Warum ich auf Irisch schreibe

Als Schriftsteller schreibe ich am liebsten auf Irisch, obwohl mir andere, weiter verbreitete Sprachen zur Verfügung stehen. Warum schreibe ich auf Irisch, wenn ich weiß, dass relativ wenige es lesen werden? Wie kann es sein, dass ich im Sande schreibe, wo die Wellen drohen, alles zu löschen?

Meine Antwort lautet folgendermaßen: Weil diese Sprache mir erlaubt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu sprechen, Dinge zu sagen, die ich in keiner anderen Sprache sagen könnte.

Ich glaube, jede Sprache hat etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Es ist die Pflicht oder die Aufgabe jeder Sprache (wenn ich mich so ausdrücken darf), das zum Ausdruck zu bringen, was nur in ihr zu sagen ist.

Das erfordert eine gewisse Strenge beim Schreiben. Es ist heutzutage einfacher, mit den Soßen der anderen sein Ragout zu kochen und aus den anderen Sprachen ohne weiteres das Gedankengut, das man braucht, zu übersetzen. Darauf aber muss man verzichten. Ins Irische kann man sowieso nicht alles leicht übertragen. Und was aus dem Irischen stammt, entspricht nicht dem internationalen Gedankengut, der „pensée unique“. Es ist die innere Sprachform des Irischen, die es so abtrünnig macht. Diese innere Form prägt es, isoliert es, und schützt es. Wenn ich auf Irisch schreiben will, muss ich mich sozusagen zusammenreißen. Ich muss erst die anderen Sprachen in mir zum Schweigen bringen, und in dieser Stille das Irische sprechen lassen. Nur dann sagt es, was es eigentlich zu sagen hat.

„So lernt ich traurig den verzicht:
kein ding sei, wo das wort gebricht“

heisst es bei Stefan George. Wenn man in einer Kleinsprache schreibt, muss man den Verzicht lernen. Das heißt, sich entleeren, die anderen Sprachen, die anderen Stimmen zum Schweigen bringen - und dann nicht sprechen, sondern hören. Auf die Sprache hören. Einen Dialog mit der grauen Norn der Sprache führen. Wie macht man das? Ganz einfach. Wenn ich das Irische sprechen hören will, gehe ich auf dem Lande oder am Strand in Irland spazieren. Denn dann ist es mir, als ob Land und Meer Irisch sprächen.

Der Fremde wird diese Stimme des Schweigens nicht vernehmen, auch die meisten Iren nicht, und das tut mir leid. Aber mir geht es genau gleich, wenn ich durch Westkanada wandere und kein Indianer bin, oder durch Neuseeland, ohne ein Maori zu sein. Hier spricht das Land eine Sprache, die nur diejenigen hören können, die darauf eingestimmt sind. Hier erschließt sich das Land durch eine bestimmte Sprache.

Ich bin halbwegs um die Welt gezogen, wie ein Zigeuner, und habe vieler Herren Länder gesehen und vieles erlebt und bin daraus nicht reicher geworden, außer vielleicht an Erfahrung. Aber jetzt bin ich eine Art Büßer geworden. Auf Irisch schreiben, das ist meine Buße. Wenn ich auf Irisch schreibe, lerne ich auf Luxus der Ausdrucksmöglichkeiten, Übersetzbarkeit, Bekanntheit, Zahl der Sprecher der großen Sprachen zu verzichten. Verzichten, nichts als verzichten. Aber es kommt ein Morgengrauen in Irland oder eine Abenddämmerung, die es mir gegeben ist, in den passenden gälischen Worten zu grüssen, frisch wie am ersten Tag. Die Sprache hat auf einmal durch mich gesprochen, sie hat gesagt, was sie und keine andere zu sagen hat. Und dann bin ich nicht unzufrieden. Deswegen schreibe ich auf Irisch.

Die graue Norn

Wir kennen die graue Norn aus Stefan Georges berühmtem Gedicht. Sie ist die Göttin der Sprache. Der Dichter bringt ihr etwas aus einem fernen Land und sie sucht in ihrem Born (Brunnen) um zu sehen, ob sie dafür das entsprechende Wort findet. Wenn es dafür ein Wort gibt, wird das Ding eingebürgert, wenn nicht, geht es verloren. Da wir uns an der Grenze des Vaterlandes des Dichters befinden, hat das Ding schon einen Namen in irgendeiner anderer Sprache – im Lande, aus dem es stammt. Aber es muss in der Muttersprache des Dichters nennbar sein, um für das Vaterland etwas zu taugen. 

Man könnte das alles als eine Metapher oder Allegorie für die Übersetzung nehmen. Vor allem in Europa sind wir seit langem ständig dabei, Kulturgut aus gewissen Sprachen in andere einzubinden. Meistens klappt dies und es entstehen neue, interessante Formen des Ausdrucks. Aber es ist trotzdem gut, dass gewisse Grenzen schwerer begehbar sind als andere. Denn wozu sonst sind die verschiedenen Sprachen da? 

Das mit den schwer begehbaren Grenzen habe ich selbst oft erfahren. Zwischen den europäischen Sprachen, die ich kenne, pendele ich ohne große Mühe hin und her. Was sich in der einen sagen lässt, lässt sich in den anderen auch ausdrücken. Es ist alles fast zu leicht. Als ob die Sprachen irgendwie konvergierten und einander immer ähnlicher würden, gerade weil sie alle den gleichen Inhalt auszudrücken haben. 

Gott sei Dank (denke ich mir dann), gibt es das Irische. Da ist eine Grenze, die schwierig zu begehen ist. Alles was ich, ohne viel daran zu denken, in den anderen Sprachen zu sagen und zu hören bekomme, lässt sich nicht ohne weiteres über die Grenze tragen und im Irischen sagen. Ich muss erst anhalten und mich fragen: Wie sage ich eigentlich so was? Dann muss ich meine ganze geistige Flexibilität aufbieten, um das Gesagte im Irischen wiederzugeben. Ich spüre, dass ich eine Grenze begehe. Die graue Norn ist auch dabei. Sie sitzt still vor ihrem Born und wartet, um meine Fragen orakelhaft zu beantworten. Und die Antwort ist nicht immer ja.

Es ist an der Zeit, dass wir den grauen Nornen wieder huldigen, welche die Eigenart und Einzigartigkeit einer Sprachen regieren, denn wir leben in einem Zeitalter der weltweiten, blitzschnellen Kommunikation und glauben, die Sprache sei gerade Kommunikation und bloß ein Werkzeug, mit dem man besser oder schlechter kommuniziert. Und was kommuniziert man denn eigentlich? Einen Inhalt. Aber welchen? Ja, selbstverständlich, immer den gleichen, « la pensée unique », wie gewisse Franzosen sagen, dieses globale Denken, das sich in die Floskeln hunderter Sprachen mühelos übersetzen lässt. Ich aber möchte mich für das Gegenteil einsetzen: dass jede Sprache ursprünglich und potenziell einen eigenen Inhalt besitzt, und dass es die Pflicht und das Schicksal einer jeden Sprache ist, genau diesen eigenen Inhalt in Worten auszudrücken und der Welt zu übergeben. „Die Sprache spricht“, sagte Heidegger in diesem Zusammenhang. Jede Sprache ist eine Art, eine ganz besondere Art, die Welt zu sagen; und weil wir Worte brauchen, um zu denken, ist sie auch eine besondere Art, die Welt zu denken.

Der Griechischlehrer

Ich lernte Griechisch bei einem asketischen, alten Iren. Der Jesuiten-Pater Peadar Mac Séumais war sehr ironisch. Wir Schüler fürchteten uns vor seinem Sarkasmus mehr als vor jeder anderen Strafe. Er war der anspruchsvollste Lehrer. Wenn er eine Frage stellte, erwartete er eine intelligente, gezielte Antwort. Und wenn er die nicht bekam, wurde er ironisch, ja sogar verachtend. Man wollte trotzdem sein Spiel spielen, denn man wusste –  ich wusste es zumindest – dass man das Glück hatte, von einem hervorragenden Kopf unterrichtet zu werden.

Er verstand die Aufgabe des Griechischlehrers als ein im weitesten Sinne intellektuelles Training. Ich frage mich noch heute, ob dabei die Liebe zu Griechenland oder zum klassischen Altertum eine große Rolle spielte. Die klassischen Studien waren für die Jesuiten zu einem intellektuellen Spiel geworden, aber das war nicht seine Schuld. So war es zu meiner Zeit; ich gehörte zur letzten Generation in Irland, die eine traditionelle klassische Bildung erhielt.

Wenn immer ich über die Jesuitenschulen der Vergangenheit lese, wo nur Latein gesprochen werden durfte, und über die bleibenden Kenntnisse der antiken Autoren bei den ehemaligen Schülern, die Art und Weise wie sie lateinische und griechische Dichter in ihren Schriften regelmäßig zitierten, werde ich peinlich genau daran erinnert, wie sich zu unserer Zeit die Substanz der klassischen Bildung verschlechtert hatte, und dass unser Niveau im Vergleich zu früheren Jahrhunderten miserabel war.

Einen ganzen klassischen Text haben wir, soweit ich mich erinnere, nie gelesen. Wir lasen bis zum Ende des jeweiligen Schuljahres so viel wie wir konnten. Im Griechischen fingen wir mit der Anabasis an, kamen aber kaum zur „Thalatta, Thalatta“. Dann lasen wir ungefähr die Hälfte der Iphigenie auf Tauris, uns kaum bewusst, dass es sich um ein Theaterstück handelt. Umso überraschter waren wir, als wir erfuhren, dass Goethe das Stück nachgedichtet und auf die Bühne gebracht hatte. Danach folgte ein Buch von Thukydides, das nicht schwierig zu lesen war, und schließlich eine Rede des Demosthenes, von der wir, wenn ich mich nicht irre, nicht einmal die Hälfte lasen.

Das Beste waren die Auszüge aus der Ilias und Odyssee. Die hatte der gute Pater selbst ausgewählt und auf einer Schreibmaschine mit griechischer Schrift abgetippt, sie dann vervielfältigt und verteilt. Da hatten wir es mit etwas wirklich Archaischem zu tun. Man dachte sofort an die Atmosphäre der altirischen Epen, der Fiannaíocht. Das epische Griechisch lernen zu müssen, war für mich faszinierend. Und wie der Pater die Texte vorlas! Er fand etwas Dramatisches in seiner Stimme, in seinem Herzen, um die Verse Homers vorzulesen, obwohl er die anderen griechischen Texte einer trockenen, philologischen Analyse unterzog. Ich denke immer noch an die Pest im griechischen Lager vor Troja, an Odysseus, erschöpft am Strand von Phaiakien liegend, und wie der Pater diese Episoden mit eher schwacher Stimme, aber dennoch sehr lebendig vortrug.

Damals dachte ich immer: Wie schön, dass ein so hervorragender Lehrer, der Universitätsprofessor hätte werden können, sich damit zufriedengab, Jungen zu unterrichten. Aber vielleicht war er gar nicht zufrieden. Vielleicht war er frustriert. Dies würde den ständigen Sarkasmus erklären. Wir verehrten ihn, aber es war schwer, ihn wirklich zu mögen. Er selbst zeigte uns auch nur sehr wenig Zuneigung; ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, als ich ihm frohe Weihnachten wünschte, und er meine Wünsche gütig erwiderte.

Doch Lehrer haben auch mit ihren Fehlern und Schwächen manchmal einen sehr grossen Einfluss auf junge Menschen - man vergisst sie nie. Das ist ihr Verdienst, das ist ihr Lohn.

Die dünne Luft der Jesuiten

Es bedeutet etwas, wenn man sagt, man sei auf einer Jesuitenschule gewesen. Aber das verstehen nur die, die es erlebt haben. Die Jesuitenschule prägt einen fürs Leben, egal ob es in Irland ist, in Deutschland oder anderswo. Man ist und bleibt ein Jesuitenschüler in aeternum.

Wir waren Eliteschüler. Sicher waren nicht alle in Belvedere begabt. Aber damit es eine Elite geben kann, muss es eine durchschnittliche Menge geben, der jene Elite bewusst gegenübersteht.

Die Lehrer waren zum Teil ausgezeichnet. Einige hatten in Deutschland studiert. Die deutsche Sprache lernte ich von einem alten deutschen Jesuiten, Pater Schrenck, der vermutlich aus dem Osten oder sonst wo vertrieben worden war.

Die Patres waren immer so selbstsicher. Sie hatten immer die richtige Antwort, sagten nie: „Das wissen wir nicht“. Ihr Glauben hat sie immer getragen, aber schlussendlich hat er sie unflexibel gemacht, unfähig zum Wandel. Descartes, ihr Musterschüler, fing mit dem methodischen Zweifel an; die Jesuiten selber hatten nie einen Zweifel. Wer zweifelt, ist verloren, schienen sie zu meinen.

Die Jesuiten waren Morgenlandfahrer und Glasperlenspieler. Glasperlenspieler, weil sie sich um Latein und Griechisch kümmerten, nicht aus Liebe zur Antike, sondern als strenge geistige Disziplin. Hesses „Das Glasperlenspiel“ hat mich immer an die Jesuiten erinnert. Josef Knecht, der Magister Ludi, ist von Anfang an ein Eliteschüler. Er ist auch ein ruhiger, besonnener Kopf, der eigene Gedanken und einen eigenen Willen in sich hegen kann. Diese Charakterzüge machen ihn zu einem Führer; nicht zu einem Machtmenschen, sondern zu einem Führer innerhalb der Grenzen des Ordens. Er befiehlt, aber nur um zu dienen. Die anderen, die einzelnen Mitglieder der geistigen Elite im Vicus Lusorum, sind von ihm teilweise fasziniert und angezogen, aber auch durch seine selbstbeherrschte Kühle ferngehalten. Er ist ein Knecht eben, aber in sich ist er ein Herr, und zwar sein eigener Herr. Am Ende muss er die Konsequenz ziehen und den Orden verlassen.

Ich erkenne in Hesses Roman die charakteristische Atmosphäre der Eliteschule, wo Individualismus nur dann geschätzt wird, wenn er sich in den Wetteifer der besten Köpfe unter der Aufsicht des Ordens einzugliedern weiß. Der reife Josef Knecht fand, als er in die kastalische Hierarchie aufgenommen wurde, „diese dünne Luft lasse sich atmen“. Ich dagegen fand die Luft der Hierarchie erstickend und hätte keinen guten Jesuit abgegeben.

Es wäre eigentlich schön gewesen, in eine geistige Elite aufgenommen zu werden, aber esprit de corps hat seinen Preis, einen Preis, den ich nie zu zahlen bereit wäre: sacrificium intellectus, Kadavergehorsam, oder wenigstens maßlose Selbstidentifizierung mit dem Orden. Ich bin kein Knecht und kann nicht dienen.

Nur sie, die Jesuiten, haben das in der Wirklichkeit geschafft: sacrificium intellectus und gleichzeitig die kühnste und selbständigste Diskussion über alle mögliche Themen, wobei die Gedanken und Errungenschaften der weltlichen Wissenschaften keineswegs ausgeschlossen oder verschwiegen wurden. Sie setzten uns Schüler auf den Weg des Denkens, folgten aber selber nicht nach und blieben stehen.

Die Jesuiten waren aber auch Morgenlandfahrer. Im Zuge der Gegenreformation gingen sie nach China und Japan, um Kaiser, Adel und Volk zu bekehren. Anderswo hatten sie Erfolg als Missionare, nicht aber dort. Einige von ihnen waren anpassungsfähig, andere nicht; aber sie hätten nicht zugeben können, dass die Wahrheit, die sie lehrten, eine kulturell bedingte war, und dass sie selber vom Morgenland etwas zu lernen hatten.

Sie waren für diesen Sprung nicht kühn genug. Jetzt müssen wir Eliteschüler, die wir alles von ihnen gelernt haben, genau das wagen. Denn sie haben aus uns auch Morgenlandfahrer gemacht.

 

Belvedere

Das Belvedere College, wo ich meine Ausbildung erhielt, ist ein angesehenes humanistisches Gymnasium der Jesuiten in Dublin. Sein berühmtester Schüler war James Joyce. Alle Kommentare behaupten, Joyce sei von seiner klassischen Bildung entscheidend geprägt worden. Ich bin grundsätzlich kein Joyce-Leser, aber ich brauche keine gelehrten Kommentare, um eines zu wissen: Jedes Mal, wenn ich etwas von Joyce lese oder höre, scheint es mir, als höre ich eine vertraute Stimme, die Stimme irgendeines früheren Schulkameraden. Der Gelehrtenhumor, die Wortspiele, welche gleichzeitig auf mehrere Sprachen hinweisen, alles stammt aus demselben Kreis, woraus ich selber stamme. Und wenn ich die innere Stimme in mir sprechen höre, ist es eine durchaus ähnliche Stimme, die da spricht. Der Kontrast zwischen den gehobenen klassischen Hinweisen und der Banalität der Gedanken deutet auf einen unheilbaren inneren Widerspruch hin. Diese Stimme versuche ich seit langem in mir zum Schweigen zu bringen – ohne Erfolg. Man weiß, dass Joyce vom Jesuitengeist durchdrungen war, was die klassischen und katholischen Anspielungen in seinen Romanen bezeugen. Jeder spätere Schüler Belvederes, der (wie ich) eine Neigung zum Schreiben hatte, wurde durch seine Schulkameraden als neuer Joyce etikettiert.

Die Schule selber, wo ich meine späte Kindheit und Jugend bis 17 Jahre verbrachte, war ein heruntergekommenes Herrenhaus in der nördlichen Stadtmitte von Dublin. Das Haus hatte einem englischen Adeligen, Lord Belvedere, gehört und ihm als Stadtresidenz gedient, wenn er in Dublin war. Die Jesuiten kauften das Anwesen Mitte des 19. Jahrhunderts und eröffneten eine Schule für Jungen. Offiziell lautete der Name des Gymnasiums St. Franz Xaver, aber im alltäglichen Sprachgebrauch hieß es immer Belvedere, in Erinnerung an jenen längst verstorbenen Adligen. Man spricht Belvedere als dreisilbiges Wort aus, nach englischer Art; ich hätte in meiner Jugend nie gedacht, dass es sich in Wirklichkeit um ein viersilbiges italienisches Wort handelt, das schöne Aussicht bedeutet. Das Herrenhaus selbst diente als Unterkunft für die Patres und die Theologiestudenten, die sogenannten Scholastiker. Nur die neoklassische Architektur und die Einrichtungen des alten Hauses deuteten auf seinen Ursprung hin. Ich erinnere mich an den schönen Repräsentationsraum, in dem Veranstaltungen stattfanden. Seine Decke war mit prächtigen, alten Stuckarbeiten verziert. Eine Legende besagt, dieser Raum sei im 19. Jahrhundert erst als Studiersaal für die Scholastiker verwendet worden und die Patres hätten gewisse Stuckarbeiten an der Decke, die unbekleidete Göttinnen oder Nymphen darstellten, vernichten lassen, um die frommen jungen Männer nicht unnötig von ihrem Studium abzulenken. 

Um dieses Haus herum bauten die Jesuiten im 20. Jahrhundert Schulgebäude. Ich studierte erst im Junior-Haus und danach im größeren Senior-Haus, das sich mit der Schulkapelle auf der anderen Seite des Innenhofes befindet. Aber ringsherum standen auch andere Gebäude, die zum Schulkomplex gehörten und die sich in einem mehr oder minder bedauerlichen Zustand befanden. Ein Haus wurde als Raum für Schülerklubs genutzt und dort spielte ich Schach und nahm an Musikabenden und Diskussionsrunden in irischer Sprache teil.  

Die verwahrlost wirkende Schule in der North Frederick Street entsprach nur der Erscheinung der Gegend auf der Nordseite Dublins. In der Schule selber war kein grüner Raum, nur grauer Stein, der grau betonierte Innenhof, und die roten Backsteine der Fassade des Senior-Hauses. Trotz dieser eher trostlosen Umgebung gelang es den Jesuiten, eine sehr lebendige und in Irland berühmte Eliteschule zu führen; wir alle waren stolz darauf und man zählte uns zu den Privilegierten.

Johnny ist tot (2)

 Johnny lieh sich bei vielen Leuten Geld aus und er schuldete zum Teil hohe Summen. Ich wurde später vom Abteilungsleiter und vom Personalleiter mit Kopfschütteln und erhobenem Zeigefinger gescholten. Es war ja schwierig zu erklären, dass auch ich mich von ihm hatte betrügen lassen. Aber es war einfach so, dass Geld um Johnny herum und durch ihn hindurch floss. Johnny bewerkstelligte Deals und Verträge. Wenn etwas zu tun war, verschaffte er sich das nötige Geld irgendwie, irgendwoher. Wer zu seinem Zauberkreis gehörte, würde nie verhungern, und ich schätzte das, denn ich war in dieser Sparte nie besonders begabt gewesen. Eines Tages, als ich nicht genug Bargeld hatte, um die Rechnung in einem Restaurant zu begleichen, breitete er seine Brieftasche auf den Tisch offen vor mir aus. Sie war voller Banknoten, und er bat mich gelassen, zu nehmen, was ich auch immer brauchte. So einer war er. Ich glaube, er meinte es wirklich. Er hätte mir viel Geld geliehen. Deswegen war ich auch bereit, ihm Geld zu leihen, obwohl ich eigentlich hätte wissen müssen, dass es keine so gute Idee war.

Johnny hatte ein Maul, ein goldenes Maul. Blarney, wie die Iren sagen. Er wusste zu verkaufen: Produkte, Dienstleistungen, sich selbst, andere. Er war der geborene Verkäufer. Nur als Manager war er eine Katastrophe. Denn Luftschlösser verkaufen ist eines, sie ins tägliche Geschäftsleben umzusetzen aber etwas völlig anderes. Als Manager hinterliess Johnny immer wieder einen Scherbenhaufen, dann war er einfach weg.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem er endlich aus der Firma rausflog. Gott, das war wie eine militärische Hinrichtung. Der Abteilungsleiter und der Personalleiter marschierten ins Büro. Johnny musste seine elektronische Stempelkarte abgeben und sie führten ihn zur Tür. Peng! Und er war weg.

Mehrmals in seinem Leben musste sich Johnny aus dem Staub machen. Nachdem er mit solchem Eklat aus unserer Firma geflogen war, verschwand er nach Irland und versuchte dort ein ähnliches Geschäft mit Geldern des irischen Staates und seiner wohlhabenden Verwandten (er stammte aus einer gut bürgerlichen Familie) aufzubauen. Mit dem Geld, das er gesammelt hatte, mietete er Geschäftsräume und engagierte vier ihm untergeordnete Manager. Für die vier und sich selbst kaufte er große Firmenautos, in denen sie alle wie reiche Geschäftsleute herumfuhren. Und sie hatten noch keinen einzigen Kunden gewonnen! Nach einem Jahr war er pleite, alle Investoren verloren ihr Geld und waren wütend auf ihn. Johnny behauptete, dies sei wegen der ungünstigen Konjunkturlage passiert, er habe sein Bestes gegeben. Er machte sich wieder aus dem Staub. Später tauchte er in Deutschland auf. Danach habe ich den Faden verloren.

Aber in Deutschland warteten Unglück und Tod. Seine Ehe ging in Brüche – Gott weiß, was er seiner Frau alles erzählt hatte – und vielleicht war dies der Moment, wo Johnny wirklich anfing zu saufen. Er war ja immer ein Genussmensch gewesen. Schliesslich erlitt Johnny einen heftigen Hirnschlag und musste sechs Monate in einem deutschen Krankenhaus verbringen. Doch er stieg aus der Asche, wie schon so oft zuvor in seinem Leben. Er machte langsame Fortschritte. Er ging an einem Stock – er, der einst junge, lebensfrohe Johnny! Aber dann fing er wieder an, zu rauchen und zu saufen. Schliesslich, als man ihn für geheilt erklären und nach Irland zurückschicken wollte, starb er plötzlich an einem zweiten Hirnschlag. Peng! Einfach so. Die Beerdigung fand vor ein paar Wochen in Dublin statt.

Ich habe in den letzten zehn Jahren immer mal wieder an ihn gedacht. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es sein würde, wenn wir uns irgendwann in Dublin oder anderswo in einer Kneipe begegneten. Würde er mich nicht sehen wollen? Schon möglich. Würde ich auf ihn zugehen und sagen: „He, Johnny, so sieht man sich wieder“? Würde er die Frechheit haben, für mich ein Bier zu bestellen? Würde ich barsch die zweitausend Franken mit zehn Jahren Zinsen zurück verlangen? Würde es zu gegenseitigen Beschimpfungen kommen oder gar zu Handgreiflichkeiten, was in den vornehmsten irischen Kneipen nicht so unbekannt ist? Denn der Johnny war ein feuriger Mensch und er hatte mir oft von Schlägereien in Rom, New York oder Gott weiß wo erzählt, in die er verwickelt worden war. Aber dazu ist es nie mehr gekommen, und jetzt muss ich nicht mehr daran denken, ihm im Diesseits zu begegnen.

Ach, Johnny. Ruhe in Frieden. Meinetwegen kannst du die zweitausend Stutz behalten.

Johnny ist tot (1)

Johnny ist tot. Soeben habe ich die Nachricht erhalten, und ich kann es kaum glauben. Er ist nur 45 geworden. Und jetzt liegt er im Grab. Er – der unzerstörbare Johnny!

Ich war selber 45, als ich ihn kennen lernte, und die Begegnung hat mein Leben verändert. Wegen Johnny bin ich hier in der deutschen Schweiz. Aber lasst mich mal erzählen.

Ich erinnere mich lebhaft an den gut aussehenden jungen Iren, den ich in Dublin traf, der mir einen Job in der Schweiz anbot und mir versicherte, Geld würde kein Thema sein. Ich reiste in die Schweiz und arbeitete bei ihm in einer industriellen Firma, die einem amerikanischen Millionär gehörte.

Ich erinnere mich an einen der ersten Abende bei ihm zuhause, in seiner Dachwohnung in der Altstadt. Während er das Essen zubereitete, erzählte er mir von einem unglaublich teueren italienischen Wein, den er besitze, einem Amarone, der von den Nachkommen Dantes produziert werde. Und tatsächlich machte er eine Flasche auf und goss mir Wein ins Glas. Es war wunderbar. „Ach Johnny“, sagte ich mit aufrichtiger Bewunderung „das ist der allerbeste Wein, den ich je gekostet habe!“ Diese Aussage machte ihn glücklich und wir wurden Freunde.

Er hatte ein Gespür für teuere Weine, der Johnny. Wie er sie aus seinem Managerlohn bezahlte, war mir immer schleierhaft. Später erfuhr ich, dass er in teueren Restaurants wie ein König lebte und immer sagte, sie sollen die Rechnungen an seine Firma schicken, denn das seien ja Geschäftsessen. Später, als sich Johnny aus dem Staub gemacht hatte, kursierte ein Gerücht in der Firma, dass der Besitzer von Johnnys Lieblingsrestaurant in der Stadt pleite gegangen sei. Ich weiß nicht, ob das stimmte. Doch Johnny ließ viele unbezahlte Rechnungen hinter sich, das war so seine Art.

Aber versteht mich recht: Johnny war kein schlechter Mensch, kein Gauner. Man durfte ihm einfach nie glauben. Nach zwei Wochen täglichen Kontaktes dämmerte es mir langsam: Er baute Luftschlösser. Es hat mich immer gewundert, dass so viele Menschen ihm glaubten und Vertrauen schenkten. Konnten sie nicht einsehen, dass alles, was er versprach, heiße Luft war? Im Gespräch mit ihm machte ich einmal eine Bemerkung über die Spaltung zwischen der schweizerischen und der amerikanischen Hälfte der Firma. Er erzählte mir, dass der amerikanische Millionär ihn schon einmal gebeten habe, als Spezialist für die reibungslose Kommunikation zwischen beiden Hälften zu sorgen. Für diese Aufgabe hätte Johnny nun wirklich keine Qualifikation gehabt, außer ein großes Maul vielleicht. Ich staunte nur, dass ein so großer Chef von Johnny getäuscht werden konnte. Aber vielleicht war auch das nur Johnnys Wunschdenken. Vielleicht hatte das Gespräch mit dem großen Chef gar nie stattgefunden. Bei Johnny wusste man nie so genau.

Johnny war aber kein Lügner. Es war nur so, dass die Wahrheit das war, was Johnnys jeweiligen Bedürfnissen entsprach. Was er gestern erzählte, würde heute nicht mehr gelten, und in einer Woche würde die ganze Geschichte vergessen sein.

Es erstaunte mich ebenfalls, dass Johnny in der Schweiz leben konnte, ohne ein Wort Deutsch zu können. Aber er hatte die maßlose Frechheit, zu verlangen, dass alle mit ihm Englisch sprechen. Ich erinnere mich an den Tag, an dem er einen Brief bekommen hatte, den er von einem Kollegen schnell hatte übersetzen lassen, und in dem ihm mitgeteilt wurde, er müsse viel mehr für eine Autoversicherung ausgeben, als er erwartet hatte und gerecht fand. Er fuchtelte zornig mit dem Brief herum und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, während er seinen Morgenkaffee schlürfte. „F— Swiss!“ schrie er, außer sich. „F— Nazis!“ Ich hatte Mitleid mit ihm und später am Tag lieh ich ihm zwei tausend Franken, um die Rechnung bezahlen zu können. Ich bekam sie nie wieder zurück.

 

 

Die Volkszählung von 1911

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste…“

Inzwischen haben auch andere Herrscher ihre Völker gezählt. Im Jahre 1911, genau vor hundert Jahren, unternahm die englische Herrschaft in Irland im Namen von König Georg V eine Volkszählung. Dank der heutigen irischen Regierung sind die Daten dieser Volkszählung jetzt online verfügbar (siehe Link). Der gesamte Befund ist digitalisiert und man kann Namen und Orte suchen; aber noch wunderbarer ist die Tatsache, dass man die ursprünglichen handgeschriebenen Zettel sieht, die von den britischen Beamten für jede Strasse und jede Familie ausgefüllt wurden. Das erinnert immer wieder daran, dass es hier um lebende Menschen ging, nicht bloß um Statistiken.

In dieser historischen Quelle finde ich meine Familien beiderseits. Der Vater meines Vaters, Jem (James) genannt, Jahrgang 1882, den ich in meiner Kindheit noch als alten Mann kannte, wohnte in Dublin. Sein Haus befand sich in der St James Avenue, unweit von Croke Park. In der gleichen Straße wohnten seine Eltern: sein Vater Laurence, geboren 1859, und seine Mutter Mary. Das waren also meine Urgroßeltern. Ich habe sie natürlich nie gekannt, ich habe nur ein paar Fotos gesehen: Urgroßvater Laurence trug einen komischen, langen Bart. Im Jahre 1911 war sein Sohn Jem ein junger Mann von 29 Jahren, er war bereits verheiratet und hatte ein Kind. Der erste Sohn überlebte nicht. Sieben Jahre später kam mein Vater zur Welt.

Mein Großvater mütterlicherseits ist in Derry zu finden. Dieser Denis Craig wohnte in der William Street, unweit der Stadtmauer, mit seiner Frau Margaret und sechs Kindern. Einige von diesen Kindern überlebten nicht. Zwei Jahre später wurde meine Mutter geboren. Vier Jahre später starb mein Großvater an einer Lungenentzündung. Ich habe ihn nie gekannt. Auch ein Foto habe ich nie zu sehen bekommen.

Sie waren keine außergewöhnlichen Menschen, jene Großeltern, die in der Volkszählung von 1911 aufgeführt sind. Es gibt nichts wirklich Romantisches über sie zu erzählen– nicht wie über meinen Ahnherrn väterlicherseits, Giolla Bríde Mac Con Midhe, den Barden, der unweit von Derry, in Ardstraw (Ard Sratha) wohnte und ca. 1272 starb. Er ist ein „Klassiker“ der irischen Literatur und hat der Nachwelt viele berühmte Gedichte hinterlassen.

Meine Großeltern haben keine Schriften hinterlassen, nicht einmal Briefe oder Tagebücher. Nur mein Großonkel mütterlicherseits, James (Séamus) Craig, war ein Gelehrter der irischen Sprache. Er hat Grammatikbücher und auch Gedichte geschrieben. Ich besitze zwei seiner Grammatiken. Die Gedichte habe ich eingesehen; sie sind zum Heulen schlecht. Auf jeden Fall, taucht auch er in der Volkszählung von 1911 auf: Er war ledig, 50 Jahre alt, und wohnte mit zwanzig anderen Männern in einem Heim in Letterkenny, das dem religiösen College gehörte, an dem er unterrichtete.

Mit allen diesen Menschen habe ich ziemlich wenig gemeinsam. Nur einiges haben sie mir vererbt: ihr genetisches Material und, wer weiß, vielleicht auch etwas von ihren Launen, ihren Ängsten, ihren Vorlieben, ihrem Begehren und ihren vorherrschenden Gedanken. Und das ist schon viel. Wenn ich einen Filzhut trage, sagt meine Schwester, ich sehe aus wie unser Großvater Jem. Ich besitze tatsächlich ein Foto von ihm und meiner Großmutter aus dem Jahre 1948, er in Filzhut und dunklem Anzug. Die Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen. Und manchmal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich das Gesicht meines Vaters. Dann weiß ich, wie Hofmannsthal,

„… dass ich auch vor hundert Jahren war
und meine Ahnen, die im Totenhemd,
mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,
so eins mit mir als wie mein eignes Haar.“

Neugotische Erinnerungen

In Laufen (Basel-Land), wo ich mich oft aufhalte, gibt es drei Kirchen: eine katholische, eine altkatholische und eine reformierte. Die Katharinenkirche ist die schönste. Sie ist eine malerische Barockkirche und befindet sich im „Städtli“, das heißt, in der mittelalterlichen Mauerstadt. Diese Kirche ist heute die altkatholische Kirche, oder wie die Schweizer jetzt sagen, die christkatholische. 1870, im Sog des Kirchenstreites über die Unfehlbarkeit des Papstes, verloren die Katholiken dieses Kleinod. Sie mussten klein beigeben und außerhalb des Städtlis eine neue Kirche bauen. Aber man war bei Gott keine schismatische Sekte, man war die Weltkirche, also musste man etwas Repräsentatives haben. So wurde eine große neugotische Kirche gebaut, mit einem mächtigen Turm, der in den Himmel emporragt, als ob er schon immer da gewesen wäre.

Jedes Mal, wenn ich durch die Häuser des Städtlis diesen gewaltigen, grauen Turm mit seinen Wasserspeiern erblicke, kommt er mir irgendwie bekannt vor. Denn ich denke an die irische Neugotik und an die katholische Kirche in Irland, die diese geliebt hat. 

Woher stammen alle diese neugotischen Ungetüme, die über die ganze irische Landschaft verstreut sind? Man baute sie im 19. Jahrhundert, weil man das jetzt durfte. Seit der Absetzung des katholischen Königs James II war die römische Kirche auf dem britischen Hoheitsgebiet verboten. Erst im 19. Jahrhundert wurde es wieder erlaubt, katholische Kirchen zu errichten. Das ergab eine seltsame Situation in Irland, wo die Mehrheit der Bevölkerung Katholiken waren. Aber die katholische Kirche in Irland stieg tapfer aus der Asche und begann für ihr Volk zu bauen. Neue Kirchen schossen wie Pilze aus dem Boden. Es waren immer neugotische, denn die Neugotik war der herrschende Architekturstil in England, wo alle Modeströmungen und Ideen herkamen. Aber die Neugotik passte auch dem irischen Katholizismus irgendwie. Sie war architektonisch nichts Neues, sondern eine Wiederbelebung von Altem, ein „Gothic Revival“ eben; so als wolle man sagen: Unsere altehrwürdigen Klöster sind längst Ruinen und wir müssen neue Kirchen bauen, weil wir der alten beraubt wurden, aber wir bauen in einem alten Stil, um zu zeigen, dass wir die Echten, die Uralten im Lande sind. 

Sie mussten immer außerhalb des Dorfkerns bauen, denn die Protestanten hatten ihre Kirche mitten im Dorf und es gab keinen Platz für eine zweite. Die protestantische Kirche war oft die ursprüngliche, mittelalterliche Kirche des Dorfes; sonst war sie ein meistens eleganter Bau aus dem 18. Jahrhundert mit protestantischer Schlichtheit und architektonischem Understatement. Viele Katholiken müssen die Protestanten beneidet und gedacht haben: Wenn wir uns nur in einer solchen schönen, alten Kirche versammeln könnten! Und stattdessen müssen wir bis an den Rand des Dorfes in diesen großen, hässlichen Schuppen! 

So blieb es ein Jahrhundert lang. Die katholische Bauwut setzte sich mit grauem Stein und Wasserspeiern fort. In der Nachkriegszeit ging es darum, die wachsenden Vorstädte mit neuen Kirchen zu versorgen. In Finglas, einem Vorort von Dublin, wo ich als Kind lebte, besuchten wir eine entsetzliche neugotische Pfarrkirche, die jetzt triumphierend auf einem Hügel über dem alten Dorfkern thronte. Katholizismus und Kunstgeschichte? Wir hatten keine Ahnung. Aber es passte irgendwie alles zusammen: die neugotische Hässlichkeit, die Strenge der Pfarrer, der Machtanspruch der Bischöfe. Eine Art religiöser Stalinismus. 

Als junger Mann habe ich Irland verlassen und das europäische Festland entdecken dürfen. Das wirkte wie eine Offenbarung. Denn siehe da, mittelalterliche Kirchen und Kathedralen – und sie waren katholisch! Altehrwürdige Klöster – und es lebten noch Mönche darin! Es war alles schön – und es gehörte uns! Ich genoss einen neuen, unerwarteten Luxus, der seitdem bei mir geblieben ist. 

Jetzt aber versteht ihr, worauf ich hinaus will. Wenn ich den neugotischen Turm der Herz-Jesu-Kirche mit seinen Wasserspeiern am Rande des Städtlis in Laufen erspähe, fühle ich mich wie einer, der nach vielen Jahren einen alten Bekannten auf der Straße sieht, einen unbeliebten; aber es wäre gemein, einfach wegschauen. Denn schließlich kann man nicht leugnen, dass man sich kennt. Und man grüßt, mit einem etwas verlegenen Lächeln.

Die Morgenlandfahrer (2)

 Inzwischen war ich selber ausgewandert, um mein eigenes Studium fortzusetzen. Dass ich schließlich in Kanada und an der Pazifikküste landete, ist purer Zufall – sofern etwas Wichtiges im Leben überhaupt Zufall sein kann. 

An der Westküste Kanadas, in Vancouver, der grossen Hafenstadt an der Mündung des Flusses Fraser, fand ich eine multikulturelle Gesellschaft vor, wo Eingewanderte aus verschiedenen Ländern Europas lebten. Die größte Gemeinschaft bildeten aber die seit einem Jahrhundert dort ansässigen Chinesen, die tatsächlich in der Stadtmitte ein eigenes Viertel, das so genannte Chinatown, aufgebaut hatten. 

Wie soll ich Chinatown beschreiben? Man fühlt sich dort wie in Hong Kong oder sonst wo in China. Alle Läden, alle Cafés, alle sonstigen Geschäfte sind chinesisch. Auf der Straße wird nur Chinesisch gesprochen. Die Menschenmengen sind sehr groß. Verglichen mit den üblichen nordamerikanischen Verhältnissen ist der Raum voll besetzt. Dort sind die chinesischen Bürger unter sich. Es wird nach ihren besonderen Regeln gespielt.

Ich denke jetzt zurück an jene Zeit, wie ich jeweils am Sonntag in einem chinesischen Restaurant einen Kaffee trank, während die Sonne durch die Fensterscheibe herein schien und alle um mich herum mit ihren Leben beschäftigt waren und mich kaum beachteten. Man konnte dort immer allein sein, inmitten des Getöses der Großstadt. 

Ich wurde zum Stammkunden des Restaurants B.C. Royal Café, an der belebten West Pender Street. Der absurde Name des Lokals ging mir nie aus dem Sinn. Jeden Sonntag verbrachte ich dort und sass an der Theke. Ein chinesischer Kellner sagte „Kaffee?“, ich nickte, und es erschien ein starker Kaffee in einer chinesischen Tasse. Das war der karge Umfang unserer Unterhaltung, aber der Kellner konnte wahrscheinlich kaum Englisch und ich kein Chinesisch. In Vancouver kann man eines annehmen: Kein Weißer lernt Chinesisch. Seltsames Schicksal! In dieser Stadt ist der gewöhnliche Bürger mit der Melodie einer Sprache vertraut, die er von Kindesbeinen an kennt, aber die er nie lernen wird. 

Um mich herum waren lauter Chinesen, im Speisesaal hinten waren laute chinesische Stimmen zu hören. Ich las Die Zeit (nordamerikanische Ausgabe) und dachte an die weite Welt. Ja, sie war inzwischen zu einer besonders weiten Welt geworden. In den achtziger Jahren sprach man schon von Globalisierung, wenn ich mich nicht irre. Die Rede war von einer internationalen Wirtschaft, deren führende Mächte die Vereinigten Staaten, Deutschland und Japan seien. Ich kapierte allmählich, an der Café-Theke in Vancouver sitzend, dass die Welt wirklich rund war. Wir hatten mit Asien zu tun und Asien mit uns. Es ging nicht mehr um die alte und die neue Welt, das Abendland, es ging auch um den Orient, das Morgenland. 

Jetzt aber bin ich längst wieder zurück in Europa. Ich habe Konstantinopel immer noch nicht besucht und weiss nicht, ob ich je dahin gelangen werde. Doch eines Tages verstand ich plötzlich: Ich bin schon an der Pforte zu Asien gewesen, aber auf der anderen Seite der Weltkugel. Ich meine, in Vancouvers Chinatown. Denn die Erde ist rund, und egal ob man gegen Osten reist oder von Europa aus gegen Westen, früher oder später kommt man im Morgenland an. 

Wenn ich Connolly jetzt wieder in Bewley’s Café begegnen würde, oder wenn er hier in Bern auftauchte, wo es mittlerweile auch asiatische Restaurants aller Couleur gibt, was würde ich ihm erzählen? 

„Jim, ich habe die Pforte Asiens gefunden. Aber die andere, die hintere Pforte, so zu sagen. In Vancouver fand ich alles, was zum Übergang in die asiatische Halbkugel gehört. Ich habe in einem Café in Chinatown inmitten von Asiaten gesessen und starken Kaffee (wenn auch nicht so dick wie Lehm) getrunken. Ich bin halbwegs um die Welt gereist, in die andere Richtung, und trotzdem bin ich in Asien gelandet. Denn Asien liegt überall. Asien wartet auf uns. Asien beginnt hier, wie für Kommissär Bärlach, auf der Nydeggbrücke in Bern. Heute.“