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Mendelssohn als Ossian-Fan

Bischof Hervey von Derry, der aus der Grand Tour nach Italien eine lebenslange Beschäftigung machte, bestieg als junger Mann den Vesuv und wurde sofort von der Geologie in Bann gezogen. Daher erforschte er später an der Küste Nordirlands den „Giant’s Causeway“, den Damm des Riesen mit seinen seltsamen stumpfen Basaltsäulen, die an eine Straße mit enormen Pflastersteinen erinnern.

Eine ähnliche geologische Formation, aber mit langen Basaltsäulen, die eher an die Pfeifen einer Orgel erinnern, zeigt die sogenannte Fingalshöhle auf der Insel Staffa in den schottischen Hebriden. Diese Sehenswürdigkeit wurde berühmt, als Engländer im 18. Jahrhundert begannen, die keltischen Länder, vor allem Schottland, zu bereisen, statt zur üblichen Grand Tour nach Italien aufzubrechen. Diese Tendenz stand unter dem Einfluss von MacPhersons Ossian. Der Fingal, dessen Höhle man besuchte, war Ossians Vater, der irische Fionn Mac Cumhaill.

Es ist unmöglich, die Fingalshöhle zu erwähnen, ohne auch an Mendelssohn zu denken, der diese Sehenswürdigkeit in seiner Musik verewigt hat. Auch er unternahm eine Grand Tour, doch der in Berlin ansässige, assimilierte Jude trug zur ehrwürdigen adeligen Tradition eine Innovation bei: Statt zwischen dem keltischen Norden und Italien zu wählen, besuchte er beide. Er fuhr 1829 erst nach England und Schottland. Der Ossian-Fan Mendelssohn musste natürlich ins Hochland und auf die westlichen Inseln. In den Hebriden gab es damals schon eine Art Tourismus. Er durfte die Fingalshöhle von einem Dampfschiff aus betrachten.

Im folgenden Jahr fuhr er nach Italien und verbrachte den Winter in Rom, wo er in einem Haus an der Piazza di Spagna wohnte. Pflichtgemäß studierte er die Denkmäler des Altertums, war hingegen von der zeitgenössischen italienischen Musik wenig begeistert. Er arbeitete u.a. an der „Fingalshöhle“ und der „schottischen Symphonie“ – sein „protestantisches Herz“, das er in Briefen nach Deutschland ohne jegliche Ironie erwähnte, lag offensichtlich anderswo als im katholischen Rom. Dann reiste er weiter nach Neapel und bewunderte den Vesuv, doch für einen Besuch Siziliens reichte das Geld vom Vater nicht mehr aus. Goethe galt hier natürlich als der illustre Vorgänger; er lebte noch in Weimar und wurde von der Reise durch Briefe informiert. Mendelssohn reiste auf seinem Weg zurück nach Deutschland über die Schweiz, die ihm viel besser gefiel als Italien.

Aus dieser Grand Tour entstanden sowohl eine schottische als auch eine italienische Symphonie. Die italienische ist so einfach zu deuten – man glaubt, Italien vor sich zu haben, das lebensfrohe, bunte, sonnige Italien von Generationen deutscher Touristen. Die schottische Symphonie hingegen ist nicht besonders schottisch oder keltisch. Schwierig zu sagen, was sie eigentlich ausdrückt. Der Hörer kriegt keine sehr deutlichen, geistigen Bilder zu sehen, mit denen er die Musik verbinden könnte. Es herrschen eine melancholische Stimmung und ein Eindruck von romantischem Helldunkel, die vielleicht die düstere, herbe Landschaft hervorrufen sollen: eine ossianische Landschaft eben.

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Zwei Irlands

Ethnologen wie Lévi-Strauss erzählen von den zwei Hälften (moitiés), in die sich eine Stammesgesellschaft aufteilt. Diese Hälften sind typischerweise exogam: Wenn einer heiraten will, darf er seine Braut nur bei der anderen Hälfte suchen. Andererseits lassen sich mit dem Hälftensystem auch interne Rivalitäten kanalisieren und ritualisieren. Die zwei Hälften mögen einander grundsätzlich nicht, bleiben aber meistens gut gelaunt und machen Witze über einander.

Ich habe mehrmals über die verbale Streiterei der Iren geschrieben. Einerseits ist zu bedauern, dass wir miteinander so schnell Streit bekommen, andererseits ist es aber auch eine Art der Unterhaltung. Ursprünglich orale Gesellschaften wie die Iren sind agonistisch gesinnt: Sie teilen sich gerne in zwei sich gegenseitig verschmähende Hälften auf. Es ist wie beim Sport: es braucht zwei Mannschaften. Was macht eine Gruppe von Menschen, die gerne Fußball spielen, als erstes? Sie teilen sich in zwei Mannschaften auf. Denn mit nur einer Mannschaft gibt es keinen Fußball, es müssen zwei sein. Wettkampf gehört zur Sache.

In Irland war es immer so. „Leath Choinn“ agus „Leath Mhogha“ hießen der Norden und der Süden des Landes. Conn und Mogha waren zwei mythische Könige, die sich das Territorium Irlands in zwei Hälften („Leath“) aufteilten: Conn nahm die nördliche Hälfte und Mogha die südliche. Damit war der Streit allerdings noch nicht zu Ende, aber das ist eine andere Geschichte.

Im 17. Jahrhundert gab es einen berühmten literarischen Streit zwischen den damaligen Barden über die relativen Verdienste ihrer adeligen Gönner im Norden und im Süden. Das war freilich eine konventionelle literarische Übung, aber es zeigt, dass der alte Antagonismus immer noch galt. Die irische Welt hatte sich aber inzwischen verändert und die Atmosphäre war ein bisschen melancholisch: Die alternden Mannschaften trafen sich zum letzten Spiel.

Heutzutage ist der Nord-Süd-Gegensatz in Irland ein politischer, zwischen zwei Staaten, der Republik und Nordirland. Dabei weiß man, dass „Nordirland“ als Staat nicht das Gleiche ist wie „Nordirland“ als geographische Bezeichnung. Geographisch und historisch gibt es die Provinz Ulster, die aus neun Grafschaften besteht: Sechs dieser Grafschaften bilden Nordirland, die anderen drei (Donegal, Monaghan, Cavan) sind Teile der Republik.

Nordirland, der Staat, ist anders als der Süden, und das nicht nur politisch oder religiös. Die Region hat eine eigene Kultur, die vielleicht mehr mit Schottland zu tun hat als mit den anderen historischen Provinzen Irlands. Die (englische) Sprache ist auch anders dort: Sie ist dem schottischen Englisch ähnlich.

Das alles erlebte ich als Kind in Derry, der Stadt meiner Mutter. Die Verwandten sprachen anders, sie hatten eine andere Art. Die südlichen Iren betrachten diese nordirische Art als schroff und barsch. Die Nordiren selbst würden sagen, sie nehmen kein Blatt vor den Mund.

Dieses Kindheitserlebnis hat mich fürs ganze Leben geprägt. Ein Mensch scheint eine Einheit zu bilden, aber die oberflächliche Kohärenz verbirgt oft mehrere Schichten oder zwei sich verschmähende Seiten. Es ist so mit uns Iren. Es ist so mit mir. Auf der Oberfläche bin ich ein typischer Bürger der Republik, mit den typischen Eigenschaften und Einstellungen, doch in mir steckt auch Nordirland mit den schroffen, entrüsteten und doch geliebten Stimmen meiner Mutter und ihrer Verwandten.

Denn auch in unserem Innersten teilen wir uns in zwei Mannschaften auf, und sie spielen ihr endloses Spiel auf dem Fußballplatz, den kein anderer Zuschauer zu sehen bekommt.

 

Die rettende Kraft der Dubliner Mundart

Seit Jahren versuche ich, ab und zu eine Lanze für die Dubliner Mundart des Englischen zu brechen. Lassen Sie mich aufführen, was eine solche Mundart alles bedeuten kann.

Mundart ist heimisch. Mundart ist gemütlich. Mundart ist gut gelaunt und humorvoll. Mundart ist direkt und unverblümt. Man bekommt Heimweh in der Fremde, wenn man dort seine eigene Mundart hört, und wenn man wieder zu Hause ist und die Menschen Mundart reden, ist man „unter sich“.

Mundart kann auch Protest sein. Das ist nicht die Sprache des Kaisers oder des Königs, nicht die Sprache der Adeligen oder der Reichen. Es ist die Sprache des Volkes, das kein Blatt vor dem Mund nimmt und die Dinge beim Namen nennt. Mundart kann subversiv und antiautoritär sein, vor allem wenn man sie schreibt. In der Deutschschweiz sprechen alle Mundart, doch es gehört zum guten Ton, Hochdeutsch zu schreiben. Die Jugendlichen aber geben sich jetzt die Mühe, ihre SMS und Mails auf Mundart zu schreiben, und zwar mit einer eigens improvisierten Orthographie. Autorität? Am Arsch!

Mundart kann sogar Revolution bedeuten. Eine sprachliche, wenn nicht gar eine politische. Eine Revolution von innen. Ein Aufstand des Volkes. Doch wer ist das Volk?

Nehmen wir das Englische als Beispiel. Das Zentrum der Sprache war ursprünglich in England und den Nachbarländern (Schottland war früh ein rivalisierendes Zentrum), aber dann stiegen die USA zur Weltmacht empor und es gab kein Zentrum mehr. Jetzt ist Englisch eine Weltsprache ohne wirkliches Zentrum. Hingegen hat sie eine enorme Peripherie: die Abermillionen in der ganzen Welt, die schlechtes Englisch als internationale oder interethnische Verkehrssprache benutzen.

Warum oder wozu braucht das Englische eine Revolution? Die anderssprachigen Ausländer sehen nicht ein, dass das Englische nicht „gratis“ ist und es dafür einen hohen Preis zu bezahlen gilt. Onkel Sam, jener sympathische, bärtige Alte im steifen Hut, ist eigentlich der Große Satan, dem man am Anfang nur den kleinen Finger reicht, und dann … Aber das lassen wir vorläufig bleiben. Was ich hingegen betonen möchte, ist, dass auch die Englischsprachigen einen hohen Preis zu bezahlen haben: Die Sprache gehört nicht mehr ihnen, sie werden langsam ihres Erbes enteignet, ihrer Sprache beraubt. Es ist mir klar, dass die Sprache unter dieser zentrifugalen Bewegung qualitätsmäßig stark leidet. Sie wird blass und farblos und ohne Geschmack, wie Hamburger und Fritten. Englisch ist zum sprachlichen Fast-Food der Welt geworden.

Deswegen, sage ich, ist es Zeit für eine Revolution von innen. Ich meine, dass sich der sprachliche Kern des Englischen zu Wort meldet und in der Diskussion wieder seinen Senf dazugibt. Eine Mundartbewegung also. Das könnte aussehen wie eine Rebellion gegen das Englische. Die schottischen Literaten sehen es sicher so, wenn sie auf Scots schreiben. Aber es kann auch eine Rebellion zugunsten des Englischen sein, etwa eine jakobitische Rebellion, um die fremden Usurpatoren zu stürzen und das alte Königshaus wieder auf den Thron zu setzen. Gegen Hamburger und Fritten. Für das echte, würzige Englisch. Ich sehe es so, und meine es auch so, wenn ich versuche, Dubliner Dialekt zu schreiben und zu fördern. Denn Dublin ist eine Quelle des guten alten Englisch. Dubliner sagen oft, ihre Sprache sei das Englisch von Shakespeare, und ich gebe ihnen Recht. Wir sind das Volk!

Irrfahrt im keltischen Nebel

Ab 1769, während ihres Londoner Aufenthaltes, begann Angelika Kauffmann, sich mit Ossian zu beschäftigen. 1772 produzierte sie das Gemälde „Inibaca gibt sich Trenmor zu erkennen“ und inszenierte damit eine Liebesgeschichte aus MacPhersons ossianischem Epos Fingal. Da man so gut wie nichts über die Antiquitäten der Kelten wusste und diese Geschichten von MacPherson völlig frei erfunden worden waren, durfte die Künstlerin ihrer eigenen Phantasie freien Lauf lassen.

Inzwischen stieß Ossian in Deutschland auf enormes Interesse. Sein größter Verfechter wurde Klopstock, der die Geheimnisse des alten Bardenwesens im vorklassischen, vorrömischen Europa zu entdecken suchte. „In öden dunkeln Trümmern der alten Celtensprache“ müssten diese Geheimnisse verborgen liegen, meinte er, als Ossian auch im deutschen Raum bekannt wurde. Notabene: Bei den keltischen Sprachen ging es immer um „Trümmer“, sprachliche Ruinen, nicht um lebendige Sprachen, wie sie etwa von Schotten und Iren gesprochen wurden, denn die keltischen Sprachen hatten nur als Vergangenheit, als historische Kulisse für die moderne englische bzw. deutsche Dichtung zu dienen.

Klopstock war entzückt, als er die ersten Übersetzungen von Ossian las, doch er war auch enttäuscht, denn er suchte Ideen zu Versform und Metrik. MacPherson aber hatte nur in lyrischer Prosa geschrieben. Diese Tatsache hatte in Schottland und England auch schon andere verwundert. Wenn Fingal ein Epos sein sollte, warum war es dann nicht in englischen Versen verfasst, wie etwa die endlosen Übersetzungen von Homer und der Aeneis, die in jeder Generation entstanden? Was man hier zu lesen bekam, erinnerte eher an die erhabene Prosa der englischen Bibel. MacPherson war als Versschmied wahrscheinlich nicht besonders begabt und was er schrieb, war auf jeden Fall eher ein empfindsamer Roman. Spätere Übersetzer ins Deutsche und in andere Sprachen haben sich ohne Weiteres erlaubt, MacPhersons Prosa in passende Versformen zu übersetzen. Warum auch nicht? Man irrte ja in einem sprachlichen und kulturellen Nebel herum.

1768 schrieb Klopstock sogar an MacPherson selbst und fragte ihn, ob er nicht ein paar echte Verse oder Lieder mit Noten als Beispiele liefern könne. MacPherson schrieb bald zurück, aber es sollte niemanden überraschen, dass er höflich auswich – wie immer bei ihm, wenn es um Originale ging. Anschließend schrieb Klopstock an Angelika Kauffmann, da man sich in deutscher Sprache besser verständigen konnte. Er berichtete einem anderen Korrespondenten: „Ich bin seit Kurzem in eine deutsche Malerin in London, Angelika Kaufmann, beinahe verliebt. Sie hat einen Briefwechsel mit mir angefangen, und will mir schicken: einen Kopf Ossians nach ihrer Phantasie …“ (Auch hier liess die Künstlerin ihrer Phantasie freien Lauf, denn niemand wusste, wie der keltische Bardenfürst ausgesehen hatte.) Klopstock, der seine Suche nach uralten bardischen Versformen nicht aufgeben wollte, schrieb an Angelika weiter im Jahre 1770: „Könnten Sie nicht in Edingburgh, oder auch weiter hinauf gegen Norden, durch Hülfe Ihrer Freunde, einen Musikus auftreiben, der mir die Melodien solcher Stellen im Ossian, die vorzüglich lyrisch sind, in unsere Noten setzte …”

In diesen Jahren korrespondierte Klopstock regelmäßig mit Angelika Kauffmann, doch seine wiederholten Anfragen ergaben offensichtlich nichts. Es war alles sowieso nur Schwärmerei über die vermeintliche Übersetzung eines nicht existierenden Originals. Alles, was uns heute davon bleibt, ist ein Gemälde.

Brauchtum zu Hallowe’en

Alle Jahre wieder kommt das Fest der Toten. Aber ist es Allerheiligen oder Allerseelen? Es herrscht immer eine gewisse Zweideutigkeit. Wir wissen, dass in vorchristlicher Zeit Anfang November ein Totenfest stattfand, da die Ernte im Spätherbst das Ende des landwirtschaftlichen Jahres bedeutete. Zum Schluss des alten Jahres verbeugten sich die Toten unter Applaus zum letzten Mal, bevor sie die Bühne endgültig verließen, da sie jetzt der Vergangenheit angehörten. So war das altirische Fest Samhain (moderne Aussprache ungefähr „Ssaú-in“): Die Geister der Toten kehrten in der Nacht zurück. Die christliche Kirche übernahm das alte keltische Fest und machte daraus ein Fest der Heiligen (früher feierte man dieses kirchliche Fest kurz nach Pfingsten und in der Ostkirche macht man es immer noch so). Die Toten wurden also auf den 2. November (Allerseelen) versetzt. Trotzdem hat man am 1. November die Verstorbenen immer mit einem Gräberbesuch gefeiert, und in Westeuropa ist dieser Tag in erster Linie der Gedenktag der Verstorbenen.

Auch die Bedeutung der Vorabende ist zweideutig. „Hallowe’en“ (Allerheiligenabend, Oíche Shamhna) ist in Irland und Schottland ein traditionelles Fest, ein Volksfest der Toten, mit Bräuchen (Heischegang von vermummten Jugendlichen, Streiche, Weissagung usw.), die als kontraphobisch zu deuten sind: Man hat Angst vor den Toten und macht trotzdem Spaß. Es werden auch herbstliche Früchte verzehrt, aber dieser Brauch hat eher mit dem Erntedankfest zu tun.

Auch Hexen gehören bekanntermaßen zu Hallowe’en. Dies, nehme ich an, ist eher ein schottischer Brauch, denn im schottischen Unterland hatte das Hexenwesen immer Tradition. Es gab Hexenwahn und Hexenverfolgungen in der Zeit nach der Reformation, während das Hexentum in Irland kaum je ein Thema war. Hexen treten zu Hallowe’en auf, nicht nur weil es um Tote und Zauber geht, sondern weil die schottischen und nordenglischen Hexen an diesem Datum einen Sabbat feierten, etwas Ähnliches wie die Walpurgisnacht in Deutschland.

Zu Hallowe’en sollten die Toten zurückkehren, doch im ländlichen Irland wurde dieser Brauch oder Aberglaube meistens auf den Vorabend von Allerseelen (All Souls‘ Eve, Oíche na Marbh) versetzt. Es gibt bei uns allerlei Volkssagen über Menschen, die in dieser Nacht Geister sahen bzw. längst Verstorbene wiedererkannten.

Was aber haben die Toten mit den Heiligen zu tun? Beide sind tot. Man muss ja tot sein, um als Heiliger zu gelten, denn die Heiligen sind diejenigen exemplarischen Christen, die es offiziell in den Himmel geschafft haben. Und da es gilt, nur Gutes über die Toten zu sagen (de mortuis nil nisi bonum), haben wir die durchaus verständliche Tendenz, unsere Toten den Heiligen gleichzusetzen. Von diesem oder jenem sagt man gerne, er sei ein Heiliger gewesen, obwohl man ihn zu seinen Lebzeiten wahrscheinlich differenzierter einschätzte.

Mundart und Protest

Vor kurzem erschienen Pedro Lenz und sein Kollege Donal MacLaughlin an einem Literaturfestival in Bern.

Lenz ist jetzt eine bekannte Figur in der Deutschschweiz. Er ist Autor und auch Kleinkünstler. Er hat einen Roman in Berner Mundart geschrieben: Der Goalie bin ig. Sowohl das Buch als auch das Hörbuch bestehend aus 4 CDs sind sehr zu empfehlen. Ich habe mir die CDs angehört und gleichzeitig im Buch gelesen. Den Text in beiden Medien zu haben, hilft mir als Außenseiter, die Sprache zu verstehen. Das Buch ist in der Schweiz inzwischen sehr populär. Sogar ein Spielfilm ist daraus entstanden.

Das Buch wurde ins Hochdeutsche übersetzt (Der Torhüter bin ich). Und nicht nur ins Hochdeutsche. Donal McLaughlin ist gebürtiger Nordire, aber als Kind wanderte er mit seiner Familie nach Schottland aus und wohnt seitdem in Glasgow. Er hat Germanistik studiert und arbeitet als literarischer Übersetzer ins Englische. In diesem Fall aber hat er Lenz’ Buch in schottische Mundart übersetzt. Das Buch heißt bei ihm Naw great talker.

Um diese komplexen sprachlichen Verhältnisse schätzen zu können, muss man die Rolle der Mundart in beiden Ländern verstehen. Die schottische Mundart ist für einen Engländer oder andere Englischsprachige unverständlich. Sie wird auch traditionell geschrieben, denn bis ins 17. Jahrhundert galt „Scots“ als eine eigene Sprache. Die schweizerischen Mundarten, vor allem das Berndeutsche, sind für einen normalen Deutschsprachigen unverständlich. Auch diese Mundarten werden geschrieben, und heutzutage sind sie bei den Jugendlichen die bevorzugte Sprache für SMS und e-Mails.

Es gibt auch Verschiedenheiten: Die Deutschschweizer betrachten ihre Mundarten positiv und im täglichen Leben sprechen normalerweise alle Mundart. Es hat immer eine Mundartliteratur gegeben, vor allem Lyrik, aber auch Prosa, sogar Romane, aber nicht viele. Das Schulwesen hat immer auf Hochdeutsch unterrichtet, betrachtet die Mundarten aber wohlwollend als Teil der nationalen Identität. Die Schotten hingegen haben ein aus England importiertes Schulwesen, dessen Hauptaufgabe es immer gewesen ist, die Mundart auszurotten. Daher glauben die meisten Unterlandschotten nicht, dass sie eine eigene Mundart sprechen, sondern dass sie schlechtes Englisch sprechen. Das ist ein wichtiger Teil des tief verwurzelten schottischen Minderwertigkeitskomplexes, gemäß dem die Schotten, wenn sie die Gelegenheit haben, wieder ein eigenes Land zu haben, mehrheitlich „nein“ stimmen. Aber das ist freilich ein anderes Kapitel.

Obwohl es eine Mundartliteratur in der Deutschschweiz gibt, vor allem in Bern, erklärte Lenz dem Publikum, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, Mundartautor zu werden, wenn er nicht ein halbes Jahr in Glasgow verbracht hätte. Dort hat er die Autoren der Scots-Szene kennengelernt, die ihn aufforderten, so zu schreiben, wie er zu Hause redet. Das hat er dann getan.

Ich finde es interessant, dass Lenz als Mundartautor unter schottischem Einfluss steht. Diesem Einfluss ist es vielleicht zu verdanken, dass sein Roman einen leichten, unschweizerischen Ton des sozialen Protestes aufweist. Es ist die Geschichte von Verlierern aus der Drogenszene in einem Kaff. Indem er gerade diesem Milieu eine Stimme verleiht, und nicht etwa Bildungsbürgern (die in der Schweiz auch Mundart sprechen), nutzt Lenz m.E. die vertraute Heimatssprache aus, um die Autorität der Hochsprache und den Konformismus, den sie ausdrückt, zu unterminieren, genau wie das bei den Schotten passiert.

Missionare (3)

Wenn jemand von Missionen und Missionaren redet, denkt man automatisch an exotische Länder. Es hat aber auch eine andere Art von Mission gegeben: die inländische. Diese entwickelte sich im Zuge der Reformation und Gegenreformation. Die Reformatoren zogen umher und versuchten, ihre Mitchristen zum neuen Glauben zu bekehren. Später missionierte auch die römische Kirche, um die Abtrünnigen zu rekatholisieren. Die Jesuiten waren von Anfang an dabei, aber auch die Kapuziner und die Dominikaner. Sie missionierten sogar auf katholisch gebliebenem Territorium, wo es zweifelhaft war, ob die Menschen wirklich christlich waren, da sie ihre eigene vorchristliche Kultur behielten, wie etwa in der Bretagne.

Die inländische Mission war oft intoleranter als die ausländische, aber nicht immer. Im Namen Gottes wurden Sprachen unterdrückt (etwa das Ladinische im Südtirol, das Kornische in Cornwall und das Gälische in Schottland) oder aber mit Bibelübersetzungen und Gesangbüchern gefördert (wie das Rätoromanische in Graubünden und das Walisische in Wales). Es wurden auch lokale Kulturen unterdrückt oder zensiert oder aber in etwas Moderneres verwandelt, das ihr Überleben sicherte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es inländische Missionswellen, zum Teil sehr erfolgreiche, wie etwa in Wales. Im Zuge der großen Hungersnot von 1847 gab es in Irland eine Bewegung, die man ironisch „die zweite Reformation“ nannte. Verhungernde wurden nämlich von englischen Missionaren gefüttert, wenn sie bereit waren, protestantisch zu werden. Von diesen Elenden heißt es im irischen Volksmund heute noch: „Sie nahmen die Suppe“.

Inländische Missionen waren in der Moderne ein ständiger Aspekt der Kirchengeschichte. Das Zielpublikum waren hier nicht die Heiden, sondern die Anhänger der anderen Konfession, oder die primitiven Kelten in der Bretagne und im schottischen Hochland. Doch auch die ausländische Mission erwies sich manchmal als ein sektiererisches Unternehmen, wie in Südindien, wo etliche Kollegen von Hermann Gundert sich darauf spezialisierten, nicht gottesferne Hindus, sondern in erster Linie Anhänger der altehrwürdigen Kirche des Heiligen Thomas für den Protestantismus zu gewinnen.

Heutzutage gibt es kaum mehr inländische Missionen, denn die ökumenische Bewegung in den Kirchen hat sie überflüssig gemacht. Dafür aber gibt es die amerikanischen evangelikalen Bewegungen, von der katholischen Kirche als „Sekten“ verschmäht, die heute einen ungeheuren Erfolg haben, nicht nur in den USA, sondern auch in den katholischen Hochburgen der alten und neuen Welt. Sogar in Irland, wo der Katholizismus vielerorts kollabiert hat, machen sie Konvertiten. Die Religion lässt sich nicht so leicht aus der modernen Gesellschaft verbannen.