Als Schriftsteller schreibe ich am liebsten auf Irisch, obwohl mir andere, weiter verbreitete Sprachen zur Verfügung stehen. Warum schreibe ich auf Irisch, wenn ich weiß, dass relativ wenige es lesen werden? Wie kann es sein, dass ich im Sande schreibe, wo die Wellen drohen, alles zu löschen?
Meine Antwort lautet folgendermaßen: Weil diese Sprache mir erlaubt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu sprechen, Dinge zu sagen, die ich in keiner anderen Sprache sagen könnte.
Ich glaube, jede Sprache hat etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Es ist die Pflicht oder die Aufgabe jeder Sprache (wenn ich mich so ausdrücken darf), das zum Ausdruck zu bringen, was nur in ihr zu sagen ist.
Das erfordert eine gewisse Strenge beim Schreiben. Es ist heutzutage einfacher, mit den Soßen der anderen sein Ragout zu kochen und aus den anderen Sprachen ohne weiteres das Gedankengut, das man braucht, zu übersetzen. Darauf aber muss man verzichten. Ins Irische kann man sowieso nicht alles leicht übertragen. Und was aus dem Irischen stammt, entspricht nicht dem internationalen Gedankengut, der „pensée unique“. Es ist die innere Sprachform des Irischen, die es so abtrünnig macht. Diese innere Form prägt es, isoliert es, und schützt es. Wenn ich auf Irisch schreiben will, muss ich mich sozusagen zusammenreißen. Ich muss erst die anderen Sprachen in mir zum Schweigen bringen, und in dieser Stille das Irische sprechen lassen. Nur dann sagt es, was es eigentlich zu sagen hat.
„So lernt ich traurig den verzicht:
kein ding sei, wo das wort gebricht“
heisst es bei Stefan George. Wenn man in einer Kleinsprache schreibt, muss man den Verzicht lernen. Das heißt, sich entleeren, die anderen Sprachen, die anderen Stimmen zum Schweigen bringen - und dann nicht sprechen, sondern hören. Auf die Sprache hören. Einen Dialog mit der grauen Norn der Sprache führen. Wie macht man das? Ganz einfach. Wenn ich das Irische sprechen hören will, gehe ich auf dem Lande oder am Strand in Irland spazieren. Denn dann ist es mir, als ob Land und Meer Irisch sprächen.
Der Fremde wird diese Stimme des Schweigens nicht vernehmen, auch die meisten Iren nicht, und das tut mir leid. Aber mir geht es genau gleich, wenn ich durch Westkanada wandere und kein Indianer bin, oder durch Neuseeland, ohne ein Maori zu sein. Hier spricht das Land eine Sprache, die nur diejenigen hören können, die darauf eingestimmt sind. Hier erschließt sich das Land durch eine bestimmte Sprache.
Ich bin halbwegs um die Welt gezogen, wie ein Zigeuner, und habe vieler Herren Länder gesehen und vieles erlebt und bin daraus nicht reicher geworden, außer vielleicht an Erfahrung. Aber jetzt bin ich eine Art Büßer geworden. Auf Irisch schreiben, das ist meine Buße. Wenn ich auf Irisch schreibe, lerne ich auf Luxus der Ausdrucksmöglichkeiten, Übersetzbarkeit, Bekanntheit, Zahl der Sprecher der großen Sprachen zu verzichten. Verzichten, nichts als verzichten. Aber es kommt ein Morgengrauen in Irland oder eine Abenddämmerung, die es mir gegeben ist, in den passenden gälischen Worten zu grüssen, frisch wie am ersten Tag. Die Sprache hat auf einmal durch mich gesprochen, sie hat gesagt, was sie und keine andere zu sagen hat. Und dann bin ich nicht unzufrieden. Deswegen schreibe ich auf Irisch.