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Fünfte Kolonnen

Im Zweiten Weltkrieg versuchte Hitler, die Minderheiten Europas, vor allem auf dem Hoheitsgebiet des jeweiligen Feindes, als „fünfte Kolonnen“ zu instrumentalisieren. Man erinnere sich an den Ursprung dieser Redewendung: Sie stammt von einem Ereignis im spanischen Bürgerkrieg. Der faschistische General Mola, der einen Angriff auf Madrid vorbereitete, behauptete, er habe vier Kolonnen von Soldaten und noch eine fünfte Kolonne in der Stadt, womit er die faschistischen Sympathisanten in der Stadtbevölkerung meinte.

Es ist bekannt, dass Hitler kleine bedrohte Nationen wie Finnland, Litauen und Kroatien unter seinen Schutz nahm und dass diese ihn als einen Retter betrachteten. In den besetzten Ländern hingegen setzte er die Strategie „divide et impera“ um, zum Beispiel in Belgien und der Tschechoslowakei. Schon im ersten Weltkrieg, nachdem sie Belgien erobert hatten, förderten die deutschen Generäle die separatistische Bewegung in Flandern. Unter der Nazi-Herrschaft ging es nicht anders zu und her, mit Förderung der flämischen Nationalisten, Gründung einer flämischen Miliz zur Bekämpfung der Partisanen und so weiter. Nachdem er die Tschechoslowakei erobert hatte, förderte Hitler die separatische Bewegung unter den Slowaken. Sie bekamen zum ersten Mal einen eigenen Staat, unter der Leitung des katholischen Pfarrers Jozef Tiso.

Vielleicht ist der interessanteste Teil der Geschichte jener mit den keltischen Sprachen, die die Nazis gegen ihre französischen und englischen Feinde instrumentalisierten. Es waren deutsche Professoren, die die Keltologie gegründet hatten, und letztere war ein Teil der Indogermanistik, die in der NS-Zeit mit den fragwürdigsten Theorien über das arische Volk verknüpft wurde.

Wie Joachim Lerchenmüller in seinem Buch Keltischer Sprengstoff* geschrieben hat, war diese Wissenschaft zu Lebzeiten der großen Keltologen Kuno Meyer und Rudolf Thurneysen in die Machtpolitik Deutschlands gegen England und Frankreich eingebunden. Während das Wetteifern zwischen den europäischen Mächten zunahm, verband sich die Keltologie mit dem keltischen Nationalismus und dem anti-englischen, anti-französischen Gedanken. In seinem Referat „Irland und England“ während des ersten Weltkrieges und des beginnenden irischen Freiheitskrieges behauptete Thurneysen: „Das nächste Außenfort der feindlichen Festung ist unterminiert und Sprengstoff genug vorhanden; aber von selber wird er sich nicht entladen. Wir müssen mit eigenen Händen die Zündschnur bis zu ihm hinbringen, um ihn zur Explosion zu bringen.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war es schon klar, dass Deutschland vom keltischen Nationalismus profitieren könnte. Ludwig Mühlhausen war Professor der Keltologie in Berlin; als gutes NSDAP-Mitglied hatte er Julius Pokorny ersetzt, der wegen fehlenden Ariernachweises als Professor nicht länger in Frage kam. Mühlhausen hatte die Idee, mit walisischen und schottischen Nationalisten Kontakt aufzunehmen, wenn Hitler Großbritannien erobern könnte. Er glaubte ferner, dass ein Teil der Politiker und des Volkes in Irland dem Nazismus wohlwollend gegenüberstehen würden, weil antikommunistische und antisemitische Gedanken im katholischen, konservativen Land schon verbreitet waren.

Ein anderer Keltologe, Hans Hartmann, wurde 1941 vom Auswärtigen Amt in Berlin als Redaktionschef des irischen Dienstes im Reichsrundfunk eingestellt. Er hatte den Auftrag, NS-Propaganda in irischer und englischer Sprache nach Irland auszustrahlen.

Leo Weisgerber, auch in der allgemeinen Sprachwissenschaft ein bekannter Name, hatte bei Thurneysen in Bonn Keltologie studiert und hielt schon 1941 ein propagandistisches Referat über „die keltischen Nationen um England“. Während der Besatzung Frankreichs arbeitete Weisgerber als Zensuroffizier in Rennes (Bretagne). Er organisierte Rundfunksendungen in bretonischer Sprache und förderte die bretonische Kultur. Es wurde sogar eine bretonische Miliz gegründet.

Hitler hatte auch vor, die Schweiz zu erobern, sobald er in Europa die Hände frei hätte. Ich frage mich immer, wie er das gehandhabt hätte. Die Deutschschweizer wären vermutlich als Reichsdeutsche ohne Weiteres einverleibt worden, die Romandie hätte vielleicht die Vichy-Regierung geschenkt bekommen. Und Graubünden? Es hat immer wieder Gerüchte gegeben, Hitler habe sich auf die Invasion vorbereitet, indem er Fallschirmjäger in Rätoromanisch unterrichten ließ. Betrachtete er die Rätoromanen als potentielle fünfte Kolonne? Hätte er ihnen eine eigene Republik gegeben, wie anderen Minderheiten? Wohl kaum. Wahrscheinlich hätte er Graubünden samt Tessin seinem Verbündeten Mussolini abtreten müssen, denn diese Kantone wurden von faschistischer Seite längst als „Italia irredenta” betrachtet. Die deutschsprachigen Bündner hätte Hitler wie die Südtiroler „heim ins Reich” genommen, und die armen Romanen hätten „la lingua imperiale” der Faschisten als ihre Sprache akzeptieren müssen.

 

 

*Lerchenmüller, Joachim: Keltischer Sprengstoff: eine wissenschaftsgeschichtliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945: Tübingen: Niemeyer: 1993.

 

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Substrate und ihr Weiterbestehen

Alle Völker haben Vorfahren, Ahnen, für die sie sich oft mit nationalistischem Stolz interessieren. Viele Völker haben auch Vorgänger, die sie ersetzt haben und mit denen sie nichts mehr gemeinsam haben. Die aber haben im Lande und vielleicht sogar in den modernen Einheimischen selbst rätselhafte Spuren hinterlassen.

Julius Pokorny glaubte, auf Grund der sprachwissenschaftlichen Forschung ein nicht indogermanisches Substrat in Irland gefunden zu haben. Doch auch vor der Zeit der Indogermanistik tendierten europäische Denker stets dazu, die Kelten unter ihnen als vorrömisches Substrat eines Europas jenseits der klassischen Zivilisation zu betrachten. Es scheint, dass die Kelten immer ein bisschen zu exotisch-peripher waren, um als Teil des modernen Europas zu gelten: Bei ihnen musste es sich also entweder um rätselhafte Urvölker, wie die Basken, handeln oder um Indogermanen, die durch nicht arische Substrate kontaminiert wurden.

Wie die Substrat-Hamiten in Irland gibt es im Bündnerland, wo ich wohne, die Räter. Als die Römer dieses Gebiet der Alpen eroberten, machte ihnen ein Barbarenvolk zu schaffen, welches die Räter hieß. Daher benannten sie die neue kaiserliche Provinz Raetia oder Rhaetia. Wer waren diese Räter? Waren das Indogermanen oder nicht? Waren sie Etrusker, Kelten, Illyrer oder gar Semiten? Es gibt viele Theorien und nur wenige Beweise.

Die Räter sind fast spurlos verschwunden. Von einem sich immer wieder behauptenden Substrat (wie in Irland, laut Pokorny) kann kaum die Rede sein. Aber die modernen Bündner interessieren sich trotzdem für sie. Wer heutzutage im Bündnerland unterwegs ist, fährt wahrscheinlich mit der Rhätischen (so geschrieben!) Bahn. Die Rätoromanen (und germanisierten Romanen) im Bündnerland sind ja die Nachkommen der Räter, die unter der römischen Herrschaft das Latein zu ihrer Sprache machten, genauer gesagt das Vulgärlatein, das im Laufe der Zeit zum Rätoromanischen wurde.

Spätere Romanen haben diese rätische Vorgeschichte benutzt, um grandiose Mythen über die Bündner und vor allem deren Sprache zu konstruieren. Denn Rätoromanisch war nie „speziell“ genug: Es war nur eine neolatinische oder romanische Sprache unter vielen. Man musste also für die Rätoromanen unbedingt eine exotischere Herkunft finden, wenn nicht im römischen Teil, dann im rätischen.

Pokorny sah die Vorkelten als ein Substrat, das sich immer wieder behauptete, ja sogar über Jahrtausende hinweg. Die Iren auf dem Lande glauben halbwegs immer noch an die Feen, die in ihren Raths wohnen und nur nachts unterwegs sind. Aber das sind ursprünglich die Tuatha Dé Danann, die Nichtkelten, die sich vor den Kelten nur versteckt haben.

In Nordamerika gibt oder gab es Legenden über „wilde Indianer“. Das waren Indianer, die längst nach der Eroberung und Rodung ihrer Stammesgebiete in den verbleibenden Wäldern lebten und ab und zu auf sich aufmerksam machten, als im Winter ein paar Säcke Mehl aus einem Bauernhof verschwanden. Ich denke an meine alte Universität auf einem Berg in Kanada. Im Winter kamen Bären zum Haus des Rektors (er war der einzige, der da ein Haus hatte) um Futter im Abfall zu suchen. Bären auf einer Uni! Sie waren nicht weg, sie hatten sich nur in den Wäldern versteckt. Als Student dachte ich mir immer, vielleicht gibt es auch Indianer in diesen Wäldern. Vielleicht stehlen sie ein paar Säcke Mehl aus der Mensa, oder belauschen stillschweigend die Vorlesungen der Professoren.

Substrate sind interessant. Sie geben uns zu denken, dass wir als Gesellschaft vielleicht nicht so homogen sind, als wir meinen; dass wir eine Beziehung haben zu etwas, das nicht mehr existiert, zu denen, die wir ersetzt haben. Um uns und in uns führt das Substrat sein Schattendasein weiter.

Imaginäre Landschaften (1)

Man kennt eine Landschaft von innen, wenn man in ihr aufwächst, insofern, als einem der vertraute Außenraum zu einer Art Innenraum wird, und der psychische Innenraum die Konturen des Außenraumes annimmt. Man kennt eine Landschaft von außen, wenn man sie durchreist, und vielleicht gefällt sie einem: „Herrlich!“ sagt man dann, und knipst ein Foto. In beiden Fällen kann es sich um die gleiche Landschaft handeln. Der Einheimische kennt das Land, es ist ein Teil von ihm. Der Reisende kennt das Land nicht, er findet es einfach schön, und wenn es ihm wichtig ist, kommt er später zurück und projiziert etwas darauf, etwas Eigenes. So entstehen imaginäre Landschaften.

Für die Bündner ist Graubünden die Heimat: die hundertfünfzig Täler, die drei Sprachen, die Bräuche, die Trachten, die Sagen und die Lieder. Für die Fremden, die hierher kommen, ist es vor allem etwas anderes: die Berge, die Gipfel. Diese sportliche Auffassung des Bündnerlandes gibt es erst seit den Anfängen des Tourismus im 19. Jahrhundert. Früher bewohnten die Rätoromanen nur die Talschaften. Die deutschsprachigen Walser besiedelten die höheren Täler wie Davos im Laufe des Mittelalters. Doch früher waren diese wüst und leer. Inzwischen entwickelte sich die Transhumanz, wobei die Hirten ihre Herden aus dem Tal auf die Alp führten und die Sommermonate dort im Maiensäss verbrachten. Doch man stieg kaum hinauf bis zu den Gipfeln, da wohnten nur Kobolde und Dämonen.

Zuerst waren es Schweizer, die die Schweizer Gipfel stürmten, wie Horace-Bénédict de Saussure (Urgrossvater des Genfer Linguisten), der erste auf dem Mont Blanc, oder Placi a Spescha, ein exzentrischer Benediktinermönch, der als erster in den hohen Bündner Bergen unterwegs war: Er behauptete, er habe vom Rheinwaldhorn aus das Mittelmeer gesehen, was eher als imaginär einzustufen ist. Bald aber kamen die Engländer, jene tapferen Sportler, die alle Gipfel systematisch erobern wollten, und das taten sie dann auch. Den Einheimischen war dies nie in den Sinn gekommen; für sie waren auch Skifahren und Wintersport exotische Zeitvertreibe, die von den fremden Touristen eingeführt oder erfunden wurden.

Und da waren noch die deutschen Schriftsteller, die sich von der Bündner Landschaft angesprochen fühlten aber ihre eigenen Gedankeninhalte auf diese Landschaft projizierten. Nietzsche kam und genoss die helle, frische Luft der Alpen um Sils-Maria. Dort sah er ein, was für asketische Strenge die hohen Berge von den Menschen verlangten, die sie hautnah erleben wollten, und er träumte von Zarathustra. Rilke kam und dachte sich „ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“, indem er weiter nach oben forschte als „die letzte Ortschaft der Worte“ oder „ein letztes Gehöft von Gefühl“. Am Ende dieses Gedichts heißt es:

„und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. – Aber
ungeborgen, hier, auf den Bergen des Herzens…“

Nur der Adler ist also in der hohen Berglandschaft zu Hause, der Mensch nicht, denn dieser kommt schnell an seine Grenzen. Das Thema der erlebten Grenzen kommt auch bei Thomas Mann vor: In Der Zauberberg erlebt Hans Castorp seinen Schneetraum bei Davos, friert dabei fast zu Tode aber gewinnt eine Einsicht in das Ganze des Lebens, jenseits von Gut und Böse. Und Hermann Hesse hat seine ideelle pädagogische Provinz, Kastalien, in der Berglandschaft zwischen Graubünden und Tessin errichtet.

Hier geht es immer um die gleiche Landschaft: Die einen prägt sie fürs Leben, die anderen scheint sie nur einzuladen, ihre Träume auf sie zu projizieren.

Arm aber glücklich

Ich lese Linard Candreias neulich erschienenes zweisprachiges Buch Hanna la Tirolra oder Hanna die Südtirolerin [s. Link]. Es geht um die Lebensgeschichte seiner Mutter, die aus dem Vinschgau stammte, jedoch ins romanische Bündnerland einheiratete und dort eine Familie gründete.

In den Kapiteln dieses Buches lesen wir vom harten Leben auf dem Lande damals. Die Menschen waren alle arm. Es gab Kinderarbeit, aus lauter wirtschaftlicher Not. Die Menschen aber gehörten zu ihrem Dorf und fühlten sich dort geborgen. Das ist so ein locus communis in Büchern von regionalem Interesse: „Wir waren arm, doch wir waren glücklich.“

Die Südtiroler hatten es allerdings nicht nur wirtschaftlich schwer, sondern auch politisch, als sie unter Mussolini leben mussten. Und als Hitler das Territorium 1943 zur „Operationszone Alpenvorland“ machte, wurde alles noch schlimmer. Auch in der Nachkriegszeit wurde das Leben nicht viel besser. Das harte Leben mit dem täglichen Existenzkampf ging weiter bis in die Fünfzigerjahre. Das ist für mich, der ich in den Fünfzigerjahren geboren wurde, kaum vorstellbar. Ich aber wurde in einer Stadt geboren und nicht in einer abgelegenen ländlichen Talschaft.

Ich habe schon über die Gaeltachtaí geschrieben, diese charakteristischen, ja unverwechselbaren Landschaften, wo die Menschen tief verwurzelt sind, ein Gefühl von Heimat, eine ausgeprägte regionale Identität, eine eigene Kultur, ja vielleicht eine eigene Sprache bzw. Mundart haben, die das alles schön ausdrückt. Diese Gaeltachtaí kenne ich von Irland, vom Bündnerland, aus Alistair MacLeods Büchern über Cape Breton in Kanada.

Manche von uns lieben diese Orte und verbringen dort gerne ihre Ferien. Auch ich verweile lieber in so einer Landschaft als in einer anonymen Millionenstadt. Aber die Welt verändert sich unaufhaltsam. Für solche Landschaften und ihre Bewohner gibt es in unserer sich homogenisierenden Welt immer weniger Platz. Es ist schwierig, sie am Leben zu erhalten. Es müssen staatliche Subventionen her. „Capuns, maluns, e subvenziuns“ witzeln bei uns die Romanen mit Bezug auf ihre typischen Gerichte und das Geld aus Bern. Eine neoliberale Denkfabrik wie Avenir Suisse verlangt das Ende der Subventionen an Randgebiete: Alle ab in die Städte, heißt es, lassen wir die Alpen zu einem einzigen Nationalpark verwildern.

Die charakteristischen Randregionen überleben eigentlich nur noch, weil sie vom Wohlstand der Städte subventioniert werden. Wie war das früher? Candreias Buch lesend sehe ich ein, dass die Bewohner ihre Region mit ihrer eigenen Armut subventionierten. Wenn sie diese Armut nicht erduldet hätten, wäre alles schnell auseinandergefallen. Und das taten sie über Jahrhunderte. Schon damals zogen viele weg in die Städte. Dass fast alle jungen Leute dann weg müssen, ist eine neuere Entwicklung. Ich kenne ein romanisches Gedicht, in dem ein Bergbauer über seinen Hof nachdenkt, aber auch über die Tatsache, dass er seine Kinder für die Grossstadt erzieht. Dann ist da noch das Stadium der Zweitwohnungen: Die jungen Menschen ziehen alle fort, die Alten sterben allmählich weg, und die leeren Häuser werden schliesslich von Städtern aufgekauft.

Tragödie (Regionalisten) oder „natürliche Entwicklung“ (Avenir Suisse, Rewilding Europe) – den langsamen Untergang der charakteristischen ländlichen Regionen können wir nicht leugnen. Wenn nur die Informationswirtschaft, die der Industriewirtschaft gefolgt ist, ein anderes Entwicklungsmodell zu bieten hätte als jenes der Verstädterung …

Missionare (3)

Wenn jemand von Missionen und Missionaren redet, denkt man automatisch an exotische Länder. Es hat aber auch eine andere Art von Mission gegeben: die inländische. Diese entwickelte sich im Zuge der Reformation und Gegenreformation. Die Reformatoren zogen umher und versuchten, ihre Mitchristen zum neuen Glauben zu bekehren. Später missionierte auch die römische Kirche, um die Abtrünnigen zu rekatholisieren. Die Jesuiten waren von Anfang an dabei, aber auch die Kapuziner und die Dominikaner. Sie missionierten sogar auf katholisch gebliebenem Territorium, wo es zweifelhaft war, ob die Menschen wirklich christlich waren, da sie ihre eigene vorchristliche Kultur behielten, wie etwa in der Bretagne.

Die inländische Mission war oft intoleranter als die ausländische, aber nicht immer. Im Namen Gottes wurden Sprachen unterdrückt (etwa das Ladinische im Südtirol, das Kornische in Cornwall und das Gälische in Schottland) oder aber mit Bibelübersetzungen und Gesangbüchern gefördert (wie das Rätoromanische in Graubünden und das Walisische in Wales). Es wurden auch lokale Kulturen unterdrückt oder zensiert oder aber in etwas Moderneres verwandelt, das ihr Überleben sicherte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es inländische Missionswellen, zum Teil sehr erfolgreiche, wie etwa in Wales. Im Zuge der großen Hungersnot von 1847 gab es in Irland eine Bewegung, die man ironisch „die zweite Reformation“ nannte. Verhungernde wurden nämlich von englischen Missionaren gefüttert, wenn sie bereit waren, protestantisch zu werden. Von diesen Elenden heißt es im irischen Volksmund heute noch: „Sie nahmen die Suppe“.

Inländische Missionen waren in der Moderne ein ständiger Aspekt der Kirchengeschichte. Das Zielpublikum waren hier nicht die Heiden, sondern die Anhänger der anderen Konfession, oder die primitiven Kelten in der Bretagne und im schottischen Hochland. Doch auch die ausländische Mission erwies sich manchmal als ein sektiererisches Unternehmen, wie in Südindien, wo etliche Kollegen von Hermann Gundert sich darauf spezialisierten, nicht gottesferne Hindus, sondern in erster Linie Anhänger der altehrwürdigen Kirche des Heiligen Thomas für den Protestantismus zu gewinnen.

Heutzutage gibt es kaum mehr inländische Missionen, denn die ökumenische Bewegung in den Kirchen hat sie überflüssig gemacht. Dafür aber gibt es die amerikanischen evangelikalen Bewegungen, von der katholischen Kirche als „Sekten“ verschmäht, die heute einen ungeheuren Erfolg haben, nicht nur in den USA, sondern auch in den katholischen Hochburgen der alten und neuen Welt. Sogar in Irland, wo der Katholizismus vielerorts kollabiert hat, machen sie Konvertiten. Die Religion lässt sich nicht so leicht aus der modernen Gesellschaft verbannen.

 

Die schwere Last der Terminologie

Terminologie ist ein wichtiges Nebenfach des Übersetzens. In technischen und wissenschaftlichen wie auch in bürokratischen und journalistischen Bereichen gibt es immer wieder Fachausdrücke, termini technici, die es zu übersetzen gilt. Es macht nur Sinn, wenn der Übersetzer als regelmäßige Nebenbeschäftigung versucht, für jeden Fachausdruck in der Ausgangssprache eine passende Übersetzung zu finden, und diese übersetzten Wörter und Ausdrücke für den späteren Gebrauch auflistet. Es gibt schon zweisprachige Fachwörterbücher in verschiedenen Bereichen und heutzutage versucht man, den ständigen Entwicklungen in der Terminologie gerecht zu werden, indem man diese online zur Verfügung stellt.

Das Kreuz mit der Terminologie besteht darin, dass das Wort eine ihm innewohnende Kraft besitzt, dass es fähig ist, sich, wenn nicht als Lehnwort, dann als Lehnprägung oder Calque, in die Zielsprache hineinzuschmuggeln. „Ich existiere in meiner Sprache“, scheint es zu sagen. „Warum existiere ich nicht bei euch?“ Wenn die zu übersetzende Sprache einen Fachausdruck hat und die Zielsprache nicht, hat die Ausgangssprache das Sagen; und wenn viel oder nur aus dieser Sprache übersetzt wird, kann sie die Zielsprache kräftig beeinflussen oder sogar umformen.

Es gibt eine effiziente Terminologie-Seite für die irische Sprache, http://www.focal.ie, die ich manchmal beim Schreiben benutze, denn die modernsten Wörter und Ausdrücke fehlen in den großen Wörterbüchern, die inzwischen dreißig bis fünfzig Jahre alt sind. Wenn ich mit diesem System arbeite, werde ich aber langsam von Unbehagen erfüllt. Man verliert sich im Wirrwarr der irischen Äquivalente für diesen und jenen Begriff aus dem bürokratischen Leben. Immer ein irisches Äquivalent für einen englischen Fachausdruck – nie das Gegenteil.

Man fragt sich, inwieweit diese gewaltigen Ressourcen überhaupt benutzt werden, wenn nicht von denjenigen Bürokraten, die ihr Leben damit verdienen, dass sie englisch verfasste Brüsseler und Dubliner Dokumente ins Irische übersetzen. Ich denke unwillkürlich an meinen Bekannten, den rätoromanischen Schriftsteller Leo Tuor, der sich über die fleißige Terminologiearbeit im Standardromanischen lustig macht, da es um eine Terminologie geht, die fast niemand benutzen wird, weil technische Dinge im Bündnerland sowieso auf Deutsch besprochen werden.

Der gemeinsame Faktor ist die Einseitigkeit des Übersetzens. Es wird immer nur aus einer Sprache ins Irische oder ins Romanische übersetzt. Andere Sprachen werden kaum beachtet. Die Welt wird von den Sprechern immer durch das Vergrößerungsglas des Englischen bzw. des Deutschen gesehen. Was eigentlich alles verzerrt. Andererseits beherrschen die Sprecher, für die die Übersetzungen von Texten und Termini gemacht werden, sowieso die andere Sprache und werden die Dokumente wohl eher im Original lesen als in der Übersetzung. Inzwischen hat sich aber eine regelrechte Übersetzungsindustrie entwickelt, besonders im Fall des Irischen. Das Geld ist da von Brüssel oder vom irischen Staat, um alles brav zu übersetzen, und daher gibt es Arbeitsplätze für irischsprachige Hochschulabsolventen, die es vorher nicht gab. Ein Sieg! Wir Irischsprachigen machen Fortschritt. Oder?

Ich denke mir nur, die Ressourcen könnten besser eingesetzt werden. „Weg vom Übersetzen und vom übersetzten Denken“ würde ich den fleißigen irischen Kollegen raten. „Wir schreiben unser eigenes Zeug, und basta. Dann haben wir etwas zu sagen, das uns und unserer Sprache wirklich gerecht wird.“

Wo die Leitkultur auf Urlaub geht

Die Minderheiten und Kleinvölker sind die Indianer Europas, wie ich oft bemerkt habe. Sie werden geschätzt, weil sie identitätsstiftende Minderheiten sind, d.h. sie sind für die entsprechenden Mehrheiten stellvertretend „authentisch“. Dudelsack, Schottenrock und Whisky werden seit langem als Inbegriff des Schottischen empfunden, auch von den Schotten selbst. Doch das ist alles Kulturgut vom Hochlandgebiet, zu dem die Mehrheit im Unterland keine wirkliche Beziehung hat. Trotzdem, will ein Schotte als Schotte auftreten, zieht er den Tartanrock an. In der Schweiz vor dem Zweiten Weltkrieg spielten die Rätoromanen mit ihren bunten Volkstrachten, ihren Engadinerhäusern und natürlich mit ihrer Sprache die Rolle der waschechten Schweizer, obwohl die anderen keine besondere Lust hatten, diese Sprache zu erlernen.

Solche Phänomene findet man nicht nur in Europa. Säkularisierte und fortschrittliche amerikanische Juden unterstützen freigiebig Synagogen und Jeschiwas von bärtigen Chassidim, da diese die traditionelle jüdische Lebensweise stellvertretend immer noch vorleben. Und – zurück zu den Indianern – grün gesinnte Amerikaner der jüngeren Generation verehren diese und andere eingeborene Völker wegen ihrer spirituellen Weisheit und der Harmonie, mit der sie in der Natur leben.

Auch im nordamerikanischen Melting-Pot sieht man die komischsten Dinge, was ethnische Identität betrifft. Ich werde dieses Mal nichts über die amerikanischen Iren sagen, aber in den 1970er Jahren in Westkanada war ich oft unter den Deutschen und in deren Edelweiss-Club zu Gast. Jene Leute waren meistens Norddeutsche oder Ostflüchtlinge, aber sie trugen Dirndl und Lederhosen, tanzten Schuhplattler zu Ländlerkappellen und feierten Karneval im großen Stil. Solches Kulturgut war offensichtlich identitätsstiftend, egal woher aus Deutschland die Menschen stammten.

Vor allem in den großen Ländern Europas wie Deutschland, England und Frankreich spürt man eine allgemeine Nostalgie für das ländliche Leben, als es noch authentischer war. Ich nehme an, das ist der Grund, weshalb mancher Deutsche gerne in Irland herumreist, oder seine Lieblingsinsel in Griechenland hat, zu der er immer wieder zurückkehrt, nicht nur, um am Strand an der Sonne zu liegen, sondern um unter den schrulligen Einheimischen mit ihrer Lebenskunst etwas auszuleben, was es zu Hause nicht (mehr) gibt. Gemäß meiner schrulligen soziologischen Theorie wäre diese Lebenskunst der Einheimischen für die Besucher stellvertretend authentisch und alternativ identitätsstiftend.

Auf jeden Fall können die Menschen in regelmäßigen Abständen einen Urlaub fernab der grauen Leitkultur genießen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Das ist ein Luxus, den sie sich leisten können. Der arme Türke in Deutschland soll sich brav der Leitkultur assimilieren, ohne Wenn und Aber. Mit etwas Geld kann ein echter Deutscher hingegen die Leitkultur hinter sich lassen. Ich würde unsern Touristikern sogar einen neuen Werbeslogan vorschlagen: „Irland – wo die Leitkultur auf Urlaub geht“.