Dubliner Dialekt?

In vielen europäischen Ländern gibt es eine negative Einstellung zum Dialekt. Die Menschen sind überzeugt, die Hochsprache habe einen höheren Stellenwert und sei der Inbegriff von Bildung. Viele Italiener, deren Großeltern nur Dialekt gesprochen haben, sprechen heute Italienisch. Auch in Deutschland sind die Dialekte zurückgegangen. In den zentralistischen Staaten Frankreich und England wurden die Dialekte vor mehr als hundert Jahren durch das Schulwesen brutal ausgerottet. 

Trotzdem gibt es in allen diesen Ländern immer noch Gruppen, die Dialekte pflegen, meistens aus Lokalpatriotismus, aber niemand nimmt sie besonders ernst. Die Deutschschweizer sind hier eine löbliche Ausnahme. Dialekt reden hat hierzulande nichts mit Bildung oder Klassenzugehörigkeit zu tun. Alle sprechen spontan Mundart, und nichts als Mundart. Die Schweizer sind stolz auf ihre Dialekte als Wahrzeichen ihrer Identität. Schweizerdeutsch zu sprechen, ist freundlich und gemütlich – aber Hauptsache, es zeigt, dass man kein Deutscher ist. 

In der angelsächsischen Welt gibt man kaum mehr zu, dass es überhaupt Dialekte gibt. Diese Einstellung ist auch in Irland verbreitet. Obwohl es im Irischen (Gälischen) erkennbare Dialekte gibt, will man nicht zugeben, dass es entsprechende englische Dialekte gibt, geschweige denn, dass man sie pflegen sollte. Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Iren aus Dublin, den ich in der Schweiz kennengelernt hatte, über das Phänomen Schweizerdeutsch und erwähnte den Dubliner Dialekt. Der Ire beteuerte, dass es keinen Dubliner Dialekt gibt, sondern nur einen „Akzent“. Diese Einstellung findet man auch bei denjenigen in Irland, die leugnen, dass Ulster Scots eine Sprache ist – es sei bloß eine Erfindung der Orangisten. Die Bemühungen der nordirischen Protestanten, ihre eigene sprachliche Tradition aufzuwerten, stößt auf Unverständnis.

Ich habe trotzdem immer geglaubt, dass Dublin eine eigene Mundart hat. Dazu gehören natürlich die einzigartige Aussprache, aber auch der Wortschatz und sogar grammatische Besonderheiten. Dubliner Dialekt ist teilweise meine Muttersprache, und ich höre immer wieder innere Stimmen, die in diesem Dialekt sprechen – meine eigene Stimme sogar, wenn ich allein vor mich hin brummle. Und wie könnte es anders sein? Mein Vater und mein Großvater väterlicherseits sprachen spontan Dialekt. Im frühen 20. Jahrhundert war das noch möglich, denn sie waren Kleinbürger und durften Dialekt sprechen. Sobald man zum Bürgertum gehörte, durfte man das nicht mehr. Denn Dialekt redete auch die Arbeiterklasse. Diese spricht heute als einzige Bevölkerungsgruppe immer noch Dialekt. Die anderen sozialen Schichten sind längst zu einem regional gefärbten Standardenglisch übergegangen.

Ich finde es faszinierend, dass das Schweizerdeutsche, obwohl es stricto sensu eine gesprochene Sprache ist, auch geschrieben wird. Man kennt Dichter wie den unvergesslichen Troubadour Mani Matter und Prosa-Schriftsteller wie Pedro Lenz, der auch in der Kleinkunstszene tätig ist. Da ich mit dem Schweizerdeutschen im Alltag konfrontiert werde, versuche ich jetzt, Dubliner Dialekt zu schreiben. Zu diesem Zweck habe ich eine eigene Orthographie erfunden. Doch ich habe noch nichts veröffentlicht. Wo könnte ich so was veröffentlichen? Wer würde es lesen? Wer nähme es ernst?

Ich schreibe meistens Gedichte oder Prosatexte. Nein, es ist kein Bildungsbürger, der da spricht, es ist kein besonders differenziertes Gedankengut, das da zum Ausdruck kommt. Es spricht eine Stimme aus meinem früheren Leben, eine Stimme aus dem Pub, aus den Straßen Dublins. Hier eine Kostprobe:

When ui was a yungfla knockin aroewend
The Dubbelin o yestheryeayer,
Meself an me mates useta gather aroewend
For a reglar cup o gud cheeyer;
We toasted oewr health wit durty big puints
An spent evry shillin we had;
The were rare oewel tuimes when ui could enjoy
The jaer an the crack wit the lads.

Jaromir der Erzähler

Als ich im Jahre 1975 nach Kanada ging, um zu studieren, lernte ich Jaromir Michal kennen. Tatsächlich war er mein erster Vermieter. Man hatte mich von der Universität zu ihm geschickt, da er in seinem Haus ein Zimmer zu vermieten hatte. Und so begegnete ich diesem außerordentlichen Manne.

1968 nach dem Prager Frühling und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen war er mit seiner Familie aus der Tschechoslowakei geflohen. In Kanada gelandet, leistete er am Anfang Fronarbeit, dann wurde er zum Immobilienverkäufer in Vancouver. Er hieß jetzt Jerry – Jerry Michael: Soweit hatte er sich angepasst. In der alten Heimat aber war er Anwalt und Richter auf lokaler Ebene gewesen.

Er hatte natürlich inzwischen Englisch gelernt, und wir verständigten uns in dieser Sprache. Er erwies sich als ein großer Erzähler. Dabei kannte er oft nicht die richtigen englischen Bezeichnungen und wir benutzten deutsche Wörter, um uns zu verständigen. Ich dachte mir: Wenn er so gut ist in einer Sprache, die er schlecht beherrscht, muss er in seiner Muttersprache ein Zauberer sein.

Eines Samstags brachte ich ihm aus den Ferien eine Flasche irischen Whiskey. Er erzählte stundenlang Geschichten, bis wir beide erschöpft waren. Ich trinke selber keinen Whiskey, doch am Ende des Tages war die Flasche leer.

Er stammte aus dem Grenzgebiet zwischen der Slowakei und Ungarn. Er erzählte mir von Fußballspielen mit ungarischen Mannschaften auf der anderen Seite der Grenze. Anschließend aß man Gulasch und trank Wein dazu. „Dieser Gulasch war so heiß“, beteuerte er, „dass man ein Glas Wein bereithalten musste, um sofort zu löschen, sonst verbrannte er einem den Hals!“

Er erinnerte sich mit Begeisterung an die Weinkeller von Bratislava. „Die Weinkeller von Bratislava“, sagte er mit theatralischer Emphase. „Man geht dort hinunter und bleibt zwei Tage – man vergisst das sonstige Leben!“

Er erzählte oft von den Zigeunern. Er achtete sie sehr. Er sagte: „Einmal bin ich vier Tage mit den Zigeunern weg gewesen. Niemand wusste, wo ich war!“ Er erwähnte gerne die Musik der Zigeuner. „Es gibt viele Arten von Musik“, sagte er, „aber jene Zigeunermusik“, und er breitete die Arme aus, „die spricht das Herz an.“

Die Tschechen dagegen schätzte er nicht so sehr. Er nannte sich einen Slowaken, nicht etwa „Tschechoslowaken“. Er wurde nicht Mitglied von „tschechoslowakischen“ Vereinen in der Ferne. Die Tschechen seien anders. Die Sprache sei anders. Die Kultur sei anders. Das Essen sei anders. Wenn er ein Essen nicht mochte, sagte er mit vernichtender Ablehnung: „Das esse ich nicht. Gebt es Tschechen.“

Er hatte von den damaligen Unruhen in Nordirland gehört und konnte das nicht begreifen. „Wir streiten und kämpfen um verschiedene Sachen“ bemerkte er, „aber nicht wegen Kirche.“

Jaromir Michal war auch ein tüchtiger Koch. Er mache, sagte er, lieber die einfachen Dinge. Zum Beispiel slowakische Kartoffelpuffer. Die machte er in der Pfanne mit Kartoffelpurée, Milch, Eiern und Majoran. Er erzählte mir, dass in der Südslowakei nahe der Grenze zu Ungarn viele Kartoffeln wachsen, deswegen habe man solche Spezialitäten. Andererseits versuchte er sich nie im Kuchenbacken. „Das ist Frauensache“, meinte er entschieden.

Schließlich zog ich weg und ich sah Jaromir Michal nie mehr. Ich dachte viel an ihn, später nach der Wende 1989: War er in die Slowakei zurückgegangen? Die darauffolgende „Samtscheidung“ der Tschechen und Slowaken – hat er bestimmt mit Begeisterung begrüßt.

Jaromir Michal war ein Mensch wie Charlie, den ich in meinem letzten Text erwähnte: ein Erzähler, ein Mensch, der das Leben auf seine Art genoss. Jetzt verstehe ich, dass er für mich damals eine Brücke zwischen Europa und Nordamerika geschaffen hat. Dafür bin ich ihm endlos dankbar.

 

Good luck, Charlie

Charles Alfred Stevenson war ein Amerikaner, den ich im ersten Universitätsjahr kennen lernte. Er war viel älter als wir anderen, so gegen dreißig. Im Vergleich zu ihm wirkten wir wie Gymnasiasten. Er war irgendwie in Irland gelandet und studierte Germanistik, Gott weiß, warum. Vielleicht bezahlte ihm die US-Armee die Ausbildung. Er war als „G.I.“ in Deutschland gewesen und hatte so Deutsch gelernt; am Anfang, wie er uns erzählte, minimales „G.I.-German“. Ein typisches Beispiel für jenes Deutsch war: „Mox nix!“

In der ziemlich unterbeschäftigten 7. Armee waren Saufen, Haschisch- und LSD-Konsum gang und gäbe. Er erzählte von endlosen Sauftouren und lustigen Auseinandersetzungen mit deutschen Zivilisten. Er erklärte, dass die amerikanische Besatzungsarmee bei letzteren nicht besonders beliebt war. Aber einmal durfte er nach West-Berlin. Als sie in ihren Militärfahrzeugen durch die Stadt fuhren, klatschten die Deutschen auf der Straße spontan in die Hände. Ja, Berlin war anders.

Auf jeden Fall hatte er es zum Sergeant in der US-Armee gebracht. Irgendwann hatte er General Westmoreland kennen gelernt, denjenigen, der in Vietnam eine einmalige Katastrophe überwacht hatte, aber immer noch Heeresstabschef war. Als Charlie aus der Armee ausschied, bat er den General um ein Souvenir. Der General schenkte ihm ein Propaganda-Poster über die US-Armee. Unten sah man sein Autogramm: „Good luck, Charlie – Westy.“

Als ich ihn kannte, hatte Charlie einen Schnurrbart, dunkle, krause Haare und eine Brille. Er war groß gewachsen, wie man sich einen Amerikaner vorstellt, sang und spielte Gitarre. Da hatte er manche komischen Lieder aus der Besatzungszeit zu singen:

Far across deep blue waters lives an old German’s daughter
By the banks of the old river Rhine
Where I loved her and left her but I can’t forget her
My own little purty fraw-lein

und viele andere, aber vor allem amerikanische Volkslieder, alle mit dem gleichen schelmischen Humor vorgetragen. Er lebte uns einen charakteristischen Bluff oder Doppel-Bluff vor: Man wusste nie, wie viel bei ihm Witz war, und wie viel Ernst. Er sang Folksongs und erzählte Anekdoten, immer mit schelmischem Lächeln, als ob er alles bespöttelte. Aber man hatte das Gefühl, dass er die Songs und den Lebenssinn dahinter dennoch liebte, dass er eine Art Tradition verkörperte.

Er stammte aus einer kaum vorstellbaren, altmodischen Kleinstadt in Texas, wo sein Vater Arzt war. Er erzählte, der Vater habe keinen Tag in seinem Leben eine Krawatte getragen, dafür aber eine Fliege. Charlie trug auch Sprüche von den schrulligen Einwohnern vor, in typischem Südstaatenenglisch, die zum Brüllen lustig waren.

Als wir abschlossen, machte er tatsächlich weiter und studierte germanische Philologie: Alt-Englisch, Alt-Isländisch und was weiß ich. Man sagte, er habe eine vielversprechende akademische Laufbahn vor sich. Er heiratete. Schließlich verschwand er spurlos. Einige behaupten, er sei in Australien gelandet und habe Versicherungen verkauft. Diese Gerüchte blieben aber unbestätigt.

Charlie war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Das ist für mich eine überraschende Feststellung. Denn ich glaubte immer, die wichtigsten Menschen seien Lehrer, wie mein alter Griechischlehrer, oder später mein Doktorvater. Es gibt jedoch Menschen, die einem nichts Besonderes gelehrt haben, und dennoch hat man so viel von ihnen gelernt: über das Leben selbst, über die Lebenskunst. Und man sieht ein, dass im Leben nicht nur Karriere, Familie und solche Dinge wichtig sind, sondern auch Spaß und Spiel. Es hat mehrere solche Figuren in meinem Leben gegeben: charaktervolle, einzigartige, schrullige Menschen, die ganz sich selbst waren, und die, aus sich selbst schöpfend, mir etwas Wertvolles geschenkt haben. Charlie, mit seinem Gitarrenspiel, mit seinen Liedern und seinen Anekdoten, war einer von ihnen.

Wiedersehen in Jerusalem (2)

In der Zwischenzeit hatte die Politik im Nahen Osten Auswirkungen auf unser Viertel. Ich erinnere mich an die Zeit im Jahre 1967, als der Sechstagekrieg ausbrach: Ich war damals 14. Nicht nur die Nachrichten waren voll von Berichten über die Krise, über Nasser und Moshe Dayan mit seiner schwarzen Augenklappe, den man im neuen Schwarzweiß-Fernsehen sah (das gab es inzwischen auch bei uns), sondern die jüdische Gemeinde befand sich in vollem Aufruhr. Menschen gingen bei Taylors ein und aus; es wurden Treffen in Privathäusern und in der Synagoge veranstaltet.

Der Ausgang des Krieges war günstig für die jüdische Gemeinde, und nicht nur für sie. Wir und alle unsere Bekannten bewunderten und lobten die militärischen Errungenschaften des israelischen Davids gegen den vermeintlichen arabischen Goliath. Ich selber hatte mich wegen der schon beginnenden Tragödie in Nordirland zum Pazifisten erklärt, jetzt änderte ich meine Meinung, wenn auch nur vorübergehend. Aber das war 1967: eine andere Welt - eine Zeit der Unschuld. Wenn wir nur gewusst hätten, dass mit der Besatzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens die Probleme des jüdischen Staates erst am Anfang standen …

Meine ältere Schwester Linda wurde Journalistin. Ich als Jüngster dieser Gruppe ging nach Abschluss meines Studiums nach Kanada, um weiter zu studieren, und blieb eine Zeit lang weg.

Man schrieb 1987, zwanzig Jahre später. An einer Veranstaltung in einem Hotel in Jerusalem trafen sich drei Dubliner: Meine Schwester machte eine Reportage; Martin Taylor war auf Geschäftsreise in Israel, er führte inzwischen ein Import-Export-Geschäft; Dónal Murphy war Hauptmann mit dem Kontingent der Vereinten Nationen im Libanon. Wie sie sich wunderten, als sie einander erkannten! Was für Geschichten sie sich zu erzählen hatten!

Später ging Linda mit Martin in der Altstadt von Jerusalem spazieren. Sie gingen in einen Laden hinein, Martin fand die Waren interessant, eine Geschäftsgelegenheit sogar. Ein alter Araber empfing sie im dunklen Innenraum. Er hörte ihr Dubliner Englisch und fragte nach ihrer Herkunft. „Aha! Ihr seid Iren“, sagte er. „Wir sind wie ihr. Wir kämpfen für unsere Freiheit!“ Dann flüsterte er finster: „Wir glauben, die Juden sind Schweine!“ Weder Linda noch Martin wusste etwas zu erwidern, also schwiegen sie beide. Trotzdem traf Martin, der Dubliner Jude, als tüchtiger Geschäftsmann eine Vereinbarung mit dem alten Araber, bevor sie den Laden und die Altstadt verließen.

Als ich selbst wieder zurück war im alten Viertel in Dublin und im Elternhaus wohnte, erzählte der inzwischen vierundachtzigjährige Vater von Dónal stolz, sein Sohn sei eben zum Oberst ernannt worden. Martin Taylor betreibt immer noch sein Import-Export-Geschäft, soweit ich weiß, und ist inzwischen vielleicht ein reicher Mann geworden. Meine Schwester Linda schreibt heute Romane.

Wenn ich zurück in Terenure bin, sehe ich jedoch, wie sich das Viertel verändert hat. Jetzt sind die meisten Juden aus unserer Straße weggezogen. Es sind schon noch Juden in Terenure – die Synagoge steht am selben Ort – aber viele sind weg. Sie zogen um nach Rathfarnam (dem benachbarten Vorort, wo es bessere Häuser gibt) oder sie sind in den harten Jahren der Rezession der Achtzigerjahre nach England, nach Amerika, nach Israel ausgewandert.

Mittlerweile ist der Traum von 1967 ein Scherbenhaufen, muss ich zugeben. Er lässt sich nur mit Panzerwagen und Kampfjets durchsetzen. Die großen Gewinner erweisen sich mit der Zeit oft als große Verlierer. So ist es auch im Leben der Einzelnen. Wenn wir zu gewinnen glauben, verlieren wir; und wenn wir meinen zu verlieren, gewinnen wir trotzdem. Aber das erkennen wir erst viele Jahre später.

Wiedersehen in Jerusalem (1)

Ich bin es gewohnt, die Männer mit den schwarzen Hüten am Samstagmorgen und auch am Nachmittag auf der Strasse zu sehen. Sie gehen in Gruppen von drei bis fünf, ältere und jüngere, plaudernd, die Hände in den Manteltaschen. So ist es in Terenure, der Vorstadt von Dublin, wo ich aufgewachsen bin. Am Morgen sind sie unterwegs zur Synagoge im „Dorf“, am Nachmittag kommen sie von der Synagoge und schlendern in ihren Gruppen durch die Strassen. Die Frauen gehen ebenso, jüngere, die wie altmodische Backfische aussehen, die älteren oft in Pelzmantel. Sie plaudern miteinander und gehen zu ihren Häusern. Keiner fährt Auto, denn es ist ja Schabbes und man darf nicht. 

Dass man am Schabbes zu Fuß zur Synagoge musste, ist (soweit ich weiß) der eigentliche und einzige Grund, weshalb unser Viertel ein jüdisches war. Die Synagoge lag nämlich bei uns im „Dorf“ (wie man den alten Dorfkern aus der Zeit vor dem Aufbau der Vorstadt immer noch nannte). Sie wurde in den Nachkriegsjahren errichtet, warum genau hier, weiß ich nicht, aber Terenure wurde rasch zum Wohnort der Dubliner Juden, mindestens der orthodoxen, und es gab kaum welche, die unorthodox waren, ebenso wenig wie es in jenen Tagen in Irland Katholiken gab, die nicht am Sonntag in die Kirche gegangen wären. Alle waren fromm. So schien es mir zumindest, denn ich war gerade mal zehn Jahre alt, als wir nach Terenure kamen. Auch schien es mir, dass wir die einzige goyische Familie in unserer Straße waren. Das stimmte wohl nicht: Murphys wohnten nebenan und die waren eine Großfamilie mit sechs Kindern. 

Gegenüber von uns wohnten die Taylors. Vater Taylor, „Barney“genannt, war Koschermetzger. Die Mutter, Rachel, war Bestatterin der jüdischen Gemeinde. Barney trank gerne und schaute manchmal tief ins Glas, was für Juden nicht so üblich ist, selbst für irische Juden nicht. „Rae“ hatte ihn davor gewarnt, spät in der Nacht betrunken von der Wirtschaft zurückzukehren: sie würde ihn nicht hereinlassen, sagte sie. Eines Abends geschah es. Barney kam spät nach Hause und die Tür war verriegelt. Vom offenen Fenster im Obergeschoß aus befahl Rachel ihrem Mann, wegzugehen. Er flehte sie an: „Ach Rae, mach doch die Tür auf, lass mich hinein!“ Doch Rachel blieb hart. Traurig musste Barney weiterziehen und schliesslich bei Freunden nächtigen. 

Familie Davis hatte einen Sohn, Martin, und eine Tochter, Miriam. Wir wuchsen alle zusammen auf der Straße auf. Miriam verliess Viertel und Elternhaus als erste von uns allen. Bei einem Kibbutzaufenthalt verliebte sie sich in einen israelischen Soldaten, heiratete ihn und kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Martin hingegen brachte seinen Vater zur Verzweiflung. Als ruhiger, ziemlich schüchterner Jüngling und relativ unbegabter Schüler wollte er nicht so richtig in ein Studium für einen angesehenen Beruf passen, wie etwa Medizin oder Recht, die bei den Juden damals besonders beliebt waren. Vater Davis beschloss also, dass Martin eine kaufmännische Tätigkeit ausüben sollte und ermöglichte ihm einen Start in mehreren Geschäften, die alle irgendwie schief liefen. Alle in der Straße hatten Mitleid mit dem armen Martin. Wenn wir ihn sahen, erzählte er uns schüchtern lächelnd von seinem neuesten Geschäft, das ihn reich machen würde. Aber der Erfolg blieb immer aus. 

Murphys nebenan hatten auch einen älteren Sohn, der es in der Schule nicht sehr weit brachte. Der Vater war aber ehemaliger Offizier in der irischen Armee und konnte seinem Sohn zu einer militärischen Karriere verhelfen. Dies klappte eigentlich recht gut. Dónal wurde Leutnant und nach dem ersten UNO-Dienst im Nahen Osten war er nicht mehr der schüchterne, unsichere Jüngling. Er kehrte zurück als selbstsicherer Soldat.

 

Vom Fehlen der Nachtigall

Jetzt im Frühling gefällt es mir, bei offenen Fenstern den Vögeln zuzuhören. Sie singen am Morgen und in der Abenddämmerung, aber man hört sie auch während des Tages.

Wenn ich die Amsel höre, denke ich an meine Jugend in Irland. Es war immer so schön, sie am Abend zu hören. Und das Singen des Rotkehlchens, das ist so süß und melancholisch, als ob der Vogel mit jedem Kummer auf Erden Mitleid fühlte.

Es gibt einen Vogel hier in Mitteleuropa, den ich in Irland nicht kannte, obwohl er in anderen Teilen Europas sehr bekannt ist: die Nachtigall. Diese ist einzigartig unter den Sängern. Sie singt nur im Frühling zwischen April, wenn sie aus dem Zug zurückkommt, und Juni, wenn die Jungvögel flügge sind. Es gibt keinen anderen Vogel, der so schön singt und so früh im Sommer mit Singen aufhört. Aber die Nachtigall ist nicht nur berühmt, weil sie so schön singt, sondern auch, weil sie in der Nacht singt, was unter europäischen Singvögeln eher selten vorkommt.

Im Volksmund heißt es, die Nachtigall singe nur dann, wenn Rosen blühen. Daher glaubt man, dass die Nachtigall selbst die Rosen zum Blühen bringt. Dies wird in einem bekannten Gedicht von Theodor Storm erwähnt:

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Lange Zeit kannte ich die Nachtigall nur indirekt, von der ausländischen Dichtung, vor allem von der englischen. Ich kannte Gedichte über Nachtigallen von Shakespeare und Milton und Keats. Diese Gedichte machten einen tiefen Eindruck auf mich als Jungen. Doch ich hatte den Vogel selbst weder je gesehen noch gehört. Er war völlig abwesend: keine Nachtigallen in Irland, wie keine Spechte und keine Schlangen. Um eine Nachtigall hören zu können, musste man nach England, und dort gibt es sie auch nur in ein paar Grafschaften im Süden.

In der englischen Dichtung wurde die Nachtigall ständig erwähnt. Doch eine ganze irische Kindheit hindurch las ich von der Nachtigall und ihrem Gesang, ohne ihn je gehört zu haben. Als ich mein erstes Vogelbestimmungsbuch bekam und die Vögel zu erkennen lernte, erfuhr ich zu meiner großen Enttäuschung, dass die Nachtigall eine unter ziemlich vielen ist, die man nicht „hier“, sondern nur „dort“ findet. (Natürlich stammten die Vogelbücher alle aus England, also für sie hieß „dort“ eigentlich „hier“.) Wir schienen keine eigenen Spezialitäten zu haben, obwohl einige Arten, die in England selten sind, in Irland häufig vorkommen.

So ist es immer, wenn man in einer kleinen Nation oder einer Kolonie lebt, die von einer viel größeren und wichtigeren Metropole abhängt. Was es „dort“ gibt, ist wirklicher als das, was es „hier“ gibt; was es „dort“ gibt, fehlt „hier“, und man fühlt sich ständig benachteiligt.

Ich hörte die Nachtigall zum ersten Mal vor fünf Jahren im Rhonetal im Wallis, später in Graubünden und in Italien. Ich fand keine Spur von der erwarteten Melancholie in diesem Gesang, nichts von dem, was ich seit meiner Jugend am Gesang des Rotkehlchens erkenne, wenn es in der Abenddämmerung oder an einem Wintertag so herzzerreißend süß singt. Es ist die Macht des poetischen Gemeinplatzes allein, die die Illusion der melancholischen Nachtigall erschaffen hat. Wir sehen nicht die Natur; wir sehen die Natur, wie sie in vertrauten Kunstwerken interpretiert und kodifiziert wird. Der Mensch hat die Natur geschaffen.

Vom armen Pokorny

In der Bahnhofstraße in Zürich donnern die Straßenbahnen endlos auf und ab. Es kann gefährlich werden, wenn man als Fußgänger nicht aufpasst. Da kann man einfach überfahren werden. Man könnte sogar zwischen zwei entgegenkommenden Straßenbahnen zerquetscht werden. Das erinnert mich an den armen Pokorny. 

Julius Pokorny war der größte Keltologe seiner Zeit. Als Verfasser einer angesehenen altirischen Grammatik war er in den zwanziger Jahren Professor für keltische Sprachen in Berlin. Vor allem war er ein raffinierter Verfechter der sogenannten Substrattheorie. Einige Indogermanisten hatten behauptet, die Verschiedenheiten der indogermanischen Sprachen seien nur dadurch zu erklären, dass die Arier Heimatländer von nichtarischen Urbevölkerungen eroberten, die die reine arische Sprache im Laufe der Zeit mit ihrer älteren Sprache kontaminiert hätten. 

Wie Arens[1] in seiner Geschichte der Sprachwissenschaft erzählt,  wurde die Substrattheorie „in immer weiterem Unfange angewandt und manchmal, wenn methodisch exakt, mit erstaunlichen Ergebnissen, wie bei Pokorny“. Dieser entwickelte die wundersame Theorie, dass die irische Sprache von einem uralten Substrat beeinflusst worden war, nicht ein für alle Male irgendwann in der Vorgeschichte, sondern immer wieder durch die Jahrtausende hindurch. Arens erwähnt „sein wohlfundiertes Ergebnis, dass im Irischen fast durchwegs starke Einwirkungen einer offenbar hamitischen Sprache festzustellen sind“. Laut Pokorny beherrschten die irischen Arier ein nichtarisches Helotenvolk, das die irische (gälische) Sprache lernen musste. Doch jedes Mal, wenn Irland eine Krise erlitt – den Einfall der Wikinger, die Herrschaft der Normannen, die englische Eroberung im 16. und 17. Jahrhundert – und die irische Sprachtradition geschwächt wurde, beeinflusste die alte Sprache der Urbevölkerung erneut das Irische. Dieses Modell soll unter anderem den Wandel von Altirisch zu Mittelirisch und Neuirisch erklären. 

Pokorny fand die Spaltung zwischen Ariern und Nichtariern in der altirischen Literatur, da diese „einen deutlichen Gegensatz zwischen hochgewachsenen blonden Menschen einerseits und kleinen brünetten Menschen andererseits macht, die mit wenigen Ausnahmen als sozial und moralisch minderwertig geschildert werden.“[2]

Man hätte meinen können, diese Art von Substrattheorie würde den Nazis gut gefallen, und 1933 schien Pokorny mit den neuen Machthabern in Berlin kein Problem zu haben. Doch sie hatten ein Problem mit ihm. Es stellte sich heraus, dass Pokorny eine jüdische Großmutter hatte. Aus diesem Grunde sollte der verdiente Sprachwissenschaftler seine Stelle an der Universität verlieren. Er schrieb an die irische Botschaft und bat um Unterstützung, da er in Irland bekannt und geschätzt war. Doch dieses Mal war er an der falschen Adresse. Der damalige irische Botschafter Bewley war ein ausgesprochener Antisemit. Pokorny bekam vorläufig keine Hilfe.

1935 verlor er schließlich seine Stelle. Der neue Professor hiess Ludwig Mühlhausen.  Dieser war der ideale Nachfolger: einwandfrei arisch, NSDAP-Mitglied. Pokorny verachtete ihn.

1939 musste Pokorny sogar seine Stelle als Herausgeber der berühmten Zeitschrift für celtische Philologie räumen. Während der Kriegsjahre lebte er zurückgezogen in seiner Wohnung in Berlin. Es ist fast unglaublich, dass er überleben konnte, aber vielleicht hatte er ja Freunde in den Nazi-Rängen, die ihn beschützten. 1943 konnte er aus Berlin fliehen. Er schaffte es in die Schweiz, anscheinend weil er ein irisches Einreisevisum vorweisen konnte, das man ihm 1940 ausgestellt hatte. Er erhielt eine Professur an der Uni Zürich und lebte dort bis zu seiner Emeritierung 1959 und danach als pensionierter Gelehrter. 1970 wurde der arme Pokorny, der so vieles überlebt hatte, im friedlichen Zürich von einer Straßenbahn überfahren.

Heute an der Bahnhofstraße, während ich den donnernden, mit quietschenden Stahlrädern und schrillen Klingeln vorüberfahrenden Straßenbahnen ausweiche, gedenke ich des armen Pokorny – mit Nachsicht.

[1] Hans Arens, Sprachwissenschaft, Frankfurt a. M., Athenäum, 1969.
[2] Pokorny, Julius, „Das nichtindogermanische Substrat im Irischen”, Zeitschrift für celtische Philologie 16, 1927.