vesuv, doch für einen Besuch Siziliens reichte das Geld vom Vater nicht mehr aus. Goethe galt hier natürlich als der illustre Vorgänger; er lebte noch in Weimar und wurde von der Reise durch Briefe informiert. Mendelssohn reiste auf seinem Weg zurück nach Deutschland über die Schweiz, die ihm viel besser gefiel als Italien.

Aus dieser Grand Tour entstanden sowohl eine schottische als auch eine italienische Symphonie. Die italienische ist so einfach zu deuten – man glaubt, Italien vor sich zu haben, das lebensfrohe, bunte, sonnige Italien von Generationen deutscher Touristen. Die schottische Symphonie hingegen ist nicht besonders schottisch oder keltisch. Schwierig zu sagen, was sie eigentlich ausdrückt. Der Hörer kriegt keine sehr deutlichen, geistigen Bilder zu sehen, mit denen er die Musik verbinden könnte. Es herrschen eine melancholische Stimmung und ein Eindruck von romantischem Helldunkel, die vielleicht die düstere, herbe Landschaft hervorrufen sollen: eine ossianische Landschaft eben.

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Reise in den Süden

Während meines Aufenthaltes in Vancouver traf ich einige Lateinamerikaner und hatte vor allem eine interessante Diskussion mit Rita De Grandis, Professorin der spanischen Literatur, ursprünglich aus Argentinien. Wir waren beide Studenten in Vancouver in den 1970er Jahren. Ich sagte ihr, dass ich damals zum ersten Mal meine „Wahlverwandtschaft“ mit den Lateinamerikanern entdeckte, obwohl ich nie Spanisch gelernt habe. Sie hat eine ähnliche „Wahlverwandtschaft“ mit Iren in Kanada und hat mehrere irische Freunde.

Es ist mir ein paar Mal aufgefallen, vor allem jetzt zurück in Europa lebend, dass wir Iren einen verlorenen Teil unserer Identität suchen und diesen im südländischen Gefilden wiederfinden. Irland, meine ich, ist ein Land, das durch Zufall in Nordeuropa, und zwar an der Peripherie Nordeuropas, positioniert ist, jedoch eigentlich nach Südeuropa gehört. In diesem Zusammenhang spielt der Katholizismus natürlich eine wichtige Rolle; er verbindet uns mit Spanien, Portugal und Italien. Es ist aber nicht einfach für uns, (wieder) südländisch zu werden.

Der irischsprachige Autor Alan Titley hat nur halb scherzend geschrieben, wir seien ein katholisches Volk mit einer protestantischen Kultur. Seit der Reformationszeit haben die Engländer versucht, uns zu ihrem protestantischen Glauben zu bekehren, jedoch stets ohne Erfolg. Oder vielleicht doch? Sie haben uns die englische Sprache beigebracht und dadurch ihre Kultur, eine protestantisch geprägte. Sie haben uns die protestantische Denkweise aufgebrummt, nicht aber den Protestantismus selbst. Wir sind zu protestantischen Katholiken geworden (die amerikanischen Katholiken wissen das, und nennen uns oft „Jansenisten“, was interessant aber verfehlt ist). Was wir haben, ist eine protestantische Disziplin, ein protestantisches Über-Ich. Kein Wunder, dass wir uns heimlich nach den Lateinamerikanern und ihrer menschlichen Wärme, ihrer Toleranz, ihrer Alle-Sorgen-nur-auf-Morgen-Einstellung sehnen.

Aber das ist nicht nur unser Problem. Es hat mit der großen Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa zu tun. In Deutschland gedenkt man momentan der Zeit, als man sich mit den „deutsch-deutschen Beziehungen“ auseinandersetzen musste. Wie aber steht es mit den „europäisch-europäischen Beziehungen“, den Beziehungen zwischen den zwei Europas, dem Norden und dem Süden?

Der deutsche Schriftsteller Eberhard Schmidt schrieb neulich über das Mittelmeer und über die Sehnsucht, die es in den Nordeuropäern weckt. Laut ihm wird der Mittelmeerraum „von Goethe bis Nietzsche zur Projektionsfläche eines Verlangens nach Befreiung von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen und protestantisch dominierter Disziplin im Norden Europas.” Italien bedeutete nicht nur Sonne und Meer, sondern auch künstlerisches Leben, Entspannung, und nicht zuletzt sexuelle Freiheit. („Auch ich in Arkadien!”)

Ich meine, wir Iren können Goethes „Italienische Reise“und auch die „Grand Tours“ der Angelsachsen gut verstehen, denn Menschen wie ich fühlen sich ständig dazu bewogen, die gleiche Reise in den Süden zu unternehmen. Unsere italienische, spanische, griechische oder lateinamerikanische Reise entpuppt sich als ein Versuch, das bestrafende protestantische Über-Ich in uns zu überwinden und uns etwas südländische Wärme anzueignen.

Heim zum Uralten

In den letzten Wochen war ich in Irland zu Besuch, sowohl in Nordirland als auch in der Republik. Es gäbe wie immer viel zu erzählen, doch ich möchte vor allem meinen seltsamen Besuch in Ardstraw (Grafschaft Tyrone) beschreiben. Schon lange wollte ich dieses mir unbekannte Dorf besichtigen, von dem ich nur aus Angaben in historischen Büchern wusste.

Dort soll das alte Gebiet der Mac Con Midhe liegen, des Bardenclans, aus dem ich stamme. Im Mittelalter hatten die Mac Con Midhe einen Besitz in der Nähe und hatten lokale Clanherrscher als Gönner, vor allem die Ó Néill.

Heute ist Ardstraw (Ir. Ard Sratha) nur ein ländliches Dorf, abseits der großen Straßen. Im Mittelalter aber war es Klosterstadt und Bischofssitz. Das Bistum existiert nicht mehr, es wurde schon im Mittelalter abgeschafft. Ard Sratha gibt es heutzutage nur als Titularbistum: Der Weihbischof von Aachen in Deutschland heißt gegenwärtig Bischof von Ard Sratha.

Ich kam am Vormittag an. Vor mir stand ein kleines Dorf in einem kleinen Tal, inmitten einer fruchtbaren, hügeligen Landschaft. Ich sah die alte, steinerne Brücke mit ihren sechs Bogen über dem Fluss Derg. Alles sah sehr ruhig aus. Es ist landwirtschaftliches Gebiet, sonst ist nicht viel los. Manchmal fuhr ein Farmer in seinem Traktor oder ein Auto über die Brücke und durch die leere Dorfstraße. Gegenüber der Brücke, am Dorfeingang, sieht man ein Wirtshaus, doch es ist längst geschlossen, die Fenster mit Brettern vernagelt. Unmöglich also, ungezwungen bei einem Bier unter den Einheimischen zu sitzen und den lokalen Klatsch zu belauschen. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Beim Weitergehen sah ich nur die presbyterianische Kirche und die Oranierloge auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Am 12. Juli hatte man das große Oranierfest begangen, und es flatterten britische Fahnen und weiße Ulster-Flaggen mit der roten Hand von jedem Laternenpfahl.

Nach diesem Spaziergang stieg ich hinauf auf einen Hügel oberhalb des Dorfes und besuchte den alten Friedhof, der seltsamerweise durch die moderne Landstraße zweigeteilt ist. Katholiken auf der einen Straßenseite, Protestanten auf der anderen, so wie man es manchmal in Nordirland vorfindet? Mitnichten. Hier gibt es offensichtlich keine Katholiken. Neben dem Friedhof sieht man eine „Ardstraw Gospel Hall“: vermutlich Schismatiker aus der Presbyterianischen Kirche unten im Dorf. In beiden Teilen des Friedhofs ist kein Grabmal älter als aus dem 17. Jahrhundert, die Zeit der ersten protestantischen Siedler. Eine neue historische Tafel informiert darüber, dass von der mittelalterlichen Klosterstadt absolut nichts übriggeblieben ist, außer vielleicht dieser Friedhof und die alte Brücke, auf der sich seinerzeit streitende Clans trafen, um mit einem feierlichen Eid auf die Reliquien der Bischofskirche Frieden zu schließen.

Ich sah mich in der Landschaft um und versuchte, mich in jene Zeit zu versetzen. Ich dachte an meine Ahnen, die Dichter, die hier gelebt haben. Deren berühmtester starb um das Jahr 1272 und liegt irgendwo hier begraben.

Plötzlich dachte ich an Kanada. Ich habe zwanzig Jahre in Kanada gelebt, und fühlte mich nie wirklich zu Hause. Nur die Indianer können sich dort zu Hause fühlen, meinte ich, denn sie haben ihre Wurzeln im Lande und nicht anderswo, so wie die Weißen, wie ich. Ich fühlte mich irgendwie wie ein kanadischer Indianer, der zu seinem Stammesgebiet zurückfindet und nur die Siedlung der Weißen vor sich sieht. Die Landschaft ist jetzt von Menschen bevölkert, die nichts davon wissen, was hier früher einmal war, Menschen, die fast von einem anderen Stern kommen, denen die frühere Geschichte völlig fremd und gleichgültig ist.

Trotzdem musste ich zurückkehren in diese Heimat. Heimat? Was ist das? Ich weiß, die Vertriebenen in Deutschland reden immer noch über die „Heimat von gestern“ im Osten, wo die Bauernhöfe längst von Anderssprachigen besetzt sind, die nichts über sie wissen. Wenn man in seinem Leben und seiner Identität an einem gewissen Punkt angelangt ist, sucht man irgendwie automatisch seinen Ausgangspunkt, sein Zentrum, auch wenn es ein verlorenes Zentrum ist. Wie Rilke schrieb:

Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Ich blickte ein letztes Mal über das Gräberfeld und die hügelige Landschaft der Grafschaft Tyrone, wo ich jetzt ein Fremder war, und als ich mich zum Aufbrechen wandte, murmelte ich die letzten Zeilen:

Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.

 

Missionare (3)

Wenn jemand von Missionen und Missionaren redet, denkt man automatisch an exotische Länder. Es hat aber auch eine andere Art von Mission gegeben: die inländische. Diese entwickelte sich im Zuge der Reformation und Gegenreformation. Die Reformatoren zogen umher und versuchten, ihre Mitchristen zum neuen Glauben zu bekehren. Später missionierte auch die römische Kirche, um die Abtrünnigen zu rekatholisieren. Die Jesuiten waren von Anfang an dabei, aber auch die Kapuziner und die Dominikaner. Sie missionierten sogar auf katholisch gebliebenem Territorium, wo es zweifelhaft war, ob die Menschen wirklich christlich waren, da sie ihre eigene vorchristliche Kultur behielten, wie etwa in der Bretagne.

Die inländische Mission war oft intoleranter als die ausländische, aber nicht immer. Im Namen Gottes wurden Sprachen unterdrückt (etwa das Ladinische im Südtirol, das Kornische in Cornwall und das Gälische in Schottland) oder aber mit Bibelübersetzungen und Gesangbüchern gefördert (wie das Rätoromanische in Graubünden und das Walisische in Wales). Es wurden auch lokale Kulturen unterdrückt oder zensiert oder aber in etwas Moderneres verwandelt, das ihr Überleben sicherte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es inländische Missionswellen, zum Teil sehr erfolgreiche, wie etwa in Wales. Im Zuge der großen Hungersnot von 1847 gab es in Irland eine Bewegung, die man ironisch „die zweite Reformation“ nannte. Verhungernde wurden nämlich von englischen Missionaren gefüttert, wenn sie bereit waren, protestantisch zu werden. Von diesen Elenden heißt es im irischen Volksmund heute noch: „Sie nahmen die Suppe“.

Inländische Missionen waren in der Moderne ein ständiger Aspekt der Kirchengeschichte. Das Zielpublikum waren hier nicht die Heiden, sondern die Anhänger der anderen Konfession, oder die primitiven Kelten in der Bretagne und im schottischen Hochland. Doch auch die ausländische Mission erwies sich manchmal als ein sektiererisches Unternehmen, wie in Südindien, wo etliche Kollegen von Hermann Gundert sich darauf spezialisierten, nicht gottesferne Hindus, sondern in erster Linie Anhänger der altehrwürdigen Kirche des Heiligen Thomas für den Protestantismus zu gewinnen.

Heutzutage gibt es kaum mehr inländische Missionen, denn die ökumenische Bewegung in den Kirchen hat sie überflüssig gemacht. Dafür aber gibt es die amerikanischen evangelikalen Bewegungen, von der katholischen Kirche als „Sekten“ verschmäht, die heute einen ungeheuren Erfolg haben, nicht nur in den USA, sondern auch in den katholischen Hochburgen der alten und neuen Welt. Sogar in Irland, wo der Katholizismus vielerorts kollabiert hat, machen sie Konvertiten. Die Religion lässt sich nicht so leicht aus der modernen Gesellschaft verbannen.

 

Zur Marschsaison

Diesmal ging alles relativ ruhig über die Bühne. In Nordirland gibt der 12. Juli jedes Jahr Anlass zu Unruhen im Volke und Straßenschlachten mit der Polizei, aber dieses Jahr scheint es sich in Grenzen gehalten zu haben. Sowohl Oranier und Loyalisten als auch Nationalisten haben eingesehen, dass dies ein Spiel ist, bei dem niemand gewinnt, und die neue nordirische Polizei scheint sich zu bemühen, unparteiisch und gelassen ihre Pflicht zu tun, was in Nordirland früher nie der Fall war.

Oraniermärsche am 12. Juli (in ganz Nordirland) und am 12. August (in der Mauerstadt Derry) sowie die patriotischen Gegenmärsche der anderen Seite verursachten immer Krawalle Im Sommer spricht man in Nordirland nicht von der „Hochsaison“ oder „Touristensaison“, sondern von der „Marschsaison“. Es gibt eine regelrechte Marsch- und Paradekultur in Nordirland: Sie begann auf protestantischer Seite mit dem 12. Juli, und wurde dann von der katholischen Seite weitergeführt. Sollte man diese lästige Marschkultur nicht einfach abschaffen?

Sehen wir die Dinge doch von der positiven Seite: Der „Twalfth“, die Parade am 12. Juli, ist ein Grundpfeiler der kulturellen Identität der Loyalisten. Sie ist so wichtig wie der Karneval im Rheinland oder in Rio de Janeiro, wenn ich mich so ausdrücken darf. Die Menschen begehen das Fest mit viel Freude und Energie. Es ist auch sehr bunt. Die großen Gruppen von Oraniern, die „Logen“, in ihren orangefarbenen Schärpen und schwarzen Melonen, die Blaskapellen, die Trommler und die großen Banner sind beeindruckend. Ich sah sie in meiner Kindheit in den Sommerferien in Derry und werde die Begeisterung, die ich fühlte, nie vergessen.

Leider gibt es auch die andere, negative Seite: Man kann nicht leugnen, dass mit diesen Märschen, vor allem jenen vom 12. Juli und 12. August, auch die Provokation und Einschüchterung der nationalistischen Bevölkerung bezweckt wurden. Die Gefühle, die diese Anlässe bei Menschen beider Konfessionen auslösen, sind echt und stark. Es geht um gegenseitigen Hass und Verachtung. Unter diesen Umständen kann die Sachlage sehr schnell eskalieren. Alkoholgenuss während des Festes spielt dabei auch eine bestimmte Rolle.

In diesem Zusammenhang müsste man den „Twalfth“ nicht nur mit dem Karneval vergleichen, sondern auch mit den Ku-Klux-Klan-Märschen in den Südstaaten der USA, die es lange Zeit gab. Dort standen Provokation und Einschüchterung immer an der Tagesordnung. Es kommt natürlich darauf an, ob und wie man sich angesprochen fühlt. Wenn ich als Tourist in Amerika einem solchen Marsch beiwohnen würde – vermummte Marschierende mit weißen Hauben unter der alten Flagge der Konföderierten empfände ich es als folkloristisch. Ein Schwarzer oder ein Jude sicher nicht.

Diese Märsche in Nordirland und anderswo sind eine Art Kriegstanz. In anderen Ländern Europas sind patriotische und konfessionelle Prozessionen kein Anlass mehr für starke Gefühle oder Gewalt. Man ehrt sie als identitätsstiftend oder aber man akzeptiert sie als Tradition der anderen, man duldet sie, oder man ignoriert sie, je nachdem. Ich hoffe auf eine Zukunft in Nordirland, in der sich Menschen beider Konfessionen frei fühlen, den Oraniermarsch mit seinen bunten und schneidig spielenden Blaskapellen zu genießen. Ich weiß, das ist freilich Zukunftsmusik.

 

 

Segen und Fluch

Über das Thema „irische Segenswünsche“ muss ich immer wieder rätseln. Es scheint eine Erfindung gewisser Engländer zu sein, die später von den Deutschen aufgegriffen wurde. Vor allem in religiösen Buchhandlungen sehe ich zahlreiche Geschenkbücher mit diesen angeblich irischen Segenswünschen, die vermutlich von ihren Autoren einfach nur frei erfunden werden. Vor kurzem hat mir ein deutscher Theologe erzählt, er besitze eine ganze Sammlung von diesen Büchern. Die Gattung „irische Segenswünsche“ scheint zu einer deutschen Subliteratur geworden zu sein. Komisch, da es das bei den Iren nicht gibt. Ehrlich. Ich bin in Irland aufgewachsen und bin oft dort, nie aber habe ich meine Landsleute Segenswünsche ausdrücken hören.

Was bedeutet diese Fiktion? Eine Art Projektion auf die Iren, nehme ich an. Man möchte glauben, dass die Iren nett sind, dass sie ihren Tag verbringen, indem sie einander mit poetischer Ausdrucksweise aber ländlicher Einfachheit segnen, und nicht nur einander, sondern auch durchreisende Touristen. Aber das macht kein Ire.

Fluchen schon. Zu diesem Thema wüsste ich dagegen viel zu erzählen. Die Iren glauben an die Macht des Fluches, und in volkstümlichen Sagen wird immer wieder darüber berichtet, vor allem bei Pfarrern, die übernatürliche Kräfte haben sollten, und bei sonst Machtlosen in der Gesellschaft, wie etwa Witwen und Waisen.

Fluchen im Sinne von „Kraftausdrücke ausstoßen“ ist auch eine irische Kunst, vor allem in meiner Heimatstadt Dublin. Typischerweise werden sakrale Personen beschwört. Flüche mit sexuellem oder skatologischem Inhalt gibt es auch. Alle drei Register werden nicht selten mit surrealer Wirkung kombiniert. Einige dieser Flüche sind wirklich lustig und derb kreativ, aber aus Geschmacksgründen muss ich darauf verzichten, Beispiele zu zitieren.

In europäischen Ländern ist Fluchen eher eine katholische Eigenschaft, denn der Protestantismus hat keinen Umgang mit Heiligen und unterdrückt die volkstümliche Derbheit. Die Häufigkeit des Fluchens bei uns hängt vermutlich damit zusammen, dass wir mehrheitlich katholisch sind. Bei uns wurde aber auch die bunte irische Art, mit der Sprache umzugehen, vom Irischen ins Englische übernommen.

Etwas muss ich selber bekennen: Ich fluche gerne. Es bringt Erleichterung in schwierigen Momenten des Lebens, zum Beispiel wenn ich mir Kaffee auf die Krawatte gieße, oder wenn das Wasser in der Badewanne zu heiß ist. Und immer, immer fluche ich in Dubliner Dialekt, egal welche Sprache ich sonst spreche. Dieses Verhalten ist tief geprägt. Ich habe sogar mehrmals davon geträumt, dass ich Wasser plätschern und eine männliche Stimme auf Dubliner Dialekt fluchen höre, was vielleicht auf eine frühe Erfahrung als Kleinkind mit meinem Vater hindeutet. Nun, mein Vater war ein bescheidener, ruhiger Mensch, als er aber in den 1960er Jahren anfing Auto zu fahren, vernahm ich oft unerhörtes Fluchen von ihm.

Die Faszination Fluchen hat wohl einen neurologischen Grundsatz. Man denke an die sogenannte Gilles de la Tourettesche Krankheit. Diese kommt vor bei Patienten, die in ihre Gespräche unwillkürlich Kraftausdrücke einbauen. Sie heißt auch „verbaler Tic“, und ist oft mit anderen unwillkürlichen Bewegungen verbunden. Eine Hirnpathologie wird vermutet. Kein Wunder sahen Menschen in alten Zeiten darin eine teuflische Besessenheit. In der medizinischen Literatur findet man seltsame Fälle, wie z.B. einen Pfarrer, der seine Gemeinde dadurch entsetzte, dass er während der Predigt laute Flüche ausstieß.

Andererseits wäre es schön, wenn es einen verbalen Tic gäbe, bei dem die Leute unwillkürlich Segenswünsche ausstoßen würden. Doch ein solches Phänomen ist den Medizinern bisher unbekannt. In Irland erleben Sie es sicher nicht.

Kein Karneval

Die Iren haben keinen Karneval. Komisch, für ein derart katholisches Land, oder?

Was wir haben, ist „Shrovetide“, auf Irisch „an Inid“, oder die Fastnachtszeit. Am Fastnachtsabend (Shrove Tuesday, Máirt na hInide) verzehrt man Pfannkuchen, wie in England auch. Diese sind ganz einfach gemacht, nicht süß, aus Weissmehl, Eiern und Milch, frittiert, und man bestreut sie vor dem Essen mit Zitronensaft. Das ist der einzige Fastnachtsbrauch, den ich aus meiner Kindheit kenne. Es war mir lange Zeit schleierhaft, warum man so etwas gerade vor der Fastenzeit isst, und nicht etwa ein Haufen Fleisch („Carne – vale!“). Aber damals habe ich nicht verstanden, dass im Mittelalter die Fasten- und Abstinenzregeln viel strenger waren als in der Neuzeit: man verzichtete nicht nur auf Fleisch, sondern allgemein auf tierische Produkte. Also machte es eigentlich Sinn, die restlichen Vorräte an Fett, Milch und Eiern vor der Fastenzeit aufzubrauchen.

Was wir in der Stadt überhaupt nicht kannten, war die mit der Fastnachtszeit verbundene Heiratssaison. Alle ländlichen Erzähler in Irland wissen etwas davon zu berichten. Es war seit jeher auf dem Lande in Irland gang und gäbe, zu dieser Zeit des Jahres Ehen zu vermitteln und zu feiern. In der Zeit nach der Epiphanie waren Ehestifter und Ehestifterinnen damit beschäftigt, zwischen Familien mit ledigen Töchtern und Söhnen hin und her zu vermitteln. Dann wurden die Hochzeiten in den Tagen vor Aschermittwoch gefeiert, und es gab Musik, Tanz und Unterhaltung im großen Stil. Denn in der Fastenzeit durften keine Hochzeiten gefeiert werden, und anscheinend bemühten sich die Ehestifter während der übrigen Monate des Jahres dann nicht mehr darum. Also, wenn ein junger Mensch in der Fastnachtszeit die richtige Partie nicht fand, hatte er oder sie die Chance bis zum nächsten Jahr verpasst. Das alles klingt sehr veraltet, aber ich glaube, arrangierte Ehen gab es auf dem Lande bis in die 1960er-Jahre.

Aber zurück zum Thema. Warum gibt es keinen Karneval in Irland? Das frage ich mich immer wieder, seit ich im Bündnerland wohne und jedes Jahr das ganze „Fasnachtstreiben“ (wie es hierzulande heißt) hautnah erlebe. Karneval ist der Inbegriff des Katholischen, aber das Ganze bleibt mir als Iren so fremd wie etwa einem Norddeutschen.

Ist es in Irland einfach zu kalt für Karneval? Das kann es nicht sein, denn dieses Jahr zum Beispiel sehe ich die Bündner Narren bei null Grad durch den Schnee stolpern, und es ist nicht selten so.

Ist es, weil andere Bräuche in Irland den Karneval ersetzen? Vielleicht, denn Masken und Streiche und Scherze gibt es an Hallowe’en. Was Nordirland betrifft, ist es mir oft eingefallen, dass die Umzüge der Orangisten am 12. Juli und die damit verbundenen Bräuche (auch Straßenschlachten mit denen der anderen Konfession!) in gewisser Weise an Karneval erinnern.

Die offensichtlichste Erklärung ist aber, dass die englische Herrschaft den einheimischen Karneval (vorausgesetzt, es hat ihn jemals gegeben) in den Jahrhunderten nach der Reformation unterdrückte. Das ist gut möglich. Aber die Verfolgung des Katholizismus wurde schon Ende des 18. Jahrhunderts eingestellt, und seitdem hat es keinen modernen irischen Karneval gegeben.

Also das Geheimnis bleibt: ein katholisches Land ohne Karneval. Der irischsprachige Journalist Alan Titley hat einmal geschrieben, wir seien ein katholisches Land mit einer protestantischen Kultur. Vielleicht hat er recht. Vielleicht ist unsere Art von Katholizismus so stark von reformierter Strenge geprägt, dass wir uns nicht vorstellen können, dass man am Vorabend eines großen kirchlichen Festes die Sau rauslässt.