Internes Sprachexil

Ich wohne nicht in Irland, sondern in der Schweiz, und zwar in Graubünden. Es ist keine große Last für mich, im Sprachexil zu leben, denn auch zu Hause würde ich eine Art Sprachexil spüren. Es geht nämlich um unsere zwei Sprachen. Der irische Literaturwissenschaftler Breandán Ó Doibhlin hat einiges zu diesem Thema geschrieben. Er verwendet den Begriff „coimhthíos”, der der deutschen „Entfremdung” entsprechen soll.

Mit diem Begriff „coimhthíos” ist ein Phänomen in der irischsprachigen Literatur gemeint, bei welchem sich der Schriftsteller im Exil befindet, auch wenn er in Irland lebt. Denn er hat mit einer englischsprachigen Welt zu tun, egal ob er in der Gaeltacht (den irischsprachigen Gebieten) wohnhaft ist oder anderswo. Und wenn er das Leben in seiner Umgebung beschreibt, wie ein Romancier dies vermutlich tun sollte, beschreibt er eine grundsätzlich englischsprachige Welt auf Irisch. Wie Ó Doibhlin betont, ist das ein (weiterer) Grund dafür, dass manche irischsprachigen Schriftsteller in ihren Romanen über Einsamkeit und einsame Denker schreiben, indem sie den inneren Monolog und gleichartige Techniken verwenden.

Meines Erachtens muss man aber lernen, damit kreativ umzugehen. Meine ziemlich originelle, persönliche Lösung besteht darin, nicht in Irland zu leben, aber auch nicht in der englischsprachigen Welt.

Das ist inzwischen das Schicksal vieler Autoren weltweit, die wegen der Emigration in einer anderen Sprachwelt zu leben haben. Es muss nicht unbedingt ein trauriges Schicksal sein. Wenn man die heimische Scholle verläßt und hinaus in die weite Welt reist, muss man sich immer dessen bewusst sein, dass es Grenzen gibt, dass auf der anderen Seite einer jeden Grenze die Verhältnisse anders sind, und dass es dort eine andere Welt zu erleben (nicht unbedingt zu erobern) gibt. Unter diesen Grenzen sind die Sprachgrenzen besonders auffällig. Wie soll man als Schriftsteller damit umgehen? Man kann der eigenen Sprache „treu“ bleiben und für das Publikum zu Hause oder in der Diaspora schreiben. Oder man kann sich in der jeweiligen Gastsprache versuchen. Man kann sogar beides. Es gibt manchen türkischen, arabischen oder sonstigen Schriftsteller in Deutschland, der am Anfang sein Heimweh in der Muttersprache für die Daheimgebliebenen beschrieb, heute aber ein Gastspiel in der deutschen Literatur gibt. Diese Entwicklung ist bereichernd für beide Seiten, würde ich meinen: erstens für den Schriftsteller, der seine Ausdrucksmöglichkeiten erweitert, und zweitens für die Leser, die innerhalb der eigenen Sprache eine neue Perspektive gewinnen, so ungefähr wie wenn man im eigenen Wohnviertel beim Griechen oder beim Italiener essen geht, statt immer auf „gutbürgliche Küche“ zu setzen.

Was mich selbst betrifft, kann ich mich nicht an eine Zeit in meinem Leben erinnern, wo es nicht wenigstens zwei Sprachen gab und dadurch die Qual der Wahl.  Deswegen ist es sicher kein Zufall, dass ich im dreisprachigen Bündnerland gelandet bin und dort seit fast zwanzig Jahren lebe.

Träumerei

Ich träume oft davon, dass ich zurück in der Schule bin. Ich gehe nicht nur in die alten Gebäude, ich gehe in eine Klasse, wo ich verblüffenderweise als Schüler aufgenommen werde, obwohl ich eigentlich nur als wohlwollender Gast beobachten möchte. Und es kommt noch peinlicher: Morgen habe ich eine Prüfung abzulegen, auf die ich überhaupt nicht vorbereitet bin.

Vielleicht habt auch Ihr solche Träume. Wie sie tiefenpsychologisch zu deuten sind, bleibe dahingestellt. Ich komme vermutlich in die Schule zurück, weil ich unerledigte Aufgaben habe, wie jene Priester im katholischen Volksmund, die aus dem Jenseits zurückkommen und in ihren alten Kirchen herumgeistern, weil sie es im Leben versäumt haben, alle ihre versprochenen Messen zu lesen. Man könnte argumentieren (das ist nur eine schrullige Theorie von mir), diese Geister seien Träume der Verstorbenen. Sie erscheinen in unserer Welt, so wie wir in unseren Traumwelten erscheinen. Die Menschen in unseren Träumen sind ebenso erstaunt, wenn wir in ihrer Welt auftauchen, wie wir es sind, wenn Geister aus dem Jenseits bei uns auftauchen.

Unter den Jesuiten im Noviziat in Milltown bei Dublin wurde eine Geschichte erzählt, die alle Gymnasiasten des Belvedere College früher oder später von den Patres zu hören bekamen. Eines Nachts ging ein junger Novize im Klosterhof spazieren und sah in der Nähe der Kirche eine dunkle Figur vor sich langsam auf und ab gehen. Als er sich dem Unbekannten näherte, wandte sich dieser um und sah ihn stumm und traurig an. Dann verschwand er im Dunkel des Hofes. Dies passierte auch in späteren Nächten. Der Novize berichtete dem Vorstand das seltsame Vorkommen, und es stellte sich bald heraus, dass auch Andere hatten den rastlosen Spaziergänger gesehen hatten. Er wurde als ein verstorbener Jesuitenpater identifiziert, und man vermutete, er habe nicht alle seine Messen gelesen. Die lebenden Patres wurden rekrutiert, um in einer Art Schichtarbeit in der Klosterkirche zusätzliche Messen zu lesen. Kurz danach verschwand die Figur und wurde nie mehr gesehen.

Ungefähr so geistere ich im Belvedere herum. Was fehlt mir? Ich will vielleicht Jesuit werden. Doch ich weiß, ich würde keinen guten Ordensmann abgeben. Ich würde immer nur aus der Reihe tanzen, was eher unerwünscht ist. Damals im Belvedere wurde ich nie gefragt, ob ich vielleicht doch eine Berufung habe. Ich kam grundsätzlich nicht in Frage.

In diesem Zusammenhang denke ich immer an Tegularius in Das Glasperlenspiel. Dieser hatte es irgendwie in den kastalischen Orden geschafft und war „ein Kleinod im Vicus Lusorum“, wie Magister Knecht sagte, doch man konnte ihm kein Amt anvertrauen und die Behörde musste ihn immer im Auge behalten, damit er wegen seiner unregelmäßigen Lebensweise nicht psychisch und physisch unter die Räder kam. Tegularius war trotzdem ein überzeugter Ordensbruder. Er hatte sich offensichtlich nichts mehr gewünscht, als Mitglied eines aristokratischen Klubs zu sein, unter Seinesgleichen zu leben und nur mit ihnen zu verkehren.

Für mich gibt es keinen Orden, dem ich beitreten könnte, und es wird auch nie einen geben. Vielleicht wird es im 23. Jahrhundert in den Bündner Bergen ein Kastalien geben. Bis dann ist es freilich zu spät für mich. Aber ich kann davon träumen, als ein Tegularius reinkarniert zu werden, es in den Orden zu schaffen und nun endlich als „Kleinod“ geschätzt zu werden. Denn (um meiner schrulligen Theorie ein Korollar hinzuzufügen) solches Tagträumen bedeutet, in der Zukunft herumzugeistern.

 

Dubliner Dialekt in der englischen Literatur

Joyce, Behan und O’Casey waren Dubliner. Alle drei versuchten, in ihren Beiträgen zur englischen Literatur die Sprache ihrer Dubliner Umgebung getreu wiederzugeben. Bei Behan und O’Casey ging es hauptsächlich um Theaterstücke. Ihre Dialoge wurden in der normalen englischen Rechtschreibung mit ein paar zusätzlichen Apostrophen geschrieben und sie behaupteten nie, dass das, was sie schrieben, Dubliner Dialekt sei. Von Dialekt hat man in Irland nie sprechen dürfen. Warum war das so? Warum ist es immer noch so?

In Irland ist das Englische als Volkssprache eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Damals war Irland Neuland für das Englische. Die Sprecher waren zum großen Teil ehemalige Irischsprachige. Klang das irische Englisch exotisch und einem Engländer fast unverständlich, so war das bloß die schlechte Aussprache von Menschen, für die das Englische eine Fremdsprache war. Redensarten aus dem Irischen kamen in dieser Sprache häufig vor. Einige angloirische Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts wie Synge erfanden eine imaginäre Art von Englisch, „Kiltartanese“ genannt, welche die schrullige Ausdrucksweise des Landvolkes wiedergeben sollte. Kiltartanese wird in Irland seit langem bespöttelt, obwohl mancher Amerikaner oder Engländer immer noch meint, die Iren sprächen so.

In dieser Sprachlandschaft war Dublin eine Ausnahme. Dublin war immer ein Fremdkörper in Irland und es wurde dort viel Englisch gesprochen. Es gab einen altmodischen Dialekt. Ebenfalls eine Ausnahme bildeten die Nordiren: Sie sprachen meistens Ulster Scots, eine Art des schottischen Englisch, welches bis ins 17. Jahrhundert als eine eigene Sprache gegolten hatte.

In England und in der englischsprachigen Welt ist im Allgemeinen von Dialekt kaum die Rede (außer in der Soziolinguistik, wo es ein Fachwort ist). Wie in Frankreich leben die Dialekte ein Schattendasein. Es ist nicht wie in Deutschland, geschweige denn in der Deutschschweiz. Jedoch warum nicht? Salonfähig ist nur die Standardsprache. Die Sprache der anständigen Bürger ist die Hochsprache und andere Sprechweisen gelten als eine ungebildete Korrumpierung derselben. Dialekte haben kein Recht auf eine unabhängige Existenz. Der Dubliner zum Beispiel meint, er spreche halt Englisch mit einem abwegigen Akzent.

Für Joyce war sein Dubliner Dialekt wichtig, als er in verschiedenen Städten auf dem europäischen Festland im Exil lebte. Ich glaube, ich kann das gut verstehen, denn meine persönliche Erfahrung ist ähnlich. Wenn man mit einem Dialekt aufgewachsen ist, den man nie mehr zu hören bekommt und ihn nur mit sich selbst sprechen kann, wird dieser Dialekt zu einer Geisterstimme im eigenen Kopf. Joyce schrieb Finnegans Wake im anderssprachigen Exil als Hypertrophie des Dubliner Dialekts. Er nannte diese bizarre, selbstgebastelte Mundart seine „Nachtsprache“. Im Schlaf, im Unbewussten, kreierte er offensichtlich Verbindungen mit anderen Sprachen, wie dies im Traum geschehen kann, während der unbeachtete, tagsüber ungesprochene Dialekt in seinem Hirn ungehindert weiter dröhnte.

So ist es übrigens in Hans Castorps Schneetraum in Der Zauberberg: Er hört die Hexen in Hamburger Mundart sprechen, obwohl er seit sieben Jahren von der Hansestadt abwesend ist.

 

Ferne Verwandte

Die Rooneys, die Rings und die Leakes: Das waren Dubliner Familien, mit denen mein Großvater im frühen 20. Jahrhundert verwandt war.

Seine Frau Madeleine war eine geborene Rooney. Ihr Vater war ein ziemlich wohlhabender Mann. Er hatte bei der britischen Verwaltung in Dublin gearbeitet und war bereits pensioniert. Jeden Monat, am Tag, an dem er seinen Pensionscheck durch die Post erhielt, bestellte er einen Hansom, also eine Droschke. Zuerst fuhr er selbstverständlich zur Bank, dann ging er in ein Pub und traf seine Freunde. Später fuhr er zu einem anderen Stammlokal und startete zu einer regelrechten Sauftour. Tagsüber fuhr die Droschke von Pub zu Pub in der Stadt und spät in der Nacht setzte der Droschkenfahrer den schwer Betrunkenen vor seiner Haustür ab. Die Rooneys waren ein Clan, der tief ins Glas schaute. Mein Vater erzählte mir, sie seien verhältnismäßig wohlhabend gewesen und hätten mehr als einmal von verstorbenen, reichen Tanten in Amerika geerbt. Trotzdem endeten sie immer wieder in der Verarmung. „Sie haben drei Vermögen durchgesoffen“, meinte mein Vater kopfschüttelnd.

Die Rings waren eine andere verwandte Familie, militante Nationalisten. Großvater Jems Schwester war verheiratet mit Dermot Ring, der ein Guerilla-Kämpfer im irischen Freiheitskrieg war und englische Spione erschossen hatte. Nach dem „blutigen Sonntag“ im Jahre 1920 befahl Michael Collins seinen Leuten, sie sollen eine Zeitlang untertauchen, denn die Black & Tans, die englischen Spezialeinheiten, waren ihnen auf den Fersen. Dermot Ring fragte Großvater Jem, ob er zu ihm kommen dürfe, und Jem versteckte ihn ein paar Nächte. Danach fand Dermot einen sichereren, ruhigeren Unterschlupf bei Urgroßmutter in der St James’s Avenue nahe Croke Park.

Dermot hatte einen Bruder namens Liam Ring (irisch Liam Ó Rinn), der als irischsprachiger Schriftsteller bekannt wurde. Er schrieb „Amhrán na bhFiann“, die irische Fassung der Nationalhymne, die ursprünglich auf Englisch verfasst worden war und „The Soldier’s Song“ hieß.

In der 1990er-Jahren las ich ein paar Bücher von Liam Ó Rinn und wollte deshalb mehr über ihn erfahren. Ich nahm mit Dermot Ring junior Kontakt auf, der noch lebte. Ich besuchte ihn in seinem Haus in der Dubliner Innenstadt. Er war pensionierter Heeresoffizier. Er erzählte mir, er sei in diesem Hause geboren worden und schlafe immer noch im selben Zimmer, in dem er geboren worden sei, und werde dort wahrscheinlich auch sterben. Auf meine Frage erzählte er mir von seinem Onkel Liam, dem Dichter, und von seinem Vater Dermot, dem Revolverhelden. Er meinte, sein Vater habe ihm nie die ganze Wahrheit gesagt über all jene, die er damals erschossen hatte.

Als Dermot senior im Jahre 1920 bei Urgroßmutter Unterschlupf fand, teilte er den Dachboden des Hauses mit einem anderen jungen Mann, der auch auf der Flucht war. Dieser Mann hieß John Leake. Er war ein geborener Engländer, war im 1. Weltkrieg Soldat gewesen und als Deserteur in Dublin. Er musste untertauchen, denn die Briten hätten ihn standrechtlich erschossen, wenn sie ihn aufgefangen hätten.

Die Leakes waren fromme Anglikaner und mit der berühmten mittelalterlichen englischen Kathedrale Lichfield verbunden. Das war eine ganze Familie von Organisten und Bienenzüchtern. Diese beiden Berufe standen im Dienste der Kirche, denn mit dem Bienenwachs wurden die Kerzen für den Hochaltar gemacht. (Ein exzentrisches Familienmitglied sollte in einem Wohngebäude in der Londoner Innenstadt von seinem Fenster aus mitten im tosenden Verkehr Bienen züchten.)

Der junge Deserteur blieb so lange bei Urgroßmutter in Dublin, bis er sich schließlich zum Katholizismus bekehrte und eine andere Tochter des Hauses heiratete. Diese Geschichte hörte ich viele Jahre später von seinem Sohn Jack, dem Vetter meines Vaters.

 

 

 

Mendelssohn als Ossian-Fan

Bischof Hervey von Derry, der aus der Grand Tour nach Italien eine lebenslange Beschäftigung machte, bestieg als junger Mann den Vesuv und wurde sofort von der Geologie in Bann gezogen. Daher erforschte er später an der Küste Nordirlands den „Giant’s Causeway“, den Damm des Riesen mit seinen seltsamen stumpfen Basaltsäulen, die an eine Straße mit enormen Pflastersteinen erinnern.

Eine ähnliche geologische Formation, aber mit langen Basaltsäulen, die eher an die Pfeifen einer Orgel erinnern, zeigt die sogenannte Fingalshöhle auf der Insel Staffa in den schottischen Hebriden. Diese Sehenswürdigkeit wurde berühmt, als Engländer im 18. Jahrhundert begannen, die keltischen Länder, vor allem Schottland, zu bereisen, statt zur üblichen Grand Tour nach Italien aufzubrechen. Diese Tendenz stand unter dem Einfluss von MacPhersons Ossian. Der Fingal, dessen Höhle man besuchte, war Ossians Vater, der irische Fionn Mac Cumhaill.

Es ist unmöglich, die Fingalshöhle zu erwähnen, ohne auch an Mendelssohn zu denken, der diese Sehenswürdigkeit in seiner Musik verewigt hat. Auch er unternahm eine Grand Tour, doch der in Berlin ansässige, assimilierte Jude trug zur ehrwürdigen adeligen Tradition eine Innovation bei: Statt zwischen dem keltischen Norden und Italien zu wählen, besuchte er beide. Er fuhr 1829 erst nach England und Schottland. Der Ossian-Fan Mendelssohn musste natürlich ins Hochland und auf die westlichen Inseln. In den Hebriden gab es damals schon eine Art Tourismus. Er durfte die Fingalshöhle von einem Dampfschiff aus betrachten.

Im folgenden Jahr fuhr er nach Italien und verbrachte den Winter in Rom, wo er in einem Haus an der Piazza di Spagna wohnte. Pflichtgemäß studierte er die Denkmäler des Altertums, war hingegen von der zeitgenössischen italienischen Musik wenig begeistert. Er arbeitete u.a. an der „Fingalshöhle“ und der „schottischen Symphonie“ – sein „protestantisches Herz“, das er in Briefen nach Deutschland ohne jegliche Ironie erwähnte, lag offensichtlich anderswo als im katholischen Rom. Dann reiste er weiter nach Neapel und bewunderte den Vesuv, doch für einen Besuch Siziliens reichte das Geld vom Vater nicht mehr aus. Goethe galt hier natürlich als der illustre Vorgänger; er lebte noch in Weimar und wurde von der Reise durch Briefe informiert. Mendelssohn reiste auf seinem Weg zurück nach Deutschland über die Schweiz, die ihm viel besser gefiel als Italien.

Aus dieser Grand Tour entstanden sowohl eine schottische als auch eine italienische Symphonie. Die italienische ist so einfach zu deuten – man glaubt, Italien vor sich zu haben, das lebensfrohe, bunte, sonnige Italien von Generationen deutscher Touristen. Die schottische Symphonie hingegen ist nicht besonders schottisch oder keltisch. Schwierig zu sagen, was sie eigentlich ausdrückt. Der Hörer kriegt keine sehr deutlichen, geistigen Bilder zu sehen, mit denen er die Musik verbinden könnte. Es herrschen eine melancholische Stimmung und ein Eindruck von romantischem Helldunkel, die vielleicht die düstere, herbe Landschaft hervorrufen sollen: eine ossianische Landschaft eben.

Autofahren in den 1920er-Jahren

Ich erzähle etwas mehr über meine Familie mütterlicherseits, über die Craigs. Sie waren wohlhabende Textilkaufleute in Derry, und obwohl Großvater Denis Craig 1915 plötzlich verstarb, lebten die Craigs dennoch gut. Sie waren eine weltoffene bürgerliche Familie. In den Zwanziger-Jahren waren sie unter den ersten in Derry, die einen Rundfunkapparat besaßen. Wie meine Mutter erzählte, war das damals ein Wunder in der Kleinstadt. Die Menschen versammelten sich immer wieder in einer Gruppe vor dem offenen Hausfenster in Clarendon Street, um die seltsamen Stimmen im Rundfunk zu hören.

In den Zwanziger-Jahren kauften sich die Craigs sogar ein Automobil. Sie fuhren sonntags hinaus in die Grafschaft Donegal. Inzwischen war Irland zwischen Nordirland und Freistaat geteilt, doch sie wollten keine Grenze erkennen. Die Craigs fühlten sich auf beiden Seiten der Grenze zuhause. Donegal beginnt sowieso nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, dann ist man schon über der Grenze und der nächste Halt ist der Badeort Buncrana. Craigs besaßen ein Ferienhaus in Buncrana.

Donegal ist bekanntlich eine Grafschaft, doch das ist eine späte administrative Erfindung der englischen Herrschaft, die nach der Ortschaft Donegal im Süden benannt wurde. Der Ortsname Donegal, auf Irisch Dún na nGall, bedeutet so etwas wie „Festung der Fremden“. Im Mittelalter war der Küstenort eine Festung der Wikinger. Später wurde er von den Engländern eingenommen und als Zentrum genutzt. Für die Irischsprachigen im Nordwesten geht es jedoch um zwei historisch zusammenhängende Gebiete (wie etwa Schleswig-Holstein): Inishowen (Inis Eoghain), die Halbinsel zwischen den beiden Meeresbuchten Lough Foyle und Loch Swilly, und Tyrconnell (Tír Chonaill) die Region weiter südwestlich an der Atlantikküste. Die Craigs selbst stammten ursprünglich aus Tír Chonaill, aber ihr Lieblingsausfluggebiet war Inishowen, das man von Derry aus schnell erreichte.

Auch ich als Kind lernte diese prächtige Landschaft kennen, eine wilde Landschaft wie das schottische Hochland mit Bergen, abgelegenen Dörfern und breiten Stränden am tosenden Atlantik, wo einen stets ein seltsames Gefühl von Unendlichkeit befiel. Wir waren immer in Derry in den Ferien, hielten es aber wie die Craigs und unternahmen Ausflüge über die Grenze nach Inishowen und sogar weiter nach Westen. Man befand sich dann wirklich am Rande der alten Welt. Man hatte nur den Meereshorizont vor sich und man wusste, der nächste Halt ist Amerika.

Aber zurück zur Familiengeschichte. Die Craigs kauften also eine pferdlose Kutsche, und Onkel Jo, der älteste Sohn, durfte sie fahren. Er fuhr aufs Land und in die abgelegenen Dörfer und meine Mutter sagte, die Bauernkinder, die noch nie so etwas wie ein Automobil gesehen hätten, seien mit ängstlichem Geschrei vor diesem schnaubenden Ungeheuer geflohen und hätten sich hinter den Hecken versteckt.

Das ging weiter so, bis Onkel Jo das Auto eines Tages in die Sperre eines Bahnübergangs der Derry-Buncrana-Schmalspureisenbahn fuhr und großen Sachschaden verursachte. Danach durfte er nicht mehr fahren. Wer später Auto fuhr, weiß ich nicht. Vielleicht Großonkel James, der weitgereiste Irischgelehrte – ich würde es seinem Pioniergeist zutrauen.

Die mahnende Statue

Auf der Brücke des Canal Grande in Triest sah ich die Statue von James Joyce. Es war eine Bronzestatue in Lebensgröße. Er ging über die Brücke, langsam, ruhig, eine Hand in der Hosentasche, wie ein Einheimischer, der den Weg kennt, nicht wie ein Tourist.

Kraft einer febrilen Geistesgegenwart vermochte ich den Meister folgendermaßen anzusprechen: „Don Giacomo, ich war eben auf der Piazza di Ponterosso nebenan und habe dort ein paar gute Restaurants gesehen. Haben Sie schon gegessen? Ich lade Sie zum Abendessen mit mir ein.“

Er lächelte ironisch. „Irdisches Essen kann ich nicht mehr verzehren. Und eine Statue, die zu Tische in einem Restaurant sitzt, würde die Kundschaft eher verscheuchen. Doch eine wichtige Aufgabe bringt mich hierher. Ich habe Ihnen etwas Wesentliches zu sagen. Hören Sie zu.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Diese Brücke ist ein Ort des Überganges. Ein Ort der Wahl, der Entscheidung. Schauen Sie nach rechts. Sie sehen Sant’Antonio Taumaturgo und diese charmanten Restaurants, wo Menschen ständig ein und aus gehen. Das ist die Stadt. Schauen Sie nach links. Über die vor Anker liegenden Segelboote hinweg sehen Sie das Meer, und vielleicht ein paar Schiffe, die hinaus in die Nacht fahren, Gott weiß wohin. Da haben Sie es. Meer oder Land. Ferne oder Heimat. Reisen oder Geborgenheit. Nun wählen Sie.“

„Muss ich wählen?“ fragte ich zögernd. „Ich habe nie wirklich gewählt.“

„Man kann nicht wirklich leben, bis man diese Wahl getroffen hat.“

„Haben Sie wirklich gewählt, Don Giacomo, wenn ich fragen darf?“

„Ja, ich habe gewählt. Deswegen bin ich ja hier. Ich habe meiner Frau einmal gesagt: ‚la mia anima è a Trieste.‘ Ich sage es Ihnen: Lassen Sie sich hier nieder, sonst bleiben Sie ein ewiger Wanderer auf dieser Erde. Wie der ewige Jude eben, den ich persönlich kenne.“

Ich nickte etwas traurig mit dem Kopf. Er lächelte wieder. „So. Bleiben Sie mit mir. Geben Sie mir die Hand darauf.“ Ich fasste nach seiner Hand. Sie war eiskalt.

„Sie gehören zu den Geistern“, sagte ich mit von Angst erstickter Stimme.

„Sie auch, oder? Sie sind nicht mehr jung. Gehören Sie nicht schon zu uns – Winckelmann, Svevo und mir, die wir alle nachts in Triest unterwegs sind – und nicht zu den Lebenden? Geben Sie Acht. Hören Sie zu. Ich habe keine Zeit mehr.“

Eine Menge gesprächiger junger japanischer Touristen erschien plötzlich aus einer Seitengasse und eilte auf die Brücke zu. Sie umgaben mich, bewunderten die Statue mit freudigem Lachen und lauten Kommentaren, ließen sich abwechslungsweise mit der Statue fotografieren und trieben mich weg in die Via Roma. Ich zog traurig weiter durch die Sommernacht.