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Neugotische Erinnerungen

In Laufen (Basel-Land), wo ich mich oft aufhalte, gibt es drei Kirchen: eine katholische, eine altkatholische und eine reformierte. Die Katharinenkirche ist die schönste. Sie ist eine malerische Barockkirche und befindet sich im „Städtli“, das heißt, in der mittelalterlichen Mauerstadt. Diese Kirche ist heute die altkatholische Kirche, oder wie die Schweizer jetzt sagen, die christkatholische. 1870, im Sog des Kirchenstreites über die Unfehlbarkeit des Papstes, verloren die Katholiken dieses Kleinod. Sie mussten klein beigeben und außerhalb des Städtlis eine neue Kirche bauen. Aber man war bei Gott keine schismatische Sekte, man war die Weltkirche, also musste man etwas Repräsentatives haben. So wurde eine große neugotische Kirche gebaut, mit einem mächtigen Turm, der in den Himmel emporragt, als ob er schon immer da gewesen wäre.

Jedes Mal, wenn ich durch die Häuser des Städtlis diesen gewaltigen, grauen Turm mit seinen Wasserspeiern erblicke, kommt er mir irgendwie bekannt vor. Denn ich denke an die irische Neugotik und an die katholische Kirche in Irland, die diese geliebt hat. 

Woher stammen alle diese neugotischen Ungetüme, die über die ganze irische Landschaft verstreut sind? Man baute sie im 19. Jahrhundert, weil man das jetzt durfte. Seit der Absetzung des katholischen Königs James II war die römische Kirche auf dem britischen Hoheitsgebiet verboten. Erst im 19. Jahrhundert wurde es wieder erlaubt, katholische Kirchen zu errichten. Das ergab eine seltsame Situation in Irland, wo die Mehrheit der Bevölkerung Katholiken waren. Aber die katholische Kirche in Irland stieg tapfer aus der Asche und begann für ihr Volk zu bauen. Neue Kirchen schossen wie Pilze aus dem Boden. Es waren immer neugotische, denn die Neugotik war der herrschende Architekturstil in England, wo alle Modeströmungen und Ideen herkamen. Aber die Neugotik passte auch dem irischen Katholizismus irgendwie. Sie war architektonisch nichts Neues, sondern eine Wiederbelebung von Altem, ein „Gothic Revival“ eben; so als wolle man sagen: Unsere altehrwürdigen Klöster sind längst Ruinen und wir müssen neue Kirchen bauen, weil wir der alten beraubt wurden, aber wir bauen in einem alten Stil, um zu zeigen, dass wir die Echten, die Uralten im Lande sind. 

Sie mussten immer außerhalb des Dorfkerns bauen, denn die Protestanten hatten ihre Kirche mitten im Dorf und es gab keinen Platz für eine zweite. Die protestantische Kirche war oft die ursprüngliche, mittelalterliche Kirche des Dorfes; sonst war sie ein meistens eleganter Bau aus dem 18. Jahrhundert mit protestantischer Schlichtheit und architektonischem Understatement. Viele Katholiken müssen die Protestanten beneidet und gedacht haben: Wenn wir uns nur in einer solchen schönen, alten Kirche versammeln könnten! Und stattdessen müssen wir bis an den Rand des Dorfes in diesen großen, hässlichen Schuppen! 

So blieb es ein Jahrhundert lang. Die katholische Bauwut setzte sich mit grauem Stein und Wasserspeiern fort. In der Nachkriegszeit ging es darum, die wachsenden Vorstädte mit neuen Kirchen zu versorgen. In Finglas, einem Vorort von Dublin, wo ich als Kind lebte, besuchten wir eine entsetzliche neugotische Pfarrkirche, die jetzt triumphierend auf einem Hügel über dem alten Dorfkern thronte. Katholizismus und Kunstgeschichte? Wir hatten keine Ahnung. Aber es passte irgendwie alles zusammen: die neugotische Hässlichkeit, die Strenge der Pfarrer, der Machtanspruch der Bischöfe. Eine Art religiöser Stalinismus. 

Als junger Mann habe ich Irland verlassen und das europäische Festland entdecken dürfen. Das wirkte wie eine Offenbarung. Denn siehe da, mittelalterliche Kirchen und Kathedralen – und sie waren katholisch! Altehrwürdige Klöster – und es lebten noch Mönche darin! Es war alles schön – und es gehörte uns! Ich genoss einen neuen, unerwarteten Luxus, der seitdem bei mir geblieben ist. 

Jetzt aber versteht ihr, worauf ich hinaus will. Wenn ich den neugotischen Turm der Herz-Jesu-Kirche mit seinen Wasserspeiern am Rande des Städtlis in Laufen erspähe, fühle ich mich wie einer, der nach vielen Jahren einen alten Bekannten auf der Straße sieht, einen unbeliebten; aber es wäre gemein, einfach wegschauen. Denn schließlich kann man nicht leugnen, dass man sich kennt. Und man grüßt, mit einem etwas verlegenen Lächeln.

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Verbotene Städte

Befestigungsmauern einer Stadt haben heute allerdings keinen Sinn mehr.  Die Kunst des Krieges hat sich verändert.  Die Kanonen sind so viel grösser geworden, und vom Himmel hoch kommt auch ein Feuersturm, dem keine Mauer widersteht.  Warum nicht alle Mauern mit einem Schlag niederreissen, in einer Staubwolke, in einer kühnen Geste der Befreiung, des Wegräumens?  Aber trotzdem haben die Protestanten Derrys ihre Mauern sorgfältig bewahrt, und ich gebe ihnen Recht.  Man sollte die Mauern einer Stadt bewahren, um sich daran zu erinnern, dass es Schlachten und Belagerungen gegeben hat, Siege und Niederlagen, Gewinner und Verlierer, und dass sie die Stadt gestaltet haben, so dass sie ist, was sie ist.

Die Stadt Derry bietet heutzutage eine seltsame Ansicht.  Man würde sagen, es gibt zwei oder drei Städte hier.  An erster Stelle die Mauerstadt selbst, auf den Höhen nahe beim Fluss gebaut.  Man sieht die Befestigungen von anderen Standorten, weil sie oben sind, weil sie die umgebende Landschaft dominieren.  Auf der anderen Seite des Flusses ist die Mauerstadt nicht wirklich umgebaut, nur unten im Tal gibt es die Bogside, das „Gebiet nahe dem Sumpf“, traditionsgemäss ein Katholikenviertel und ein Zentrum des Aufstandes der Unterlegenen.  Aber weiter noch von der Mauerstadt entfernt geht es wieder bergauf, und auf dem Hügel vom Creggan ist ein weiteres Viertel, auch katholisch (wie die Mehrheit der Stadtbevölkerung seit dem 19. Jahrhundert), wo meine Verwandten immer gewohnt haben und wo die katholische Kathedrale steht, ein verhältnismässig gelungener neugotischer Bau aus dem 19. Jahrhundert, dessen Turmspitze auch weit über die gegenüberliegenden Mauern in den Himmel emporragt.

Es gibt verbotene Städte: Stadtteile, die man nicht betreten darf. Eine Stadt innerhalb der Stadt. Die ursprüngliche Verbotene Stadt allerdings ist die in Peking.

Chur, wo ich wohne, hat ihre verbotene Stadt: den Hof, in den die protestantischen Bürger nach der Reformation nicht mehr gingen.  Derry hat ihre verbotene Stadt: die Altstadt intra muros, innerhalb der nur Oranier marschieren durften; die protestantische Stadt war im Laufe der Zeit zu einer katholischen geworden, nur die Altstadt blieb den Oraniern überlassen.  Die Spaltung zwischen überholter Altstadt und verfeindeter umgebender Mehrheit sorgte für Spannung im Laufe der Geschichte beider Städte.  In Chur stritten Stadtrat und Bischof, und einmal kam es dazu, dass die Stadtväter das Tor im Marsölturm barrikadierten, so dass der Bischof weder aus noch ein konnte.  In Derry blieb die eigentliche Mauerstadt für Oraniermärsche sakrosankt; die Katholiken durften nicht darin marschieren, bis zur Bürgerbewegung von 1968-69, als die Mehrheit bis in den zentralen Platz oben intra muros hineindrang.

Mauern geben ein Gefühl der Geborgenheit.  Unter dem freien Himmel und unter den Menschen, aber innerhalb der Stadt, kann man sich so geborgen fühlen wie in den eigenen vier Wänden.  O du Stadt meiner Kindheit, urbs quadrata, wie geborgen fühlte ich mich im Schatten deiner Mauern.  Derry, Altstadt inta muros, war wie ein Haus in der Nacht, geschlossen und in sich selbst ruhend, ja, die umgebenden Mauern gaben den engen Gassen der Innenstadt das Aussehen der Gänge und Gemächer eines Palastes unter einem Dach. So erträumte ich es mir, so sah ich es nach dreissig Jahren, so ist es ein Teil meiner Innenwelt.

 

Mauerstadt Derry

In Derry, als ich nach dreißigjähriger Abwesenheit von Nordirland wieder da war, habe ich den Rundgang der Befestigungsmauern begangen. Derry ist eine urbs quadrata: Die Mauern bilden ein Rechteck, und auf allen Seiten dieses Rechtecks gibt es Stadttore und Bastionen, in regelmäßigen Abständen in die Mauern eingebaut. Die Befestigungsanlagen wurden erst im siebzehnten Jahrhundert durch die Engländer errichtet. Sie sollten also nicht etwa einer Belagerung im mittelalterlichen Stil widerstehen, sondern Kanonenschüsse abwehren. Deswegen sind sie ungefähr fünf Meter dick. Man kann auf den Mauern, die vollständig erhalten sind, einen Spaziergang machen: Man genießt die herrlichsten Aussichten über den Fluss Foyle, wo er in die Meeresbucht gegen Norden mündet, über die grünen Hügel rundherum, wo die Stadt sich seit dem 17. Jahrhundert ausgedehnt hat, und in die Innenstadt selbst, die, von der Mauer hinab betrachtet, wie ein Hof wirkt, oder eben wie ein Kloster – eine kleine Welt für sich.

Ja, man kann einen Spaziergang machen, alle Sehenswürdigkeiten unterwegs besichtigen, Aussichten in alle Himmelsrichtungen genießen, und in einer Stunde etwa zurück an jenem Tor, jener Bastion sein, von der man den Spaziergang begonnen hat. Man dreht sich im Kreis, könnte man fast sagen.

Auf dem Spazierweg begegnet man etwas ganz Besonderem. Es ist die Kathedrale, in einem grünen Garten ganz nahe an der Stadtmauer gelegen, am höchsten Punkt des Hügels, worauf Derry gebaut ist. Diese Kathedrale stammt ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist eine protestantische Kirche, ein spätgotischer Bau, eine der letzten solchen Kathedralen, die in Europa überhaupt gebaut wurden. Als Kind war ich nie drinnen. Wir waren Katholiken, wozu denn in eine protestantische Kirche gehen? Jetzt aber nach dreißig Jahren ging ich hinein. Von den Stadtmauern gelangte ich durch ein hinteres Tor in den Garten, dann in die Kathedrale selbst. Ein Kleinod. Ein so ruhiger Ort. Der Garten erschien mir wie ein Paradies, wo ich lange Zeit weilen könnte.

Die Befestigungsmauern Derrys stehen immer noch, weil es eine Belagerung der Stadt gegeben hat – eine Belagerung, die in die Geschichte eingegangen ist. Im Jahre 1688 stürzte die „glorreiche Revolution“ in England den katholischen König Jakob II. Stuart vom Thron und ersetzte ihn durch den holländischen Protestanten Wilhelm III. von Oranien. Doch Jakob bat Ludwig XIV. um Hilfe, und der französische König sandte ein mächtiges Heer nach Irland, unter der Führung des Generals St.-Ruth, damit der gestürzte Jakob wieder zu seinem Recht komme. In ganz Irland fand Jakob und sein Heer Unterstützung und Annahme, aber die protestantischen Siedler in Derry, die aus Schottland und England stammten, verweigerten seinen Truppen den Eintritt in die kleine Mauerstadt. Es begann eine Belagerung von 105 Tagen, während der die Protestanten, die mit der Zeit an Hungersnot litten, so dass sie schließlich Hunde und Ratten aßen, alle Versuche, die Stadt zu stürmen oder auch durch Verhandlungen zur Kapitulation zu bewegen, entschlossen zurückwiesen. Endlich wurden die Belagerten von Schiffen aus England entsetzt.

Ja, Derry ist immer noch eine Mauerstadt. Weil seine Mauern einen solchen symbolischen Wert besaßen, ließ man sie stehen. Im übrigen Europa aber – wie in Chur, zum Beispiel, wo ich jetzt wohne – hat man die Befestigungsmauern im 19. Jahrhundert meistens abgerissen, um Platz für neue Bauten und Strassen zu schaffen.  Ein Verlust…

 

Wo ich wohne

Ich wohne in Chur, in der Altstadt.  Als ich in den ersten Monaten mit dem Grundplan der Hauptstadt Graubündens allmählich vertraut wurde, verstand ich, dass es in Chur zwei Städte gibt: die Altstadt selbst, ursprünglich von Mauern umgeben; und dann das bischöfliche Schloss, das auf dem Gipfel des Hügels steht.  Nicht nur zwischen der Churer Altstadt und dem außen liegenden Lande gab es Tore, Mauern und Gräben, sondern auch zwischen Chur und dem Schloss.  Zur Zeit der Reformation, erzählte man mir, ist die Stadt zur protestantischen Seite übergetreten, der Bischof wurde oben allein gelassen, ohne viel Macht über die Stadt, und die Geschichte von Chur wurde zu einem ständigen Zank zwischen dem katholischen Reichsfürsten oben im „Hof“ und dem protestantischen Stadtrat.

Der Untere Spaniöl, wo ich wohne, ist eines der ältesten Häuser der Stadt und liegt in der Süsswinkelgasse.  Weiter oben steht der Obere Spaniöl, ein anderes altes Haus. Beide haben ursprünglich dem Domkapitel gehört.  „Spaniöl“ bedeutet wohl im älteren Deutschen „spanisch“, aber diese Häuser wurden wahrscheinlich nicht von Spaniern bewohnt, obwohl spanische Gesandte in den Bündner Wirren des 17. Jahrhunderts eine bekannte Rolle gespielt haben.  Der Name hat eher mit „Spiniöl“ zu tun, einem lokalen Toponym: Ungefähr wo der Obere Spaniöl jetzt steht, hat es einmal im Mittelalter einen „Spiniölturm“ gegeben.  Man geht die Süsswinkelgasse hinauf, biegt nach rechts ab, man steht vor dem Oberen Spaniöl hinter der protestantischen Martinskirche, links geht es dann die langen Treppen hinauf durch das Hoftor im Marsölturm und in den Hof.

Ich steige oft hinauf zu diesem heiligen Berg. Der lange Aufgang durch das Tor ist ermüdend.  Die Schritte verlangsamen sich, und dann plötzlich steht man in der Ruhe des Hofes. 

Man meint, man sei in ein Kloster geraten, oder genauer gesagt, in einen Garten.  Vielleicht in den Garten des Paradieses.  Hier gibt es aber keine Apfelbäume, nur einen Nussbaum über einem plätschernden Brunnen.  Hier findet man Schatten in der Sommerhitze und ein kühles Getränk aus den Tiefen der Erde; aber in einer Nacht, wenn man die seltsame Idee gehabt hat, hier hinauf zu kommen, weil man nicht schlafen konnte, hält der Mond alles – dunkle Gebäude, Kathedrale, Marsölturm, Friedhof – in seinem Bann, und das Plätschern des Brunnens klingt wie aus einem Traum.  Der Nachtwanderer fühlt, wenn er jede Viertelstunde das Geläut der Glocken hört, vom Turm der Kathedrale und von der Martinskirche unten in der Altstadt, dass sie die vorübergehenden Stunden nur für sich selber zählen, weil sonst keiner wacht.

Diese Sachlage – eine Mauerstadt, entzweit zwischen Katholiken und Protestanten – ist mir irgendwie bekannt.  Ich habe diese Topographie der Feindschaft schon erlebt, und zwar in Derry, der nordirischen Stadt meiner Kindheit. Vielleicht bin ich hierher gekommen, um diese Topographie wieder zu erschaffen, um sie noch einmal zu befragen und zu begreifen.