In vielen europäischen Ländern gibt es eine negative Einstellung zum Dialekt. Die Menschen sind überzeugt, die Hochsprache habe einen höheren Stellenwert und sei der Inbegriff von Bildung. Viele Italiener, deren Großeltern nur Dialekt gesprochen haben, sprechen heute Italienisch. Auch in Deutschland sind die Dialekte zurückgegangen. In den zentralistischen Staaten Frankreich und England wurden die Dialekte vor mehr als hundert Jahren durch das Schulwesen brutal ausgerottet.
Trotzdem gibt es in allen diesen Ländern immer noch Gruppen, die Dialekte pflegen, meistens aus Lokalpatriotismus, aber niemand nimmt sie besonders ernst. Die Deutschschweizer sind hier eine löbliche Ausnahme. Dialekt reden hat hierzulande nichts mit Bildung oder Klassenzugehörigkeit zu tun. Alle sprechen spontan Mundart, und nichts als Mundart. Die Schweizer sind stolz auf ihre Dialekte als Wahrzeichen ihrer Identität. Schweizerdeutsch zu sprechen, ist freundlich und gemütlich – aber Hauptsache, es zeigt, dass man kein Deutscher ist.
In der angelsächsischen Welt gibt man kaum mehr zu, dass es überhaupt Dialekte gibt. Diese Einstellung ist auch in Irland verbreitet. Obwohl es im Irischen (Gälischen) erkennbare Dialekte gibt, will man nicht zugeben, dass es entsprechende englische Dialekte gibt, geschweige denn, dass man sie pflegen sollte. Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Iren aus Dublin, den ich in der Schweiz kennengelernt hatte, über das Phänomen Schweizerdeutsch und erwähnte den Dubliner Dialekt. Der Ire beteuerte, dass es keinen Dubliner Dialekt gibt, sondern nur einen „Akzent“. Diese Einstellung findet man auch bei denjenigen in Irland, die leugnen, dass Ulster Scots eine Sprache ist – es sei bloß eine Erfindung der Orangisten. Die Bemühungen der nordirischen Protestanten, ihre eigene sprachliche Tradition aufzuwerten, stößt auf Unverständnis.
Ich habe trotzdem immer geglaubt, dass Dublin eine eigene Mundart hat. Dazu gehören natürlich die einzigartige Aussprache, aber auch der Wortschatz und sogar grammatische Besonderheiten. Dubliner Dialekt ist teilweise meine Muttersprache, und ich höre immer wieder innere Stimmen, die in diesem Dialekt sprechen – meine eigene Stimme sogar, wenn ich allein vor mich hin brummle. Und wie könnte es anders sein? Mein Vater und mein Großvater väterlicherseits sprachen spontan Dialekt. Im frühen 20. Jahrhundert war das noch möglich, denn sie waren Kleinbürger und durften Dialekt sprechen. Sobald man zum Bürgertum gehörte, durfte man das nicht mehr. Denn Dialekt redete auch die Arbeiterklasse. Diese spricht heute als einzige Bevölkerungsgruppe immer noch Dialekt. Die anderen sozialen Schichten sind längst zu einem regional gefärbten Standardenglisch übergegangen.
Ich finde es faszinierend, dass das Schweizerdeutsche, obwohl es stricto sensu eine gesprochene Sprache ist, auch geschrieben wird. Man kennt Dichter wie den unvergesslichen Troubadour Mani Matter und Prosa-Schriftsteller wie Pedro Lenz, der auch in der Kleinkunstszene tätig ist. Da ich mit dem Schweizerdeutschen im Alltag konfrontiert werde, versuche ich jetzt, Dubliner Dialekt zu schreiben. Zu diesem Zweck habe ich eine eigene Orthographie erfunden. Doch ich habe noch nichts veröffentlicht. Wo könnte ich so was veröffentlichen? Wer würde es lesen? Wer nähme es ernst?
Ich schreibe meistens Gedichte oder Prosatexte. Nein, es ist kein Bildungsbürger, der da spricht, es ist kein besonders differenziertes Gedankengut, das da zum Ausdruck kommt. Es spricht eine Stimme aus meinem früheren Leben, eine Stimme aus dem Pub, aus den Straßen Dublins. Hier eine Kostprobe:
When ui was a yungfla knockin aroewend
The Dubbelin o yestheryeayer,
Meself an me mates useta gather aroewend
For a reglar cup o gud cheeyer;
We toasted oewr health wit durty big puints
An spent evry shillin we had;
The were rare oewel tuimes when ui could enjoy
The jaer an the crack wit the lads.